Die wahre Bedeutung von Vodou

Die wahre Bedeutung von Vodou

Zur Dekonstruktion eines Mythos

Autor: Messanh Amadegnato
Kategorie: Schamanismus
Ausgabe Nr: 82

Kaum eine spirituelle Tradition ist durch rassistische Vorurteile mehr in Verruf geraten als Vodou. Jeder kennt die Vodou-Puppen, die dazu dienen, anderen Menschen Böses anzutun. Tatsächlich handelt es sich bei Vodou jedoch um die traditionelle afrikanische Spiritualität, die überall südlich der Sahara und in der afrikanischen Diaspora verbreitet ist. Über Orakel und Trancezustände wird mit den Gottheiten kommuniziert, um Heilung und Ausrichtung zu erlangen. Was es mit den negativen Energien auf sich hat, erklärt uns der togolesische Vodou-Priester Messanh im Interview.

Tattva Viveka: Heute sprechen wir mit Messanh Amadegnato über die UCTT [L’Union des Cultes Traditionels du Togo, Webseite: https://www.uctt-togo.org/] in Togo, eine Organisation zur Förderung der togolesischen Kultur. Er bat seine Kollegin Mathilde ter Heijne zum Interview dazu. Messanh, was brachte dich dazu, die Organisation UCTT zu gründen, und was ist ihre Aufgabe?

Messanh: Mein Priestername lautet Togbé Hounon Hounougnbo Bahounsou. Ich lebe seit 25 Jahren in Deutschland und habe vor circa vier Jahren diese Organisation gegründet, weil ich in Deutschland häufig so viel Negatives über Menschen aus Afrika gehört hatte. Viele Deutsche haben ein schlechtes Bild von Afrika und der Kultur, besonders von Vodou. Ich möchte mit dieser Organisation anderen Menschen unsere Kultur näher bringen. Die Mitglieder unserer Organisation treffen sich einmal im Monat in meinem Heimatdorf, das nicht weit von Lomé, der Hauptstadt Togos, entfernt ist. Bei den Treffen reden wir darüber, was wir verbessern können, und bestimmen die Aufgaben, für die jedes Mitglied zuständig ist. Sollte jemand ein Problem haben, treffen sich die Mitglieder der UCTT und versuchen, es zu lösen.

Hounoun Hounougbo Amedegnato mit rechts Alofa, Chef du Canton Ageougan, und anderen Priester*innen von UCTT.

Hounoun Hounougbo Amedegnato mit rechts Alofa, Chef du Canton Ageougan, und anderen Priester*innen von UCTT.

Aktuelle Projekte

TV: Welches Projekt verfolgt ihr aktuell?

Messanh: Im Moment arbeiten wir, auch mit der UCTT Berlin, daran, eine Art kulturelles Zentrum in Togo aufzubauen. Das Dorf Aguégan hat uns Grundstücke geschenkt. Dort möchten wir ein Gebäude errichten, das von vielen genutzt werden kann, und u. a. Seminare anbieten. Dort sollen auch Räume geschaffen werden, wo Vodou-Objekte, die von ihren Eigentümern nicht mehr benutzt werden oder von Sammlungen in das Herkunftsland zurückgehen, eine neue sakrale Umgebung bekommen und wieder ›aktiv‹ werden können.

Mathilde: All dies kostet sehr viel Zeit. Eine schwierige Aufgabe besteht darin, die Priester zu vereinen und jeden zu involvieren. Nebenbei verfolgen wir das Interesse, einen stetigen Kulturaustausch zwischen Deutschland und Togo herzustellen. Insbesondere deshalb, weil Togo eine ehemalige Kolonie Deutschlands ist und es eine Sammlung an togolesischen Kunstgegenständen in Deutschland gibt.

Wenn Sie mehr über das aktuelle Projekt des UCTT erfahren möchten, können Sie den vollständigen Artikel als Pdf unten bestellen und herunterladen.

Mami Wata, ein Rückgabeobjekt

Mami Wata, ein Rückgabeobjekt

TV: Was genau ist Vodou? Was ist seine spirituelle Tradition?

Messanh: Zunächst einmal ist Vodou eine Religion wie jede andere. Es ist der Name für eine globale spirituelle Angelegenheit. Beispielsweise existieren im Vodou – wie in anderen Religionen – Tempel, also Gotteshäuser. Diese Tempel gibt es für viele Götter und sie haben eine große Kraft. Das Wort »Vodou« stammt von »voo« aus der Yoruba-Sprache. Ein Vodou bezeichnet einen spirituellen Geist, einen Ort, einen Vodou-Tempel. Es ist ein anderer Name für ›Gottheit‹. Ich selbst habe mich immer gefragt, wieso Menschen außerhalb der Religion Angst davor haben.

. Eines der größten Vorurteile ist die Vodou-Puppe, welche die »Verletzungen«, die man ihr zufügt, auf eine gewisse Person überträgt. Dies ist jedoch nicht wahr.

Meiner Meinung nach ist nicht die Religion an sich schlecht, sondern die Leute sind es, die sie für ihre bösen Absichten missbrauchen. Es gibt beide Kräfte, die guten und die bösen. Aber unsere Vorfahren sagten immer, du darfst diese negative Energie nicht um ihrer selbst willen benutzen.

Georgette Single von Villa Karo, Mamissi DaPovi und Ananin Ghanganisou (beide Mitglieder der UCTT) mit einer Mami Wata Skulptur, die zurück gegeben wird. Übergabe der Skulptur in Villa Karo.

Georgette Single von Villa Karo, Mamissi DaPovi und Ananin Ghanganisou (beide Mitglieder der UCTT) mit einer Mami Wata Skulptur, die zurück gegeben wird. Übergabe der Skulptur in Villa Karo.
Das Gute im Vodou steht immer im Vordergrund.

Manchmal werden die negativen Kräfte aber missbraucht und das ist nicht gut, auch nicht für die/den Priester*in. Insgesamt ist es eine  spirituelle Energie. Wir rufen die Göttinnen und Götter an und befragen ein Orakel. Im Orakel finden wir heraus, ob es sich um einen Fluch handelt. Dann beten wir zu den jeweiligen Gottheiten. Hier sind die bösen von den guten Kräften getrennt. Bei einer normalen Krankheit rufen wir die guten Kräfte an. Um einen Fluch zu bekämpfen, brauchen wir aber die bösen Kräfte.

Die Leute fliegen als Touristen nach Togo oder Benin und gelangen dort an die falschen Leute. Jedes kleine Kind kann dich dort betrügen.

Du musst seriöse Menschen finden, die dir gute Antworten geben können. Vodou ist an sich keine böse Sache. Böses gibt es überall, in Bayern, in China. Aber von Afrika haben viele Menschen das Bild, dass es grundsätzlich böse sei. Mit unserer Organisation versuchen wir, die Menschen dabei zu unterstützen, leichter einen Weg zu seriösen Priester*innen zu finden, und wir kämpfen gegen damit verbundene Vorurteile.

Viele Gottheiten

TV: Welche Gottheiten gibt es?

Messanh: Ganz viele, z. B. den Gewittergott, Mutter Erde, Luftgötter, Schlangengötter, den Regenbogengott usw. Primär arbeiten wir als Priester mit den vier Elementen. Das ist universal auf der ganzen Welt. Jeder Schamane oder katholische Priester arbeitet damit. Jedoch verlangen viele dieser Zeremonien ein gewisses Maß an Erfahrung. Da viele verschiedene Priester einen unterschiedlichen Fokus setzen, muss für eine Zeremonie oder ein Ritual sehr oft kooperiert werden, um diese Kraft zu sammeln. Dies ist ein weiteres Argument, warum ich die Organisation gegründet habe: um ein Netzwerk an Priestern und Experten zu schaffen. Früher waren diese Dinge über Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen geregelt. Dadurch waren Ehrlichkeit und Vertrauen gewährleistet. Heute erfolgt dies über unsere Gruppe, aber auch hier sind Ehrlichkeit und Vertrauen essenziell. Wenn die Menschen in Togo wissen, dass ich komme, wollen sie alle etwas von mir. Dann treffen wir uns und besprechen das zusammen.

TV: Gibt es in Eurer Spiritualität auch eine höchste Gottheit?

Messanh: Wir sagen, Hévièsso ist unser höchster Gott. Hévièsso braucht Wasser, Luft, Feuer, Erde. Ohne die kann er nicht arbeiten. Aber Mutter Erde ist die Frau von Hévièsso. Sie ist die älteste Frau. Hévièsso ist feurig und stürmisch. Vielleicht sendet er einen Tornado. Aber Mutter Erde sagt ihm dann, er solle langsam machen, weil auf der Erde Kinder seien.

Im Tempel von Messanh mit Toulabo (Hévièsso) im Vordergrund.

Im Tempel von Messanh mit Toulabo (Hévièsso) im Vordergrund.

In dieser Fassung sind Auszüge aus dem Artikel wiedergegeben. Den vollständigen Artikel gibt es im Pdf, das unten bestellt werden kann.

TV: Ist Vodou allgemein afrikanisch oder nur westafrikanisch?

Messanh: Vodou gibt es überall in Afrika, aber auch in Brasilien, Haiti usw. Auch Menschen aus Lateinamerika nehmen die Rituale vor, z. B. gibt es in Kuba den Santería, in anderen lateinamerikanischen Ländern den Candomblé – das sind synkretistische Mischformen, die aber alle auf Vodou zurückgehen. In der afrikanischen Diaspora bestehen alle Praktiken aus verschiedenen Mischformen.

Es ist wichtig, zu verstehen, dass Vodou zusammen mit der Gemeinschaft praktiziert wird.

Wenn die Gemeinschaft nicht stark ist, dann steht der Vodou-Priester allein da. Dann hat er keine Tänzer, keine Trommler. Das bedeutet, es findet keine Zeremonie statt – dann haben die Götter keinen Platz, an den sie kommen können. Dadurch gehen die Sachen richtig schief. Wenn aber eine ganze Gemeinschaft beteiligt ist, ist es sehr schwierig, etwas Böses zu tun, denn das würden die Menschen bemerken und nicht gutheißen. Deswegen sind alle diese Vorurteile gegenüber Vodou in meinen Augen nicht haltbar und zeugen von Rassismus. Darüber aufzuklären, gehört auch zu unseren Zielen, und wir suchen nach guten Wegen, um das zu vermitteln. Als Künstlerin zerbreche ich mir den Kopf darüber, welche Form das annehmen soll. Die Herangehensweise über die Museen und die Ethnologie könnte eventuell besser greifen, als ab und zu etwas im Internet zu posten. Deswegen sind wir mit Interviews vorsichtig, damit die Inhalte nicht falsch dargestellt werden.

Diese Missverständnisse des westlichen Denkens werden immer wieder reproduziert.

Messanh: Als ich das letzte Mal bei dem Schamanen-Kongress war, traf ich dort auf einen Schamanen aus Nepal. Der schaute mich ganz skeptisch an und wollte mich nicht in den Arm nehmen. Als ich dann mein Priestergewand trug, kam sein Übersetzer zu mir und flüsterte mir ins Ohr, dass dies das erste Mal sei, dass der Schamane einen Vodou-Priester gesehen habe, und deswegen habe er Angst. Später waren wir auf der Bühne und jeder stellte seine Arbeit vor. Am Nachmittag wollte der Schamane mit mir reden. Er sagte, er kenne Vodou nur aus dem Fernsehen, aber sei noch nie einem Vodou-Priester live begegnet. Er fragte, ob er mir die Hand geben dürfe. Ich erwiderte, warum nicht. Dann wollte er ein Foto mit mir machen. Ich war natürlich auch damit einverstanden.
Später wurde eine Fragerunde veranstaltet. Eine Teilnehmerin fragte: »Was können wir tun, wenn jemand verflucht ist?« Die Schamanen traten einzeln vor und gaben eine Antwort. Ich aber schwieg. Dann stand der nepalesische Schamane auf und sagte: »Der Einzige, der das machen kann, ist der Vodou-Priester. Wir haben diese Macht nicht. Die Afrikaner sind sehr stark in der Energie der guten und bösen Kräfte.« Ich blieb immer noch sitzen, doch wurde dann aufgefordert zu sprechen. Ich erklärte, wie stark Vodou sei und was wir damit machen können. Dann kamen so viele Fragen aus dem Publikum, ob das schwarze Magie sei usw.

Der Chefredakteur der Tattva Viveka Ronald Engert mit Messanh Amadegnato

Der Chefredakteur der Tattva Viveka Ronald Engert mit Messanh Amadegnato

Ich muss jedoch darauf hinweisen, dass du jemand Seriösen kennen musst, wenn du nach Afrika gehst. Dann kannst du dort alles machen. Wenn die Leute in Deutschland schamanisch arbeiten wollen, reisen sie in der Regel nach Asien oder Lateinamerika. Niemand geht nach Afrika, weil alle Angst haben. Aber in Afrika gibt es gute Sachen. Es gibt tolle Seminare in Togo, z. B. über Pflanzenmedizin. Die Tradition ist in Westafrika überall die gleiche. Nur die Sprachen sind verschieden. Keine Sorge, man braucht keine Angst zu haben.

TV: Danke für die aufklärende Darstellung. Ich glaube, es ist an der Zeit, die Unwissenheit und die Vorurteile gegenüber Afrika abzulegen. Danke, dass Ihr uns an dem Reichtum und der Schönheit der spirituellen Kultur Afrikas Anteil nehmen lasst.

Das Interview führte Ronald Engert.

Der Autor Messanh Amadegnato

Zum Autor

Messanh Amadegnato ist Vodou-Priester und Direktor der »L’Union des Cultes Traditionels du Togo« (UCTT). Er wurde in Togo, Westafrika, geboren und kam Mitte der 90er-Jahre nach Deutschland. 2012 wurde er offiziell zum Hohepriester von Vodou Hévièsso mit dem Titel Togbé Hounon Hounougnbo Bahounsou ernannt.

Webseite: L’Union des Cultes Traditionels du Togo

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Lesen Sie die vollständige Fassung in Tattva Viveka 82 oder downloaden Sie diesen Artikel einzeln als ePaper für 2,00 € (PDF, 10 Seiten).

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