Ein anderer Blick auf die Welt

Ein anderer Blick auf die Welt

Das Denken und die Kultur der Kogi

Autor: Lucas Buchholz
Kategorie: Schamanismus
Ausgabe Nr: 82

Lucas Buchholz erhielt von einem Weisen der Kogi, eines indigenen Stammes, der im Gebirge im Norden Kolumbiens beheimatet ist und bisher kaum in Kontakt mit der globalisierten Moderne stand, die Einladung sie zu besuchen, um ihre Lebensweise, Organisation und Denkweise kennenzulernen. In diesem Gespräch teilt er mit uns das Wissen und die Einsichten einer hochentwickelten Kultur, die seit Jahrtausenden im friedlichen Einklang mit ihrer Umgebung und Mutter Erde leben. Was können wir in dieser Zeit voller dringlichen Fragen von ihnen lernen?

Tattva Viveka: Wie kam es dazu, dass du die Kogi in der Sierra Nevada in Kolumbien besuchen konntest, und wie lange hast du bei ihnen gelebt?

Buchholz: Ich lernte die Kogi in Frankfurt, der Stadt, in der ich aktuell lebe, kennen. Zwei von ihnen waren hier, um über das Kaffee-Projekt, über das sie den Kaffee verkaufen, der bei ihnen wächst, zu sprechen. Mit dem erhaltenen Geld kaufen sie das Land, das ihnen in den letzten 500 Jahren abhandengekommen ist, zurück. Ich schrieb dem Organisator eine E-Mail und fragte, ob sie noch einen Übersetzer brauchen. Er antwortete: »Ja, wir brauchen auf jeden Fall noch einen Übersetzer und übrigens auch einen Schlafplatz.« Am Ende übernachteten sie bei uns zu Hause. Ein Dreivierteljahr später waren sie erneut in Deutschland. Wir trafen uns wieder, und ich habe noch mal für sie übersetzt. Daraufhin luden sie mich in ihr Dorf nach Kolumbien ein. Ich war knapp drei Monate lang dort und verbrachte in den verschiedenen Dörfern Zeit mit ihnen.

Das Denken und die Kultur der Kogi

Wenn ich in ihre Augen schaue, habe ich den Eindruck, ich schaue in das Leben selbst.

Lebensprinzipien der Kogi

TV: Ganz am Anfang deines Buches schreibst du, dass die Kogi nach bestimmten Prinzipien und Gedanken leben. Könntest du uns ein oder zwei dieser Lebensprinzipien vorstellen, die ihre Lebensführung prägen?

Buchholz: Das sind sehr verschiedene Prinzipien, teilweise größere, teilweise kleinere, teilweise äußern sie sich in Details. Eines dieser Prinzipien ist, dass die Kogi davon ausgehen, dass die Natur genial ist. Ihre grundlegende Ansicht ist:

So wie die Natur funktioniert, so wie sie in ganz natürlicher Weise eingerichtet ist, hat es nicht nur seinen Sinn, sondern ist auch unglaublich perfekt.

Das unterscheidet sich stark von dem, wie wir zum Beispiel die Natur und das Leben um uns herum wahrnehmen. An dieser Genialität der Natur richten sie ihr ganzes Leben aus. Ihr gesamtes Weltbild ist dadurch geformt, dass sie ihr einen unglaublich großen Respekt entgegenbringen und davon ausgehen, dass jede Pflanze, jedes Tier, jeder Zyklus, alles, was die gesamte Natur und die Ökosysteme ausmacht, genauso seinen Sinn hat, und dass wir Menschen viel davon lernen können.

Durch ihre sehr tiefe Kenntnis können sie auf eine sanfte Art und Weise zum Beispiel Landwirtschaft ohne jegliche Chemie oder Ähnliches betreiben, und sie haben trotzdem keine großen Ernteausfälle. Es ist nicht so, wie es uns manchmal erzählt wird, dass es ohne Chemie nicht möglich wäre, Landwirtschaft zu betreiben, weil wir sonst wieder große Missernten hätten. Sie zeigen, dass es bei ihnen seit 4.000 Jahren funktioniert und dass sie das wirklich umsetzen.

In dieser Fassung sind Auszüge aus dem Artikel wiedergegeben. Den vollständigen Artikel gibt es im Pdf, das unten bestellt werden kann.

TV: Wie ist es den Kogi gelungen, in den vergangenen 500 Jahren, in der Zeit, in der ganz Amerika nach und nach kolonialisiert und von der europäischen Kultur geprägt wurde, ihre Kultur zu bewahren? Wie gehen sie mit diesem Einfluss um?

Buchholz: Wie du schon sagtest, ist in den letzten 500 Jahren seit der Ankunft der Spanier sehr viel passiert. Die Kogi sind die Nachfahren der Tayrona. Die Tayrona bilden die Kultur, die in dieser Region früher komplett ausgebreitet war, und heute gibt es noch vier Völker, die von den Tayrona abstammen. Es waren, glaube ich, ursprünglich um die 80, die die Tayrona ausmachten. Vier davon sind die Kogi und ihre Nachbarvölker Arhuaco, Wiwa und Kankuamo. Das sind die Völker, die es heute noch gibt und die in diesem Gebiet leben. Sie unterscheiden sich voneinander in der Sprache und ein wenig in der Kultur. Es war das Glück der Kogi, dass sie sich aufgrund dieser besonderen Geografie in diesem Gebirge im Norden Kolumbiens, in der Sierra Nevada de Santa Marta, in die hohen Gebirgslagen zurückziehen konnten. Dadurch gelang es ihnen, ihre ursprüngliche Kultur zu 80 bis 90 % auf einem präkolumbianischen Status zu erhalten. Das ging aber nur, weil dieses Gebirge so steil und der gesamte Dschungel mit giftigen Tieren und Dornenhecken überzogen ist. So ist es für die Kolonisatoren nicht unbedingt attraktiv gewesen, dorthin hochzusteigen und zu schauen, was es dort oben gibt. Deswegen konnten die Kogi in diesen Höhenlagen fortbestehen und wurden von der kreolischen Mehrheitsgesellschaft in Kolumbien nur wenig tangiert.

Das Denken und die Kultur der Kogi

Bestimmte Dinge haben sich trotzdem geändert. Zum Beispiel ernährten sich die Kogi früher stark über den Fischfang. Sie aßen viel Fisch und kaum Fleisch. Das änderte sich, weil die Kogi den Zugang zum Meer unten an der Küste verloren haben. Heute halten sie deswegen Kleintiere. Aber es ist bis heute so, dass sie ihre eigene Kultur und Sprache haben, ihre eigene Kleidung und eigene alltägliche Gegenstände herstellen, ihre eigenen Häuser bauen, ihr eigenes Essen anbauen, ihre eigene Religion und Musik pflegen.

Die Religion der Kogi

Buchholz: Die Religion ist das, was wir als Naturreligion bezeichnen. Sie gehen von der Grundlebendigkeit von allem aus. Die Kogi können kulturell als ein Matriarchat charakterisiert werden.

Sie sind nicht wie fast der Rest des Planeten patriarchal geprägt, sondern das Weibliche, die Frau, die Erde stellen das Heiligste überhaupt dar.

Das ist wirklich ungewöhnlich und auch etwas, was es kaum noch gibt. Dies zeichnet sich auch in ihrer Religion ab.

Es ist eine sehr friedfertige Religion, die auf das Weibliche, die Zyklen, das Lebendige und auf die Achtung dem Lebendigen gegenüber ausgelegt ist. Das beginnt zum Beispiel damit, dass Gott im Kern weiblich ist. Sie gehen von einer urweiblichen Gottheit aus.

Das ist sehr anders als das, was wir in anderen Kontexten sehen. Gleichzeitig gibt es für sie trotzdem das Prinzip der Polarität. Es gibt einen Vater und eine Mutter der Dinge. Das Ganze ist sehr auf das Nähren und Erhalten des Lebendigen und auf den Fortschritt des Lebens ausgerichtet. Das ist der Kern und auch ihr Selbstverständnis.

Sie verstehen sich selbst als die Hüter des Herzens der Welt. Es gibt dort weise Männer und Frauen, die ihr ganzes Leben lang nichts anderes tun, als – wie sie selber sagen – auf dem Berg zu sitzen und mit ihren Gedanken die Welt in den Fugen zu halten.

Natürlich kann man sagen, dass wenn man sich die Welt ansieht, es nicht so gut klappe, was sie machen. Aber man kann auch fragen, wie die Welt aussähe, wenn sie es nicht täten.

Sie gehen davon aus, dass, anders als wir es denken, jede neue Generation weniger weiß als die vorhergehende.

Wir gehen von einer Vermehrung des Wissens aus und glauben, dass wir uns in einem Fortschritt befinden. Die Kogi fragen aber an dieser Stelle: »Wenn ihr euch das Wort Fortschritt anschaut, wovon schreitet ihr fort? Wovon entfernt ihr euch eigentlich?« Das Prinzip der Entwicklung ist bei ihnen nicht so stark ausgeprägt, sondern vielmehr das Prinzip des Bewahrens und des Hütens dessen, was als Genialität, als Ursprung übergeben worden ist. Das heißt aber nicht, dass die Kogi völlig vergangenheitsfixiert sind, sondern ich habe auch ein Kapitel in meinem Buch »Der Ursprung ist immer« genannt.

Der Ursprung ist ein natürliches und grundlegendes Prinzip für sie. Der Ursprung ist nicht der Anfang, sondern etwas, das immer da ist, und womit man sich jederzeit, egal, wo oder wann man lebt, verbinden kann.

Wenn Sie mehr über die Religion der Kogi erfahren möchten, können Sie den vollständigen Artikel als Pdf unten bestellen und herunterladen.

TV: Welches Verständnis haben die Kogi von Individualität? Werden das individuelle Wollen, Wünschen und Begehren miteinbezogen? Individualität ist ein zentrales Element unserer westlichen Gesellschaft sowie auch die Wünsche des Individuums.

Buchholz: Wenn die Kogi Entscheidungen treffen, werden alle Entscheidungen auf drei Ebenen ausgelegt: auf der Ebene des Individuums, der Gemeinschaft und des Territoriums. Sie sprechen immer vom Individuellen, Gemeinschaftlichen und Territorialen. Ich glaube, dass die Kogi am Ende nicht unbedingt individueller, aber souveräner sind. Wirklich im Sinne einer souveränen Individualität. Sie sind es mehr als wir, weil die Abhängigkeiten der Kogi von anderen Menschen viel geringer sind als bei uns. Sie sind zum Beispiel als Familie in der Lage, autonom für ihre eigene Nahrung, eigene Kleidung und ihre eigene Behausung zu sorgen. Die Kogi sind für ihre Grundbedürfnisse nicht von ihrem Stamm abhängig. Sie sind klar von der Natur abhängig, weil sie Holz brauchen, ihre Nahrung anbauen und so weiter. Aber wir müssen es uns bei uns ansehen: Wer von uns wäre wirklich in der Lage, sich selber zu kleiden, zu ernähren und eine Behausung zu finden, ohne von anderen Menschen abhängig zu sein?

Ein anderer Blick auf die Welt

Die Kogi leben hauptsächlich in der Familie. Da sie im Gebirge leben, haben sie auf verschiedenen Klimazonen meistens einen Bauernhof: einen im tropischen, einen im gemäßigten und einen im kalten Klima, und damit eine große Vielfalt an Nahrungsmitteln, die sie kultivieren. In die Dörfer kommen sie nur alle zehn oder vierzehn Tage, um dort gemeinschaftliche Dinge zu besprechen. Das tägliche Leben ist durchaus individuell. Sie stehen auf, wann sie wollen, arbeiten, wann sie wollen, und so weiter. Es gibt niemanden, der ihnen sagt, dass sie dies oder jenes tun sollen. Gleichzeitig unterscheidet sich das, was sie von ihrer Kultur und ihren Werten her wollen, nicht so stark. Es kommt niemand und sagt: »Ich möchte unbedingt Seefahrer oder Astronaut werden.« Sondern sie haben ihr Selbstverständnis, und das ist etwas, was wir aktuell häufig suchen. Wie viele Menschen sind auf der Suche nach ihrer Berufung und dem Sinn ihres Lebens. Das ist momentan ein präsentes Thema. Dieses Problem haben die Kogi überhaupt nicht, sondern sie scheinen zu wissen, wer sie sind.

Erfahren Sie im zweiten Teil des Interviews weitere spannende Einblicke in die Kultur der Kogi. Teil 2 erscheint in Tattva Viveka 83.

Der Autor Lucas Buchholz

Über den Autor

Lucas Buchholz schloss sein Studium mit dem Master in Friedens- und Konfliktforschung ab. Er schrieb das Buch Kogi – Wie ein Naturvolk unsere moderne Welt inspiriert und zeigt in Seminaren und Vorträgen auf, wie das Natürliche und Lebendige uns Zugänge zu Erfolg in unseren Leben und unseren Unternehmungen ermöglicht. Derzeit führt er Co-Regie bei dem Kino-Dokumentarfilm Success, der gelingende und inspirierende Beispiele eines neuen lebendigen Verständnisses von Erfolg darstellt.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Lesen Sie die vollständige Fassung in Tattva Viveka 82 oder downloaden Sie diesen Artikel einzeln als ePaper für 2,00 € (PDF, 8 Seiten).

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1 Kommentar
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    Markus Scheuring
    Veröffentlicht um 10:19h, 22 März Antworten

    Spannend. Aehnliche Kultur im Hochland von Peru: Q’eros. Die Hunzas in Pakistan sind leider scheinbar ein Mythos.

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