Mystische Freiheit

Mystische Freiheit

Sufismus in einer globalen Welt

Autor: Ingo Taleb Rashid
Kategorie: Islam/Sufismus
Ausgabe Nr: 85

Der deutsch-irakische Sufi-Meister spricht über die Erneuerung der Tradition, die Öffnung gegenüber anderen spirituellen Wegen, die Tänze und Gesänge der Sufis, Gott, die Klarheit der Ausrichtung, den Weg zu innerem Frieden, unangepasste Mystik, die Rolle des Körpers in der Spiritualität, Kunst und wie man durch die Meditation über die Namen Gottes zu sich selbst kommt.

Tattva Viveka: Ingo, deine Mutter ist Deutsche, dein Vater ist Iraki, du studiertest Theater-, Politik- und Kommunikationswissenschaften sowie semitische Sprachen an der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Du bist Sheikh der Naqshbandi Rashidiya Tariqa und jetzt auch Oberhaupt in dieser Sufi-Tradition. Zudem gründetest du das Movement Concept, ein Bewegungskonzept, über das wir noch sprechen werden. Du  bist des Weiteren Lehrer der japanischen Kampfkunst Bujinkan Budo Taijutsu. Wie ist es bei dir dazu gekommen?

Ingo Talib Rashid: Ich bin überwältigt von den Details, die du herausgefunden hast. Ich bin in München geboren worden. Mein Vater war wie erwähnt Iraki aus Bagdad und meine Mutter Deutsch-Polin. Ich wuchs den größten Teil meiner Vorschulzeit in Bagdad auf. Mein Vater war Sheikh der Naqshbandi Rashidiya Tariqa, genauso wie mein Großvater, dessen Vater und meine Vorfahren bis weit in die Vergangenheit. Ich bin also in eine sufische Linie hineingeboren worden. Irgendwann zwischen fünf und sechs Jahren wurde ich das erste Mal in diese Linie initiiert, zusammen mit meinem Großvater, der mich zu einem Feuerlauf mitnahm. Das war der Einstieg in die formelle Schulung innerhalb dieser Sufi-Tradition.

Mein Großvater, mein Vater und auch meine Mutter hatten irgendwann das Gefühl, dass ich die Tradition erneuern müsse. Die Tradition muss sich je nach Generation an die entsprechende Zeit, in der der Leiter der Tradition wirkt, anpassen. Man kann nicht so arbeiten wie vor 500 Jahren in Bagdad. Daher sollte ich schon von Kindheit an Kontakt mit Kampfkunsttraining haben.

Die Sufi-Tradition, in die ich hineingeboren wurde, ist ein Haus innerhalb der bekannten Naqshbandi Tariqa, die im Westen als ›die schweigenden Sufis‹ bekannt ist. Sufi-Traditionen sind nicht zentral organisiert, wie zum Beispiel die katholische Kirche. Es gibt nicht einen Sheikh weltweit, der für alle Sufis zuständig ist und auch nicht für alle Naqshbandi. Stattdessen existieren sehr viele unterschiedliche Naqshbandi-Linien, die völlig unabhängig voneinander operieren, und eine davon wurde von einem meiner Vorfahren gegründet: Sheikh Abu Bakar An-Naqshband, der von Zentralasien über die Türkei nach Bagdad kam.

Diese Tradition brachte eine Menge heilige Tänze aus Zentralasien mit.

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Glaube und Tradition

TV: Du hast also einen Einblick in unheimlich viele Weltregionen und auch in die spirituellen oder kulturellen Strukturen dieser Traditionen gewonnen und bist trotzdem hauptsächlich im Sufi-Glauben beheimatet?

Rashid: Ich würde das nicht Glauben nennen. Es ist eher ein Übungsweg. Ein wichtiger Aspekt dieses Übungsweges ist religio, das lateinische religio als Rückverbindung zum göttlichen Urgrund, wie immer man diesen nennen mag: Allah, Gott, das Göttliche.

Die Übersetzung ›das Göttliche‹ trifft vielleicht Allah am allerbesten, weil es nicht so personifiziert und weniger geschlechtlich ist.

Ganz wichtig ist der Aspekt der Praxis. Nach meiner Ansicht oder der Ansicht unserer Tariqa ist die spezifische Religionszugehörigkeit des Übenden sekundär. Manche Trainierende sind Muslime, andere gehören keiner speziellen Religion an. Wir haben Trainierende, die orthodoxe Christen sind, Juden usw. Ich selbst würde von mir sagen, dass sich die Tradition für mich geöffnet hat. Die Sufi-Tradition ist meine Basis, aus der ich stamme, aber ich hatte das Glück, viele andere Traditionen kennenzulernen und die Validität, die Gültigkeit, das Wertvolle dieser anderen Traditionen zu erfahren.

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Die Verbindung von Tanz und Glaube

TV: Ja, ihr habt diese Tanzschule. Damit wir beim Islam und Sufismus bleiben: Ich möchte die Bedeutung des Körpers innerhalb einer spirituellen Lebensweise thematisieren. Du weist darauf hin, dass dieser ein wichtiges Element ist. Auch der Name eurer Schule El Haddawi sagt das aus. Was bedeutet dieser Name und was haben Körper, Seele und Geist in eurer Tradition miteinander zu tun?

Rashid: Eine Bedeutung von El Haddawi ist ›trunken vom Göttlichen‹ oder ›Präsenz‹, Gegenwärtigkeit. Zu dieser Gegenwärtigkeit gehört es, den eigenen Leib zu bewohnen, sich im eigenen Leib, im eigenen Körper wahrnehmen und spüren zu können. Wir sagen im Sufismus, der Körper ist ein Tempel.

Der Körper ist wie ein Haus des Gebets, auf das wir achten müssen, um in die Gegenwärtigkeit zu kommen

oder um den spirituellen Übungsweg gehen zu können. Darum gibt es in unserer Tradition – das nennt sich Haraka al Muqaddas –heilige Bewegungen, heilige Tänze und heilige Schritte, die jene Aspekte der Körperlichkeit trainieren. Wir betrachten Körper, Geist und Seele hier auf dieser Erde als Einheit, wir trennen das nicht. Wir sind als eine Einheit auf der Welt.

Selbst wenn wir nur spirituell arbeiten und uns zur Meditation hinsetzen, ist dies ein körperlicher Prozess.

TV: Es ist also ein ausgeklügeltes System von verschiedenen Schritten und Tanzbewegungen, die jeweils etwas Eigenes bewirken. Ihr habt auch Stimm- und Atemtechniken, sehe ich das richtig?

Rashid: Naturgemäß ja.

TV: Also singt ihr auch?

Rashid: Ja, zum einen erfolgt das Rezitieren des Korans in einer festgelegten Form, genannt Tadschwid, das ist ein Rezitationsstil. Ich lese das nicht einfach ab, sondern rezitiere in einer ganz bestimmten Form. Zudem wird Dhikr Allah praktiziert, die Erinnerung an das Göttliche. Hier werden Atmung, Stimme, Rhythmus und Bewegung koordiniert und kombiniert. Genauso wie die heiligen Schritte haben auch bestimmte Dhikr eigene Wirkungen. Das bekannteste ist La Ilaha il Allah – es gibt keine Realität außer der Quelle. Wenn man das in einer bestimmten Art und Weise, mit einer bestimmten Atemtechnik, in der Kommunität praktiziert, übt das eine bestimmte Wirkung auf die Kommunität und den Einzelnen aus.

In dieser Fassung sind Auszüge aus dem Artikel wiedergegeben. Den vollständigen Artikel gibt es im Pdf, das unten bestellt werden kann.

TV: Das Stichwort Kunst greife ich gleich auf, weil du die Verbindung der Kunst mit der Spiritualität betonst. Kannst du dazu noch etwas sagen?

Rashid: Kunst ist eine wunderschöne Form, um Spiritualität zu leben, darzustellen, auszudrücken, und das zur Freude aller Beteiligten. Das bedeutet nicht, dass ein Tanztheaterstück nur Friede, Freude, Eierkuchen darstellt. Wir haben Produktionen realisiert, die starke Gesellschaftsfragen ansprechen und den Zuschauer durch schwierige Bewegungen führen, aber trotzdem bieten sie eine Möglichkeit, Menschsein auszudrücken, und dass ohne belehrend, mit dem Buch in der Hand etwas zu vermitteln.

TV: In dieser Verbindung von Kunst, Körper und Spiritualität hast du auch das ›Movement Concept‹ entwickelt?

Rashid: Ja, das ist die Summe meiner Erfahrungen mit dem Sufismus, mit westlichem Theater, mit klassischem Ballett, modernem Tanz, Kampfkunst aus Japan, Capoeira aus Brasilien, mit dem Studium von Anatomie, von Meditation, von Schauspielkunst. Ich habe das, so gut es ging, in ein lebendes System zu integrieren versucht, das sich Movement Concept nennt.

TV: Möchtest du uns zum Abschluss vielleicht eine Botschaft für die Menschen mitgeben, wie sie sich mit dem Islam beschäftigen oder ins Vernehmen setzen können? Welches Plädoyer für die Schönheit des Islam würdest du den christlich geprägten Menschen, die im Westen und in Europa leben, mitgeben?

Rashid: Begegnung. Wirkliche Begegnung auf allen Ebenen. Begegnungen mit islamischen Menschen, Begegnung mit islamischer Literatur, islamischer Musik, mit islamischen Ländern. Wie überall wird man gute und schlechte Erfahrungen machen und sollte auf der Suche nach Begegnung nicht nach den allerorthodoxesten Stimmen schauen, sondern mit gesundem Menschenverstand sich zutrauen, dieses Neuland zu bereisen. Dann hat man etwas davon und wird an Erfahrung, an Momenten, an Wissen reichlich belohnt.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Erfahren Sie mehr über die spirituelle Sicht des Islam und des Sufismus.

Lesen Sie die vollständige Fassung in Tattva Viveka 85 oder downloaden Sie diesen Artikel einzeln als ePaper für 2,00 € als ePaper erhältlich (Pdf, 8 Seiten).

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Ingo Taleb Rashid
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Sufismus in einer globalen Welt

Der deutsch-irakische Sufi-Meister spricht über die Erneuerung der Tradition, die Öffnung gegenüber anderen spirituellen Wegen, die Tänze und Gesänge der Sufis, Gott, die Klarheit der Ausrichtung, den Weg zu innerem Frieden, unangepasste Mystik, die Rolle des Körpers in der Spiritualität, Kunst und wie man durch die Meditation über die Namen Gottes zu sich selbst kommt.
 


 

Kompletter Artikel im PDF-Format (8 Seiten)

 
 

Zum Autor

Unser Autor Ingo Taleb Rashid

Ingo Taleb Rashid, M. A., Sheikh und Oberhaupt der Naqshbandi Rashidiya Sufi-Tradition, Begründer von Movement Concept®, Choreograf und Regisseur. Lehrer der traditionellen japanischen Kampfkunst Ninpo. Künstlerischer Leiter der El Haddawi Dance Company und Tanztheaterschule. Choreograf des Musicals »Peace Child«, einer der ersten Theaterproduktionen in Israel, bei der jüdische und arabische Kinder zusammen mitwirkten.

Website: www.elhaddawi.de

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