Alles fließt aus dem Einen

Alles fließt aus dem Einen

Bewegung als Weltprinzip bei Heraklit und im Daoismus

Autor: Dirk Grosser
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 106

Bewegung ist nicht unbedingt das Erste, was einem beim Thema Philosophie einfällt. Zumindest nicht in körperlicher Hinsicht. Weder Kant noch Sartre, Kierkegaard, Pascal oder Descartes waren als große Sportskanonen bekannt, sondern verstanden Bewegung eher als geistige Tätigkeit. In der Antike sah das größtenteils anders aus, und hier wurden zugleich auch die wegweisenden Theorien über Bewegung entwickelt, die auch heute noch Bestand haben und im Hinblick auf ein wahrhaft gelingendes Leben relevant sind.

Körperlichkeit und Bewegung spielten in der Antike aufgrund der Lebensverhältnisse, der vielen kriegerischen Auseinandersetzungen der Zeit und auch aufgrund des Selbstverständnisses vieler Philosophen eine gänzlich andere Rolle. So war Sokrates vor seiner Karriere als vermeintlicher »Wortverdreher« und »Verderber der Jugend« ein hartgesottener Bürger-Soldat (hoplit) und zeichnete sich in mehreren Schlachten durch seine Tapferkeit aus. Sein Schüler Platon indes bekam seinen Namen aufgrund seiner muskulösen Statur (plato bedeutet breit), die ihm als Ringer einige Erfolge bescherte. Kleanthes (ein Stoiker und Nachfolger des Zenon) war ursprünglich Boxer und verdiente sich seinen Lebensunterhalt mit der anstrengenden Tätigkeit des Wasserträgers.

Und Xenophon war nicht nur ein großer Denker, sondern auch Soldat, Kriegsberichterstatter und Feldherr, der am berühmten »Zug der 10.000« teilnahm.
Die praktische Ausrichtung ihrer Philosophie, die sich vor allem im Alltag beweisen musste, veranlasste den US-amerikanischen Stoa-Experten Donald Robertson zu der schönen Aussage: »Wenn die Philosophen der Antike Krieger des Geistes waren, waren ihre modernen Entsprechungen wohl eher so etwas wie Bibliothekare des Geistes.«

Panta rhei

Über Heraklit, den eher opaken und dunklen Philosophen des 5. Jahrhunderts v. Chr., ist nicht viel Biografisches bekannt – als Abkömmling eines Königsgeschlechts von Ephesos lässt sich aber vermuten, dass er um eine Ausbildung mit Schwert, Schild und Speer nicht herumgekommen sein dürfte.

Sein panta rhei aber, sein »Alles fließt, nichts besteht«, ist dagegen mehr als bekannt, auch wenn es interessanterweise nirgends in den Fragmenten auftaucht, die noch von ihm erhalten sind, sondern ihm nur einhellig sowohl von antiken als auch modernen Kollegen zugeschrieben wird. Hier taucht die Bewegung explizit als Weltprinzip auf, als Prozess eines ewigen Werdens, Entstehens und Vergehens. Eine Philosophie des Wandels, der sich auf die Welt ebenso wie auf uns Menschen bezieht. Berühmt sind seine sogenannten Fluss-Beispiele geworden: »Denen, die in dieselben Flüsse hineinsteigen, strömen andere und wieder andere Wasserfluten zu.«

Nichts bleibt, alles verändert sich – es gibt kein starres Gefüge, sondern das Strömen der Dinge. Was bei diesen oft zitierten Bildern gern übersehen wird – und was die eigentliche Leistung Heraklits darstellt –, ist jedoch sein Verständnis von der Quelle dieses Fließens. Wie kaum ein anderer hat er den Begriff des logos geprägt, des allem und jedem zugrunde liegenden Weltgesetzes, welches all dieses Fließen leitet und dessen weitere Bedeutungsebenen wie »vernünftige Rede« oder »Formel« auf ein – wie später in der Stoa – ordnendes Vernunftprinzip hinweist, also einen ruhenden Ursprung, der sich in die Welt hinein entfaltet.

Am Anfang war die Entfaltung

Und so ist es kein Wunder, dass dieser Begriff des logos dann auch als Weltgeist beziehungsweise denkender Geist Gottes im Judentum (als memra, das Denken Gottes) und Christentum auftaucht. »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott«, sagt der Prolog des Johannesevangeliums, wobei das Wort für Gott hier im griechischen Original des Textes genau dieser logos ist. Vielleicht lehne ich mich zu weit aus dem Fenster, aber ich würde auch Aristoteles’ Idee des »unbewegten Bewegers« (oder genauer übersetzt: »des unbewegt Bewegenden«) mit dem logos gleichsetzen.

Nichts bleibt, alles verändert sich – es gibt kein starres Gefüge, sondern das Strömen der Dinge.

Und noch eine Idee würde ich gern in diese Zusammenschau mit einbeziehen: das Dao (oder Tao), auch wenn in unserem heutigen eurozentristischen und hauptsächlich universitär geprägten Philosophiebetrieb ein Vergleich mit chinesischem Denken oftmals verpönt scheint. Hier herrscht noch die Meinung vor, dass die Dichterphilosophen Chinas wie Zhuangzi, Yang Zhu oder Wang Bi hauptsächlich der Spiritualität zugeordnet werden können.

Tattva Viveka Nr. 106

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Schwerpunkt: Bewegung
Erschienen: März 2026

Dirk Grosser – Wandernde Weisheit • Prof. Dr. Johannes Michalak – Spiritualität ist keine reine Kopfsache • Friederike Reumann – Die Bewegung der Organe • Dirk Grosser – Alles fließt aus dem Einen • Christian Busemann – In Bewegung geraten • Christian Holzknecht – Die transformative Kraft der Berge • Simone Käfer – Der japanische Bogenweg • Maren Brand – Vom Tun zum Sein • Dr. Ralph Skuban – Gesund und entspannt atmen • Nana Nauwald – Heilsames Bewusstseins-Abenteuer Trance • Chan Park – Tango Zen • Bruno Martin – Gurdjieffs Heilige Tänze • Buchbesprechungen • u.v.m.

Zum Autor

Dirk Grosser ist Chefredakteur der Tattva Viveka sowie freier Autor und Seminarleiter, der seine Hauptthemen Mystik, Philosophie und Meditation in zahlreichen Büchern und Artikeln publiziert hat. Sein neues Buch »Die Kunst des Lebens auf acht Pfoten« über die Philosophie der Stoa im Vergleich zu Epikur, Diogenes und dem frühen Buddhismus erscheint im Mai 2026.

Webseite: dirk-grosser.de

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