Emotionaler therapeutischer Missbrauch

Emotionaler therapeutischer Missbrauch

Schattenseiten therapeutischer Praxis

 

Autor: Jörg Fuhrmann
Kategorie: Psychologie
Ausgabe Nr: 65

 

Emotionaler therapeutischer Missbrauch

 

Emotionaler Missbrauch in therapeutischen Beziehungen kann viele verschiedene Formen annehmen. Missbräuchliches Verhalten von Therapeuten resultiert aus den eigenen unverarbeiteten Schattenanteilen und fehlender persönlicher Integration. Die eigenen persönlichen Ängste und Befangenheiten durchzuarbeiten ist ein jahrelanger Prozess. Eine gesunde Therapie versucht nicht, den Klienten zu bevormunden, sondern vertraut auf dessen Fähigkeit zur Selbstregulation.

 

Das Einfache ist aber immer das Schwierigste. – C.G. Jung

 

Da Menschen das Recht auf eine professionelle, kompetente Arbeitsweise besitzen, die zu einer erwünschten Entwicklung beiträgt, geht es mir in diesem Artikel um Aufklärung vor allem in Bezug auf das Tabuthema »Emotionaler Missbrauch« im therapeutischen Setting, welches den Behandlungsverlauf nicht nur soweit behindern kann, dass »Heilung« erschwert wird, sondern auch insofern, als sogar weiterer Schaden verursacht werden kann. Eine meiner Klientinnen bezeichnete ihre vorherigen Erlebnisse gar als »emotionales Töten« oder »Brechen des Patienten«. Ich beziehe mich im Speziellen auf das therapeutische und psychologisch beratende Wirkfeld (v.a. auf den Bereich der freien Berater, Coaches und Therapeuten) – da ich selbst aus dem Bereich komme. Missbrauchserscheinungen dieser Form treten jedoch berufsspartenübergreifend auf und zeigen sich so z.B. auch in pädagogischen, medizinischen, pflegerischen und geistlichen Einrichtungen. Vorab dieses nicht einfachen Artikels möchte ich festhalten, dass ich grundsätzlich davon ausgehe, dass jeder Berater, Coach, Therapeut eine positive Grundhaltung bzgl. des Menschen und seiner Entwicklungsmöglichkeiten inhärent mitbringt – sprich: dass er positive Absichten hegt. Ferner ist die grundsätzliche Frage eines jeden Beratungs-/ Therapieprozesses, ob der Hilfesuchende selbst (wirklich) die Veränderung anstrebt. Somit trägt der Therapeut nicht die Verantwortung für den Transformationsprozess im Klienten selbst, wohl aber für das Setting, den Rahmen, den bewussten Umgang mit seinen eigenen Schattendynamiken und denen, die im gemeinsamen Prozess entstehen können. Die Qualifikation eines gut ausgebildeten Therapeuten ist darauf ausgerichtet, emotionalen Missbrauch zu vermeiden.

Kurzer Überblick

Emotionaler Missbrauch zeigt sich nicht im einheitlichen Gewand, wodurch er oftmals schwer zu erkennen ist. Er ist nicht einfach plötzlich da, sondern kann sich schleichend aufbauen oder intervallartig erscheinen. Anzeichen für emotionalen, therapeutischen Missbrauch können sein:

  • Therapeut überschreitet seine Kompetenzen
  • Therapeut weiß, was gut/ schlecht/ richtig für die Lebenspraxis des Klienten ist
  • Therapeut deutet/ interpretiert/ gibt Ratschläge auf festschreibende Weise
  • Schablonenhaftes Schwarz-Weiß-Denken ohne Alternative seitens des Therapeuten
  • Therapeut ist nicht in der Lage einen Fehler einzugestehen/ zurückzunehmen
  • Therapeut erhöht sich durch die Klienten-Sehnsucht nach einer Vaterfigur selbst
  • Haltung des Klienten »Der Heiler/Guru ist alles – ich bin nichts« nicht konfrontiert
  • Top-Down-Kommunikationsstil: »Ich weiß alles – Du weißt nichts.«
  • Suggestive Angebote: »(Nur) durch meine Methode wirst Du frei/ gesund etc.!«
  • Negativ-Suggestion: »Wenn Du nicht das machst, dann wird XYZ passieren!«
  • »Labeling« des Klienten mit stigmatisierenden Zuschreibungen (auch ICD-10)
  • Ängste/ Konflikte beim Klienten werden nicht wahr/ ernst genommen
  • Aufbegehren gegen Bevormundung wird rein als Abwehr/ Widerstand gedeutet
  • Selbstaufgabe des Klienten/ Flucht ins Autoritäre (Erich Fromm)
  • Minderwertigkeitsgefühle/ Ohnmacht des Klienten verstärken sich
  • Klient befragt den Therapeuten zu allem und jedem (Vgl. Wahrsage-Hotline)
  • Doppeldeutige Angebote (auf privater/beruflicher Ebene) seitens des Therapeuten
  • Entstehung intensiver Verbindungen außerhalb der therapeutischen Arbeit
  • Bruch des therapeutischen Schweigegebotes durch den Therapeuten

 

Da die Hauptmechanismen von Opfern emotionalen Missbrauchs Verdrängung und Verleugnung sind, ist ein Selbsterkennen der Situation oft erschwert. Laut Karen Horney erkennt derjenige möglicherweise einen schamlosen Übergriff nicht einmal oder er vergisst einen einmal bewusst gemachten Missbrauch aufgrund der perfekt arbeitenden Verdrängungsmechanismen wieder. Der Missbrauchte ist nicht mehr ausreichend in der Lage, die Gegebenheiten im Außen sowie seine innere Gefühlswelt richtig wahrzunehmen, geschweige denn einzuschätzen und dieser dann selbst zu vertrauen. Emotionaler Missbrauch führt in der Regel zum Scheitern des Therapieprozesses, da er die Lebens- und Entwicklungsgrundlage des anderen schädigt und somit kein Arbeitsfundament mehr gegeben ist. Die Schädigung des Seelenlebens des Klienten kann weitreichende Züge annehmen. Die Folgen können sehr unterschiedlich ausfallen und stehen in Abhängigkeit zum psychischen Gesundheitszustand des Klienten. Bei massiven Verdrängungs- und Verleugnungsprozessen können beim Klienten schwere psychische Belastungen auftreten sowie psychosomatische Folgeerscheinungen und soziale Probleme. In den folgenden Abschnitten werde ich näher auf die Ursachen und Phänomene eingehen, welche mit dem Thema auftreten.

 

Emotionaler Missbrauch

 

Verkennung des Machtgefälles in Beratung, Coaching & Therapie

Die Übertragung kindlicher Wünsche und Gefühle vom Klienten auf den Therapeuten mit seiner geschulten Reaktion ermöglicht es dem Klienten, sich selbst zu erfahren und so an sich zu arbeiten. Dabei muss der Therapeut in der Lage sein, eine von sich selbst ausgehende Gegenübertragung zu erkennen sowie die in den eigenen Projektionen enthaltenen Schattenanteile soweit möglich wahrzunehmen und mit den darin enthaltenen Bildern, Gedanken, Emotionen und Impulsen einen professionellen Umgang zu pflegen. Folglich bedingt die dialogische Situation in der Psychotherapie (eine zumindest projektive) Ungleichheit der Rollen vom Therapeuten als vermeintlich Wissenden, Helfenden sowie Heilenden und dem Klienten, als Fragendem, Bittenden und Bedürftigen. Vor allem die lösungsorientierte Therapie sowie die klassische Hypnosetherapie und auch daraus aufbauende Konzepte, wie bspw. das NLP, haben diesem Macht-Aspekt im Beratungs- und Therapiesetting häufig nicht genügend Beachtung geschenkt. Sándor Ferenczi hat bspw. bereits 1910 darauf hingewiesen, dass Übertragung die entscheidende Gefühlsgrundlage für Suggestion und Hypnose-Induktion sei. Dabei übertrage der Klient unbewusst die in jedem Menschen vorhandene, aber durch Zensur verdrängte Neigung zu blindem Glauben und Gehorsam auf den Therapeuten.

 

Therapeutischer Missbrauch

 

Barbara Heimannsberg bemerkt jedoch hierzu, dass jede Therapieform mit suggestiven Elementen durchsetzt ist, selbst wenn sie aufdeckend orientiert ist. Auf Veränderung abzielenden Sprachhandlungen, wie bspw. in der Hypnotherapie, wollen Veränderung bewirken und müssen demzufolge natürlich Macht ausüben, so Jürgen Kriz. Besonders im Bereich des NLP ist das Machen-Wollen im Sinne einer »Optimierung« von »Zuständen« bei vielen Zeitgenossen vordergründiges »Programm«. Der Wunsch einen anderen Menschen rasch von als allzu leidvoll erlebte Erfahrungsräume wegzubringen und diese zu »normalisieren«, was immer »normal« auch sei, ist dabei durchaus nachvollziehbar, dennoch im Sinne von ganzheitlicher »Heilung« alles andere als hilfreich. Laut der Jungianerin Marie-Louise von Franz geht es im Leben überhaupt nicht darum vom Leid erlöst zu werden, sondern darum, seine eigene Seele zu finden. Wobei wiederum nicht das »Ziel« des Findens, sondern der Prozess des Weges entscheidend ist. In diesem Punkt sieht man einen wesentlichen Unterschied in der therapeutischen Grundhaltung. Daher würde man in der Psychoanalyse diese Tendenz des »Zum-vermeintlich-Positiven-verändern-Wollens« als sogenannte »positive Gegenübertragung« bezeichnen, bei welcher der Therapeut mitunter einem unbewussten Allmachtsanspruch alles heilen zu können frönt. Macht an sich lebt vom Glauben daran, andere Menschen von außen instruieren und optimieren zu können – was ja mit Hilfe von Sprache auch unzweifelhaft möglich ist (bspw. Werbung/ Massen-Bewegungen etc.). Diese – im Sinne einer ethischen Therapie – »fixe Idee« finden wir leider auch allzu häufig in der Pädagogik wieder. Natürlich ist es möglich einen anderen zu formen und zu dressieren, in der Art, wie man etwa – gemäß der eigenen Projektionen – einen Hund oder eine Ratte auf Futter abrichtet, aber dies fördert eher die Ausbildung eines »falschen Selbst«, wie Gruen es nennt, und verkörpert somit das Gegenteil von dem, was die Humanistische Psychologie als »Heilung« auffassen würde. […]

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 12: Berthold Röth – Fritz Perls und die Gestalttherapie. 
Darstellung der psychotherapeutischen Methode

TV 19: Dipl. Psych. Utz Schulze – Was ist Schuld?
 Überraschende Antworten eines Psychologen

TV 28: Dominik Irtenkauf – Alchemie. Ursprung der Tiefenpsychologie

TV 38: Stanislaw Grof – Außergewöhnliche Bewusstseinszustände. 
Heilung durch transpersonale Psychologie

TV 45: Dr. Thomas Wachter – Die Heilung des Ego.
Zur Bedeutung der Emotionen für unser authentisches Selbst

TV 46-47: Dr. Sylvester Walch – Holotropes Atmen. 
Heilung durch veränderte Bewusstseinszustände

TV 54: Jutta Nebel – Hochsensibilität. Was ist das?


 

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