Den Augenblick so lassen, wie er ist

Den Augenblick so lassen, wie er ist

Zwischen Meditation und Nicht-Meditation

Autor: Dirk Grosser
Kategorie: Spiritualität
Ausgabe Nr: 105

Manchmal ist es ein ganz schlichter Moment, der uns daran erinnert, dass wir lebendig sind. Ein Moment des Staunens, in dem der Atem sich von selbst entfaltet und das Herz sich weitet: wenn das Licht durch die Blätter fällt, wenn das Lachen eines Kindes durch die Luft tanzt, eine Blaumeise neben uns landet, eine stille Zufriedenheit sich in uns ausbreitet und wir nichts mehr erreichen wollen. Wir lassen zu, dass das Leben uns berührt, und etwas in uns erkennt, dass hier etwas Wahres geschieht. Augenblicke spontaner Meditation, deren Tiefe und Einfachheit Menschen seit Jahrhunderten mit den verschiedensten formalen Meditationsmethoden nachahmen und manchmal auch nachjagen. Augenblicke, in denen sich die Einsicht einstellen kann, dass es oftmals gerade die Nicht-Meditation ist, die zur tiefsten Meditation wird.

Der Fluss windet sich durch die Landschaft, durch weite Steppe und durch enge Schluchten, fließt mal schnell und mal bedächtig, ist mal klar und dann wieder schlammig. Genauso erscheint dem Weisen, der am Ufer in stiller Betrachtung versunken ist, sein eigener Geist. Er greift zu Pinsel und Leinwand, bringt spontan einige Tuschestriche hervor, die Sinnbild des Augenblicks sind: einfach, klar, ohne Absicht und Ziel. Der gegenwärtige Moment wird durch das Bild nicht verändert, und der Weise lehnt sich zufrieden an einen kleinen krummen Baum, trinkt noch ein Glas Pflaumenwein und verweilt in der Zeitlosigkeit. Er weiß nicht, dass irgendwann jemand behaupten wird, dieser Moment sei im siebten oder achten Jahrhundert vor Christus geschehen, und es wäre ihm auch gänzlich gleichgültig. Er weiß auch nicht, dass das, was er tut, Meditation genannt werden wird, dass die Menschen sich im Indus-Tal weit westlich in ähnlicher Weise versenken; er ruht im Tao … und der Taoismus kann ihm den Buckel herunterrutschen.

Dies ist kein Anfang von etwas Neuem, denn das absichtslose Staunen über das, was ist, hat Menschen wahrscheinlich schon immer berührt. Wer weiß schon, wie still der Geist des frühen Menschen war, als er am Feuer unter dem Sternenhimmel saß und die Weite der Nacht in sich aufsog? Wer weiß, wie tief die Meditation war, als es noch kein Wort für sie gab? Eine Ahnung vom Geheimnis des Lebens, das in der Dunkelheit atmete, sich im Wechsel der Jahreszeiten als Kreislauf von Geburt, Reife, Tod und Wiedergeburt offenbarte, und durch die stumme Weisheit der Tiere in einem heilsamen Schweigen gehalten wurde. Wenn Landschaft und Atem eins wurden, die eigenen Wurzeln tief in die Erde reichten und das Herz so weit wurde, dass alle Wesen, Geister und Ahnen darin Platz fanden.

Seitdem ist viel passiert, aus dem Staunen und der Stille wurde eine Methode, wurden viele Methoden, wurden Systeme. Überall auf der Welt entwickelte sich etwas, das wir heute unter dem Sammelbegriff »Meditation« fassen. Unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Temperamente, aus denen sich verschiedenste Ziele, Erwartungen und Hoffnungen ergeben haben. Manche möchten sich mit dem Göttlichen vereinen, andere wollen unheilsame Begierden verstummen lassen, wieder andere fokussieren sich auf eine Gemütsruhe, die sie als Grundvoraussetzung für ein gelingendes Leben betrachten, und manch einer möchte magische Fähigkeiten erwecken, von denen ihm irgendjemand erzählt hat, dass es sie gebe.

Wohne in deinem Herzen und strebe danach, deinen Geist zu kennen.

Die indischen Brahmanen empfingen den Klang der Schöpfung, setzten diesen in Mantras um und ließen ihren Geist auf den Schwingungen heiliger Worte in die Einheit von individueller Seele und Weltseele fliegen. Die chinesischen Taoisten saßen – wie wir schon gesehen haben – am Fluss und waren still. Der historische Buddha nutzte die Meditation, um das Leiden zu erkennen, es zu verstehen, zu umarmen und hinter sich zu lassen. Einer der frühesten buddhistischen Texte sagt ganz schlicht: »Wohne in deinem Herzen und strebe danach, deinen Geist zu kennen.«

Zeichnung von einem buddhistischen Mönch der unter einem Baum meditiert

Ursprünge

Buddhas Meditation – auf Sanskrit dhyana genannt – erreichte China, verband sich dort mit dem Taoismus und wurde zu Chan, reiste weiter nach Japan und wurde zu Zen. In Tibet wiederum verband sich die buddhistische Lehre mit schamanischen Praktiken, mit einem ganzen Pantheon bunter Gottheiten und Kräften, aus denen etwas ganz Eigenes wurde. In Europa indes erkannten auch die griechischen und römischen Weisen den Wert des gegenwärtigen Moments. Innere Unruhe sahen sie als größten Hinderungsgrund für ein gutes und erfülltes Leben an, was Seneca sehr schön auf den Punkt brachte: »Nirgends ist, wer überall ist.«

Tattva Viveka Nr. 105

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Schwerpunkt: Meditation
Erschienen: Dezember 2025

Dirk Grosser – Den Augenblick so lassen, wie er ist • Dr. Thilo Hinterberger – Befreiung des Geistes durch Meditation • Dr. Ulrich Ott – Achtsamkeit ist keine Pille, sondern Übungssache • Dr. Holger C. Bringmann – Rückverbindung zur unsterblichen Seele • Sebastian F. Seeber – Platon und Meditation • Dr. Cynthia Bourgeault – Thomas Keating • Bischof Anba Damien – Das Vertrauen in die Stille • Jason Siff – Beobachten wie der Geist von selbst wächst • Kevin Johann – Räuchern: Die Zeit der inneren Einkehr • Buchbesprechungen • u.v.m.

Zum Autor

Dirk Grosser geb. 1971 machte sich 2013 nach langjähriger Tätigkeit als Programmleiter in Verlagen als freier Autor und Seminarleiter selbstständig. Zahlreiche Veröffentlichungen zu seinen Hauptthemen Mystik, Mythologie und Meditation, u. a. »Am Sonntag geht Gott angeln« und »Möge dein Weg gesegnet sein«. Seit Mitte 2025 Chefredakteur der Tattva Viveka, seit Beginn seines Lebens Hundefreund und Waldmensch.

Webseite: dirk-grosser.de

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