Bedrohen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz das Menschsein?

Bedrohen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz das Menschsein?

Chancen und Herausforderungen in einer sich rasant wandelnden Welt

Autor: Werner Heussinger
Autorin: Heike Görner
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 104

Die fortschreitende Digitalisierung und das rasante Aufkommen der Künstlichen Intelligenz durchdringen zunehmend alle Lebensbereiche, wodurch die Zukunft gleichermaßen fantastisch und potenziell bedrohlich erscheint. Infolgedessen stellt sich die Frage, wie wir es schaffen können, uns angesichts dieser Entwicklungen unsere Menschlichkeit zu bewahren und unsere grundlegenden Bedürfnisse nach Verbundenheit und Autonomie zu erfüllen. Ein entscheidender erster Schritt in diese Richtung besteht darin, sich bewusst zu werden, dass es wichtiger denn je ist, unsere Freiheit und die Erforschung unseres Inneren zu kultivieren.

Noch vor ein paar Tausend Jahren war der Mensch als Jäger und Sammler mit Holzspeeren unterwegs. Heute verändern Künstliche Intelligenz, Biotechnologie und der Digitalkapitalismus das Menschsein in Rekordzeit. Der französische Schriftsteller und Mitbegründer der Science-Fiction-Literatur Jules Verne brachte es bereits vor 150 Jahren auf den Punkt: »Alles, was ein Mensch sich vorstellen kann, werden andere Menschen verwirklichen.« Man kann es auch so ausdrücken: »Alles, was technisch möglich ist, erscheint uns sinnvoll und wir tun es, weil es technisch möglich ist.« Aber was wollen wir damit erreichen? Wo wollen wir als Gesellschaft hin und welche Werkzeuge helfen uns dabei und welche nicht? Diese Fragen werden viel zu selten gestellt. Die Zukunft ist fantastisch und bedrohlich zugleich. Wir sind zum Mond geflogen, wir haben den Code unserer Gene geknackt und wir haben mit dem Internet ein weltumspannendes Informationsnetz geschaffen, das jeden mit jedem und gleichzeitig mit allen zur Verfügung stehenden Informationen verbindet. Wie hat die Menschheit das alles und dazu noch in einer atemberaubenden Geschwindigkeit geschafft? Von Holzspeeren und der Entdeckung des Feuers bis hin zur Landung auf dem Mond ist beachtlich wenig Zeit vergangen. Je weiter der Weg führt, desto mehr wird er uns verändern und offenbaren, was in der Menschheit noch alles veranlagt ist. Offensichtlich ist es tief in uns verwurzelt, nicht auf der Stelle zu verharren.

Eine Herausforderung jagt die nächste. Die kommenden Jahre werden sicher eine Bewährungsprobe: Wie gehen wir mit all diesen Herausforderungen, die zugleich auch Chancen sind, um? Verlieren wir uns dabei selbst? Wie können wir Freiheit und Individualität bewahren? Es liegt an uns, dass daraus keine Zerreißprobe wird.

Die Unterwerfung unter Computer und Algorithmen

In der Gegenwart geht es nicht mehr primär um die Industrialisierung und den Ersatz des Menschen als Arbeitskraft durch die Maschine, sondern immer mehr um den vermeintlichen Ersatz des Individuums, des Denkens selbst durch Künstliche Intelligenz. Der Mensch wird natürlich nicht von Computern oder Algorithmen unterworfen, sondern er unterwirft sich ihnen freiwillig. Wir vertrauen immer mehr auf eine Technik, die wir als Einzelne immer weniger verstehen.

Je weiter der Weg führt, desto mehr wird er uns verändern und offenbaren, was in der Menschheit noch alles veranlagt ist. Offensichtlich ist es tief in uns verwurzelt, nicht auf der Stelle zu verharren.

Irgendwie hat man dabei das Gefühl, dass sich der Mensch seiner Selbst schämt angesichts der Technik, die er für maßlos überlegen hält. Das kann im äußersten Fall sogar so weit gehen, dass dies den Wunsch begründet, selbst so perfekt wie eine Maschine zu sein. Ein neuer Glaube an Götter, die wir selbst erschaffen, scheint zu entstehen – so könnte man das etwas ketzerisch zum Ausdruck bringen. Wir sollten uns selbst ernst nehmen, aufrecht stehen und selbstbewusst Gestalter des Geschehens bleiben. Der Mensch mit seiner Willensfreiheit ist Mittelpunkt seines Seins und nicht eine ominöse Vorstellung von Technik.

Von der Industriezivilisation mit Erdöl als Triebfeder – mit dem Auffinden der ersten ergiebigen Ölquelle im Jahre 1859 – bis hin zur Informationszivilisation mit der ersten funktionstüchtigen programmgesteuerten binären Rechenmaschine 1941 und dem Start des Internets als Arpanet 1969 war es nur ein kurzer Zeitsprung. Von der Entdeckung der Kernspaltung im Jahre 1938, die auf einem Labortisch stattfand, der eher einem Küchentisch glich, bis zur Zündung der ersten Atombombe lagen gerade einmal sieben Jahre. Den strukturellen Aufbau der DNA zu entschlüsseln und im Modell nachzubilden, gelang im Jahre 1953. Und 1969 setzte der erste Mensch seinen Fuß auf den Mond. Bereits seit Jahren fahren Fahrzeuge auf dem Mars hin und her und erkunden ihn. Bemannte Marsflüge rücken in greifbare Nähe. Im Jahr 2008 ging die größte jemals von Menschen gebaute Maschine in Betrieb, der Large Hadron Collider am schweizerischen CERN. Die Raumsonde Voyager 1 verließ am 25. August 2012 als erstes menschengeschaffenes Objekt die Heliosphäre und sendet noch immer Messdaten zur Erde.

Und wie geht es weiter? Die Menschheit bereitet sich auf den nächsten Sprung vor. Mit der Digitalisierung erweitert sich der Wissensschatz täglich um ungeheure Mengen an Daten, Texten und Ideen. Es entsteht Stück für Stück eine digitale Weltkultur. Diese ist jedoch kein Ersatz für den eigentlichen Kulturbegriff und die eigentliche Identitätsbildung durch Kultur. Vielmehr bekommen wir einen stärkeren Zugriff auf das, was sich das »Kulturelle Gedächtnis« nennen lässt. Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück. Schon immer war die Wirtschaft im Wandel. Doch die echte tiefgreifende Revolution der Wirtschaft kam erst mit dem Öl auf: Produktion, Landwirtschaft, Handel, Transportindustrie, Bankenwesen, Finanzmärkte, Währungssysteme – alles veränderte sich. Früher sprach man beinahe ehrfürchtig vom »Schwarzen Gold« – gemeint war damit das Erdöl als Triebfeder für einen fundamentalen Strukturwandel in den Industrieländern. Dieser Strukturwandel war schnell, radikal und hat unser Leben dramatisch verändert. Und dieser Strukturwandel hält in gewisser Weise noch immer an – allerdings auf eine dramatisch negative Art und Weise.

Das »Schwarze Gold« löste eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte aus – alles, womit wir heute leben und arbeiten, steht auf irgendeine Weise mit Erdöl in Zusammenhang. Das Öl hat eine neue Weltordnung geschaffen, die bis heute anhält. Die exzessive Nutzung von Erdöl wird als einer der Hauptgründe für den Klimawandel angesehen, weil der damit verbundene Ausstoß von CO2 so wirkt, als würden pausenlos Vulkane ausbrechen und Rauchsäulen in die Atmosphäre aufsteigen lassen. Es ist scheinbar typisch für uns Menschen, dass wir Maß und Balance nur schwierig einhalten können.

Die Datenkrake

Die Massenproduktion im Industriekapitalismus auf Kosten der Natur gipfelt nun in der Ausbeutung persönlicher Daten, dem regelrechten Ausschlachten privater Daten und den daraus erwachsenden Bedrohungen für die Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit. Man muss sich wirklich fragen, ob die Digitalisierung das Menschsein auf eine ganz neue Weise bedroht.

Die aktuelle industriell-digitale Revolution hat uns dabei selbst als Produkte entdeckt.

Unser persönlicher Datensatz, also das neue »Schwarze Gold«, welches Google, Facebook und Co. gar so emsig an allen Ecken und Enden aufsaugen, wird zur existenziellen Bedrohung unserer individuellen Einheit, unserer personalen Integrität und damit zur Gefahr für unser Ich, für den Kern unseres Menschseins. Wir haben mittlerweile einen zweiten Schatten, er ist digital. Er ist so messerscharf in der Darstellung unserer Persönlichkeit durch unser Nutzerverhalten, dass nicht selten inzwischen von einer digitalen Identität gesprochen wird. Die aktuelle industriell-digitale Revolution hat uns dabei selbst als Produkte entdeckt. Unsere digitale Identität ist als Massenprodukt geschaffen worden, von Google, Facebook, Amazon und Konsorten. Wir sind die Kunden; und die Produkte sind – wir selbst.

Tattva Viveka Nr. 104

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Schwerpunkt: Neue Arbeit
Erschienen: September 2025

Dirk Grosser – Arbeit als sichtbar gemachte Liebe • Werner Heussinger & Heike Görner – Digitalisierung und Künstliche Intelligenz • Prof. Dr. Maik Hosang – Aufbruch in die Metamoderne • Stephen Reid – »Es geht um eine Werteverschiebung in der Gesellschaft« • Dr. Johannes Hartl – Mit Fokus seine Berufung finden • Nicole Schröter – Human Design: Erwecke dein wahres Potenzial • Bernadette Siebers – Führung von innen • Dr. Dr. Walter von Lucadou – Parapsychologie: Ein Beitrag zur Bewusstseinsforschung (2) • Waltraud Hönes – Weltenwandern • Buchbesprechungen • u.v.m.

Zu den Autoren

Werner H. Heussinger hat als Mitgründer und Vorstand einer börsennotierten Unternehmensgruppe, als Bestsellerautor und Lehrbeauftragter die Finanzmärkte aus verschiedensten Blickwinkeln betrachtet. Er ist Landesgroßredner der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland (Freimaurerorden / christliche Freimaurer seit 1770) und stv. Vorsitzender des Stiftungsrates der Suchthilfestiftung. Seit 2007 ist Werner H. Heussinger Mitglied des Fachbeirats am isf Institute for Strategic Finance der FOM – Hochschule für Oekonomie und Management / University of Applied Sciences.

Heike Görner beschäftigte sich während längerer Auslandsaufenthalte in den USA, Kanada und China intensiv mit den kulturellen Eigenheiten bei der Wissensvermittlung. Als Lehrerin und Pädagogin hat Heike Görner am Aufbau und in der Schulleitung von Privatschulen mit alternativen pädagogischen Konzepten in Deutschland und Österreich gestaltend mitgewirkt. Heike Görner publiziert als Sachbuchautorin schwerpunktmäßig zu den Themenfeldern Philosophie, Theologie und Mystik.

Prof. Dr. Christoph Cremer, Werner Heussinger, Heike Görner & Ralph-Dieter Wilk

Revolution des Denkens: Mensch bleiben im Zeitalter von Posthumanismus, Biotechnologie und Künstliche Intelligenz

FBV, 2023, 300 S., 25€

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