Der Kongress »Wirtschaft und Spiritualität«

Der Kongress »Wirtschaft und Spiritualität«

Vom 3. bis zum 6. Oktober 2019 fand in Kirchzarten bei Freiburg der erste Kongress zur Verbindung von Wirtschaft und Spiritualität statt. Initiator und Visionär ist der Unternehmensberater Hans-Jürgen Lenz, der den Kongress zusammen mit dem IAK Freiburg veranstaltete. Namhafte Referenten stellten ihre Erkenntnisse vor und 220 Teilnehmer erarbeiteten sich in Workshops und dem Openspace-Format eigene Lösungsansätze.

Prof. Dr. Claus Eurich leitete seinen Vortrag »Aufstand für das Leben – Vision für eine lebenswerte Erde« mit dem Klimawandel ein. Auch Dr. Franz Alt, der bekannte Vertreter der Sonnenenergie, führte in seinem Vortrag »Gewinn durch Sinn – die neue Unternehmerphilosophie« die Zuschauer und Zuhörer zu dem Thema. 

Prof. Eurich wies zunächst darauf hin, dass unsere bisherige Ethik eine Ethik des Menschen war, die aber oft die Tiere, Pflanzen und Mutter Erde vergaß. Eine Ethik für das Leben schließt jedoch Tiere, Pflanzen und die Erde mit ein. Eurich stellte die großen Philosophen der Ethik dar: Augustinus, Thomas von Aquin, Immanuel Kant, Hans Jonas, Albert Schweitzer, Mahatma Gandhi, Hannah Arendt und Albert Camus. Seine Schlussfolgerungen in vier Punkten: 1. die Einfachheit im Leben; verzichte auf das, was es zu einer Existenz in Würde nicht braucht. Gehe lebensdienlich mit Geld um und verneine nicht die Schönheit. 2. Lebe im Geist des Nicht-Verletzens. Praktiziere die Liebe und lebe vegetarisch. 3. Geschwisterlichkeit, im Sinne des Sonnengesangs von Franz von Assisi. 4. Übe Achtsamkeit, Wissensorientierung und kontemplative Lebensführung. Das Gewissen ist die letzte Instanz. – Seine Konsequenz für die Wirtschaft: fünfzig Prozent des Planeten müssten unter Naturschutz gestellt werden – da man auf der Erde nichts wegwerfen kann.

Kongress Wirtschaft und Spiritualität 2019

Franz Alts Vortrag glänzte durch eine hohe Informationsdichte und einige Bonmots wie zum Beispiel dieses: »Die Höchststrafe für einen Physiker ist ein Gespräch mit einem Ökonomen.« So ist er sich sicher, dass die Wissenschaft und die Technik so weit sind, unseren Energiebedarf durch 100 % erneuerbare Energie decken zu können. Allein die großen Wirtschaftsunternehmen sind nicht dazu bereit, weil dies ihren ökonomischen Interessen widerspricht. Einige Fakten: Täglich werden 86 Millionen Tonnen fruchtbarer Boden vernichtet, pro Tag gelangen 150 Millionen Tonnen Treibhausgase in die Atmosphäre, die Hälfte aller Arten ist ausgerottet, 30 Milliardäre haben mehr Einkommen als 3,8 Milliarden Menschen (die Hälfte aller Menschen). Alts schöne Erkenntnis indes: »Die wirkliche Wirklichkeit ist immer die göttliche Ordnung.« Er plädierte für Gewinn durch Sinn statt Gewinn durch Wachstum und berichtete von seiner kürzlichen Reise nach Mali, wo die Menschen erst seit kurzem Elektrizität haben. Das bedeutet für den Apotheker, dass er nun seine Medikamente kühlen kann, für den Schneider, dass er nun eine elektrische Nähmaschine hat, die ihm die Arbeit erheblich erleichtert, und für die Schüler, dass sie nun Fußball im Fernsehen schauen können. Die Folge: keiner will mehr fliehen.

In Freiburg, einer Hochburg ökologischer Lebensweise, sind immer noch neunzig Prozent der Dächer ohne Solaranlagen. Es gibt also noch viel Raum zur Verbesserung und Ergänzung unserer Energieproduktion. Leider wurde die Förderung der Solarenergie beendet. Das hat laut Dr. Alt zu einem Verlust von 80.000 Arbeitsplätzen im Bereich der Solarenergie geführt, die jetzt nach China verlegt wurden. Dagegen haben wir 20.000 Arbeitsplätze in der Kohleindustrie, die durch Subventionen erhalten werden. China hat schon allein in der Stadt Chenseng 16.500 Elektrobusse, wohingegen deutsche Städte noch nicht einmal zehn Busse bekommen, weil es Lieferengpässe gibt. 1 l Sprit vernichtet 10.000 l Luft. Die Weltbank berichtet, dass die Energiewende Geld koste, aber keine Wende kostet fünfmal mehr. 

In diesem Jahr beträgt der Anteil des Ökostroms am Gesamtvolumen in Deutschland bereits fünfzig Prozent. Als bekannter Fernsehjournalist berichtete Franz Alt von seiner Sendung, die er im öffentlich-rechtlichen Fernsehen 1993 zum Thema Energiewende ausstrahlte. Damals hielt die Energiewirtschaft dagegen und behauptete, dass Deutschland bis zum Ende des 21. Jahrhunderts höchstens 4 % des Energiebedarfs aus Ökostrom würde gewinnen können. Island und Ecuador sind bereits heute bei 98 % erneuerbarer Energie.

Kongress Wirtschaft und Spiritualität 2019

Hans-Jürgen Lenz, der Veranstalter des Kongresses

Alt überbrachte aber auch noch eine andere, eine erschreckende Nachricht: Die Hälfte aller Himalaya-Gletscher sind bereits geschmolzen. Wenn diese Gletscher ganz verschwunden sind, werden zwei Milliarden Menschen in Indien und China ohne Wasser sein. Alt berichtete von einem Plan der Uni Peking, 200 kleine Atombomben zu zünden, um Teile des Himalaya weg zu sprengen, damit die Flüsse ins nördliche China fließen. Jährlich sinkt der Grundwasserspiegel in Nordchina um zehn Meter.

Alt überbrachte auch eine Botschaft des Dalai Lama: »Der menschliche Geist ist der Schlüsselfaktor. Er ist die Wurzel und die Lösung des Problems. Spiritualität ermöglicht eine Neuorientierung. Es gibt nur eine echte Religion: ein gutes menschliches Herz.«

Andere interessante Vorträge waren zum Beispiel die von Christoph Harrach, dem Gründer von Karmakonsum: »Das gute Leben führen. Mit Yoga die nachhaltige Entwicklung fördern«; sowie von Martin Bucher: »Mitarbeiterführung mit Herz und Verstand. Einführung in die gewaltfreie Kommunikation«. Harrach wertete u. a. die alte vedische Schrift Bhagavad-Gita für die moderne Wirtschaft aus und berichtete vom 6. Kondratjew-Zyklus, demgemäß wir nun einen Paradigmenwechsel vom Topos der Weltwirtschaft zum Prinzip der Lebensqualität haben. Bucher richtete unsere Aufmerksamkeit auf unsere eigenen Bedürfnisse und machte deutlich, dass es ohne Bedürfnis auch keine Handlung gibt. Wenn man etwas tut, dann um sich etwas zu erfüllen, nicht um anderen zu schaden.

Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck, Ökonom und Buddhist, hielt einen Vortrag über das Problem des Bewusstseins, das in der Wissenschaft noch nicht geklärt ist. Er wies darauf hin, dass die durchschnittliche Dauer, dass eine Zelle zufällig entsteht, so hoch ist, dass es mehrfach die Lebensdauer des Universums benötigt. Der kreative Prozess ist nach wie vor unerklärbar. Das Neue kann man nicht aus dem Alten ableiten. Das Neue kommt aus dem Bewusstsein. Es muss erkannt werden. Deshalb heißt es im ersten Vers des Dhammapada: »Den Dingen geht der Geist voraus.« Auch die Quantenphysik freundet sich mit dem Gedanken an, dass nicht das Gehirn das Bewusstsein hervorbringt, sondern das Bewusstsein das Gehirn. Der Buddha sagte sinngemäß, die erste Wirklichkeit ist die Empfindung und Erfahrung des Subjekts. 

Brodbeck berichtete auch über Geld aus der Sicht des Bewusstseins und des Buddhismus. So wie laut Buddhismus alle Phänomene ohne Substanz sind, so ist es auch das Geld. Wenn Geld substantiell wäre, könnte sich nicht ein riesiges Vermögen über Nacht in Luft auflösen. Sein schöner Punkt zum Abschluss: Die Tatsache der gegenseitigen Abhängigkeit zeigt sich als Gefühl, und zwar als Mitgefühl. Wenn man die Wirklichkeit beobachtet, erkennt man das. Das ist die Achtsamkeit. Deshalb sind im Buddhismus Achtsamkeit und Mitgefühl die zentralen Tugenden.

Kongress Wirtschaft und Spiritualität 2019

Von den vielen weiteren Vorträgen und Workshops sei noch der Beitrag Vivian Dittmars erwähnt, die ihr neuestes Buch in dem Vortrag »Das innere Navi – transrationales Denken als Schlüssel zu ganzheitlichem Erfolg« vorstellte. Sie erklärte das transrationale Denken und unterschied zwischen Inspiration, Intuition und Herzintelligenz. Diese Begriffe werden oft vermischt, beziehen sich jedoch auf unterscheidbare transrationale Qualitäten unseres Geistes. Inspiration kommt von oben und zeigt sich als Idee. Die Intuition kommt von unten und zeigt sich als Handlungsimpuls. Das Herz ist unser Organ für Sinn und sitzt in der Mitte zwischen beiden. Dittmar sagte, im Herz sitze eine kulturunabhängige Ethik, die Gut und Böse im nicht-moralischen Sinn unterscheidet. Das Herz richte sich auf das Wahre, Schöne und Gute aus. Das Paradox des Herzens: Das Spüren der leidenden Welt tut im Herzen weh und es verschließt sich. Das Herz ist aber auch die Medizin für das Leiden. Dittmar berichtete von der Gehirnforscherin Tania Singer, die die Wirkung der ›Liebende Güte-Meditation‹ auf das Gehirn untersuchte und zeigen konnte, dass Mitgefühl erlernbar ist. Im Mitgefühl reagieren wir auf das Leid nicht mit Stress, sondern mit Hilfe. Unser derzeitiges Wirtschaftssystem bestraft uns aber, wenn wir aus dem Herzen handeln.

Hans-Jürgen Lenz, der Initator, beschäftigt sich seit zehn Jahren mit dem Thema der Verbindung von Wirtschaft und Spiritualität. Der Kongress ist sein Herzensprojekt und erforderte eineinhalb Jahre Vorbereitung, die er ohne geldwerten Vorteil gern erbracht hat. Es ist ihm gelungen, den Raum für die Teilnehmer als ein neues Forschungs- und Begegnungsfeld zu öffnen und Begegnung auf tiefer Ebene und mit hoher Qualität von Transparenz und Offenheit zu erschaffen.

Der Kongress vereinte noch viele weitere Vorträge und Workshops, die teilweise parallel liefen. Es baute sich ein starkes Feld von Liebe und Zuversicht auf, das die Menschen mehr und mehr mitnahm und zu einer Gemeinschaft formte. In den kleinen Arbeitsgruppen entstanden Ansätze zur Kooperation. Viele Menschen werden sicherlich auch nach der Konferenz in Kontakt bleiben. Alles in allem war es ein erfolgreicher Auftakt für ein neues Paradigma der Wirtschaft. Viele Menschen konnten spüren und erkennen, dass sie nicht alleine sind. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Vernetzung war deutlich wahrnehmbar und es kamen Freude und Glück auf, weil beides hier möglich war. Es war ermutigend, zu sehen, dass es so viele mutige, vernünftige und kompetente Menschen gibt, die auf dem Weg zur Umsetzung einer menschlichen und lebenswerten Welt sind – und einer Wirtschaft, in der die Spiritualität eine selbstverständliche Qualität ist. Die Konferenz soll wieder stattfinden.

Quelle und Infos: www.freiburger-forum.com

1 Kommentar
  • Sabine
    Veröffentlicht um 17:51h, 15 Dezember Antworten

    Wir führen hier gerade eine Diskussion, ob es notwendig ist, in unserem Ort für die hier lebenden ca. 28000 Menschen und die täglichen Besucher an öffentlich, zugänglichen Orten freies WLAN einzuführen. Ich frage mich, wie hoch der Preis für die Menschlichkeit und die Umwelt dafür ist und müssen wir überall und immer online sein können?

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