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E.T.A. Hoffmanns chiastischer Karneval

Prof. Dr. Alfred Toth – E.T.A. Hoffmanns chiastischer Karneval

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Wer ist der Ich, der aus dem Ich gebären
Das Nicht-Ich kann, die eigne Brust zerspalten
Und schmerzlos hoch Entzücken mag bewähren?
E.T.A. Hoffmann, Prinzessin Brambilla, S. 80
1. E.T.A. Hoffmann als Philosoph

 

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E.T.A. Hoffmann

 

Nach von Matt steht Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776-1822) „nicht im Ruf, ein grosser Denker zu sein“ (1971, S. 1)1. Als Schriftsteller, Musiker und Maler war er dennoch Zeitgenosse von Novalis (1772-1801), von Chamisso (1781-1838). Ludwig Tieck (1773-1853), Kant (1724-1804), Hegel (1770-1831), Fichte (1762-1814) und Schelling (1775-1854), d.h. seine Lebenszeit fällt literarisch in die Romantik, philosophisch in die Zeit des kritischen Rationalismus und vor allem des transzedentalen Idealismus. Im folgenden beabsichtige ich nicht, eine neue Interpretation von einigen Werken Hoffmanns vorzulegen, sondern ich versuche, einige für Hoffmann typische Motive auf ihre philosophische Herkunft und heutige philosophische Einordnung hin zu prüfen. Dabei wird sich ergebem, dass Hoffmann sehr wohl ein Philosoph war – allerdings keiner, der monokontextural-aristotelisch argumentierte, sondern einer der frühesten Pioniere einer polykontextural-nichtaristotelischen Philosophiekonzeption. Wie aus der Arbeit von Hohmann über Kierkegaard (Hohmann 1999) und meiner eigenen zu Panizza (Toth 2006) hervorgeht, sind die drei wichtigsten Kriterien für Texte, welche polykontexturales Gedankengut vermitteln:
Die Aufhebung der Grenze zwischen Subjekt und Objekt (Kap. 2.)
Das Auftreten von Reflexionsresten (Kap. 3)
Die Aufhebung der Individualität von Personen (Kap. 4)
Diese drei Kriterien bedingen sich gegenseitig insofern, als Kriterium 1 erfüllt sein muss, bevor Kriterium 2 erfüllt sein kann, und ohne die Kriterien 1 und 2 kann auch das Kriterium 3 nicht erfüllt sein.2
2. Die Aufhebung der Grenze zwischen Subjekt und Objekt

Zwischen Subjekt und Objekt, Zeichen und Bezeichnetem, Ich und Du, Leben und Tod, usw. verläuft in der klassisch-zweiwertigen Logik eine Kontexturgrenze, die als unüberschreitbar bzw., einmal überschritten, als irreversibel betrachtet wird. Solche Kontexturüberschreitungen gehören geradezu zu der „in jenem Serapionischen Prinzip endültig fixierte[n] Erkenntnis von der wechselseitigen Spiegelung der inneren und der äusseren Welt“ (Stegmann 1976, S. 67); entsprechend gehört der Topos des bei Hoffmann immer wieder erweckten Traumbildes ausdrücklich „beiden Welten“ an (Stegmann 1976, S. 67). Über Hoffmanns Weltbild heisst es später im Hegelschen Sinne: „Es ist ein dialektisches Zugleich“ (Stegmann 1976, S. 68). Sehr modern im Sinne der von Gotthard Günther (1900-1984) geschaffenen Polykontexturalitätstheorie mutet auch die folgende Feststellung an: „Die Wirklichkeit als ganze ist vieldeutig und offen. Sie ist der unendliche Kreislauf vom Ich zur Welt und von der Welt zum Ich“ Stegmann 1976, S. 69).
Das Heraustreten aus dem Spiegel ist eine der Möglichkeiten, die Überschreitung der Kontexturgrenze zwischen Diesseits und Jenseits bildhaft zu machen: „Die drei goldgrünen Schlänglein tanzten und hüpften. Und wenn die schlanken, in tausend Funken blitzenden Leiber sich berührten, da erklangen herrliche Akkorde wie Kristallglocken, und die mittelste streckte wie voll Sehnsucht und Verlangen das Köpfchen zum Spiegel heraus“ (GT, S. 217). “ ‚Mirakel, Mirakel!‘ schrie das Volk immerfort, ’seht ihr wohl den alten Mann im violetten Mantel? – Der ist aus dem Bilde des Hochaltars herabgestiegen“ (ET, S. 581). „An den Anselmus musste sie [Veronika Paulmann] denken, und als sie immer fester und fester den Gedanken auf ihn richtete, da lächelte er ihr freundlich aus dem Spiegel entgegen wie ein lebhaftes Miniaturporträt. Aber bald war es ihr, als sähe sie nicht mehr das Bild – nein, sondern den Studenten Anselmus selsbt leibhaftig“ (GT, S. 237f.).
Auch die Loslösung des Spiegelbildes von seinem Träger folgt aus der Aufhebung der Subjekt-Objekt-Dichotomie: “ „Lass mir dein Spiegelbild, du innig Geliebter, es soll mein und bei mir bleiben immerdar‘. – ‚Giulietta‘, rief Erasmus ganz verwundert, ‚was meinst du denn? – Mein Spiegelbild?‘ […]. Da rief Erasmus, wahnsinnig vor tötendem Liebesschmerz: ‚Muss ich denn fort von dir? – Muss ich fort, so soll mein Spiegelbild dein bleiben auf ewig und immerdar. Keine Macht – der Teufel soll es dir nicht entreissen, bis du mich selbst hast mit Seele und Leib‘. Giuliettas Küsse brannten wie Feuer auf seinem Munde, als er dies gesprochen, dann liess sie ihn los und streckte sehnsuchtsvoll die Arme aus nach dem Spiegel. Erasmus sah, wie sein Bild unabhängig von seinen Bewegungen hervortrat, wie es in Giuliettas Arme glitt, wie es mit ihr im seltsamen Duft verschwand“ (Die Abenteuer der Silvesternacht, S. 284). Aus einem Dialog zwischen dem Teufel und Peter Schlemihl in dem gleichnamigen Werk Adelbert von Chamissos erfahren wir: „Er zog sogleich meinen Schatten aus seiner Tasche, und ihn mit einem geschickten Wurf auf die Heide entfaltend, breitete er ihn auf der Sonnenseite zu seinen Füssen aus, so, dass er zwischen den beiden ihm aufwartenden Schatten, dem meinen und dem seinen, daher ging; denn meiner musste ihm gleichfalls gehorchen und nach allen seinen Bewegungen sich richten und bequemen“ (von Chamisso, Bd. II, S. 322).
Die Urvorstellung der aufhebung der Grenze zwischen Zeichen und Objekt scheint das Pygmalion-Motiv zu sein: Der kyprische König Pygmalion schafft sich selbst eine Statue einer Frau, welches Aphrodite lebendig werden lässt. Sie heiraten und haben eine Tochter; vgl. Ovid, Metamorphosen X 250-252: „Virginis est verae facies, quam vivere credas, / Et, si non obstet reverentia, velle moveri; / Ars adeo latet arte sua“. Hier übersetzt die Budé-Ausgabe falsch: „tant l’art se dissimule à force d’art“, gemeint ist natürlich nichts anderes als die Aufhebung der Kontexturgrenze. 281ff.: „visa tepere est. / Admovet os iterum, manibus quoque pectora temptat; / Temptatum mollescit ebur positoque rigore / Subsidit digitis ceditque […]. / Rursus amans rursusque manu sua vota retractat; / Corpus erat; saliunt temptatae pollicae venae […] / Sensit et erubuit timidumque ad lumina lumen / Attollens pariter cum caelo vidit amantem“. Bömer (1980, S. 93) vermerkt in seinem Kommentar, die Pygmalion-Geschichte sei „eine der wenigen Metamorphosen, in denen nicht, wie üblich, der Wandel einer menschlichen Gestalt in ein lebloses Wesen, sondern das genaue Gegenteil Gegenstand der Erzählung ist“. Auch Hoffmann hat diesen Topos in die ET eingebaut: „[Francesko] heulte vor wahnsinniger Begier, er gedachte des heidnischen Bildhauers Pygmalion, dessen Geschichte er gemalt, und flehte so wie er zur Frau Venus, dass sie seinem Bilde Leben einhauchen möge. Bald war es ihm auch, als finge das Bild an sich zu regen, doch als er es in seine Arme fassen wollte, sah er wohl, dass es tote Leinwand geblieben. Dann zerraufte er sein Haar und gebärdete sich wie einer, der von dem Satan besessen. Schon zwei Tage und zwei Nächte hatte es Francesko so getrieben; am dritten Tag, als er wie eine erstarrte Bildsäule vor dem Bilde stand, ging die Tür seines Gemachs auf, und es rauschte hinter ihm wie mit weiblichen Gewändern. Er drehte sich um und erblickte einWeib, das er für das Original seines Bildes erkannte“ (ET, S. 537).
Geradezu das Leitmotiv schlechthin ist aber die Durchstossung der Kontexturgrenze zwischen Ich und Du in Hoffmanns Erzählung „Klein Zaches, genannt Zinnober“. Ich habe insgesamt dreizehn Fälle gezählt, wobei im folgenden nur auf drei besonders charakteristische hinzuweisen ist: „Balthasar griff herab nach dem Kleinen, ihm aufzuhelfen, und berührte dabei unversehens sein Haar. Da stiess der Kleine einen gellenden Schrei aus, dass es im ganzen Saal widerhallte und die Gäste erschrocken auffuhren von ihren Sitzen. Man umringte den Balthasar und fragte durcheinander, warum er denn um des Himmels willen so entsetzlich geschrien“ (ZZ, S. 310). Obwohl also Klein Zaches schreit, wird der Schrei dem Balthasar angelastet. Doch es kommt noch schöner: „Balthasar glaubte, dass der rechte Augenblick gekommen, mit seinem Gedicht von der Liebe der Nachtigall zur Purpurrose hervorzurücken […]. Sein eignes Werk, das in der Tat aus wahrhaftem Dichtergemüt mit voller Kraft, mit regem Leben hervorgeströmt, begeisterte ihn mehr und mehr. Sein Vortrag, immer leidenschaftlicher steigernd, verriet die innere Glut des liebenden Herzens. Er bebte vor Entzücken, als leise Seufzer – manches leise Ach – der Frauen, mancher Ausruf der Männer: ‚Herrlich – vortrefflich, göttlich!‘ ihn überzeugten, dass sein Gedicht alle hinriss. Endlich hatte er geendet. Da riefen alle: ‚Welch ein Gedicht! – Welche Gedanken – welche Phantasie, was für schöne Verse – welcher Wohlklang – Dank – Dank Ihnen, bester Herr Zinnober, für den göttlichen Genuss“ (ZZ, S. 311ff.).
Doch Hoffmann begnügt sich nicht mit dem simplen Austausch eines Subjektes durch ein Objekt bzw. umgekehrt, wie es etwa Oscar Wilde in seinem „Bildnis des Dorian Gray“ oder Edgar Allan Poe im „Oval Portrait“ getan hatten: Im folgenden Fall ist Mosch Terpin sogar Subjekt und Objekt zugleich: „Als sie eintraten, stand der Professor Mosch Terpin allein in der Mitte, die Instrumente noch in der Hand, womit er irgendein physikalisches Experiment gemacht, starres Staunen im Gesicht. Die ganze Gesellschaft hatte sich um den kleinen Zinnober gesammelt, der, den Stock untergestemmt, auf den Fussspitzen dastand und mit stolzem Blick den Beifall einnahm, der ihm von allen Seiten zuströmte. Man wandte sich wieder zum Professor, der ein anderes sehr artiges Kunststückchen machte. Kaum war er fertig, als wiederum alle, den Kleinen umringend, riefen: ‚Herrlich – vortrefflich, lieber Herr Zinnober!‘. – Endlich sprang auch Mosch Terpin zu dem Kleinen hin und rief zehnmal stärker als die übrigen: ‚Herrlich – vortrefflich, lieber Herr Zinnober!'“ (ZZ, S. 313f.). (Wie alle angeführten und auch die hier unterdrückten Beispiele zeigen, befindet sich von allen Partizipanten des ZZ offenbar einzig Balthasar in der monokontexturalen Welt. Er dient quasi als „Verbindungsmann“ zum ebenfalls in der Monokontexturalität lebenden Lesenden.)
Im Zusammenhang mit der Durchbrechung der Subjekt-Objekt-Dichotomie entdeckt man immer wieder, dass Kontexturgrenzen mitten durch unsere vermeintlich monokontexturale Wirklichkeit verlaufen. Das bekannteste Beispiel der Weltliteratur steht in Lewis Carroll’s „Through the Looking-Glass“ und wurde von Günther wie folgt kommentiert: „No matter how loud the discourse between Alice and the Tweedle brothers may get, it will not wake the Red King, because the existence or mode of Reality of Alice and the Twins is discontextural with the physical body of the King who is – or seems at least – to be lying in front of them in the grass“ (1976-80, II, S. 253). Bei Hoffmann lesen wir etwa: „Ungeachtet des weiten Weges bis in die einsame Strasse, in der sich das uralte Haus des Archivarius Lindhorst befand, war der Student Anselmus vor zwölf Uhr an der Haustür. Da stand er und schaute den grossen schönen, bronzenen Türklopfer an; aber als er nun auf den letzten, die Luft mit mächtigem Klange durchbrechenden Schlag der turmuhr an der Kreuzkirche den Türklopfer ergreifen wollte, da verzog sich das metallene Gesicht im ekelhaften Spiel blauglühender Lichtblicke zum grinsenden Lächeln. Ach! Es war ja das Apfelweib vom Schwarzen Tor! […] Die Klingelschnur senkte sich hinab und wurde zur weissen, durchsichtigen Riesenschlange; sie umwand und drückte ihn, fester und fester ihr Gewinde schnürend, zusammen, dass die mürben zermalmten Glieder knackend zerbröckelten und sein Blut aus den Adern spritzte, eindringend in den durchsichtigen Leib der Schlange und ihn rot färbend (GT, S. 208). Im Gegensatz zu Alice kommt Anselmus aber der polykontexturalen Wahrheit auf den Grund: “ ‚Er kann aber auch selbst in Person davongeflogen sein, der Herr Archivarius Lindhorst‘, sprach der Student Anselmus zu sich selbst, ‚denn ich sehe und fühle nun wohl, dass alle die fremden Gestalten aus einer fernen wundervollen Welt, die ich sonst nur in ganz besonders merkwürdigen Träumen schaute, jetzt in ein waches, reges Leben geschritten sind und ihr Spiel mit mir treiben“ (GT, S. 218f.).
Polykontexturale Welten können sich verändern; sie sind ja nicht wie die eine (vermeintlich) monokontexturale Welt unveränderlich. Diese Einsicht kommt bei Hoffmann sehr gut zum Ausdruck, als Anselmus den Garten des Archivarius Lindhorst betritt: „Anselmus schritt gestrost hinter dem Archivarius her; sie kamen aus dem Korridor in einen Saal oder vielmehr in ein herrliches Gewächshaus, denn von beiden Seiten bis an die Decke hinauf standen allerlei seltene wunderbare Blumen, ja grosse Bäume mit sonderbar gestalteten Blättern und Blüten. Ein magisches blendendes Licht verbreitete sich überall, ohne dass man bemerken konnte, wo es herkam, da durchaus kein Fenster zu sehen war. Sowie der Student Anselmus in die Büsche und Bäume hineinblickte, schienen lange Gänge sich in weite Ferne auszudehnen. – Im tiefen Dunkel dicker Zypressenstauden schimmerten Marmorbecken, aus denen sich wunderliche Figuren erhoben, Kristallstrahlen hervorspritzend, die plätschernd niederfielen in leuchtende Lichtkelche […] (GT, S. 227f.). Dann aber später: „Als er nun mittags durch den Garten des Archivarius Lindhorst ging, konnte er sich nicht genug wundern, wie ihm das alles sonst so seltsam und wundervoll habe vorkommen können. Er sah nichts als gewöhnliche Scherbenpflanzen, allerlei Geranien, Myrtenstöcke u. dgl. Statt der glänzenden bunten Vögel, die ihn sonst geneckt, flatterten nur einige Sperlinge hin und her, die ein unverständliches unangenehmes Geschrei erhoben, als sie des Anselmus gewahr wurden. Das blaue Zimmer kam ihm auch ganz anders vor, und er begriff nicht, wie ihm das grelle Blau und die unnatürlichen, goldnen Stämme der Palmbäume mit den unförmigen, blinkenden Blättern nur einen Augenblick hatten gefallen können“ (GT, S. 251).
Polykontexturale Welten sind ferner eindeutig-mehrmöglich bzw. multi-ordinal im Sinne Korzybskis (vgl. Kronthaler 1986, S. 60). Als Fabian und Balthasar den Garten des Doktors Prosper Alanus betreten, lesen wir: „Fabian bemerkte zwei Frösche von ungewöhnlicher Grösse, die schon von dem Gartentor an zu beiden Seiten der Wandelnden mitgehüpft waren. ‚Schöner Park‘, rief Fabian, ‚in dem es solch Ungeziefer gibt!‘ und bückte sich nieder, um einen kleinen Stein aufzuheben, mit dem er nach den lustigen Fröschen zu werfen gedachte. Beide sprangen ins Gebüsch und guckten ihn mit glänzenden, menschlichen Augen an. ‚Wartet, wartet!‘ rief Fabian, zielte nach dem einen und warf. In dem Augenblick quäkte aber ein kleines hässliches Weib, das am Wege sass: ‚Grobian! Schmeiss Er nicht auf ehrliche Leute, die hier im Garten mit saurer Arbeit ihr bisschen Brot verdienen müssen'“ (ZZ, S. 325). Ob Frosch oder Mensch, ob Einhorn oder Pferd – in polykontexturalen Welten sind die Zuordnungen zwischen Objekten und Funktionen, zwischen Personen und Erscheinungen, zwar nicht eindeutig, aber auch nicht willkürlich, sondern eben eindeutig-mehrmöglich.
Es ist eben die Aufklärung, der Rationalismus, der – in getreuer Weiterführung des aristotelischen Konzepts der reinen Quantität gegenüber der qualitativ-quantitativen bzw. quantitativ-qualitativen Konzeption Platons, unter dem verblendenden Namen der Illumination das Organische ins Anorganische, das Prozessuale ins Statische, das Eindeutig-Mehrmögliche ins Eineindeutige, kurz: das Leben in den Tod gefüht hat: „In der unglücklichen Zeit, wenn die Sprache der Natur dem entarteten Geschlecht der Menschen nicht mehr verständlich sein, wenn die Elementargeister, in ihre Regionen gebannt, nur aus weiter Ferne in dumpfen Anklängen zu den Menschen sprechen werden, wenn, dem harmonischen Kreise entrückt, nur ein unendliches Sehnen ihm die dunkle Kunde von dem wundervollen Reiche geben wird, das er sonst bewohnen durfte, als noch Glaube und Liebe in seinem Gemüte wohnen […] (GT, S. 243). Novalis ging sogar noch weiter und fragte: „Könnte die Natur nicht über den Anblick Gottes Stein geworden seyn? Oder vor Schrecken über die Ankunft des Menschen?“ (ed. Samuel 1978, S. 224). Anders als Novalis, für den galt: „Das höchste Leben ist Mathematik“. „Echte Mathematik ist das eigentliche Element des Magiers“, usw. (vgl. Hamburger 1966, S. 16), machte aber Hoffmann den Schritt vom transzendentalen Idealismus zu einem „magischen Realismus“ nicht mit, denn nach Hoffmann lässt sich diese Welt „durch Zählen, Messen und Wiegen allein nicht in ihrer Ganzheit erklären. Genau das ist aber der offenbar bis heute unausrottbare Aberglaube der Aufklärung. Romantik heisst für Hoffmann, der Welt den Zauber zu belassen […]. Hoffmann erkennt, dass die Früchte der Aufklärung abgeerntet sind und erklärt die Aufklärung daher zum Mittelalter seiner Gegenwart und die Vernunft zum schwarzen Tod der Phantasie“ (Driesen 1997, S. 87f.).
Lewis Carroll brachte es fertig, mit dem „Lied vom Weissen Ritter“ ein Gedicht zu schreiben, das aus Wörtern bzw. Abschnitten besteht, die im Satz- bzw. Textzusammenhang betrachtet multi-ordinale Zeichen sind. Bei ihm wird offenbar eine polykontexturale Semiotik vorausgesetzt, in der Zeichen („Name“ bzw. „heissen“) und Objekt („Lied“ bzw. „sein“) nicht länger durch Kontexturgrenzen voneinander geschieden sind, so dass sich insgesamt vier Möglichkeiten der Bezeichnung ergeben: “ ‚Der Name des Liedes heisst ‚Heringsköpfe‘. – ‚Ach! Das ist wirklich sein Name?‘ fragte Alice, damit es nicht so aussähe, als wäre ihr das gleichgültig. – ‚Nein, du hast mich falsch verstanden‘, sagte der Ritter etwas unmutig. ‚So heisst sein Name nur. Der Name selbst ist ‚Der uralte Mann‘.‘ – ‚Dann hätte ich also sagen sollen: ‚So heisst das Lied also?‘ verbesserte sich Alice. – ‚Aber nein doch, das ist wieder etwas anderes. Das Lied heisst ‚Trachten und Streben‘; aber freilich heisst es nur so.‘ – ‚Ja, aber welches Lied ist es denn?‘ fragte Alice, die sich nun gar nicht mehr auskannte. – ‚Das wollte ich dir eben sagen‘, erwiderte der Ritter. ‚Es ist das Lied ‚Hoch droben auf der Pforten'“. Des Weissen Ritters Erläuterungen lassen sich also wie folgt gliedern:
heissen sein
Name Heringsköpfe Der uralte Mann
Lied Trachten und Streben Hoch droben auf der Pforten
Hier wird also sowohl von der Unterscheidung zwischen Name vs. Lied als auch von derjenigen zwischen heissen und sein die monokontexturale Zeichen-Objekt- und das heisst die Subjekt-Objekt-Relation proömiell durchbrochen. Wir werden im 4. Kapitel anlässlich der Besprechung des Chiasmus im Zusammenhange mit der Auflösung der Identität bzw. Individualität von Personen darauf zurückkommen: „Er sprache: ‚Ich pflücke Heringsköpf‘ / Auf Äckern, Flur und Raine / Und mache daraus Hosenknöpf‘ / Beim trauten Lampenscheine; / Und dafür gibt man mir nicht Gold / Und auch nicht Silber teuer, / Zwei Heller, wenn ihr geben wollt, / Dann sind drei Dutzend Euer. / Auch grab ich manchmal nach Kakao / Und fisch im See die Zeder / Und sammel auf der grünen Au / Für Kutschen Speichenräder. / Auf diese Weis‘, so zwinkert er, / ‚Bin ich zu Geld gekommen / Und leer dies Glas auf Euch, mein Herr, / Wohl mög es Euch bekommen!'“ (Carroll 1974, S. 118ff.).
Konersmann hat in seiner schönen Arbeit über René Magritte sogar gesagt: „Zwischen den Bildern und den Dingen klafft eine Lücke, die zu schliessen auch die Kunst nicht vermag. Sie bietet jedoch Raum für Gestaltungsmöglichkeiten, in denen die Differenz zwischen der Welt und ihrem Abbild, oder sagen wir genauer: zwischen der Welt des Bildes und der Welt der Dinge sich variantenreich erörtern lässt. Hier nistet das Mysterium, von dem Magritte immer wieder spricht“ (1991b, S. 17). Dieses „Mysterium“ erlebt etwa auch ein Kunsterzieher, der zwanzig Schüler dieselbe Rose abzeichnen lässt – er wird am Ende zwanzig verschiedene Rosen-Zeichnungen haben, denen doch etwas Invariantes gemein ist. Theoretisch ausgedrückt: Den n verschiedenen Zeichen des einen Rosen-Objektes korrespondieren die n-1 ontologischen und logischen Standpunkte einer n-wertigen polykontexturalen Logik mit 1 Objekt und n-1 Subjekten.
3. Das Auftreten von Reflexionsresten

Reflexionsreste, die nach Günther als „Obdachlosenasyle“ für die aus dem zweiwertigen Denken ausgegliederten Denkreste fungieren, treten in einer zweiwertigen Logik deshalb auf, weil die Negation das blosse Spiegelbild der Position ist und diese daher bloss kopiert. Sobald wir aber eine Logik haben, in der Platz ist für mehr als ein Subjekt, entsteht eine Unbalanciertheit zwischen Subjekt und Objekt, die in Form von sich unklassisch gebärdenden Objekten zum Ausdruck kommt, wie etwa Drachen, Hexen und Meerjungfrauen in den Volksüberlieferungen. So sagt der Berater des Fürsten Paphnutius: „Nicht alle Feen, gnädiger Herr, wollen wir fortschicken nach Dschinnistan, sondern einige im Lande behalten“ (ZZ, S. 293). Genauso wie der Volksglaube in Märchen, Sage und Legende neben unserem rationalen Weltbild nebenher läuft, genauso wie neben der Astronomie noch immer die Astrologie und neben der chemie noch immer die Alchemie weiterleben, erkennt auch Balthasar: „Wahr, dass Fürst Paphnutius die Aufklärung einführte zu Muss und Frommen seines Volkes, seiner Nachkommenschaft, aber manches Wunderbare, Unbegreifliche ist doch noch zurückgeblieben“ (ZZ, S. 319). „Die Wunder sind geblieben, denn wenn wir selbst das Wunderbarste, von dem wir täglich umgeben, deshalb nicht mehr so nennen wollen, weil wir einer Reihe von Erscheinungen die Regel der zyklischen Wiederkehr abgelauert haben, so fährt doch durch jenen Kreis ein Phänomen, das all unsere Klugheit zuschanden macht und an das wir, weil wir es nicht zu erfassen vermögen, in stumpfsinniger Verstocktheit nicht glauben. Hartnäckig leugnen wir dem innern Auge deshalb die Erscheinung ab, weil sie zu durchsichtig war, um sich auf der rauhen Fläche des äusseren Auges abzuspiegeln. – Jenen seltsamen Maler rechne ich zu den ausserordentlichen Erscheinungen, die jeder erlauerten Regel spotten; ich bin zweifelhaft, ob seine körperliche Erscheinung das ist, was wir wahr nennen“ (ET, S. 530).
Dass alles, was jemand in der Gegenwart von Klein Zaches tut, diesem; was Klein Zaches aber macht, einem andern angelastet wird, für die Aufhebung oder Permeabilisierung der Kontexturgrenze zwischen Ich und Du also, dafür ist ja gerade ein solches prä-rationalistisches Relikt verantwortlich: Die Fee Rosabelverde, welche offiziell das „säkularisierte“ Stiftsfräulein von Rosengrünschön ist (ZZ, S. 291). Also muss nach Hoffmanns Auffassung die vorkartesische Zeit die polykontexturale Zeit gewesen sein (in Wirklichkeit beginnt die monokontexturale Zeit bereits mit der Metaphysik des Aristoteles), denn bei Descartes lesen wir klipp und klar: „Nun bemerke ich hier erstlich, dass ein grosser Unterschied zwischen Geist und Körper insofern vorhanden ist, als der Körper seiner Natur nach stets teilbar, der Geist hingegen durchaus unteilbar ist“ (1994, S. 74). Unteilbar ist der Geist nach der irrigen Auffassung des Cartesius einzig deshalb, weil es in einer zweiwertigen Logik zwar unendlich viele Objekte gibt, aber Platz nur für ein einziges Subjekt hat, für das meistens „Ich“ eingesetzt wird. Descartes berühmtes (wenigstens in dieser Gestalt kolportiertes) „Cogito, ergo sum“ wird so auch verständlich, insofern derjenige, welcher denkt, trivialerweise deshalb mit dem Ich identisch sein muss, weil die zweiwertige Logik gar keinen dritten Wert für ein Du, Er, Wir, usw. hat, dessen Existenz durch das Denken bewiesen werden könnte.
Als Antizipation von Reflexionsresten finden wir ein besonders eindrückliches Beispiel in Oskar Panizzas „Liebeskonzil“: Der Teufel, von Gott, Maria und ihrem Sohn mit der Aufgabe betraut, die Menschheit für ihre sexuellen Ausschweifungen mit einem besonderen Gift zu bestrafen, zieht sich in seine Wohnung zurück, versucht nachzudenken, kommt aber zu keinem Resultat und schläft darüber ein. Während er noch schläft, wechselt das Bühnenbild im Hintergrund: „Man erblick ein ungeheures Totenfeld, auf dem eine schier unfassbare Zahl, wie es scheint lauter Weiber, in Leibesgestalt, mit fahlen Gewändern, die einen hockend, die anderen hingestreckt, teils die Arme aufgestützt, teils das Gesicht in den Armfalten vergraben, wie schlafend dortliegen“. Plötzlich erwacht der Teufel: „Ah! – Ihr seid mir vorausgeeilt, Gedanken!“ Er betrachtet lange mit Entzücken die Szene: „Ihr habt euch verwirklicht, meine guten Gedanken!“ (Panizza 1991, S. 75f.).
In einer polykontexturalen Logik, welche n Werte besitzt, gibt es aber, wie bereits gesagt, Platz für n-1 Subjekte. Schon im vergleichsweise trivialen Fall einer dreiwertigen Logik lässt sich unterscheiden zwischen einem subjektiven Subjekt, einem objektiven Subjekt und einem Objekt: „Das Subjekt begegnet sich im Modus der Differenz, und nun stellt sich die Frage nach der Verbindung, die die geforderte Einheit des Subjekts mit dieser Differenz von Subjekt und Objekt versöhnt, die es doch zugleich auch übergreift. Die Darstellung dieses komplizierten Zusammenhangs stellt hohe Anforderungen an die lebendige Sprache. Sie muss das prekäre Selbstverständnis in seiner besonderes Struktur fasslich werden lassen. Darzustellen ist eine Relation, in der das Subjekt sich als sein Gegenstand reflektiert, der sich umgekehrt in ihm reflektiert, so dass er, der es selber ist, ihm, und in eins damit es sich, in dieser seiner puren Gegenständlichkeit sofort entgeht, denn das Subjekt ist immer auch schon mehr als das, als was es sich erblickt, nämlich es selbst. Verlangt wird also ein Modus uneigentliches Sprechens“ (Konersmann 1991a, S. 25). Damit hat Konersmann – offenbar unbeeinflusst durch die Polykontexturalitätstheorie – die Proömialrelation vorweggenommen, denn ein Subjekt, das sich selbst als sein Gegenstand reflektiert, ist gänzlich nicht-aristotelisch und führt in der klassisch-monokontexturalen Logik zu Paradoxien qua Selbstreferenz.
Doch ganz zentral wird die Unterscheidung zwischen subjektivem und objektivem Subjekt bei der Doppelgänger-Problematik. So sagt Medardus: „Mein eignes Ich, zum grausamen Spiel eines launenhaften Zufalls geworden und in fremdartige Gestalten zerfliessend, schwamm ohne Halt wie in einem Meer all der Ereignisse, die wie tobende Wellen auf mich hineinbrausten […]. Aber das Verhältnis mit der Baronesse, welches Viktorin unterhält, kommt auf mein Haupt, denn ich bin selbst Viktorin. Ich bin das, was ich scheine, und scheine das nicht, was ich bin, mir selbst ein unerklärlich Rätsel, bin ich entzweit mit meinem Ich!“ (ET, S. 283). „Es ist das eigne wunderbare Heraustreten aus sich selbst, das die Anschauung des eignen Ichs vom andern Standpunkte gestattet, welches dann als ein sich dem höheren Willen schmiegendes Mittel erscheint, dem Zweck zu dienen, den er sich als den höchsten, im Leben zu erringenden gesetzt“ (ET, S. 387). Für Panizza liegt der Reiz des menschlichen Lebens gerade darin, „dass unser Willens-Impuls das Resultat der gegensätzlichsten Motive und Neigungen ist, heute so, morgen so, und das Zusehen des ‚Ich‘ bei diesem Kampfe ist ja eben das, was wir Leben nennen“ (1981, S. 63).
Doch auch hier geht Hoffmann noch einen entscheidenden Schritt weiter, wenn er das objektive Subjekt – wieder unter Durchbrechung der Kontexturgrenze – zum Objekt werden lässt: “ ‚Du bist nicht ich, du bist der Teufel!‘, schrie ich auf und griff wie mit Krallen dem bedrohlichen Gespenst ins Gesicht, aber es war, als bohrten meine Finger sich in die Augen wie in tiefe Höhlen, und die Gestalt lachte von neuem auf in schneidendem Ton. In dem Augenblick erwachte ich, wie von einem plötzlichen Ruck emporgeschüttelt. Aber das Gelächter dauerte fort im Zimmer. Ich fuhr in die Höhe, der Morgen brach in lichten Strahlen durch das Fenster, und ich sah vor dem Tisch, den Rücken mir zugewandt, eine Gestalt im Kapuzinerhabit stehen. – Ich erstarrte vor Schreck, der grauenhafte Traum trat ins Leben“ (ET, S. 423).
Und wie soll man das folgende, im rätoromanischen Dialekt des Unterengadins geschriebene Gedicht „La Mort“ „Der Tod“ von Andri Peer (1921-1985) verstehen (deutsche Übersetzung vom gegenwärtigen Autor):
Cur ch’eu’m sdasdet, Als ich erwachte,
staiv’la tschantada stand er da,
al pè da meis let, am Fuss meines Bettes,
la grifla dad öss die Klaue aus Knochen
sülla litera. auf dem Bettgestell.
Eu n’ha fat finta da durmir. Ich tat so, als schliefe ich.
Cur ch’eu divrit igl ögls, Als ich die Augen öffnete,
d’eir’la davent. war er weg.
Während der grause Kapuziner-Doppelgänger des Medardus-Viktorin aus dem Traum, wo er noch blosses objektives Subjekt (qua Doppelgängertum) ist, über die Kontexturgrenze ins reale Reale als Objekt hinübertirtt, gehe ich davon aus, dass das „Ich“ im Gedicht von Peer die Augen erst dann öffnet, wenn es die Kontexturgrenze aus dem Diesseits in Richtung Jenseits bereits überschritten hat, also erst in der der Ontik korrespondierenden Meontik.
Dass also auch Reflexionsreste proömiell-chiastische Relationen darstellen, hat bereits Lewis Carroll erkannt, obwohl er sich in dem folgenden einschlägigen Zitat gleichzeitig darüber lustig macht: “ ‚Ich bin ganz deiner Meinung‘, sagte die Herzogin, ‚und die Moral davon ist: Scheine, was du bist, und sei, was du scheinst‘ – oder einfacher ausgedrückt: ‚Sei niemals ununterschieden von dem, als was du jenen in dem, was du wärst oder hättest sein können, dadurch erscheinen könntest, dass du unterschieden von dem wärst, was jenen so erscheinen könnte, als seiest du anders!'“ (Carroll 1981, S. 93).
4. Die Aufhebung der Individualität

Während in einer zweiwertig-aristotelischen Logik die Individualität eines Menschen durch den Tod als Negation seiner Existenz aufgehoben wird, ist es zumindest unklar, ob dies auch in einer mehrwertig-nichtaristotelischen Logik gilt; so besitzt ja bereits eine dreiwertige Logik drei Negationen. Daher ist „erst noch zu untersuchen, ob der Fortfall der ersten Identität im Tode wirklich die ichhafte Identität des Individuums endgültig auflöst“ (Günther 1976-80, III, S. 2, 11f.). Die Aufhebung der Individualität kann so in einer mehrwertigen Logik zur Existenz von Parallel-Personen, Doppelgängern, Figuranten, seltsamen Spiegelbildern, Personen ohne Schatten, usw. führen: „Hoffmann vermag das Leitmotiv des Doppelgängers ins Unendliche zu varrieren, von Signor Formica, der dank einem ganzen Apparat von Verkleidungen und theatralischen Machenschaften mit Salvator Rosa zusammen nur ein Einziger ist, bis zu Meister Floh, in dem die doppelte Natur eines einzigen Wesens sich in der Gestalt von zwei verschiedenen Personen manifestiert. Sofern es sich nicht um die Spaltung in drei Personen handelt, von denen jede doch ein Ganzes bleibt, wie in dem Fall von Aline, Dörtje Elverdink und der Prinzessin Gamaheh. Hier hat Hoffmann meisterhaft auszudücken und zu suggerieren verstanden, dass es sich nicht um zeitlich sich folgende Verwandlungen, sondern um simultane Manifestationen handelt; und darauf beruht gerade das Rätsel, das der bis ins tiefste Innere verstörte Leser wahrnimmt. Wo sind sind die anderen Doppelgänger, was tun sie, wenn sie nicht gerade vor dem Leser agieren?“ (Wittkop-Ménardeau 1997, S. 40).
Im Falle der Aifhebung der Individualität bzw. der Identität von Personen kommen wir nun nicht mehr darum herum die proömiell-chiastische Struktur des Hoffmannschen Werkes aufzuzeigen, auf die bereits in den vorangehenden Kapiteln jeweils kurz hingewiesen worden war. Am nächsten – doch offenbar ohne die Polykontexturalitätstheorie zu kennen – kommt der Warheit Detlef Kremer: „Viktorin und Medardus sind zwei unterschiedliche Romanfiguren, die dennoch über ihre zahlreichen Beziehungen zu den gegensätzlichen Teilen einer einzigen Person zusammenlaufen. Ihre Kreuzsymmetrie regelt eine doppelte Perspektivführung, die sich gegenseitig bedingt und ausschliesst. Immer wenn Medardus den Doppelgänger Viktorin als Phantom seines Wahns verstehen will, dann wird er mit einer konkreten eigenständigen Figur konfrontiert, wenn er ihm hingegen Realität zubilligt, dann behauptet das Phantom Viktorin seine Identität mit Medardus und rückt letzteren in die Position des Phantasmas. Beide haben sie Recht und beide täuschen sich, wenn sie die Balance von Identität und Differenz einebnen wollen“ (1993, S. 234).
„Da rührte es sich unter meinem Fuss, ich schritt weiter und sah, wie an der Stelle, wo ich gestanden, sich ein Stein des Pflasters losbröckelte. Ich erfasste ihn und hob ihn mit leichter Mühe vollends heraus. Ein düstrer Schein brach durch die Öffnung, ein nackter Arm mit einem blinkenden Messer in der Hand streckte sich mir entgegen. Von tiefem Entsetzen durchschauert, bebte ich zurück. Da stammelte es von unten heraus: ‚Brü-der-lein! Brü-der-lein, Me-dar-dus ist da-da, herauf … nimmt, nimm! … brich … brich in den Wa-Wald … in den Wald!‘ – Schnell dachte ich Flucht und Rettung; alles Grauen überwunden, ergriff ich das Messer, das die Hand mir willig liess und fing an, den Mörtel zwischen den Steinen des Fussbodens emsig wegzubrechen. Der, der unten war, drückte wacker herauf. Vier, fünf Steine lagen zur Seite weggeschleudert, da erhob sich plötzlich ein nackter Mensch bis an die Hüften aus der Tiefe empor und starrte mich gepenstisch an mit des Wahnsinns grinsendem entsetzlichem Gelächter – ich erkannte mich selbst – mir vergingen die Sinne“ (ET, S. 480).
Auch der – ebenfalls von der Polykontexturalitätstheorie unabhängige – Kommentar des Philosophen Safranski kommt der Wahrheit der strukturellen Logik, die Hoffmanns Texten zu Grunde liegt, ein gutes Stück näher: „Unmerklich nistet es [das ‚falsche‘ Selbst, A.T.] sich zunächst in die Aktivitäten des ‚wahren‘ Selbst ein und lässt sie zweideutig werden. Dann endlich setzt es sich in einer Art ‚Implosion‘ gänzlich an die Stelle des zur Gegenwehr nicht mehr fähigen ‚wahren‘ Selbst. Hoffmann gibt diesem Umschlag durch die Machtergreifung des Doppelgängers eine sinnfällige Darstellung. Auch die Infiltration erhält ein grelles Singal: das Teufelselixir, das Medardus langsam vergiftet. Nach der Machtergreifung des ‚falschen‘ Selbst kehren sich die Rollen um: Jetzt ist es das ‚wahre‘ Selbst, das sich als schlechtes Gewissen und Selbstbeobachtungsmanie in die Aktivitäten des ‚falschen‘ Seins einschleicht. Der Prozess der Spaltung wird rückwärts durchlaufen: Das ‚wahre‘ Selbst erobert sich wieder seine Vorrangstellung, während dem ‚falschen‘ Selbst nur noch die Kraft der Anfechtung bleibt“ (1984, S. 342). „Das ist die Umkehrung: Das ‚wahre‘ Selbst ist zur Maske geworden, das bisher Ausgegrenzte, der Geist Viktorins, das durch Ausgrenzung zum feindlichen Prinzip gewordene Triebleben, rückt in den Mittelpunkt. Doch das ‚wahre‘ Selbst ist jetzt nicht nur Maske, es hat sich – vorerst noch ohnmächtig – auf eine Beobachtungsposition zurückgezogen. Der ‚alte‘ Medardus sieht dem ’neuen“ zu und kann sich für dessen greuliche Taten nicht verantwortlich fühlen. Wenn Medardus für Augenblicke in sein altes Selbst zurückkehrt, dann ist ihm, als seien die Verbrechen von jemand anderem, eben dem Doppelgänger, verübt worden. So aber ist er am tiefsten in seinen Wahn verstrickt: Er hält sein anderes Selbst für jemand anderes als er selbst. Projiziert Medardus seine Verbrechen auf den Doppelgänger, dann verliert er das Bewusstsein der Gespaltenheit: Er versinkt im Abgrund eines fragmentierten Ichs, dem sich die anderen Ich-Fragmente als andere Personen darstellen. So paradox es klingen mag: Nur wenn sich Medardus in seiner Gespaltenheit erfährt, ist er sich nahe. Diese Nähe, diese Augenblicke der Selbstbegegnung sind schrecklich; und das Schicksal der Seele steht auf des Messers Schneide: Die Person kann völlig zerbrechen, aber sie kann auch zusammenfinden im erfahrenen und gelebten Widerspruch“ (1984, S. 344). Wer je Kierkegaard – einen anderen transklassischen Denker (vgl. Hohmann 1999) – gelesen hat, erinnert sich der folgenden berühmten Definition aus der „Angst zum Tode“: „Und das Verhältnis zu sich selbst kann ein Mensch nicht loswerden, so wenig wie sein eigenes Selbst, was im übrigen ein und dasselbe ist, da ja das Selbst das Verhältnis zu sich selbst ist“ (vgl. dazu Toth 1995).
In all dem ist nichts mehr zu spüren von der Ontologie, Metaphysik und Erkenntnistheorie der klassisch-zweiwertigen, monokontexturalen Logik aristotelisch-chrysippischer Prägung. Sehr richtig hat Gabrielle Witkopp-Ménardeau auch den Zusammenhang zwischen Spiegeln und Doppelgängern erkannt: „So ist auch das Leitmotiv des Spiegels, des Spiegelbildes oder seines Fehlens nur eine subtile Variation des Doppelgängermotivs“ (1997, S. 40): „Es ist nun höchst fesselnd zu sehen, wie [Jacob] Böhme versucht, den Sündenfall des ersten Menschen als Spiegelschau zu deuten. Vor der Versuchung ist Adam androgyn, Mann und Weib in eins verschmolzen. In seiner Seele lebt die Jungfrau Sophia als klarer Spiegel der Gottheit. Seine Sünde besteht nach Böhme darin, dass er begert, statt Gott zu spielen, sich selbst im Spiegel zu betrachten. Die erste subjektivistische Ich-Spaltung ist damit vollzogen: der erste Mensch unterliegt der ‚Selbheit‘ und begehrt gleich Luzifer göttliches Vorrecht, d.h. sein eigenes Ich im Spiegel zu sehen. Denn der Fall beider entsteht dadurch, ‚dass sie das Licht des Verstandes in die Selbheit scheinen hatten, in welchem sie sich bespiegeln und beschauen konnten‘ [Der Weg zu Christo. Jakob Böhme’s sämtliche Werke, hrsg. von K.W. Schiebler, Neudruck Leipzig 1922, Bd. I, S. 78]“ (Langen 1940, S. 276).
Der Karneval ist es nun, welcher „die multiple Person [erlaubt]. Die Verwandlungslust, im bürgerlichen Alltag unter dem Druck eines strengen, auf Widerspruchsfreiheit angelegten Identitätsideals zumeist niedergehalten, jetzt darf sie gelebt werden“ (Safranski 1984, S. 445). „Auf dem Höhepunkt des karnevalistischen Treibens begegnen sich also Giglio und Giacinta, ohne sich zu erkennen, doch sie tanzen miteinander, und dieser Tanz ist eine ekstatische Entfesselung aller Verwandlungskunst, ein wahrer Dionysios-Tanz über den Trümmern einer sonst ängstlich festgehaltenen Identität“ (Safranksi 1984, S. 448). Allerdings – so ergänzt Kremer – muss vom Leser der ET die „Fähigkeit zum differenzierten Umgang mit einer mindestens dreifachen Spiegelung der Fiktion erwartet werden“ (1993, S. 250). Bei der PB werden wir es, wie zu zeigen sein wird, „bloss“ mit einer zweimachen Spiegelung zu tun haben, allerdings einer, die stärker chiastisch (weil absolut symmetrisch) strukturiert ist als diejneige, die ET zugrunde liegt. Diese „Zumutung“ an de Lesenden, auf die Kremer (ohne freilich dieses Wort zu gebrauchen) abhebt, basiert natürlich auf der polykontexturalen Struktur der ET, vielleicht das in dieser Hinsicht komplexeste aller Werke Hoffmanns. Vom monokontexturalen Standpunkt aus wird es daher empfunden als Schöpfung „ohne Gewissheit oder Visionen der Essenz, ohne Ordnung, aber auch ohne Kapitualtion vor der Unordnung“ (Claudio Magris, cit. ap. Kremer 1993, S. 255, Anm. 146).
Ähnlich schrieb Heine in seinen „Briefen aus Berlin“: „Über Hoffmanns ‚Meister Floh‘ versprach ich Ihnen in meinem Vorigen mehreres zu schreiben […]. Das Buch hat keine Handlung, keinen grossen Mittelpunkt, keinen innern Kitt. Wenn der Buchbinder die Blätter desselben willkürlich durcheinander geschossen hätte, würde man es sicher nicht bemerkt haben […]. Die Strenge und Bitterkeit, womit ich über diesen Roman spreche, rührt eben daher, weil ich Hoffmanns frühere Werke so sehr schätze und liebe. Sie gehören zu den merkwürdigsten, die unsere Zeit hervorgebracht. Alle tragen sie das Gepräge des Ausserordentlichen, jeden müssen die Phantasiestücke ergötzen. In den Elixieren des Teufels liegt das Furchtbarste und Entsetzlichste, das der Geist sich erdenken kann […]. In Göttingen soll ein Student durch diesen Roman toll geworden sein. In den Nachtstücken ist das Grässlichste und Grauenvollste überboten. Der Teufel kann so teuflisches Zeug nicht schreiben […]. Aber Prinzessin Brambilla ist eine gar köstliche Schöne, und wem diese durch ihre Wunderlichkeit nicht den Kopf schwindlicht machtm der hat gar keinen Kopf. Hoffmann ist ganz originell“ (ed. Windfuhr, Bd. 6, 1973, S. 51f.).
Einer der Herausgeber Hoffmanns schrieb über die PB: „Es ist ein Karneval gigantischen Ausmasses“ (Leber, in: Hoffmann 1985, Bd. II, S. 8). Kremer (1993, S. 318) übertitelt: „Ein hermeneutischer Tanz“: „Auf Schritt und Tritt kreuzen sich in Hoffmanns Erzählung Beschreibungen und paradoxe Konstellationen, werden Erwartungen getäuscht und Wahrnehmungen gestört. Vom Leser erwartet sie nichts weniger, als sich ihrer Widerspruchslogik zu fügen und als Strukturprinzip des Textes anzunehmen, dass zu einem Satz leicht auch der Gegensatz, zu einem Bild eben auch ein Gegenbild gehört“ (Kremer 1993, S. 318). Wenn Kremer hier treffend von einer „Widerspruchslogik“ spricht, stellt sich die Frage, wem diese Hoffmannsche Logik denn widerspreche. Die Antwort dürfte klar sein: Die Hoffmannsche Logik widerspricht der klassisch-monokontexturalen Logik, und gerade die PB weist eine im folgenden zu demonstrierende chiastische Struktur auf, wie sie nur transklassisch-polykontexturalen Logiken eigen sein können.
Bevor wir zur chiastischen Struktur kommen, ist es noch wichtig, die folgende Feststellung Kremers zu berücksichtigen: „Der simulierte Tanz des Prinzen mit der Prinzessin vollzieht sich zugleich als hermenetische Selbstreflexion“ (1993, S. 321). Kremer weist ferner darauf hin, dass Luhmann in seinen „Beobachtungen der Moderne“ „im Zusammenhang von Paradoxie, die aus Selbstreferenz resultiert, erstaunlicherweise auf Hoffmanns ‚Prinzessin Brambilla‘ verweist“ (1993, S. 322, Anm. 173). Luhmanns Original-Wortlaut: „Die Beobachtung derjenigen Oppositionen, die das re-entry erster oder zweiter Ordnung vollziehen, läuft auf die Beobachtung der Erzeugung und Entfaltung einer Paradoxie hinaus. Das Aussen ist nur innen ugänglich. Die Beobachtung beobachtet die Operation der Beobachtung; sie beobachtet sich selbst als Objekt und als Unterscheidung, oder, nach den Vorstellungen der Romantik, als Doppelgänger oder asymmetrisiert als Maske, im Spiegel, von innen und von aussen, aber immer mit eigenen Operationen, also höchst individuell. Ihre mathematische Darstellung würde einen ‚imaginen Raum‘ erfordern, der nur für diesen Zweck erfunden ist. Jedenfalls würde es nicht genügen, in eine ‚Typenhierarchie‘ auszuweichen, die nichts weiter leistet als eine Verschleierung der Paradoxie durch eine dafür erfundene Unterscheidung von ‚Ebenen'“(Luhmann 1992, S. 75) – das Versagen der Typentheorie angesichts von Selbstreferenz und daraus resultierenden Paradoxien ist einer der Hauptgründe, weshalb die polykontexturale Logik eingeführt worden war.
Da anzunehmen ist, dass am Ende des Prozesses einer unendlichen Selbstreflexion, dann also, wenn alle Hamilton-Kreise der subjektiven Negativität durchlaufen sind, diejenige strukturlogische Form erreicht ist, wo die Individualität des selbst zu Reflektierenden ausgelöscht ist, hat Kremer wohl auch darin recht, dass er die Brambilla als eine Prinzessin beschreibt, „die ihre Kontur und Identifikation in einem unendlichen mythischen Tanz abwerfen möchte“ (1993, S. 324). Es ist auch wahr, dass sich die PB „jeder hermeneutischen Zudringlichkeit entzieht“ (1993, S. 324), denn der hermeneutisch-formale Prozess der polykontexturalen Logik nimmt mit jedem neu zu durchlaufenden Hamiltonkreis ab. Hoffmann selbst hat diesen Sachverhalt wie folgt ausgedrückt: „Ich denke mir mein Ich durch ein Vervielfältigungsglas – und alle Gestalten, die sich um mich herum bewegen, sind Ichs“ (E.T.A. Hoffmann, Tagebücher. Nach der Ausgabe Hans v. Müllers mit Erläuterungen hrsg. von Friedrich Schnapp. München 1971, S. 107 [Tagebucheintrag vom 6.11.1809])3.
Die Putzmacherin Giacinta ist verlobt mit dem armen Schauspieler Giglio Fava (PB, S. 11). Es ist die Zeit kurz vor dem römischen Karneval, und es geht das Gerücht, dass „die weltberühmte Prinzessin Brambilla aus dem fernen Äthiopien“ bereits in die Stadtmauern eingezogen sei, und zwar deshalb, „weil sie glaubt, unter den Masken des Corso ihren Herzensfreund und Bräutigam, den assyrischen Prinzen Cornelio Chiapperi, aufzufinden“ (PB, S. 20). Giglio trachtet nun „mehrere Tage hintereinander vergebens darnach […], auch nur das mindeste von der Prinzessin Brambilla zu erspüren […]. Nur sein Traum war sein Leben, alles übrige ein unbedeutendes, leeres Nichts“ (PB, S. 27). Doch Giacinta erscheint ihm auf dem Balkon des Meisters Belcapi als Brambilla, und Brambilla, mit der er am Karneval maskiert tanzt, erkennt er nicht als Brambilla. Giglio ist also hinter Brambilla her, während Giacinta davon träumt, dass Chiapperi sie heimführe. Hinzukommt, dass sich Giglio selbst für Chiapperi hält (PB, S. 55) und von Belcapi auch für Chiapperi gehalten wird (PB, S. 72). Schliesslich wird Giglio von dem Zauberer Celionati, der ihn ebenfalls für Chiapperi hält, wie folgt aufgeklärt: “ ‚Wisst, mein Fürst, dass diejenige Person, die man Euch unterschob statt der Prinzessin niemand anders ist als eine artige Putzmacherin, Giacinta Soardi geheissen!‘ – ‚Ist es möglich?‘ rief Giglio. – ‚Aber mich dünkt, dies Mädchen hat zum Liebhaber einen miserablen bettelarmen Komödianten, Giglio Fava?‘ – ‚Allerdings‘, erwiderte Celionati; ‚doch könnt ihr euch wohl denken, dass eben diesem miserablen bettelarmen Komödianten, diesem Theaterprinzen die Prinzessin Brambilla nachläuft auf Stegen und Wegen und eben nur darum Euch die Putzmacherin entgegenstellt, damit Ihr vieleicht gar in tollem wahnsinnigem Missverständnis Euch verlieben in diese und sie abwendig machen sollt dem Theaterhelden?'“ (PB, S. 27).
Noch mehr Verwirrung entsteht, als dann der offenbar „richtige“ Chiapperi auftaucht: “ ‚Ich weiss nicht‘, erwiderte der junge artige Mensch, indem er beide, den Abbate und den Impresario, ganz verwundert anblickte, ‚ich weiss nicht, meine Herren, was ihr eigentlich von mir wollt. – Ihr redet mich mit einem fremden namen an, ihr sprecht von mir ganz unbekannten Dingen – ihr tut, als wäre ich euch bekannt, unerachtet ich mich kaum erinnere, euch jemals in meinem Leben gesehen zu haben“ (PB, S. 96). „Wäret Ihr doch früher gekommen, bester Signor Celionati, um mich von zwei Überlästigen zu befreien, die mich durchaus für den Schauspieler Giglio Fava halten, den ich – ach, Ihr wisst es ja – gestern in meinem unglücklichen Paroxismus auf dem Korso niederstiess, und die mir allerlei abscheuliche Dinge zumuteten. – Sagt, bin ich denn wirklich jenem Fava so ähnlich, dass man mich für ihn ansehen kann?‘ – ‚Zweifelt‘, erwiderte der Ciarlatano höflich, ja beinahe ehrerbietig grüssend, ‚zweifelt nicht, gnädigster Herr, dass Ihr, was Eure angenehmen Gesichtszüge betrifft, in der Tat jenem Schauspieler ähnlich genug sehet, und es war daher sehr geraten, Euern Doppelgänger aus dem Weg zu räumen“ (PB, S. 98). „Der junge Mann leidet nämlich an dem chronischen Dualismus“ (PB, S. 100). Es stellt sich auch noch heraus, dass der Capitan Pantalon, der den Giglio Fava in jenem Duell auf dem Corso niedergestreckt hatte, niemand anders war als der Prinz Chiapperi (PB, S. 104).
Hoffmann löst die Verwirrung, die er durch sein ganzes Buch zwischen Giacinta und Brambilla, zwischen Fava und Chiapperi, eingeschlossen den Capitan Pantalon, angerichtet hatte, auf unnachahmlich subtile Weise: „Mitternacht war vorüber, das Volk strömte aus den Theatern. Da schlug die alte Beatrice das Fenster zu […]. Die Türe ging auf, und herein trat Giglio Fava mit seiner Giacinta“. Diese spricht dann: “ ‚Aber denkst du denn nicht daran, welch ein Tag heute ist? Ahnst du nicht, in welchen verhängnisvollen Stunden die besondere Begeisterung uns erfasste? Erinnerst du dich nicht, dass es heute gerade ein Jahr her ist, da wir in den herrlichen hellen Urdarsee schauten und uns erkannten?‘ – ‚Giacinta‘, rief Giglio in freudigem Erstaunen, ‚Giacinta‘, was sprichst du? – Es liegt wie ein schöner Traum hinter mir, das urdarland – der Urdarsee! – Aber nein! – es war kein Traum – wir haben uns erkannt! – O meine teuerste Prinzessin!‘ – ‚O‘, erwiderte Giacinta, ‚mein teuerster Prinz'“ (PB, S. 110f.). Ohne weiteren Kommentar erhalten wir damit das folgende chiastische Schema:

dem die polykontexturale Proömial-Relation zugrunde liegt, welche jede Relation – also auch diejenigen der monokontexturalen Logik – als solche konstituiert. Sie „definiert den Unterscheid zwischen Relation und Einheit oder – was das gleiche ist – zwischen der Unterscheidung und dem, was unterschieden ist, was wiederum das gleiche ist wie der Unterschied zwischen Subjekt und Objekt“ (Günther 1999, S. 22f.). Kaehr formalisierte die Proömialrelation wie folgt (1978, S. 6):

Die Proömialrelatiom durchkreuzt somit die Unterscheidung von Subjekt und Objekt, indem sie die jeweiligen dichotomischen Glieder austauschbar macht. Da in dem obenstehenden Diagramm sowohl Giglio und Chiapperi einerseits, als auch Giacinta und Brambilla anderseits in einer Austauschrelation stehen und da jeweils eine männliche Person mit einer weiblichen in einer Ordnungsrelation steht, können wir die vier Personen des chiastischen Schemas für die relationalen Glieder (Ri+1, Ri, xi, xi-1) einsetzen. Ein wesentlich komplizierteres Schema aus mindestens dreimal drei relationalen Gliedern liegt den ET zu Grunde. Alle drei Kriterien, welche für polykontexturale Konzeptionen charakteristisch sind – Aufhebung der Grenze zwischen Subjekt und Objekt, das Auftreten von Reflexionsresten sowie die Aufhebung der Individualität – münden also in den Chiasmus; anderseits bildet dieser die Basis für die drei Kriterien: Relator und Relatum, Operator und Operand sind also dialektisch vermittelt und somit selbst wiederum proömiell-chistisch strukturiert.
Sicherlich wäre es lohnenswert, Hoffmanns Werk einmal nicht vom literarischen bzw. literarhistorisch-interpretierenden, sondern vom seinem Werk zugrunde liegenden philosophischen (logischen, ontologischen und metaphysischen) Gehalt her zu analysieren. Mit dem Vorurteil aufgeräumt zu haben, dass es mit der Philoosphie des E.T.A. Hoffmannn nicht weit her sei und ihn als transklassischen Denker ausgewiesen zuhaben, war das Ziel der vorliegenden Abhandlung.
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English Summary
In an exemplary manner it is shown that polycontextural texts fulfil the following three criteria: First, the aboliton of the border between subject and object; second, the appearing of rests of reflexions; third, the abolition of identity and individuality. These three criteria reveal clearly the philosophical background of the work of E.T.A. Hoffmann. All of these criteria lead to the prooimial-chiastic relation that forms the basis of polycontextural theory, while on the other side, the prooimial-chiastic relation leads to these three criteria so that relator and relatum, operator and operandum influence one another and thus are prooimial-chiastically strctured themselves.
Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. Alfred Toth
8225 East Speedway, Apt. 1013
85710 Tucson, Arizona
U.S.A.
1 Hinzu kommen die für die folgenden Argumentationen nicht unwichtigen Fehleinschätzungen von Hoffmanns Person: „Alkoholismus hat sich bei H[offmann] nicht auf rein zufällige Art entwickelt. Er war mit einem neuropathischen Erbgut schwer belastet und war selbst allezeit, trotz seiner bemerkenswerten intellektuellen Fähigkeiten, ein Anormaler, ein Psychopath. Der Alkohol wirkte auf seinen Geisteszustand in doppelter Weise: er verstärkte seinen schon vorher bestehenden Zustand der inneren Unausgeglichenheit, und er fügte noch die ihm eigentümlichen Stigmen hinzu, unter denen Wahnträume bei Tag und Nacht den ersten Platz einnahmen. Mehr noch als sein Geist wurde die physische Gesundheit H.’s angegriffen, und er erlag in fünf Monaten einer fortschreitenden Alkoholpolyneuritis. Die meisten Werke, die H. hinterlassen hat, wurden in den letzten fünfzehn Jahren seines Lebens geschrieben, d.h. in der Zeit, in der er regelmässig trank. Das erklärt, dass ihnen der Stempelk des Alkohols aufgeprägt ist, und dass man überall die Spuren des Wahnsinns findet, deren Opfer er war (Lange-Eichbaum 1967, S. 391f.). Der gegenwärtige Autor kann sich hier eines Kommentars nicht enthalten: Wer – wie in diesem Aufsatz nachgewiesen werden wird – wie Hoffmann in zwei Kontexturen lebt, der muss schon deshalb auch in der „Halbwelt“ leben, weil die platonische Dyas ja sowohl das Verhältnis 2:1 als auch dasjenige 1:2 einschloss (und damit die 2 bereits als polykontexturale, weil hermeneutisch relevante, Zahl auswies).
2 Ich verwende neben den üblichen folgende Abkürzungen: ET = Die Elixiere des Teufels; GT = Der goldne Topf; PB = Prinzessin Brambilla; ZZ = Klein Zaches, genannt Zinnober. Seltener zitierte Werke Hoffmanns werden ausgeschrieben.
3 Die Quellenangabe dieses Zitates verdanke ich Herrn Prof. Dr. Bernhard Schemmel (Bamberg).
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