01 März »Spiritualität ist keine Kopfsache«
Studie belegt engen Zusammenhang zwischen Spiritualität und Körperbewusstsein
Autor: Prof. Dr. Johannes Michalak
Kategorie: Psychologie
Ausgabe Nr: 106
Eine gemeinsame Studie der Universitäten Witten/Herdecke (UW/H) und Tübingen deckte eine unerwartet enge Verbindung zwischen Spiritualität und Körperbewusstsein auf. Die Forschungsarbeit stützt sich auf die Analyse der Daten von mehr als 730 Christen, Muslimen und Buddhisten in den USA. Prof. Dr. Johannes Michalak, Inhaber des Lehrstuhls für Klinische Psychologie und Psychotherapie II, ordnet die daraus gewonnenen Erkenntnisse für uns ein und gibt einen Einblick, welche praktischen Implikationen diese mit sich bringen.
Tattva Viveka: Gemeinsam mit Ihrem Forschungsteam haben Sie den Zusammenhang zwischen Spiritualität, Religiosität und interozeptiver Bewusstheit untersucht. Wie definieren Sie interozeptive Bewusstheit und welche Methode haben Sie im Rahmen dieser Studie angewendet?
Prof. Dr. Johannes Michalak: In der Studie haben wir untersucht, wie stark Spiritualität, also die subjektive Erfahrung der transzendentalen Dimension, mit interozeptiver Bewusstheit zusammenhängt. Interozeptive Bewusstheit bezieht sich auf die Wahrnehmung und Bewertung von Körperempfindungen. Dabei lag der Fokus primär auf adaptiven (hilfreichen) Formen der Interozeption. Wir haben mithilfe eines Fragebogens erfasst, ob sich die Teilnehmenden unangenehmen, angenehmen und neutralen Körperempfindungen gewahr sind, inwieweit sie das Zusammenspiel des Körpers mit den eigenen Emotionen registrieren und den Körper zur Selbstregulation nutzen können. Es zeigten sich hier deutliche Zusammenhänge zwischen dieser adaptiven Form der Interozeption und Spiritualität. Der Fragebogen zur Spiritualität hat unterschiedliche Aspekte gemessen, wie das Gefühl von Erfüllung beim Gebet, Universalität (das Gefühl einer Einheit der Wirklichkeit) und Verbundenheit (den Glauben, Teil einer größeren menschlichen Wirklichkeit zu sein, die Generationen und Gruppen übergreift). Er wird in der Forschung eingesetzt, um Spiritualität religionsübergreifend zu erfassen. Wir haben die Zusammenhänge zwischen Spiritualität und interozeptiver Bewusstheit in großen US-Stichproben mit mehr als 730 Teilnehmenden sowohl bei Buddhisten, Christen als auch Muslimen gefunden.
TV: Welche Rolle spielen Körper und Geist in Religion und Spiritualität? Welchen Einfluss haben sie auf unsere spirituellen Erfahrungen?
Michalak: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass spirituelle Erfahrungen nicht rein kognitive oder mentale Phänomene sind, sondern dass sie auch stark verkörpert sind. Spiritualität hing besonders mit jenen interozeptiven Facetten zusammen, die Emotionswahrnehmung, Selbstregulation, das Hören auf den Körper und das Vertrauen in den Körper betreffen. So war beispielsweise die Skala »Selbstregulation«, die die Fähigkeit erfasst, Belastung durch Aufmerksamkeitslenkung auf Körperempfindungen zu regulieren (Beispielfrage: »Wenn ich meine Aufmerksamkeit auf meinen Körper richte, empfinde ich ein Gefühl von Ruhe«), besonders stark mit Spiritualität verbunden.
TV: Die Studie zeigt einen starken Zusammenhang zwischen Spiritualität und adaptiver interozeptiver Bewusstheit, jedoch kaum eine signifikante Korrelation mit Religiosität. Wie lässt sich dies erklären und was bedeutet dieses Ergebnis für diese beiden Konzepte im Kontext des Körperbewusstseins?
Michalak: Ja, wir haben neben Spiritualität, der subjektiven Seite des Transzendenzbezugs, auch die Zusammenhänge zwischen Religiosität und interozeptiver Bewusstheit erfasst. Religiosität wird häufig als die stärker formale, institutionelle und nach außen gerichtete Seite des Transzendenzbezugs definiert. Hier zeigten sich jedoch nur sehr schwache Zusammenhänge zwischen Religiosität und interozeptiver Bewusstheit. Im Gegensatz zu dem Fragebogen zur Spiritualität, der vor allem »innere« subjektive Erfahrungen erfasste, haben wir mit dem Fragebogen zur Religiosität die Häufigkeit religiöser Verhaltensweisen wie Meditation, Beten und den Besuch von religiösen Veranstaltungen erfragt. Obwohl es natürlich Spiritualität im Rahmen von Religionen gibt und dort auch kultiviert wird, scheint die interozeptive Bewusstheit mehr mit der subjektiven Seite des Bezugs zum Transzendenten in Beziehung zu stehen als mit äußerem religiösem Verhalten.
TV: Welche spirituellen/religiösen Gruppen wurden in die Studie mit einbezogen? Gab es Unterschiede?
Michalak: Wir haben in den USA eine große Stichprobe rekrutiert und drei Gruppen verglichen: 236 Buddhisten, 271 Christen und 229 Muslime. In allen drei Gruppen zeigte sich der positive Zusammenhang zwischen Spiritualität und adaptiver interozeptiver Bewusstheit. Entgegen der Hypothese waren die Zusammenhänge allerdings nicht bei den Buddhisten am stärksten, die ja mit Meditation eine stark körperorientierte spirituelle Praxis haben, sondern bei den Christen.
Der in unserer Studie beobachtete stärkere Zusammenhang zwischen interozeptiver Bewusstheit und Spiritualität bei Christen könnte darauf zurückzuführen sein, dass christliche Spiritualität emotionale Ausdrucksformen (zum Beispiel Freude, Trauer, Reue) stärker betont und damit die Wahrnehmung körperlicher, emotionsbezogener Reaktionen fördert. Im Buddhismus hingegen steht eher Gleichmut im Vordergrund und auch im Islam wird emotionale Kontrolle und Geduld betont, was mit einer anderen Einbindung interozeptiver Erfahrungen einhergehen könnte. Diese Interpretation ist natürlich sehr spekulativ und sollte in zukünftiger Forschung differenzierter geprüft werden.
Dies ist nur der Anfang des Artikels. Der vollständige Beitrag ist in der Tattva Viveka 106 erschienen.
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Tattva Viveka Nr. 106
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Schwerpunkt: Bewegung
Erschienen: März 2026
Dirk Grosser – Wandernde Weisheit • Prof. Dr. Johannes Michalak – Spiritualität ist keine reine Kopfsache • Friederike Reumann – Die Bewegung der Organe • Dirk Grosser – Alles fließt aus dem Einen • Christian Busemann – In Bewegung geraten • Christian Holzknecht – Die transformative Kraft der Berge • Simone Käfer – Der japanische Bogenweg • Maren Brand – Vom Tun zum Sein • Dr. Ralph Skuban – Gesund und entspannt atmen • Nana Nauwald – Heilsames Bewusstseins-Abenteuer Trance • Chan Park – Tango Zen • Bruno Martin – Gurdjieffs Heilige Tänze • Buchbesprechungen • u.v.m.
Zum Autor
Prof. Dr. Johannes Michalak ist Inhaber des Lehrstuhls für Klinische Psychologie und Psychotherapie II, Studiengangsverantwortlicher und Ombudsperson für gute wissenschaftliche Praxis. Seine Forschungsbereiche sind: Achtsamkeit und achtsamkeitsbasierte Psychotherapie, Embodiment in der Klinischen Psychologie, und Psychotherapie bei Menschen mit Behinderungen.
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