01 März Die Bewegung der Organe
Ein Urprinzip des Lebens im osteopathischen Verständnis
Autor: Friederike Reumann
Kategorie: Gesundheit
Ausgabe Nr: 106
Unsere Gesundheit ist eng mit Bewegung verknüpft. Dabei geht es beim Thema Bewegung nicht nur um äußere Aktivitäten wie Joggen, Fahrradfahren oder Schwimmen, sondern auch um kleine Bewegungen unserer inneren Organe, die die wenigsten Menschen im alltäglichen Leben wahrnehmen. Friederike Reumann kann diese Bewegungen ertasten, wieder in Harmonie bringen, wenn sie einmal aus dem Lot geraten sind, und so ihren Patienten zu mehr Gesundheit und Heilung verhelfen.
Bewegung ist ein Urprinzip des Lebens. Alles schwingt, pulsiert, dehnt sich aus und zieht sich zusammen: von den größten Strukturen des Universums bis zu den kleinsten Zellen unseres Körpers. Auch der Mensch bildet keine Ausnahme. Wir sind integraler Bestandteil eines Kosmos, in dem Rhythmus, Anpassung und Austausch die Grundgesetze des Daseins sind.
Osteopathie knüpft genau hier an. Sie ist eine ganzheitliche manuelle Therapieform, zurückgehend auf die Erkenntnisse des US-amerikanischen Arztes Andrew Taylor Still, der im ausgehenden 19. Jahrhundert etliche physiologische und immunologische Zusammenhänge erkannte und den Körper als Einheit aus Struktur und Funktion begriff. Die Kunst der Osteopathie besteht darin, den Organismus als lebendiges System wahrzunehmen – als ein Gefüge aus Gewebe, Organen, Blutkreislauf, Nerven und feinen Rhythmen, die miteinander kommunizieren. Bewegung beziehungsweise Beweglichkeit sind hier wichtige Faktoren, da alle Gesundheit vom reibungslosen Fluss des Blutkreislaufs und Lymphsystems abhängt, wie auch von der Versorgung des Gefäß- und Nervensystems.
Die Behandlung richtet den Blick daher nicht auf Symptome, sondern auf zugrundeliegende Zusammenhänge. Blockaden entstehen selten lokal; sie spiegeln oftmals veränderte Rhythmen, Stressmuster oder fehlende Beweglichkeit wider. Aus osteopathischer Sicht können solche Störungen langfristig das harmonische Zusammenspiel von Gewebe, Durchblutung, Nervenfunktion und körpereigene Regulationsmechanismen beeinträchtigen. So ließe sich erklären, wie chronische Prozesse im Körper begünstigt werden können: Wenn Gewebe über Jahre vermindert versorgt, dauerhaft überlastet oder neurovegetativ aus dem Gleichgewicht geraten, kann dies die Widerstandsfähigkeit körpereigener Strukturen herabsetzen.
Aus dieser Perspektive wird verständlich, warum degenerative Veränderungen wie Arthrose, gefäßbezogene Prozesse wie Arteriosklerose oder auch komplexe neurologische Erkrankungen wie MS oder Parkinson sich in einem Körper manifestieren können, der seine ausgleichenden Fähigkeiten teilweise verloren hat. Die Osteopathie versteht solche Erkrankungen als Ausdruck eines länger gestörten Zusammenhangs zwischen Struktur, Funktion und innerer Regulation. Die Behandlung zielt daher darauf ab, die körpereigenen Ressourcen zu stärken, Beweglichkeit und Rhythmen wiederherzustellen und so günstige Bedingungen für Heilungs- und Regenerationsprozesse zu schaffen.
Viszerale Osteopathie – die Kunst, Organe zu behandeln
Die Behandlung der inneren Organe ist ein zentraler Bestandteil des osteopathischen Spektrums. Organe besitzen eigene Bewegungen, Spannungen und Aufgaben im Zusammenspiel des Lebens. Die Leber folgt ihrem eigenen Rhythmus, sanft eingebettet unter dem Zwerchfell. Aus osteopathischer Sicht zeigt sie mehrere Bewegungsqualitäten: Zum einen wird sie durch den Atemmechanismus geführt – bei jedem Einatmen gleitet sie durch den Zug des Zwerchfells leicht nach unten und kippt minimal nach vorn. Zum anderen besitzt sie, wie viele Organe, subtile Eigenbewegungen.
Diese entstehen laut Jean-Pierre Barral (siehe Kasten) als Ausdruck ihrer Durchblutung, ihres Stoffwechsels und ihrer embryonalen Entwicklung. Sie ergibt sich aus der elastischen Spannung, Ligamentführung und der kontinuierlichen Versorgung mit Blut und Lymphe. Der Darm kommuniziert über Bänder, Gefäßaufhängungen und Faszien mit der Wirbelsäule. Anatomisch geschieht dies über Strukturen wie das Mesenterium, das die Darmschlingen mit der hinteren Bauchwand verbindet und gleichzeitig Nerven, Blut- und Lymphgefäße führt. In der osteopathischen Betrachtung übertragen diese Aufhängungen nicht nur mechanische Kräfte, sondern spiegeln auch vegetative Reaktionen wider: Spannungen des Darms, etwa durch Verdauungsprozesse, Stress oder lokale Reizungen, können sich über diese Zuglinien bis zur Lendenwirbelsäule oder zum Becken fortsetzen.
Die Behandlung zielt darauf ab, die körpereigenen Ressourcen zu stärken, Beweglichkeit und Rhythmen wiederherzustellen und so günstige Bedingungen für Heilungs- und Regenerationsprozesse zu schaffen.
Umgekehrt können knöcherne Blockierungen in dieser Körperregion die freie Mobilität des Darms beeinflussen. Das Herz wiederum pulsiert in seinem schützenden Herzbeutel, dem Perikard. Dieses ist über Bänder mit dem Zwerchfell, dem Brustbein und der umliegenden Faszienarchitektur verbunden. Dadurch entsteht eine komplexe Bewegungsdynamik: Mit jedem Atemzug verschiebt sich das Herz leicht im Brustkorb, während es gleichzeitig durch seinen eigenen Rhythmus, die kardiale Pumpbewegung, eine minimale Torsion und Rotation ausführt. Barral beschreibt dies als harmonisches Zusammenspiel zwischen innerer Eigenbewegung und äußerer Mitbewegung durch Atmung und fasziale Spannung. Störungen in diesen Zuglinien können sich deshalb nicht nur lokal, sondern im gesamten Thorax funktionell bemerkbar machen.
In diesem Verständnis sind Organe aktive Akteure: Sie antworten auf Spannung, Lebensrhythmus und sogar auf Emotionen. Ihre Bewegungen sind fein, regelmäßig und für unsere geschulten Hände tastbar. So lässt sich wahrnehmen, ob ein Organ frei gleitet, verklebt, überlastet oder gestresst ist. Osteopathen benötigen dafür keine Werkzeuge – ihre Hände sind ihr Instrument. Sie spüren Bewegungs- und Gleitmuster, die Eigenbeweglichkeit der Organe (Motilität) und ihren Kontakt zu umgebenden Strukturen.
Dies ist nur der Anfang des Artikels. Der vollständige Beitrag ist in der Tattva Viveka 106 erschienen.
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Tattva Viveka Nr. 106
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Schwerpunkt: Bewegung
Erschienen: März 2026
Dirk Grosser – Wandernde Weisheit • Prof. Dr. Johannes Michalak – Spiritualität ist keine reine Kopfsache • Friederike Reumann – Die Bewegung der Organe • Dirk Grosser – Alles fließt aus dem Einen • Christian Busemann – In Bewegung geraten • Christian Holzknecht – Die transformative Kraft der Berge • Simone Käfer – Der japanische Bogenweg • Maren Brand – Vom Tun zum Sein • Dr. Ralph Skuban – Gesund und entspannt atmen • Nana Nauwald – Heilsames Bewusstseins-Abenteuer Trance • Chan Park – Tango Zen • Bruno Martin – Gurdjieffs Heilige Tänze • Buchbesprechungen • u.v.m.
Zur Autorin
Friederike Reumann ist Physiotherapeutin, Heilpraktikerin und Osteopathin mit eigener Praxis und Yoga Loft am Steinhuder Meer. Sie hat unter anderem Ausbildungen in traditioneller Chinesischer Medizin, Hypnose und Yoga absolviert und bereits mehrere Bücher über Selbstbehandlungsmöglichkeiten geschrieben.
yoga-am-steinhuder-meer.de
Webseite: physioplus-neustadt.de
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