30 Nov. Befreiung des Geistes durch Meditation
Eine bewusstseinswissenschaftliche Perspektive
Autor: Prof. Dr. Thilo Hinterberger
Kategorie: Spiritualität
Ausgabe Nr: 105
Der Physiker, Neuro- und Bewusstseinswissenschaftler Prof. Dr. rer. nat. Thilo Hinterberger gewährt uns Einblicke in seine Forschungsergebnisse zur Auswirkung von Meditation auf die Gehirnaktivität. Hierfür untersuchte er Personen mit unterschiedlicher Meditationserfahrung, darunter sowohl Anfänger als auch sehr erfahrene Meditierende. Dabei konnte er feststellen, dass verschiedene meditative Zustände – wie der Zustand der Präsenz oder die Erfahrung der Leerheit – spezifische kognitive Leistungen und neuronale Verarbeitungsprozesse beeinflussen. Ein zentraler Gewinn der Meditation lässt sich objektiv jedoch nicht erfassen, da dieser sich im inneren Erleben der Meditierenden entfaltet.
Einleitung
Seit Jahrtausenden praktizieren Menschen mentale Techniken, die als unterschiedliche Meditationsformen zentrale Elemente vieler Religionen geworden sind. Seit dem 20. Jahrhundert wird Meditation auch in der westlichen, säkularen Welt praktiziert und wissenschaftlich erforscht. Durch Meditation können Bewusstseinszustände erfahrbar werden, die Menschen als wach, klar, leicht und friedvoll bezeichnen. Darüber hinaus wird der innere Bewusstseinsraum als groß, weit und frei erlebt. Doch wie kommt es zu diesem oder ähnlichem Erleben, das manche als höhere Bewusstseinszustände beschreiben? Auf der Suche nach solchen höheren Bewusstseinszuständen bei erfahrenen Meditierenden gerät man leicht zur Annahme, dass sich die Klarheit des Erlebens, der Friede und die Achtsamkeit in einer besonders detaillierten, angeregten und verbundenen Verarbeitung im Gehirn zeigen müssten. Zahlreiche Studien konnten solche Aktivierungen belegen, obwohl andere wiederum widersprüchliche Ergebnisse lieferten. Ein Paradebeispiel für die Widersprüchlichkeit von Studienergebnissen zur Gehirnaktivität während der Meditation zeigt eine Metaanalyse von Cahn & Polich aus dem Jahr 2006, in der die vielfältigen Ergebnisse zahlreicher Studien gegenübergestellt wurden. Was wir daraus gelernt haben, ist, dass Meditation weder ein einheitliches Konzept noch eine bestimmte Praxis und auch keinen definierten Zustand benennt. Aus diesem Grund muss man genau erfassen können, welche die Form oder Absicht der jeweiligen Meditation ist.
Meditation ist waches Bewusstsein im Verzicht auf komplexe kognitive Verarbeitungsprozesse.
Infolgedessen unterschied man die fokussierte Aufmerksamkeit (focused attention), das offene Gewahrsein (open monitoring) sowie die Mitgefühlsmeditation (loving kindness) als unterschiedliche meditative Zustände. Da häufig jedoch selbst in bestimmten Traditionen oder Meditationspraktiken nicht klar ist, welche dieser Zustände die Meditierenden anstreben oder durchwandern, habe ich mich dafür entschieden, erfahrene Meditierende aus unterschiedlichen Traditionen und Praktiken in meine Forschung einzubeziehen. Um eine Einheitlichkeit herzustellen, beschloss ich zudem, den Meditierenden neben ihrer gewohnten Meditationspraxis noch weitere definierte Aufgaben zu stellen, welche die Unterschiedlichkeit bestimmter meditativer Zustände sichtbar machen sollten. Dazu wurden die elektrischen Gehirnsignale als EEG (Elektroenzephalogramm) über 64 Elektroden am Kopf der Meditierenden während des Meditierens gemessen und analysiert. Hinzu kamen noch weitere physiologische Signale wie Herzratenvariabilität, Atmung und die Hautleitfähigkeit. Da das Messsystem portabel genug war, bin ich damit auf Reisen gegangen und habe Meditierende in England, Japan, Indien, Deutschland und der Schweiz in ihren Klöstern oder ihrem Zuhause besucht, um die Messungen in ihrer gewohnten Umgebung durchzuführen. Bevor ich die Ergebnisse präsentiere, möchte ich zuerst auf wesentliche Gemeinsamkeiten meditativer Praxis eingehen.
Meditation und die Kunst des Nicht-Tuns
Die genannten Effekte der Bewusstseinsveränderung bei Meditation lassen sich bereits aus der häufig grundlegend übereinstimmenden Praxis ableiten, und diese lassen sich auch ohne gehirnphysiologische Messung einsichtig erklären. Die meisten Arten der Meditation beinhalten folgende Elemente:
Sitzen in Stille: Das stille Sitzen in einer einfachen, sicheren Umgebung führt uns zunächst in eine körperliche Ruhe, in welcher der Körper seinen Energieumsatz minimiert und von einem ergotropen, energieverbrauchenden Zustand in einen trophotropen, ausgewogenen Zustand gelangen kann. Da ein großer Teil der Energie im Gehirn verbraucht wird, braucht es auch hier eine Minimierung geistiger Aktivität. Bereits das stille Sitzen wirkt sich auf die drei Aufmerksamkeitssysteme im Gehirn aus: Die meist schlichte und ruhige Umgebung bietet wenige neue Impulse, weshalb sich das Orientierungssystem beruhigt, da man sich kaum an veränderliche Umgebungsbedingungen anpassen muss. Die vertraute Umgebung führt zu einer reduzierten Reiz-Reaktionsbereitschaft, denn es braucht keinerlei körperliche Reaktion auf das, was geschieht. Somit verlagert sich die Aufgabe des Aktivierungssystems, welches in Wachheit und Reaktionsbereitschaft aktiv ist, dahingehend, dass es auf die Reaktionsbereitschaft verzichten kann. Ohne Ablenkung kann sich die Wachheit auf das Wahrnehmen dieses Moments, das Hier und Jetzt, ganz einlassen und darauf fokussieren. Und schließlich kann auf das exekutive Aufmerksamkeitssystem im Gehirn verzichtet werden, da es keinerlei Kontrolle über die Umwelt ausüben muss.
Achtsame Präsenz: Im stillen Verweilen ist die Aufmerksamkeit auf die unmittelbare Umgebung sowie die Körperwahrnehmung (Interozeption) und/oder auf das reine Sein gerichtet. Wesentlich dabei ist, dass lediglich die unmittelbare Wahrnehmung von Bedeutung und im Bewusstsein präsent ist. Auch das führt zu einer verminderten kognitiven Verarbeitung. Gedankliche Abschweifungen hingegen aktivieren das sogenannte Default Mode Network (DMN). Dieses Netzwerk im Gehirn verarbeitet die üblichen Aufmerksamkeitsinhalte der Umgebungsreize sowie Alltagsgedanken, also alles das, was wir normalerweise tun, wenn wir nichts tun, aber eben auch nicht meditieren. So führt dieses DMN zu einer oft unnötig hohen und komplexen kognitiven Auslastung im Gehirn. Präsenz ist auch Gegenwärtigkeit, weshalb auf die mentale Konstruktion von Zeitlichem im Sinne von Erinnerungen an Vergangenes oder zukünftige Pläne verzichtet werden darf. Gerade während gedanklicher Abschweifungen wandern wir durch Vergangenheit und Zukunft, wodurch der/die Meditierende aus dem Augenblick quasi herausfällt und ihn verpasst. Um der vergleichsweise langweiligen Gegenwart ihre Wertschätzung und Würdigung in Achtsamkeit entgegenzubringen, braucht es quasi den Verzicht des sensationshungrigen Geistes auf die selbstproduzierten üblichen Gedankenreize. Achtsame Präsenz ist also auch eine Übung des Nicht-Tuns.
Was es braucht, ist eine Art Alltagsspiritualität, die es uns ermöglicht, das Leben atmen zu können.
Nicht-wertende Aufmerksamkeit: Bewertungen erzeugen oft Gedankenprozesse, welche die Wahrnehmung erweitern und meist eine länger anhaltende Assoziationskette von Gedankengängen zur Folge haben. Die komplexe Kognition zieht die Aufmerksamkeit auf sich, wodurch die Präsenz im Hier und Jetzt überlagert wird. Darüber hinaus werden über den Gegenstand der Wahrnehmung Deutungen und Illusionen geschaffen, welche den Gegenstand mit der Bewertung gleichsetzen oder sogar ersetzen. In Folge wird dieser nicht mehr in seinem reinen Sein wahrgenommen. Eindrückliche Beispiele dafür sind Feindbilder, die auf Personen oder Gegebenheiten projiziert werden, aufgrund derer der Mensch oder eine Sache in ihrem Sein nicht mehr wahrgenommen wird. Erst wenn die Wertung und Einordnung zurückgenommen werden, können wieder die vielen weiteren Facetten eines Menschen oder der Gegebenheit zum Vorschein kommen. Hier ist weniger oft mehr, denn erst wenn wir in der Lage sind, unsere Meinungen und Bilder von etwas zu lösen, öffnet sich der Reichtum an möglichen Sichtweisen, die jedoch nicht alle übernommen werden brauchen. Gelingt dies, dann sind wir frei und offen in der Wahrnehmung. Nicht-wertende Aufmerksamkeit bedingt daher, den gegenwärtigen Moment bewusst und ohne Urteil, ohne Wertung wahrzunehmen und anzunehmen.
Diese Regeln, die insbesondere in der Achtsamkeitsmeditation praktiziert werden, führen also zu einer reduzierten Verarbeitung bei gleichzeitiger Wachheit und hohem Gewahrsein. Auf faszinierende Weise ermöglicht dies einen Zustand des inneren Friedens, der stillen Freude, der liebenden Verbundenheit und einer Art von erfülltem Sein. Ja, Leerheit wird als Fülle erlebt. Diese scheinbare Paradoxie löst sich auf, wenn wir diese Leerheit als ein Befreitsein von der Verhaftung an meist in engen Bahnen verlaufenden deterministischen Gedankengängen verstehen. Im Nicht-Tun des Denkens, im Nicht-Wissen des kommenden Erlebens und in der wachen Offenheit des Werdens erfahren wir uns in einem Grundzustand des Seins, in dem sich auch unser Gehirn in einem unbestimmten Schwebezustand ohne festgelegte Verarbeitung befindet. In Folge öffnet sich ein Raum der Unbestimmtheit und Ungewissheit, und so gelangen wir in einen Raum der Möglichkeiten, der als Fülle der eigenen Potenzialität, als Freiheit und Weite erlebt werden kann.
Was in dieser Leerheit bleibt, ist eine Art Wachheit in hohem Gewahrsein.
Dieser Zustand birgt in sich die Möglichkeit, vielerlei Zustände einnehmen zu können, aber nicht zu müssen. Gelingt dies, dann erleben wir in diesem Zustand Frieden und Glückseligkeit, und zwar deshalb, weil es nichts gibt, was gegeneinander streitet; keine konfliktbehafteten oder unvollständigen Gedanken. Der Bewusstseinsraum wird als ganz und heil erfahren. Und das ganz einfach durch den Verzicht auf die kognitiven und emotionalen Verarbeitungsprozesse. Denn auch unsere Gefühle sind oft Zeichen innerer Zerrissenheit und Trennung. Deshalb gilt dasselbe auch für Gefühle: Sie müssen nicht bis ins Letzte durchfühlt werden, obgleich dies manchmal hilfreich sein kann, aber um die Qualitäten der Leerheit erfahren zu können, dürfen Gefühle nicht von dominanter Bedeutung sein. Es handelt sich nicht darum, den Gefühlen statt den Gedanken Raum zu geben, sondern vielmehr um das Empfinden von Sein – nicht mehr und auch nicht weniger.
Dies ist nur der Anfang des Artikels. Der vollständige Beitrag ist in der Tattva Viveka 105 erschienen.
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Tattva Viveka Nr. 105
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Schwerpunkt: Meditation
Erschienen: Dezember 2025
Dirk Grosser – Den Augenblick so lassen, wie er ist • Dr. Thilo Hinterberger – Befreiung des Geistes durch Meditation • Dr. Ulrich Ott – Achtsamkeit ist keine Pille, sondern Übungssache • Dr. Holger C. Bringmann – Rückverbindung zur unsterblichen Seele • Sebastian F. Seeber – Platon und Meditation • Dr. Cynthia Bourgeault – Thomas Keating • Bischof Anba Damien – Das Vertrauen in die Stille • Jason Siff – Beobachten wie der Geist von selbst wächst • Kevin Johann – Räuchern: Die Zeit der inneren Einkehr • Buchbesprechungen • u.v.m.
Zum Autor
Prof. Dr. rer. nat. Thilo Hinterberger: Prof. Dr. rer. nat. Thilo Hinterberger ist Diplom-Physiker, Neuro- und Bewusstseinswissenschaftler. Sein Forschungsspektrum reicht von Gehirn-Computer-Schnittstellen, der Erforschung veränderter Bewusstseinszustände, der Evaluation therapeutischer Verfahren bis hin zu diversen Themen aus Medizin, Psychologie, Physik, Philosophie, Spiritualität und Gesellschaft. Seit 2011 leitet er den Forschungsbereich für Angewandte Bewusstseinswissenschaften in der Psychosomatischen Medizin am Universitätsklinikum Regensburg. Prof. Hinterberger ist Präsident der Gesellschaft für Bewusstseinswissenschaften und Bewusstseinskultur (GBB e.V.) und stellvertretender Vorsitzender der Stiftung Bewusstseinswissenschaften sowie Mitglied im Zukunftsrat der Universität Regensburg.
Bildrechte: Prof. Dr. rer. nat. Thilo Hinterberger
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