01 Sep. Mit Fokus seine Berufung finden
Zwischen Selbstsuche und Selbsthingabe
Autor: Dr. Johannes Hartl
Kategorie: Psychologie
Ausgabe Nr: 104
Gemeinsam mit dem Philosophen und katholischen Theologen Dr. Johannes Hartl sprechen wir über die Herausforderung, unseren Fokus in einer von Ablenkungen geprägten Zeit zu bewahren und wie es uns trotz der zahlreichen Möglichkeiten gelingen kann, eine sinnstiftende Tätigkeit oder sogar die eigene Berufung zu finden.
Tattva Viveka: Lieber Herr Dr. Hartl, Sie sind Philosoph und Theologe und haben vor kurzem ein Buch mit dem Titel »Die Kraft eines fokussierten Lebens« herausgebracht. Welchen Anlass sahen Sie für dieses Buch?
Dr. Johannes Hartl: Ich arbeite viel mit jungen Menschen zusammen und stelle zunehmend fest, dass viele von ihnen zwar unglaublich begabt und voller Ideen sind, ihr Potenzial jedoch nicht entfalten und infolgedessen die Gelegenheiten, die das Leben ihnen bietet, nicht ergreifen. Das ist kein Problem, wenn man 20 Jahre alt ist, doch manche Personen, die nun in ihren Dreißigern oder Vierzigern sind, haben nie gelernt, etwas konsequent zu verfolgen und zum Abschluss zu bringen. Auf diese Weise verkümmert langfristig ihr Potenzial, und dies löst eine große Betroffenheit in mir aus. Gleichzeitig beobachte ich bei mir selbst, dass es mir heute schwerer fällt, mich zu konzentrieren, als noch vor zwanzig Jahren, als es noch keine Handys gab.
TV: Das heißt, einerseits haben viele Menschen nicht gelernt, sich auf etwas zu fokussieren und es auch zum Abschluss zu bringen, andererseits sind die neuen Technologien eine große Ablenkungsquelle. Kann es sein, dass wir auch keine Werkzeuge vermittelt bekommen, um mit dieser Masse an Ablenkungsmöglichkeiten umzugehen?
Hartl: Wir leben zweifelsfrei im Zeitalter der Ablenkungen und müssen nun als erste Generation lernen, damit umzugehen. Darüber hinaus stelle ich infrage, ob das menschliche Gehirn dafür gemacht ist, solch eine Menge an Impulsen und Informationen zu verarbeiten.
Wir leben zweifelsfrei im Zeitalter der Ablenkungen
TV: Das ist eine berechtigte Frage. Sie sprechen in Ihrem Buch davon, und dies ist auch eines der Kernthemen dieser Ausgabe, dass viele Menschen heutzutage – anders als die vorangegangenen Generationen – höhere Erwartungen an ihre berufliche Tätigkeit knüpfen und ihr Berufsleben nicht nur abarbeiten möchten. Viele wünschen sich zusätzlich zu einer sinnstiftenden Tätigkeit, ihre wahre Berufung zu finden. Können und müssen wir immer und überall Sinn in unserer Tätigkeit finden?
Hartl: Grundsätzlich sind wir Menschen Sinnwesen. Wir suchen nach einem tieferen Grund für das, was wir tun. Gleichzeitig leben wir in einer Zeit, in der wir erstmals eine unglaublich große Wahlfreiheit bezüglich unserer Berufe haben. Noch vor hundert Jahren war dies anders. Das weckt in uns den Wunsch, mit unserer Arbeit etwas Sinnstiftendes zu tun. Einerseits halte ich dies für völlig berechtigt, andererseits ist es eine Falle, alles, was mich nicht sofort intuitiv mit tiefstem Sinn erfüllt, abzuwerten. Fokus ist entscheidend, um an Aufgaben dranzubleiben, die sich nicht auf Anhieb sinnvoll anfühlen.
TV: Sie schreiben deshalb über den Zauber der kleinen Schritte und über den Zauber des Anfangs. Am Anfang eines Projekts oder einer Aktivität erfahren wir in der Tat den größten inneren Widerstand, oder?
Hartl: Ja. In diesem Zusammenhang möchte ich zudem betonen, dass man nicht den Sinn des Lebens und die große Perspektive gefunden haben muss, um anzufangen. Oft ist es sinnvoll und wichtig, seine Widerstandskraft an kleinen Aufgaben erst einmal zu trainieren. Tatsächlich ist es fast die halbe Miete, wenn man den ersten Schritt wagt.
Grundsätzlich sind wir Menschen Sinnwesen. Wir suchen nach einem tieferen Grund für das, was wir tun.
TV: Mit welchen Strategien kann man seine Widerstandskraft praktisch fördern?
Hartl: Ich schlage konkret vor, mit einer Aufgabe anzufangen, die man aufschiebt. Jeder Mensch hat irgendetwas im Nacken, von dem er weiß, dass es ih nur eine halbe Stunde kosten würde, aber man hat schlichtweg keine Lust darauf und schiebt es daher auf. Das Interessante daran ist, dass, wenn man etwas aufschiebt beziehungsweise wegschiebt, latenter Stress entsteht. Denn man spürt, dass man es eigentlich tun sollte. Deswegen ist mein Tipp, jeden Tag mit dem Wichtigsten und zugleich dem Schwierigsten zu beginnen.
Dies ist nur der Anfang des Artikels. Der vollständige Beitrag ist in der Tattva Viveka 104 erschienen.
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Tattva Viveka Nr. 104
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Schwerpunkt: Neue Arbeit
Erschienen: September 2025
Dirk Grosser – Arbeit als sichtbar gemachte Liebe • Werner Heussinger & Heike Görner – Digitalisierung und Künstliche Intelligenz • Prof. Dr. Maik Hosang – Aufbruch in die Metamoderne • Stephen Reid – »Es geht um eine Werteverschiebung in der Gesellschaft« • Dr. Johannes Hartl – Mit Fokus seine Berufung finden • Nicole Schröter – Human Design: Erwecke dein wahres Potenzial • Bernadette Siebers – Führung von innen • Dr. Dr. Walter von Lucadou – Parapsychologie: Ein Beitrag zur Bewusstseinsforschung (2) • Waltraud Hönes – Weltenwandern • Buchbesprechungen • u.v.m.
Zum Interviewten
Dr. Johannes Hartl ist Philosoph, Theologe, Speaker und Gründer. Der Autor zahlreicher Bücher füllt als international gefragter Speaker Konferenzsäle mit über 10.000 Zuhörern und gilt als einer der einflussreichsten Vermittler zwischen christlicher Spiritualität, Philosophie und Psychologie im deutschsprachigen Raum.
Webseite: johanneshartl.org
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