07 März Gurdjieffs Heilige Tänze
Tanz als Ventil der seelischen Transformation
Autor: Bruno Martin
Kategorie: Spiritualität
Ausgabe Nr: 106
Der sagenumwobene spirituelle Lehrer George Ivanovich Gurdjieff be-gründete die sogenannten »Heiligen Tänze«, auch bekannt als Gurdjieff-Movements. Diese Tänze unterscheiden sich jedoch grundsätzlich von anderen Tanzformen wie dem Ausdruckstanz oder Ballett, da sie präzise und häufig geometrisch genaue Körperhaltungen erfordern. Ihre zentrale Absicht ist die Förderung der »inneren Arbeit« der Tänzerinnen und Tänzer: Sie sollen sich ihrer eigenen Empfindungen und Gefühle bewusst werden, wodurch eine seelische Transformation in Gang gesetzt werden kann.
Im Laufe seiner Reisen im Nahen und Fernen Osten stellte George Ivanovich Gurdjieff (1866-1949) fest, dass die »heiligen Tänze«, die er dort erleben konnte, zu den wenigen verbleibenden Bedeutungsträgern gehörten, die noch für die Erhaltung bedeutsamen geistigen Wissens und dessen Überlieferung an nachfolgende Generationen verblieben waren. Die Tänze und ihre Musik erzählen eine Geschichte, einen Mythos, der nur lebt, wenn er weitererzählt wird. Erfahren wir diese Tänze, diese dazugehörige Musik, treten wir mit allen Sinnen in eine »andere« Ebene der Wirklichkeit ein. Wir selbst sind die Geschichte, die durch Bewegung und Musik erzählt wird, wir sind das lebendige Wesen dieses rituellen Tanzes, der von uns Besitz ergreift.
Und doch sind wir nicht »besessen«, nicht »besetzt«, sondern erleben eine unendliche Freiheit, die entsteht, wenn die Gruppe den Tanz konzentriert lebendig, intensiv und so genau wie möglich in den teilnehmenden Menschen erschafft. Wir können unsere eigene »Seins-Freiheit« in uns selbst spüren, denn wir erfahren, wie unser wirkliches Ich oder Selbst die Möglichkeit erhält, sich in uns und durch uns auszudrücken.
Der rätselhafte Ursprung der Movements
Seine ersten Ideen zu Bewegungsformen bekam Gurdjieff als Schüler im Gymnasium in Kars, in der Osttürkei an der Grenze zu Armenien. Die zwölf in Stein gehauenen Figuren auf der Kuppel der dortigen Kathedrale zeigen ungewöhnliche Armgesten, so wie auf dieser Zeichnung zu sehen ist. Die Nummerierung folgt der Anordnung der Figuren gegen den Uhrzeigersinn um die Kuppel, beginnend mit der westlichsten Figur. Interessant sind auch die Schlangen bei der ersten Figur. Vermutlich werden die zwölf Apostel dargestellt, doch die Reihenfolge der Körperhaltungen zeigt einen Bewegungsablauf wie in den Gurdjieff-Movements an.
Die Herkunft und Entstehungsweise der Movements, die er selbst »Heilige Gymnastik« nannte und die später auch als »Heilige Tänze« bezeichnet wurden, liegt im Dunkeln. Gurdjieff selbst hat viel dazu beigetragen, die Herkunft seiner kreativen Choreografien in ein Geheimnis zu hüllen. In seinem Buch »Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen« erzählt er von einem uralten Kloster verborgen im Hindukush (wie auch im gleichnamigen Film dargestellt), in dem es eine menschengroße Holzpuppe gab. An ihr konnten die Tänzer und Tänzerinnen entsprechend der Drehmöglichkeiten der Gelenke der Figur die verschiedenen Körperhaltungen der Arme und Beine üben.

Interessante Blicke auf Bewegungsübungen mit einer Holzfigur öffnet Heinrich von Kleists Erzählung zu Anfang des 19. Jahrhunderts »Über das Marionettentheater«. Dieser Aufsatz ist eine essayistische Erzählung, die das Verhältnis von Anmut und Bewusstsein am Beispiel von Marionetten und Tänzern untersucht. Ein interessanter Text, der viel über die Konzeption von Gurdjieffs Movements erzählt.
Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es im damals schon streng islamischen Afghanistan solch ein Kloster gegeben hat, in dem Frauen und Männer zusammenlebten und Tänze übten. Gurdjieff gab mit dieser Geschichte über die Bewegungsübungen mit einer Holzfigur den Hinweis auf die vielfältigen Möglichkeiten der Bewegungen der menschlichen Glieder. Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen und zu erleben, wie viele Variationsmöglichkeiten und Kombinationen von Armpositionen, Beinposition und Fußrhythmen für Menschen möglich sind. Hinzu kommt die Wirkung der vielfältigen Muskeln, die entweder entspannt oder angespannt werden, je nachdem was für die Ausführung einer bestimmten Haltung notwendig ist. Präzise, häufig geometrisch genaue Körperhaltungen unterscheiden die Movements von anderen Tanzformen wie Ausdruckstanz oder Ballett, bei denen mehr auf freie, fließende Bewegungen geachtet wird, um vor allem Emotionen zu vermitteln.
Die Tänze und ihre Musik erzählen eine Geschichte, einen Mythos, der nur lebt, wenn er weitererzählt wird.
Manche Zuschauer der Gurdjieff-Movements – die auf YouTube zu sehen sind – bekommen oft das Gefühl, dass die Tänzerinnen und Tänzer sich wie Marionetten verhalten, die durch Fäden kontrolliert werden. Trotz aller scheinbar mechanischer Bewegungsabläufe ist jedoch genau das Gegenteil der Fall, denn bei der »inneren« Arbeit mit diesen Tänzen geht es darum, sich der eigenen Empfindungen und Gefühle, die durch manche Körperhaltungen aktiviert werden, bewusst zu werden und zu absichtlichen Bewegungen zu führen. Diese Schulung fordert den ganzen Menschen heraus und kann eine seelische Transformation hin zu einem ganzheitlichen Menschen fördern.
Der Rhythmus des Zeitgeistes
Gurdjieffs Tänze sind jedoch nicht »nur« Überlieferungen oder Imitationen alter orientalischer Tänze. Es gibt einige Hinweise darauf, dass Gurdjieff viele Tänze selbst neu entwickelt oder aus westlichen zeitgenössischen Quellen Rhythmen und Bewegungsmuster übernommen hat, wie zum Beispiel von Émile Jaques-Dalcroze (1865-1950), dem Erforscher und Lehrer der Rhythmik. Rhythmik bezeichnet er im Kontext von Musikpädagogik als die Übung von harmonischen körperlichen Bewegungen. Diese Bewegungsformen basieren auf einem rhythmischen Zusammenspiel von Körperbewegungen zum Ausdruck von Form, Dynamik, Raum und Zeit. In seinem Übungssystem wird Zeit durch Bewegungen der Arme dargestellt und Zeitdauer, das heißt Notenwerte, durch die Bewegung der Füße und des Körpers. Eines der Gurdjieff-Movements heißt dementsprechend »Notenwerte«.
Weitere Parallelen von Bewegungsformen zur zeitgenössischen Kunst finden sich in der Arbeit des Bauhauskünstlers Oscar Schlemmer, der 1916 das »Triadische Ballett« mit der Musik von Paul Hindemith choreographiert hat. Dieses Ballett basiert auf Bewegungsstudien des menschlichen Körpers und den klassischen Bauhauskomponenten von Kreis, Dreieck und Quadrat. Vielleicht war es Ausdruck des Zeitgeists, dass in den Gurdjieff-Movements viele Gesten zu finden sind, die auf 45- oder 90-Grad-Winkeln basieren. Durch das Hineinbegeben in diese speziellen Bewegungen soll durch Aufmerksamkeit und Absicht (»Wille«) vor allem das Körper-Selbst-Gewahrsein geschult werden.
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Schwerpunkt: Bewegung
Erschienen: März 2026
Dirk Grosser – Wandernde Weisheit • Prof. Dr. Johannes Michalak – Spiritualität ist keine reine Kopfsache • Friederike Reumann – Die Bewegung der Organe • Dirk Grosser – Alles fließt aus dem Einen • Christian Busemann – In Bewegung geraten • Christian Holzknecht – Die transformative Kraft der Berge • Simone Käfer – Der japanische Bogenweg • Maren Brand – Vom Tun zum Sein • Dr. Ralph Skuban – Gesund und entspannt atmen • Nana Nauwald – Heilsames Bewusstseins-Abenteuer Trance • Chan Park – Tango Zen • Bruno Martin – Gurdjieffs Heilige Tänze • Buchbesprechungen • u.v.m.
Zum Autor

Bruno Martin, geb. 1946, war zu Beginn der 1970er Jahre Schüler des britischen Mathematikers und Philosophen John G. Bennett. Bennett verband damals schon Wissenschaft und Spiritualität auf der Grundlage der Lehre von G. I. Gurdjieff. Seit 50 Jahren leitet er in Seminaren viele Menschen zu einer ganzheitlichen Entfaltung an. Autor von zwölf Büchern, u. a. »Das Lexikon der Spritualität«, »Gurdjieff Praxisbuch«.
Webseite: gurdjieff-work.de
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