Tango Zen

Tango Zen

Vom Tanz zur gelebten Verbundenheit

Autor: Chan Park
Kategorie: Buddhismus
Ausgabe Nr: 106

Während der Tango als Inbegriff von Sinnlichkeit, Körperlichkeit und Geselligkeit gilt, scheint Zen genau das Gegenteil zu sein: regungslos, still und nach innen gekehrt. Doch Chan Park – NASA-Ingenieur und Tangolehrer – vereint diese vermeintlichen Gegensätze in Tango Zen. Hier münden die Zen-Prinzipien der Absichtslosigkeit und Präsenz nicht in Stille, sondern in einer verkörperten Verbundenheit: getragen von Bewegung, Musik und der innigen Umarmung zweier Menschen..

Tattva Viveka: Lieber Chan, du bist ein ehemaliger NASA-Ingenieur. Wie kam es dazu, dass Tango in dein Leben getreten ist?

Chan Park: Tango ist nicht zufällig in mein Leben getreten. Der Wunsch lebte schon lange, bevor ich Tango überhaupt entdeckt hatte, in mir. Seit meiner Kindheit fühlte ich mich stark zur Musik hingezogen. Damit verbunden war ein ganz einfacher Traum: als Paar zu tanzen – zwei Menschen, die sich gemeinsam bewegen, Rhythmus und Emotionen teilen. Während meines Studiums und in den ersten Jahren meiner Karriere blieb dieser Wunsch bestehen und wuchs still im Hintergrund. Später, während meiner Arbeit bei der NASA, fand ich endlich die richtige Gelegenheit. Ich trat einem Tanzclub bei und begann, nach der Arbeit Unterricht zu nehmen. Ich probierte viele Gesellschaftstänze aus, darunter auch Tango. Als ich ihn zum ersten Mal tanzte, hat es sofort Klick gemacht. Es fühlte sich an wie genau die Art von Tanz, nach der ich gesucht hatte – nicht nur wegen seiner Eleganz, sondern auch wegen seiner Tiefe, Intimität und Bedeutung.

Was als Kurs begann, wurde bald zu einem ernsthaften Weg. Ich lernte, besuchte Workshops und begann schließlich selbst zu unterrichten. Der Tango führte mich in ein neues Leben voller Reisen, Lernen und Begegnungen mit Menschen aus verschiedenen Kulturen. Diese Reisen veranlassten mich dazu, mein erstes Buch zu schreiben, »Tango Zen: Walking Dance Meditation« und später Filme zu drehen – denn Tango war für mich mehr als nur ein Tanz geworden: Er ist ein Ausdruck für das Leben selbst. Ich drehte meinen ersten Dokumentarfilm »Tango Your Life« als Regisseur, um meine persönliche Reise durch den Tango zu teilen. Später wurde ich zum Protagonisten meines neuesten Films »Tango Zen: Returning to Tradition« unter der Regie des argentinischen Filmemachers Juan Cruz Varela, der die ursprüngliche Tradition erforscht, die ich durch den Tango entdeckt habe. Schließlich führte mich der Tango nach Buenos Aires, wo ich Tänzer traf, die ihr ganzes Leben dieser Kunst gewidmet hatten. Dort hörte der Tango auf, etwas zu sein, das ich praktizierte, und wurde zu etwas, das ich lebte. Wie der Titel meines Films sagt: Tango Your Life. Genau das ist mir passiert.

TV: Warum sind Menschen deiner Erfahrung nach so fasziniert vom Tango?

Chan: Weil der Tango den Menschen etwas gibt, was sie im modernen Leben nicht so leicht finden: eine direkte Erfahrung von Verbundenheit, nicht Verbundenheit als Idee, sondern Verbundenheit als etwas, das man fühlt. In der Sprache des Tango Zen wird Tango faszinierend, weil er wie eine verkörperte Praxis der Präsenz funktioniert. Er holt die Menschen aus ihren Gedanken heraus und zurück in den gegenwärtigen Moment – durch Musik, Bewegung und Umarmung. Wenn das geschieht, beginnen sie, durch die Musik und die Umarmung eine universelle Energie zu spüren. Die Menschen sind fasziniert, wenn sie erkennen, dass Tango nicht nur »mit jemandem tanzen« ist. Vielmehr begegnen sich zwei Menschen durch Musik und Umarmung, und für einen Moment fühlt sich das Leben realer an.

In der Sprache des Tango Zen wird Tango faszinierend, weil er die Praxis der Präsenz verkörpert.

TV: Für viele Menschen sieht Tango wie eine Abfolge komplexer Schritte und Choreografien aus. Gibt es eine tiefere Ebene unterhalb der körperlichen Bewegung, und wenn ja, wie würden Sie diese beschreiben?

Chan: Diese tiefere Ebene ist das eigentliche Wesen des Tangos. Was viele Menschen sehen, ist oft Show-Tango: dramatisch und komplex. Aber authentischer Gesellschaftstango kann sehr einfach aussehen, denn er soll nicht beeindrucken, sondern verbinden. Im Tango Zen wie auch im traditionellen Tango wird Tango zu einer Form der Meditation, in der zwei Menschen zur Ruhe kommen, der Musik lauschen und sich bewusst in der Umarmung bewegen. Wenn das geschieht, kann selbst die einfachste Bewegung tiefgründig wirken. Tango ist nicht das, was man aufführt. Es ist das, was man miteinander teilt.

Ein Tanzpaar beim Tango Zen

TV: Was ist die wahre Bedeutung der Umarmung (el abrazo) im Tango? Sie wird oft als Ausdruck der Verbindung bezeichnet. Doch wie entsteht diese Verbindung tatsächlich, primär durch die körperliche Nähe?

Chan: Der Abrazo ist das Herzstück des Tangos. Hier beginnt der Tango. Die Umarmung erzeugt nicht nur körperliche Nähe. Sie ist der Ort, an dem zwei Menschen einen gemeinsamen Raum schaffen, und dieser Raum wird zu einer Brücke zwischen ihren inneren Welten. Verbindung entsteht, wenn die Umarmung eine Absicht beinhaltet, nicht Absicht im Sinne eines Plans, sondern Absicht als Energie: »Ich bin hier bei dir. Ich höre dir zu. Ich werde antworten.« Wenn diese Absicht klar ist, wird die Umarmung lebendig. Und es entsteht eine Verbindung, nicht als Idee, sondern als gemeinsame Realität in diesem Moment.

TV: Ich stelle mir vor, dass Verbundenheit eine feine Mischung aus Spiritualität, Körperlichkeit und Emotionalität ist. Wie empfindest du persönlich diese Trinität, wenn du tanzt?

Chan: Für mich sind diese drei Aspekte nicht voneinander zu trennen. Wenn sie zusammenkommen, wird der Tango lebendig.

Körperlich: Meine Bewegungen werden geerdet und ruhig. Ich fühle mich stabil, zentriert und vollkommen präsent.

Emotional: Ich fühle Nähe zu meiner Partnerin – manchmal Zärtlichkeit, manchmal Sehnsucht, manchmal Freude. Die Musik öffnet diesen Raum auf natürliche Weise.

Spirituell: Ich spüre, wie durch die Umarmung universelle Energie zwischen mir und meiner Partnerin fließt, nicht als Glaube, sondern als reale, gelebte Empfindung.

Im Tango Zen entsteht diese Dreierkombination, wenn ich mich durch diese meditative Haltung mit der universellen Energie verbinde und ich durch den Abrazo eine gemeinsame Präsenz zwischen mir und meiner Partnerin spüre.

Tattva Viveka Nr. 106

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Schwerpunkt: Bewegung
Erschienen: März 2026

Dirk Grosser – Wandernde Weisheit • Prof. Dr. Johannes Michalak – Spiritualität ist keine reine Kopfsache • Friederike Reumann – Die Bewegung der Organe • Dirk Grosser – Alles fließt aus dem Einen • Christian Busemann – In Bewegung geraten • Christian Holzknecht – Die transformative Kraft der Berge • Simone Käfer – Der japanische Bogenweg • Maren Brand – Vom Tun zum Sein • Dr. Ralph Skuban – Gesund und entspannt atmen • Nana Nauwald – Heilsames Bewusstseins-Abenteuer Trance • Chan Park – Tango Zen • Bruno Martin – Gurdjieffs Heilige Tänze • Buchbesprechungen • u.v.m.

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Portrait von Chan Park

Chan Park ist Autor des Buches »Tango Zen: Walking Dance Meditation« und Direktor von »Tango Your Life«. Als ehemaliger NASA-Ingenieur leitet er seit 25 Jahren Workshops und bietet nun in Deutschland und Buenos Aires Seminare zu Präsenz, Verbindung und Meditation an.

Webseite: tangozen.com

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