04 März Kyudo
Der japanische Bogenweg
Autor: Simone Käfer
Kategorie: Buddhismus
Ausgabe Nr: 106
Östliche Kampfkünste üben seit Langem eine große Faszination auf Menschen aus dem Westen aus. Eine von ihnen ist Kyudo, das japanische Bogenschießen. Trainiert wird dabei nicht nur das immer genauere Erreichen der Zielscheibe, sondern eine Perfektionierung der eigenen inneren Haltung und der Persönlichkeit, die von einer ausgefeilten Technik und präzisen Ästhetik bei der Ausübung des Bogensports unterstützt wird.
Die Füße stehen weit über Hüftbreite fest auf dem Boden. Ihre Haltung ist zentriert, sie fühlt sich stabil, geerdet und präsent. Sie richtet ihren Körper auf, entspannt ihre Schultern. Das Geräusch des vorbeifahrenden Zuges nimmt sie gar nicht wahr, das Summen der Insekten und die leisen Geräusche der Mitschützen treten in den Hintergrund. Ihr Geist ist fokussiert. Balance und innere Ruhe erfüllen sie. Ihr rechter Arm geht nach vorne, die Hand greift die Bogensehne. Ansonsten hat sich kein Teil ihres Körpers bewegt, sie behält die gerade, aufgerichtete Position bei. Mit ihrer Linken fasst sie den Bogen. Ihre Hände, Arme und Schultern sind bewusst in Spannung, aber nicht verkrampft. Sie konzentriert sich auf den Moment, ihren Körper, die Energie.
Sie atmet in ihr hara (vergleichbar mit dem Sitz des Wurzelchakras im Yoga), sammelt dort Kraft – und hebt den Bogen. Leicht sieht es aus, als sich ihre Arme gleichmäßig und langsam auseinander bewegen und den Bogen aufziehen. Dabei setzt sie hier zum ersten Mal wirklich Körperkraft ein, Brust-, Schulter- und Rumpfmuskulatur arbeiten. Aber auch geistige Konzentration wird ihr abverlangt, denn die Bewegungen geschehen in absoluter Symmetrie von rechts und links, nichts soll sie aus der Balance, aus ihrem Zentrum bringen.
Wenn der Pfeil ihren Mundwinkel berührt, kommt der vielleicht anstrengendste Moment. Körper, Geist und Atmung arbeiten gegen den Drang des Bogens sich zusammenzuziehen. Sie hält die Spannung nicht nur, sie verstärkt sie, vergrößert den Auszug sogar noch – bis zum perfekten Moment, in dem die Energie so groß ist, dass sich der Schuss lösen kann. Ein kritischer Moment, aber auch ein befreiender. Denn hier hat sie losgelassen; Kontrolle und Erwartungen fliegen nun mit dem Pfeil Richtung Ziel. Die Energie hallt in ihr nach. Um diesem Moment des Nachklangs des Schusses nachzuspüren, zu verinnerlichen und zu reflektieren, verweilt sie einige Momente in der Position des Abschusses.
Der Weg des Bogens
Beim japanischen Bogenweg (Kyudo) ist der gesamte Körper in den Prozess des Schießens eingebunden, bei minimaler Bewegung und wohldosiertem Kraftaufwand. Jede dieser Bewegungen ist exakt festgelegt. Es kommt keine hinzu, ebenso wird keine weggenommen. Durch den immer gleichen Ablauf entstehen Ruhe und die Chance, den Fokus auf sich zu lenken. Das ist wichtig, denn nur mit Konzentration und Achtsamkeit auf den eigenen Körper sowie Vertrauen in sich selbst und seinen Bogen ist der Kyudoka (jap. für Schütze/Schützin; der japanische Begriff ist geschlechtsneutral) in der Lage, im richtigen Moment die Kontrolle aufzugeben. Dann kann sich der Schuss lösen.
Kyudo und Emotionen
In den ersten Jahren beschäftigen sich Kyudoka vor allem damit, die Bewegungen flüssig, ruhig und präzise auszuführen. Sie arbeiten an Perfektion, lernen zu akzeptieren, dass diese nicht erreichbar ist und kämpfen mit sich, mit den Unbillen des Tages, ihrer Stimmung, ihren Emotionen – und nicht zuletzt mit ihrem Ego. Diese Reise verändert sich, wird detailreicher, neue Erfahrungen und Erkenntnisse verändern das Schießen und die eigene körperliche und geistige Haltung. Negative Ereignisse können einen zurückwerfen. Ein schlechter Tag auf der Arbeit oder eine emotionale Krise blockiert den einen beim Schießen, ein anderer gewinnt neue Energie durch die Ruhe und den Fokus beim Üben. Eine erfahrene Schützin erzählte, sie schieße am besten, wenn sie ein kleines bisschen ärgerlich sei. Denn dann habe sie Power und mehr Energie erfülle ihre Schüsse.
Beim japanischen Bogenweg (Kyudo) ist der gesamte Körper in den Prozess des Schießens eingebunden, bei minimaler Bewegung und wohl dosiertem Kraftaufwand.
Ich persönlich schieße am schlechtesten, wenn ich ärgerlich bin, auch Freude erschwert mir die Übung. Dann bin ich unkonzentriert, hastig, euphorisch und nicht geerdet. Meine sowohl technisch als auch mental besten Schüsse gelingen mir, wenn ich traurig bin, aber noch genug Kraft zum Schießen habe. Denn der Wille gut zu sein und die damit einhergehende Anspannung sind weg; mein Ego hat bei Traurigkeit keinen Platz und meine Gedanken irren nicht umher. Gleichzeitig hilft mir das Schießen, mit dem Gefühl der Traurigkeit umzugehen. Nach dem Training bleibt ein besseres Gefühl zurück, das Schießen hat mir neue Kraft und Mut geschenkt.
Gelegentlich werde ich auch überrascht. An machen Tagen werden mir erst durch die Konzentration, die fließenden Bewegungen sowie die Aufmerksamkeit und Fokussierung auf mich meine Gefühle bewusst. Oft sind sie vom Alltagsgeschehen oder den Erwartungen an mich und die Situation überdeckt. Aber dem Bogen kann man nichts vormachen: Mein Bogen weiß, wie es mir geht.
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Tattva Viveka Nr. 106
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Schwerpunkt: Bewegung
Erschienen: März 2026
Dirk Grosser – Wandernde Weisheit • Prof. Dr. Johannes Michalak – Spiritualität ist keine reine Kopfsache • Friederike Reumann – Die Bewegung der Organe • Dirk Grosser – Alles fließt aus dem Einen • Christian Busemann – In Bewegung geraten • Christian Holzknecht – Die transformative Kraft der Berge • Simone Käfer – Der japanische Bogenweg • Maren Brand – Vom Tun zum Sein • Dr. Ralph Skuban – Gesund und entspannt atmen • Nana Nauwald – Heilsames Bewusstseins-Abenteuer Trance • Chan Park – Tango Zen • Bruno Martin – Gurdjieffs Heilige Tänze • Buchbesprechungen • u.v.m.
Zur Autorin
Simone Käfer praktiziert seit 20 Jahren Kyudo. Mit dem japanischen Bogenschießen kam sie in Berührung, während sie in Japan lebte. Interessierten bietet sie im Zen- und Meditationszentrum Benediktushof zweimal im Jahr die Gelegenheit, diese Budo in freundlicher, offener Atmosphäre selbst zu erfahren.
Webseite: linkedin.com/in/simone-käfer-addmag
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