Gott 9.0

Gott 9.0

Auf dem Weg zu einem integralen Gottesbild und darüber hinaus

Autor: Marion Küstenmacher
Kategorie: Theologie
Ausgabe Nr: 71

Die Theologin Küstenmacher zeigt in Anlehnung an die Integrale Theorie, dass das menschliche Bewusstsein durch Entwicklungsstufen hindurch geht. Diese sind individuell, kollektiv und auch religiös wirksam. Hierbei ist eine Unterscheidung der Stufen von den Zuständen wichtig. Es ist möglich, hohe Bewusstseinszustände mystischer Art zu erreichen und gleichzeitig auf einer frühen Entwicklungsstufe zu sein. Die gegenwärtig wichtigste Entwicklungsstufe ist die integrale. Sie integriert die Dualitäten, vor allem die zwischen Religiösem und Weltlichem.

Die Stufen des Bewusstseins

Dank den Forschungen aus zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen entsteht heute ein aufregendes Update unseres Wissens über die Entwicklungsstrukturen des Religiösen. Das Symbol für die Stufen ist eine sich nach oben erweiternde Spirale mit bunten, ineinander strömenden Streifen.

Entwicklungsstufen des Bewusstseins

Jede Farbe markiert einen psychosozialen Werteraum und bleibenden kulturellen »Gedächtnisspeicher« von Individuen und Gesellschaften. Jede Stufe setzt sich aus vielen Faktoren zusammen: kognitive Erkenntnisfähigkeit, Weltbild, Wertesysteme, Glaubensvorstellungen, technische Möglichkeiten, kulturelle Organisationsprinzipien u. v. m. Jede Stufe erweitert unser Verständnis von Wirklichkeit und unsere Problemlösungskompetenzen. Der Weg über die Stufen fördert dadurch die Zunahme von Intelligenz, Mitgefühl, Toleranz, Friedfertigkeit und Humanität in Richtung Weltethos.

Die Stufen (Auswahl)

1.0 BEIGE

1.0 - BEIGE

Beginn vor über 100 000 Jahren; instinkthaft gesteuertes Körperbewusstsein. Nahrung, Wasser, Wärme, Sicherheit haben oberste Priorität. Zu finden u. a. bei: Neugeborenen (jeder fängt wieder bei BEIGE an), Traumatisierten, Opfern eine Naturkatastrophe, Sterbenden. Gott als »Mutterbrust« und »große Hand«, die alles Leben in sich hält. Dualismus: Überleben oder Sterben. Charisma: lebendiger Anfängergeist.

3.0 ROT

3.0 ROT

Seit 10 000 Jahren; impulsiv egozentrisches Bewusstsein. Macht und Handeln. unerschrockene Helden und rücksichtslose Eroberer, Macht- und Kriegsgötter. Dualismus: Starke und Schwache. Charisma: Selbstvertrauen, Exoduskraft.

5.0 ORANGE

5.0 ORANGE

Seit ca. 600- 800 Jahren; vernunftbetontes, aufgeklärt-rationales Bewusstsein. Freiheit, Erfolg, Wohlstand, Effizienz, Demokratie, Trennung von Religion und Staat. Gewissensfreiheit, Mündigkeit, Autonomie des Einzelnen. Der persönlich zu suchende Gott, apersonale Gottesbilder oder Atheismus. Dualismus: Erfolgreiche – Verlierer. Charisma: Toleranz, kreativer Zweifel.

7.0 GELB

7.0 GELB

Seit ca. 60 Jahren; flexibles systemisches Bewusstsein. Die Struktur im Chaos erkennen, fließende Prozesse erfassen und widersprüchliche Ansätze nutzbringend integral einbeziehen. Nonduales trinitarisches Gottesbild, wechselseitiges Ineinander Wohnen von Mensch und Gott. Zusammenfallen der Gegensätze, erkennt das dahinterliegende Gesamtbild. Charisma: Paradoxes Denken, synthetisches Erkennen.

Jede neue Stufe erzeugt ein dringend benötigtes Wertewachstum für die Spirale. Trotzdem wird ein anlaufender Stufenwechsel von den darunterliegenden Stufen erst einmal boykottiert und so lange aktiv bekämpft, bis eine hinreichend große Anzahl von Menschen bereit ist, ihren Schwerpunkt auf die neue Stufe zu verlagern.

Finden Sie die vollständige Übersicht der Stufen 1-9 mit ausführlicher Erklärung in der Vollversion des Artikels. Enthalten in der Tattva Viveka 71, oder als ePaper zum Download. Zum Bestellen bitte nach unten scrollen!

Die Zustände des Bewusstseins

Erst 2006, vor gerade erst einmal elf Jahren, gelang Ken Wilber, Bewusstseinsphilosoph und Wegbereiter der Integralen Spiritualität, gemeinsam mit dem Neuropsychologen und Systemanalytiker Allan Combs eine bahnbrechende Erkenntnis. Sie befassten sich mit der offensichtlichen Tatsache, dass unterschiedlich tiefe spirituelle oder mystische Bewusstseinszustände zu allen Zeiten von Menschen aus allen spirituellen Traditionen und Kulturen erfahren wurden und uns heute in einer überwältigenden Zahl von Zeugnissen vorliegen. Das Problem war nur, dass ganz ähnliche Bewusstseinszustände trotzdem kulturell sehr unterschiedlich interpretiert wurden. Wilber und Combs erkannten, dass die Deutung einer spirituellen Erfahrung immer abhängig ist von den verschiedenen psychosozialen Werteräumen oder kulturellen Entwicklungsstufen, auf denen man sich befindet.

(…)

Im Gegensatz zu den Stufen sind unsere Bewusstseinszustände keine bleibenden Strukturen. Sie verändern sich ständig. Innerhalb eines Tag-Nacht-Zyklus von 24 Stunden kann man viele verschiedene Bewusstseinszustände erfahren, von hellwach bis todmüde, von überglücklich und im Flow, bis verwirrt oder bewusstlos.

(…)

Für Theologie, Glaube, Spiritualität und die vielen Übungswege einer Versenkungspraxis durch Gebet, Meditation und Kontemplation liegt aus meiner Sicht mit dem Wilber-Combs-Raster (und weiteren Elementen der Integralen Spiritualität) ein wunderbares Instrument für die Exegese Heiliger Texte und mystischer Zeugnisse vor. Es bietet uns die Möglichkeit, eigene evolutionäre Reifungsprozesse (Stufen) über spirituelle Biografiearbeit zu erfassen. Ebenso können wir unsere individuellen Gotteserfahrungen in ihrer unterschiedlichen Tiefe (Zustände) erfassen.

Ebenfalls aus der Integralen Theorie stammt dieser Aufsatz von Helmut Dörmann zu integralen Gottesverständnis: Von der multiperspektivischen Bewusstseinslage

Die ausführliche Beschreibung der Zustände finden Sie in der Vollversion. Sie können Sie am Ende dieses Artikels bestellen. 😉

Mystik macht nicht automatisch moralisch

Das Wilber-Combs-Raster hilft uns auch bei der Frage, warum sich Mystiker, Gurus oder Erleuchtete nicht unbedingt moralisch integer und liebevoll verhalten. Damit erklären sich bislang sehr widersprüchliche Phänomene in der Haltung von Schamanen, Propheten, Aposteln, Heiligen oder Mystikern. Ein paar Beispiele:

Schamanen (Stufe 2.0 und 3.0) können über Trancetechniken in sehr tiefe Bewusstseinszustände fallen und Alleinheitserfahrungen haben. Trotzdem sind sie an die Werte ihrer magisch-kriegerischen Stammeskulturen gebunden und haben kein Problem damit, Angehörige eines anderen Stammes auszurotten. Die grausam vormoralische Seite der Stufe 3.0 bebt noch an vielen Stellen im Alten Testament nach: Der Prophet Elia, Empfänger subtiler Bewusstseinszustände, schlachtet am Berg Karmel eigenhändig (!) 450 Baalspriester ab (1.Kön.18). Wie kann man ein Mann Gottes sein und zugleich als Massenmörder hemmungslos gegen das fünfte Gebot Jahwes »Du sollst nicht töten« verstoßen? Um es drastisch auszudrücken – Elia hat das gleiche Problem wie islamistische Terroristen heute: Seine Überzeugung ist bereits ein monotheistischer Glaube (Stufe 4.0), der Handlungsschwerpunkt seines Selbst liegt dagegen noch bei 3.0. Hier versucht das impulsive und noch nicht von Scham und Schuld regulierte Ego, angetrieben von fanatischen Machtwünschen, seinen heiligen Jahwe-Glauben rücksichtslos durchzusetzen.

Lesen Sie in der Vollversion noch mehr Beispiele, wie hohe Bewusstseinszustände mit moralischen Missständen zusammenfallen können.

Religiös aufgeklärt durch Stufen, spirituell erfahren durch Zustände

Für die Stufen gilt: Wir erfassen die Wirklichkeit so weit, wie wir (unseren Werten, Weltbildern, Gottesbildern entsprechend) auf dieser Stufe schauen können. Für die mystischen Zustände gilt: Wir sehen immer mehr durch unsere Alltagswirklichkeit »hindurch« bis zum letzten Grund Gottes. Darum bleibt es für jede Religion wichtig, allen Gläubigen neben dem evolutionären Stufenwissen um die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten auch den kontemplativen Weg des inneren Betens zu erschließen. Wer eigene Versenkungserfahrungen gemacht hat, liest seine Heiligen Schriften und die der anderen Religionen plötzlich mit anderen Augen. Die Texte fangen richtig zu leuchten an, sie sprechen nicht nur vom Geheimnis Gottes in der Tiefe, sie ziehen uns auch regelrecht hinein.

Eine dualistische Trennung zwischen der »bösen Welt« der Stufen und der »guten Welt« der mystischen Zustandserfahrungen ist für eine integrale Spiritualität angesichts dieser Doppelbegabung unseres Bewusstseins endgültig passé. Wer das einmal erkannt hat, kommt auch mit der doppelten Übersetzung von Jesu wunderbarem Wort vom »Reich Gottes« klar. Denn dieses Reich ist sowohl »mitten unter uns« (Stufen) als auch »inwendig in uns« (Zustände) als lebendiger Weg hin zu allumfassender Liebe und Allgüte gegenwärtig.

Marion Küstenmacher, Tilmann Haberer, Werner Tiki Küstenmacher
Gott 9.0 – Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird.
Gütersloher Verlagshaus 2010, 7. Aufl. 2016.

www.gott90.de

Unser Buch Gott 9.0 erschien 2010 als der Versuch, spirituell Interessierten einen leicht lesbaren Überblick über die Gesetzmäßigkeiten zu geben, die man inzwischen beschreiben kann. Einen großen Raum haben dabei die Stufen und die Zustände des Bewusstseins eingenommen.

GOTT 9.0

Unsere Autorin Marion Küstenmacher

Über die Autorin

Marion Küstenmacher, geb. 1956, evangelische Theologin und Germanistin, langjährige Arbeit als Verlagslektorin und Redakteurin. Zertifizierte Trainerin für Spiral Dynamics Integral™ und Mentorin für Wertimagination ©. Freiberuflich tätig als Autorin und Coach für spirituelle Persönlichkeitsbildung mit den Schwerpunkten integrale Philosophie, Bewusstseinsentwicklung  und Mystik.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Erfahren Sie mehr die Entwicklungsstufen des menschlichen Bewusstseins!

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