01 März Wandernde Weisheit
Über Wege, die gegangen und nicht nur gedacht werden
Autor: Dirk Grosser
Kategorie: Spiritualität
Ausgabe Nr: 106
Wir Menschen sind denkende und manchmal – in seltenen Augenblicken – sogar vernunftbegabte Wesen. Unser Gehirn ist in der Lage, die erstaunlichsten Dinge hervorzubringen: von homerischen Epen über den kategorischen Imperativ bis zur Quantenmechanik, von wunderbarer Poesie und der Nikomachischen Ethik bis zum Hubble-Teleskop haben uns die rund 1,3 Kilogramm graue Masse in unserem Kopf auf einzigartige und faszinierende Wege geführt, die uns die Welt immer tiefer verstehen lassen. Doch sind wir bei aller Wertschätzung unserer geistigen Fähigkeiten mehr als nur unser Denken, sind nicht grundlos verkörperte Wesen, deren Erlangung von Weisheit und Glück auch davon abhängt, wahrhaft berührt zu werden und zu berühren.
Zur menschlichen Erfahrung gehört daher nicht nur die intellektuelle Auseinandersetzung mit den Phänomenen, die uns begegnen. Die Welt will gespürt, geschmeckt und gerochen werden, Emotionen finden ihren Widerhall im Körper, unsere ganz eigenen Rhythmen korrespondieren mit den Rhythmen der Welt, und Sinn und Sinnlichkeit gehören nicht nur bei Jane Austen zusammen. Auch das Göttliche lässt sich nicht allein denken. Es will gefunden, erfühlt, erwandert werden. So führt ein spiritueller Weg, der sich dem Echten verschreibt, nicht nur durch Bibliotheken, sondern ebenso durch Wälder, über Felder, entlang traditioneller wie auch selten gegangener Pfade, entlang der eigenen Atemzüge hinein in eine Tiefe, die auch in unserem Körper spürbar ist. Nicht umsonst sprechen wir davon, dass uns etwas im Herzen berührt oder unser Herz weit macht.
Das Sehen von Schönheit verwandelt unsere Seelen, das Schmecken einer salzigen Brise lockt unsere Abenteuer- und Entdeckerlust hervor, das Riechen eines frischen Apfelkuchens weckt unsere Verbindung zur Vergangenheit, das Spüren der Berührung eines geliebten Menschen lässt uns ein abstraktes Wort wie »Zuhause« auf sehr direkte Weise erfahren, das Hören eines Musikstücks löst Freude, Trauer, Zartheit oder unbändige Energie in uns aus. Und das Gehen eines Weges lässt uns Weite, Vorankommen, Absichtslosigkeit oder auch die nomadische Qualität unseres Geistes ganz konkret mit den Füßen erkunden.
Aufbruch ins Unbekannte
Es beginnt mit einem einzigen Schritt und dem Öffnen unserer Sinne. Ein weiterer Schritt und noch einer. Der aufrechte Gang, der uns so selbstverständlich erscheint und der doch ein Wunder ist, das unsere Spezies geformt hat. Menschen in Bewegung, Menschen in Verbindung – unsere Vorfahren, die umherzogen, die die flirrende Luft vor einem Gewitter spürten, die die Sprache des Windes beherrschten und dem Geräusch des trockenen Savannen-Grases unter ihren Füßen lauschten. Ab und an werden unsere Körper von dieser alten Sehnsucht ergriffen, sich der Natur auszusetzen und echte Erfahrungen zu machen statt sich mit virtuellen Imitaten zufriedenzugeben.
»Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, (…) dem eigentlichen, wirklichen Leben näherzutreten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hatte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte (…) Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde«1, schrieb Henry David Thoreau 1854 in seinem Klassiker der Alternativkultur Walden. Er formulierte damit etwas, das uns auch heute noch berühren kann … Das Vertraute verlassen, alles Unechte hinter sich bringen und wirklich in Beziehung zur Welt treten – kurz gesagt: sich auf den Weg machen.
Die Füße berühren den Boden, Wind sowie der Geruch nach Harz und Tannennadeln umfangen den Körper, das Denken wird still und zugleich weit, empfänglich. Der Weg selbst wird zur Übung, sich auf das Neue einzulassen, die eigenen Pläne für ein paar kostbare Momente zu vergessen. Stephen Graham fasste diese innere wie äußere Bewegung mit kurzen Worten zusammen: »Wandern ist das Abweichen vom Naheliegenden.«2
Wie recht er hat! Ereignen sich die tiefsten spirituellen Erfahrungen doch oft jenseits der bequemen Pfade – dort, wo wir nicht mehr wissen, was kommt, wo wir uns dem Moment hingeben, unsere Schritte ihren eigenen Weg entdecken lassen.
Lernen in Bewegung
Wir streifen durch die Wälder, gehen dem Licht nach, das durch grün belaubte Zweige scheint, währenddessen unsere Gedanken in eine heilige Ruhe eintauchen, wir tiefer sehen lernen und uns durch all das, was uns begegnet, verwandeln lassen. Es ist fast, als würde die Natur ihre Samen der Schönheit in unsere Seele pflanzen, wo sie aufgehen, wachsen und uns vom großen Geheimnis erzählen. »Derart ist der unaussprechliche, doch erkennbare und zugängliche Sinn der Welt dem Menschen, diesem unsterblichen Schüler, in jeder Sinneswahrnehmung gegeben. Zu diesem einen Ziele der Schulung verbinden sich alle Teile der Natur«, sagte Ralph Waldo Emerson.
Und dieser Schulung werden wir nur gewahr, wenn wir uns der Natur öffnen, uns in ihr bewegen und uns von ihr bewegen lassen. Gehen ist hier Metapher und Praxis zugleich, bei der auch vermeintliche Hindernisse ihren Wert haben und uns weiter reifen lassen. So wie auch schon Marc Aurel wusste, dass das, was uns den Weg zu versperren scheint, oft selbst zum Weg wird.
Dies ist nur der Anfang des Artikels. Der vollständige Beitrag ist in der Tattva Viveka 106 erschienen.
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Tattva Viveka Nr. 106
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Schwerpunkt: Bewegung
Erschienen: März 2026
Dirk Grosser – Wandernde Weisheit • Prof. Dr. Johannes Michalak – Spiritualität ist keine reine Kopfsache • Friederike Reumann – Die Bewegung der Organe • Dirk Grosser – Alles fließt aus dem Einen • Christian Busemann – In Bewegung geraten • Christian Holzknecht – Die transformative Kraft der Berge • Simone Käfer – Der japanische Bogenweg • Maren Brand – Vom Tun zum Sein • Dr. Ralph Skuban – Gesund und entspannt atmen • Nana Nauwald – Heilsames Bewusstseins-Abenteuer Trance • Chan Park – Tango Zen • Bruno Martin – Gurdjieffs Heilige Tänze • Buchbesprechungen • u.v.m.
Zum Autor
Dirk Grosser geb. 1971 machte sich 2013 nach langjähriger Tätigkeit als Programmleiter in Verlagen als freier Autor und Seminarleiter selbstständig. Zahlreiche Veröffentlichungen zu seinen Hauptthemen Mystik, Mythologie und Meditation, u. a. »Am Sonntag geht Gott angeln« und »Möge dein Weg gesegnet sein«. Seit Mitte 2025 Chefredakteur der Tattva Viveka, seit Beginn seines Lebens Hundefreund und Waldmensch.
Webseite: dirk-grosser.de
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