07 März »Es braucht weibliche Vorbilder«
Wieso Frauen im Buddhismus aus ihrem Schattendasein geholt werden müssen
Autor: Agnes Pollner
Kategorie: Buddhismus
Die traditionellen Gesellschaften, in denen der Buddhismus Verbreitung gefunden hat, sind überwiegend patriarchal ausgerichtet. Frauen spielen tendenziell eher eine untergeordnete Rolle und haben nur wenige bekannte Vorbilder ihrer Tradition, an denen sie sich orientieren können. Agnes Pollner möchte, dass sich dies ändert, und rückt Frauen im Buddhismus in den Mittelpunkt ihres zweiteiligen Buches.
Tattva Viveka: Frau Pollner, Sie sind buddhistische Meditationslehrerin und tragen auch als Frau den Titel einer Lama. Wie wird man Lama und was sagt dieser Titel genau aus?
Agnes Pollner: Zunächst einmal heißt Lama »Lehrer« und wie Sie schon richtig bemerkt haben, richtete sich dieser Titel in der traditionellen tibetischen Gesellschaft hauptsächlich an Männer, an männliche Praktizierende, in der Regel Ordinierte. In der traditionellen tibetischen Gesellschaft erhielten nur wenige Frauen die notwendige Ausbildung, um lehren zu können. Der Titel zeigt, dass man genug weiß und genug praktiziert hat, um andere unterrichten und sie auf ihrem Weg begleiten zu können.
Als der tibetische Buddhismus in den Westen kam, hatte man hauptsächlich ordinierte Männer vor Augen. Erst nach und nach verstanden die Frauen, dass dieser Titel nicht an ein Geschlecht gebunden ist. Er bezeichnet einfach eine Person, die lehren kann. Ich erhielt ihn von meiner Lehrerin Lama Shenpen Hookham. Am Anfang war ich etwas schüchtern damit, den Titel auch zu tragen, weil ich mich mit anderen großen Lamas verglich. Im Dialog mit meiner Lehrerin kristallisierte sich jedoch heraus, dass es sehr wichtig ist, dass die Frauen, die diesen Titel erhalten haben, ihn auch tragen. Auf diese Weise werden andere Frauen ermutigt, diesen Weg ebenfalls zu gehen, und man trägt gleichzeitig dazu bei, dass es Allgemeinwissen wird, dass mit dem Titel Lama beide Geschlechter gemeint sein können
TV: Sie haben ein Buch geschrieben, das in zwei Teilen veröffentlicht wurde. Der erste nennt sich »Starke Frauen im Buddhismus: Geschichten und Lebenswege«. Es repräsentiert vor allem Geschichten über Frauen aus Indien, China und Japan. Der zweite Teil, über den wir heute hauptsächlich sprechen wollen, nennt sich: »Starke Frauen im tantrischen Buddhismus«, ebenfalls mit Geschichten und Lebenswegen, jedoch aus Indien, Tibet und Nepal. Wie kommt man auf die Idee, ein Buch über Frauen im Buddhismus zu schreiben?
Pollner: Ich fühle mich unter anderem auch durch meinen Lama-Titel dazu aufgerufen, dieses Thema in die Welt zu bringen. Als ich vor mehr als 30 Jahren begann, mich mit dem Buddhismus zu beschäftigen, kam ich aus einer sehr aktiven feministischen Phase. Es war für mich sehr wichtig, eine Lehrerin hier in Deutschland zu finden. Eine bekannte buddhistische Lehrerin zu der Zeit war Silvia Wetzel. Viele kennen sie aufgrund ihrer zahlreichen Bücher und Belehrungen, die sie uns im Laufe ihres langen Dharma-Leben geschenkt hat und weiter schenkt.
Es war mir ein Anliegen, die Frauen aus diesem Schattendasein herauszuholen.
Damals fing ich an, mich zu fragen, wo in dieser reichen Tradition des Buddhismus eigentlich die Geschichten der Frauen waren. Ich recherchierte, welche Geschichten über Frauen in dieser Tradition existieren und wie die patriarchalen Gesellschaften sie verbogen haben. Das kennen wir ja aus unserer christlichen Kultur. Frauen sind immer die »netten Helfer« und in den Fernsehshows tragen sie dann die Schilder vorbei oder überreichen Preise. Auf diese Weise werden Frauen in die Ecke gedrängt oder zu hilfreichen Servicekräften für die »tollen Männer« degradiert.
Es war mir ein Anliegen, die Frauen aus diesem Schattendasein herauszuholen. Zunächst tat ich dies für mich selber, weil ich spürte, dass die Geschichten über weibliche Vorbilder auf dem Weg mich zutiefst ermutigen konnten. Da ich diese Praxis wirklich mit ganzem Herzen ausführen wollte, brauchte ich das Gefühl, als Frau nicht alleine zu stehen.
TV: Wie haben Sie die Geschichten ausgewählt, die es letztendlich ins Buch geschafft haben?
Pollner: Zunächst wusste ich nicht, wie viel ich überhaupt zu diesem Thema zusammenbekommen könnte. Doch je tiefer ich eintauchte, desto mehr Geschichten begegneten mir. Insbesondere in der angloamerikanischen Welt gibt es zu diesem Thema mittlerweile zahlreiche Veröffentlichungen, in denen ich mich ausführlicher informieren konnte. Letztlich stand mir eine ganz Fülle an Geschichten zur Verfügung. So änderte sich meine Perspektive vom Mangel zur Fülle. Ich entschloss mich daraufhin, die Geschichte des Buddhismus anhand von weiblichen Geschichten zu erzählen. So wanderte ich durch die verschiedenen Länder, die Sie erwähnten, um zu entdecken, wie sich Frauengeschichten in dieser Kultur gestaltet haben und wie sie überliefert worden sind.
TV: Sie haben gerade schon von Ihrem eigenen Bezug zu diesen Geschichten und vor allem zu den Frauen im Buddhismus erzählt. Und Sie sprechen in Ihren Büchern auch über buddhistische Ahnenreihen. Wie wichtig ist es, dass wir heutzutage unsere spirituellen Wurzeln kennen?
Pollner: Das ist in jeder spirituellen Tradition wichtig, weil es Vertrauen aufbaut. Man kann sich sicher sein, dass die Lehre bereits erprobt wurde und eine Wurzel hat. So wird einem deutlich, dass bereits viele Menschen den Weg erprobt und praktiziert haben. Ahnenreihen gibt es sowohl im Buddhismus als auch im Christentum. Doch auch dort muss man die Frauen mit der Lupe suchen. Es lag mir daran, eine weibliche Ahnenreihe aufzustellen, wobei mir einige Zen-Lehrerinnen eine große Inspiration waren, die dieses Projekt schon angefangen hatten.
Für mich persönlich ist es sehr wichtig, mich mit diesen Frauen zu umgeben, um mich als Frau, die den Weg zum Erwachen gehen will, nicht alleine zu fühlen.
TV: Wie lassen sich die Geschichten der buddhistischen Frauen in die eigene Praxis einbauen?
Pollner: Für mich sind – durch meine Beschäftigung mit ihren Lebensgeschichten – einzelne Frauen gänzlich lebendig geworden. Mein Buch will dabei ein Angebot sein, herauszufinden, ob den Leser oder die Leserin eine der Geschichten besonders anspricht. Wenn der Funke überspringt, können sie sich mit ihnen vertraut machen. Im buddhistischen Kontext wird empfohlen, mit Wiederholungen zu arbeiten. So kann man eine Geschichte immer und immer wieder lesen und vielleicht auch selbst noch einmal neu formulieren oder anderen erzählen. Eine weitere Form der Praxis wäre es, sich in das Leben einer dieser Frauen hineinzufühlen und beispielsweise ein Gedicht für sie zu schreiben.
Für mich persönlich ist es sehr wichtig, mich mit diesen Frauen zu umgeben, um mich als Frau, die den Weg zum Erwachen gehen will, nicht alleine zu fühlen. Es ist ein schönes Gefühl, diese Frauen, die den gleichen Wunsch hegten und ihn verwirklicht haben, in meinem Rücken zu wissen.
TV: Als Vorbilder oder Identifikationsmöglichkeit?
Pollner: Ja, genau. Es ist überaus wichtig, Vorbilder zu haben. Das kennen wir auch aus anderen Kontexten. Wenn ich eine Frau kenne, die einen typischen Männerberuf ausübt, dann kann ich mir besser vorstellen, auch selbst in der gleichen Situation zu sein. Ähnlich ist es mit Frauen, die Verantwortung übernehmen oder dezidiert andere Meinungen vertreten als die männliche Sicht auf Politik, auf Menschen, auf die Welt im Allgemeinen. Wenn die Stimmen der Frauen stärker gehört würden, würde die Weltpolitik anders verlaufen.
TV: Inwieweit hängt das Schicksal von Frauen – damals wie heute – damit zusammen, Konventionen zu sprengen und Freiheiten zu erlangen?
Pollner: In den von mir zusammengetragenen Geschichten gerät die jeweilige Frau fast immer in eine Krise, wenn sie sich auf den spirituellen Weg begibt. Nur bei wenigen Ausnahmen läuft alles glatt. In den meisten Geschichten treffen sie jedoch auf große Widerstände. Das hat natürlich auch mit den historischen Bedingungen in den traditionellen Gesellschaften in Indien, China, Tibet und Japan zu tun. In manchen sehr drastischen Geschichten wird den Frauen sogar der Eintritt in ein Kloster oder der Wunsch, von einem bestimmten verwirklichten Zen-Meister zu lernen, verwehrt, wobei die Frauen zu drastischen Maßnahmen greifen, um doch ins Kloster oder zur Lehre zugelassen zu werden.
Diese Schwierigkeiten, die die Frauen in diesen historischen Umständen erlebten, hängen vielfach mit klassischen, traditionellen Rollenbildern zusammen. Für Frauen war es nicht leicht, ein unabhängiges Leben zu führen. Das Kloster bietet eine gute Alternative zum vorbestimmten Lebenslauf in einer Familie. Auch heute ist es in traditionellen Gesellschaften noch so, dass der Eintritt in ein Kloster Exil-Tibetern und -Tibeterinnen die Möglichkeit bietet, in einem gut geschützten Rahmen eine hervorragende Ausbildung zu erlangen. Oft treten sie schon sehr jung in die Klöster ein. Von außen bemitleiden wir im Westen die Kinder womöglich und sehen nur, dass sie ins Kloster gesteckt werden. Doch oft ist das ein sehr gutes Umfeld. Es gibt Ausbildung – spirituelle und weltliche – und einen großen Zusammenhalt und Unterstützung der Frauen untereinander.

Heutzutage hängen wir nicht mehr so stark in solchen weiblichen Rollenbildern fest. Aber es mangelt uns an Vorbildern, um einen spirituellen Weg wirklich vollkommen und intensiv gehen zu können. Die Anforderungen an uns – Männer wie Frauen – sind im Alltag riesig und so vielfältig, dass uns viele Energien in verschiedene Richtungen ziehen. Das ist bei Frauen und Männern ähnlich. Wobei Frauen immer noch damit zu kämpfen haben, sich leichter überverantwortlich zu fühlen, insbesondere in Bezug auf Beziehungen und Familie. Das kann es schwieriger machen, ihre Zeit intensiver einem spirituellen Leben zu widmen.
TV: Dieses Herausnehmen aus den alltäglichen Verpflichtungen ist dann die Freiheit, die wir Frauen uns nehmen können.
Pollner: Richtig. Ein spiritueller Weg ist immer auch eine Suche nach Freiheit. Zunächst geht es konkret um freie Zeit. Also Zeit, die frei ist von anderen Verpflichtungen. Diese Zeit braucht es, um überhaupt das eigene Herz zu spüren, es zu erwecken, zu wissen, wo man lang will, um überhaupt diese Sehnsucht zu spüren, Freiheit finden zu wollen.
Der Aspekt, dass diese Geschichten von Frauen handeln, die diese Freiheit finden wollen, begeistert mich jedes Mal. Sie gehen einfach los. Das finde ich unheimlich ermutigend. Dies war für mich auch eine ganz wichtige Komponente bei der Auswahl der Geschichten. Ich wollte nicht ausblenden, wie schwierig es für Frauen war und vielleicht noch ist. Gleichzeitig wollte ich die Betonung darauf legen, wie sie es geschafft haben, trotz aller Hindernisse ihren Weg zu gehen. Ich wollte diesen ermutigenden Aspekt in den Mittelpunkt stellen.
Ein spiritueller Weg ist immer auch eine Suche nach Freiheit.
TV: An solchen Geschichten kann man sich gut orientieren und unter Umständen sogar den eigenen Mut entdecken, in eine ganz andere Richtung zu gehen.
Pollner: Genau. Das wäre auch eine weitere Form der Praxis damit, sich von diesem Mut anstecken zu lassen. Wie wir uns selber verstehen und welche Möglichkeiten wir in der Welt sehen, hängt ja stark damit zusammen, welche Geschichten wir kennen und wie wir diese Geschichten in uns aufnehmen. Geschichten, die von diesen mutigen Frauen erzählen, sind enorm wichtig dafür, mehr von unseren Möglichkeiten sehen zu können.
TV: Blicken wir noch einmal gemeinsam auf den Freiheitsbegriff aus einer buddhistischen Perspektive: Wie wird Freiheit im Buddhismus erlangt?
Pollner: Freiheit oder Befreiung ist der zentrale Begriff in der buddhistischen Weisheitslehre. Es geht darum, frei zu sein von den Einschränkungen, die unsere verwirrte Weltsicht mit sich bringt, und frei zu werden davon, nicht zu erkennen, wer wir wirklich sind. Alle buddhistische Praxis zielt darauf ab, dass wir eine Ahnung davon erlangen, was unser wahres Wesen tatsächlich ist. Diese Anhaltspunkte aus dieser Ahnung oder dem Gespür dafür und die Anleitung durch Lehrerinnen und Lehrer, die den Weg kennen, zeigen uns, welche Schritte nötig sind, um weiterzugehen und das wahre Selbst oder die Buddha-Natur zu verwirklichen. Auf diese Weise bauen wir Vertrauen auf und glauben mehr und mehr der »erwachten Sicht« statt der »verwirrten«. Das findet man im buddhistischen Kontext oft als Freisein von Leiden. Das Leid der Verwirrung hält uns davon ab, zu erkennen, dass wir eigentlich schon erwacht sind. Deswegen steht in meinen Büchern am Anfang die Geschichte von Buddha Tara, von Arya Tara, der Befreierin und freien Frau. Sie kann wie ein inneres Bild für das wahre Wesen einer jeden Frau (und eines jeden Mannes und allem dazwischen) stehen.
Es geht darum, frei zu sein von den Einschränkungen, die unsere verwirrte Weltsicht mit sich bringt, und frei zu werden davon, nicht zu erkennen, wer wir wirklich sind.
Diese Geschichte ist über mehr als tausend Jahre hinweg überliefert worden und spricht davon, wie Tara als Frau Befreiung erlangte und gelobte, sich immer als Frau zu manifestieren, um andere Wesen zu befreien. Das kann eine ganz einzigartige Ermutigung sein. Ich finde es äußerst interessant, dass das Gelübde von Tara überliefert worden ist, obwohl die Gesellschaft, in der dies stattgefunden hat, sehr patriarchal ausgerichtet war. Sie gelobte, sich als Frau zu inkarnieren, weil schon sehr viele Menschen in einem männlichen Körper erwacht sind, aber nicht so viele in einem weiblichen. Diese Geschichte trägt so eine starke Kraft in sich, dass sie sich einfach nicht unterdrücken lässt.
TV: Der zweite Teil Ihres Buches heißt »Starke Frauen im tantrischen Buddhismus«. Viele setzen den Begriff »Tantra« oder »tantrisch« mit erotischen Praktiken gleich. Beziehen Sie sich in Ihrem Buch auch darauf?
Pollner: In diesem Teil des Buchs spreche ich von einer Entwicklung, die ungefähr im siebten oder achten Jahrhundert in Indien stattfand. Zu dieser Zeit entwickelte sich das, was wir heute Tantra nennen. Der tibetische Buddhismus nennt es später Vajrayana, das »unzerstörbare Fahrzeug«. im Mittelpunkt dieser Strömung steht das Anliegen, die Unwissenheit über das wahre Wesen zu beseitigen.
Dabei probierte man Praktiken aus – und entdeckte sie vielleicht auch wieder –, die mit einer Art Alchemismus zu tun haben. Also einer Umwandlung oder Transformation. Die Sichtweise dabei ist, dass man den Körper in einen Buddha-Körper transformieren kann, wenn man sehr intensiv mit bestimmten Körperenergien arbeitet. An dieser Stelle bestehen viele Parallelen zum Yoga, zum Shivaismus und auch zu anderen nicht-buddhistischen Bewegungen. Diese Praxis der alchemischen Arbeit mit Körperenergien wird stark mit Tantra und Vajrayana assoziiert. Es wird mit sexuellen Energien gearbeitet und Frauen und Männer werden gleichwertig einbezogen.

Im Westen entstand zunächst der Eindruck, dass die an diesen Praktiken mitwirkenden Frauen »nette Hilfsmittel« für die Männer waren. Wenn man jedoch die Texte aufmerksam liest, wird klar, dass beide hochqualifizierte Praktizierende sein müssen. Denn in den Texten wird keine »nette« Praxis beschrieben, die zu ein bisschen mehr Spaß beim Sex führen soll. Vielmehr wird von einer hochkomplexen und herausfordernden Praxis berichtet, die nur realisiert werden kann, wenn beide Personen hochqualifiziert sind.
Manche Geschichten aus dem buddhistischen Tantra in Indien erzählen von Frauen, die in den Künsten sehr gut ausgebildet waren. Sie waren beispielsweise Tänzerinnen und Sängerinnen und hatten bereits gelernt, mit ihren Körperenergien anders umzugehen. Oftmals stammten diese Frauen aus Bevölkerungsschichten, die eher unter dem Radar liefen, also nicht unbedingt aus der höchsten Kaste der Brahmanen. Diese Frauen bewahrten, so sagt zumindest die amerikanische Lehrerin Lama Tsültrim Allione, dieses spezifische Wissen aus früheren Zeiten. Die Praktiken der Vereinigung des sexuellen Yoga stellen einen Spezialweg dar. In Tibet war zudem die Mehrzahl der Praktizierenden Mönche und lebte zölibatär. Und das führte zu ziemlich vielen Komplikationen und tut es auch heute noch.
TV: Im Tantra werden Frauen auch besonders verehrt.
Pollner: Genau. Die amerikanische Forscherin Miranda Shaw fand viele Belege und Textstellen, die dies bestätigen und die Frauen aus der Ecke der »netten Gehilfinnen« herausholen, was mich persönlich sehr freut. Es heißt darin, dass männliche Praktizierende sich wirklich bemühen müssen, alle Frauen zu verehren und sie als Erwachte, als Buddhas anzusehen. Tun sie das nicht, ist ihre Praxis fruchtlos. Wir müssen uns dabei klar vor Augen halten, dass es diesen starken Hinweis auch dringend brauchte, denn man kann davon ausgehen, dass dies nicht die normale Haltung Frauen gegenüber war.
TV: Einige Einweihungsgeschichten schildern, wie die Frau diejenige ist, die das Wissen weitergibt.
Pollner: Wir können davon ausgehen, dass das viel öfter der Fall war, als wir heute wissen. In einer patriarchalen Gesellschaft zählt nur die männliche Genealogie. In der Lebensgeschichte eines Mannes wird zum Beispiel erzählt, dass er seine Einweihung von einer Frau, von einer Lehrerin bekam. Das wird dann aber oft in der offiziellen Ahnenreihe der Praxis »vergessen«. Bei manchen Frauengestalten ist es gut überliefert, wie bei Yeshe Tsogyal oder Machig Labdrön. Natürlich gab es auch Frauen, die von Frauen lernten. Diese Zusammenhänge sind jedoch kaum dokumentiert worden.
TV: Yeshe Tsogyal wirkte als Paar mit Padmasambhava zusammen.
Pollner: Richtig. Die beiden kamen als Paar nach Tibet und entzündeten die Flamme des Buddhismus neu. Das war enorm wichtig für die gesamte tibetische Geschichte. Sie brachten als Paar das Tantra oder das Vajrayana, wie es im tibetischen Buddhismus heißt, nach Tibet.
TV: Mögen Sie uns zum Abschluss verraten, welche Ihre Lieblingsgeschichte ist?
Pollner: Eine Lebensgeschichte, die mich immer wieder begeistert, ist die Geschichte von Mandarava. Diese Geschichte stammt aus der indischen Zeit des tantrischen Buddhismus. Sie enthält magische Elemente und ist zugleich eine »Coming-of-Age«-Geschichte. Die Erzählung beginnt mit der Geburt von Mandarava, die schon unglaublich geheimnisvoll ist. Sie kommt aus dem Bauch ihrer Mutter hervor und kann sofort sprechen und lobt diesen Bauch, diese Gebärmutter, in der sie gehalten wurde. Das ist schon sehr ungewöhnlich. Die Geschichte erzählt weiter davon, wie sie heranwächst und immer wieder ungewöhnlichen Lehrerinnen begegnet, bis sie schließlich selbst erwacht und in vielen verschiedenen Formen, zum Beispiel als Tigerin, erscheint. Das ist eine teils sehr legendenhafte Geschichte, wobei ich die Mischung aus verschiedenen Komponenten – teils magisch, teils sehr alltäglich und konkret –besonders toll finde.
TV: Haben Sie noch etwas auf dem Herzen, was Sie unseren Lesern gerne noch mitgeben möchten?
Pollner: Ja, ich meine, dass man die Geschichten in meinem Buch auch genießen kann, wenn man noch keine Verbindung zum Buddhismus hat. Es sind einfach Geschichten, über spirituelle Wege. Allen Menschen, die einen Sinn für das Spirituelle haben oder die über Geschichten diesen Weg entdecken möchten, kann ich das Buch nur ans Herz legen. Nehmen Sie es in die Hand, lesen sie einfach in eine Geschichte hinein und beginnen Sie gemütlich auf dem Sofa darin zu schmökern.
TV: Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Stefanie Aue.
Zur Interviewten

Agnes Pollner ist buddhistische Meditationslehrerin und Künstlerin. Seit über 30 Jahren folgt sie dem buddhistischen Weg. Langjährige Ausbildung und Autorisierung durch Sylvia Wetzel und Lama in der Awakened Heart Sangha von Lama Shenpen Hookham.
Webseite: herz-der-dinge.de


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