Rezension: Gustav Landauer: Meister Eckharts Mystische Schriften

Rezension: Gustav Landauer: Meister Eckharts Mystische Schriften

Erschienen 2019 in Bodenburg, im Verlag Edition AV, Gustav Landauer Ausgewählte Schriften, Band 15, 228 S., Ill., 18,00 €.

Kategorie: Christentum
Rezensent: Dr. Stephan Krall

Meister Eckhart dürfte vielen Leserinnen und Lesern derTattva Viveka zumindest vom Namen her als mittelalterlicher Mystiker bekannt sein. Kaum bekannt sein wird, dass die erste umfangreichere Übertragung aus dem Mittelhochdeutschen ins Deutsche von einem Anarchisten stammt. Gustav Landauer (1870-1919), der am Ende der Münchner Räterepublik ermordet wurde, wurde von seinem Freund, den Sprachforscher Fritz Mauthner (1849-1923) dazu angeregt. Mauthner war dabei nicht ganz uneigennützig, denn er bereitete sein dreibändiges Werk, »Beiträge zu einer Kritik der Sprache« vor und wollte dafür einzelnes von Meister Eckhart nutzen. So machte sich Landauer 1899 während einer Haftstrafe, die er für das Eintreten für einen wegen Mordes verurteilen Friseur und Gastwirt erhielt, an die Arbeit. 1903 erschienen dann beim Karl Schnabel Verlag der Band mit Predigten, Traktaten, Fragmenten und Sprüchen von Meister Eckhart. Ein Band von nur rund 150 Seiten, der jetzt im Rahmen der von Siegbert Wolf herausgegebenen Ausgewählten Schriften von Gustav Landauer im Verlag Edition AV als Band 15 neu erschienen ist. Der Text folgt der Erstausgabe von 1903, bezieht aber alle Änderungen der zweiten Auflage mit ein. Diese erschien 1920, also nach dem Tod Gustav Landauers, in einer von Martin Buber herausgegebenen überarbeiteten Version mit den Änderungen, die Landauer noch zu Lebzeiten vorgenommen hatte. Landauer hatte diese Ausgabe selber geplant. Der nun erschienene Band ist mit einem sehr kenntnisreichen Vorwort versehen und umfangreichen Anmerkungen, einer Bibliographie der Schriften Landauers, sowie einer Zeittafel und einigen kleineren Texten.

Meister Eckhart wurde um 1260 bei Gotha in Thüringen geboren. Er trat mit 14 Jahren ins Dominikanerkloster in Erfurt ein, studierte später in Köln und Paris und wirkte dann als Prior von Erfurt und Vikar von Thüringen. Neben anderen Stationen lehrte er an den Universitäten in Paris und Köln. Er wurde von Ordensbrüdern wegen angeblicher Häresie denunziert und daraufhin angeklagt. Der 1326 in Köln begonnenen und 1329 in Avignon, dem damaligen Exil der römischen Päpste, abgeschlossene Inquisitionsprozess endete mit der Verurteilung einiger seiner Schriften. Meister Eckhart erlebte das nicht mehr mit, denn er starb bereits ein Jahr zuvor. Der Prozess gegen einen derart renommierten Lehrer war einzigartig, und es ging weniger um akademische Streitigkeiten, sondern mehr um die Wirkung seiner deutschen Predigten und Schriften.

Das Werk von Meister Eckhart lässt sich in dem Satz, »Das Sein ist Gott«, zusammenfassen. Er wird somit als pantheistischer und panpsychistischer Ketzer eingestuft. Ein Gratwanderer zwischen Philosophie und Theologie mit einem ausgeprägten spirituellen Anliegen. Davon zeugen seine Schriften, die immer wieder die Suche nach Erkenntnis in der Versenkung und Meditation beschreiben. Er schreibt über Gott: »Je mehr du ohne Bild bist, je mehr Du seines Einwirkens empfänglich bist, und je mehr du in dich gekehrt und selbstvergessen bist, um so näher bist du diesem,« und »Es muss ein Wegsehen von allen Dingen sein, Gott verschmäht es, in Bildern zu wirken.« Und an anderer Stelle: »Wer also Licht finden will und Unterscheidung aller Wahrheit, der warte auf diese Geburt in sich und im Inneren und nehme diese wahr: so werden alle Kräfte und der äußere Mensch erleuchtet.«

Warum stellte Landauer diese Texte zusammen? Er fand den Grundgehalt der Wahrheitsfindung, wie ihn Meister Eckhart beschreibt, auch für seine eigene Philosophie zentral, und er liebte die poetische Schreibweise. Landauer veröffentlichte ebenfalls 1903 sein philosophisches Hauptwerk, auch nur ein schmales Bändchen von rund 150 Seiten, unter dem Titel »Skepsis und Mystik«. Er nimmt darin starken Bezug auf Fritz Mauthners Sprachkritik, aber auch auf Meister Eckharts Mystik. Wie geht das als Anarchist, dem man eher Gottlosigkeit unterstellen würde? Es geht für Landauer, da er Eckharts Pantheismus noch weiter treibt, und sich vermutlich wie Mauthner als agnostischen Mystiker versteht. Und seinen Weg zur Wahrheit sieht Landauer wie die Mystiker in der Versenkung und den inneren Erlebnissen. Auch für ihn muss Außenwelt und Ich zu einem werden. Er schreibt: »Und ebenso scheint es, hat die Welt uns absondern und zu Individuen schaffen müssen, um in uns aufblitzen und erscheinen zu können. Nur dass wir in dieser Absonderung und in tiefster Einkehr bei uns selbst die Welt leibhaftig und seelenhaft in uns finden und spüren. Weil die Welt in Stücke zerfallen und von sich selbst verschieden und geschieden ist, müssen wir uns in die mystische Abgeschiedenheit flüchten, um mit ihr eins zu werden.«

Landauers Buch Skepsis und Mystik ist übrigens in derselben Reihe als Band 7 vor einigen Jahren erschienen, ebenfalls mit umfangreichen Erläuterungen.

Abschließend sei noch gesagt, dass von der Wissenschaft Landauers Übertragung weitgehend abgelehnt wurde. Nicht nur, weil bereits einige Wochen nach seiner Veröffentlichung im weitaus bekannteren Diederichs-Verlag eine weitere umfangreiche Ausgabe der Schriften von Meister Eckhart erschien, herausgegeben von Hermann Büttner. Der eigentliche Grund liegt darin, dass Landauer die Schriften in einer Weise bearbeitet hat, wie sie die Wissenschaft ablehnt. Er selber schreibt im Vorwort: »Das allermeiste, was von ihm überliefert ist, ist für uns völlig wertlos geworden, da es nur linguistisches Wortgetiftel ist, das damals die Naturwissenschaft ersetzen musste, weil es an Beobachtungen und Kenntnissen fehlte.« Und in einer Verlagsankündigung schreibt er: »Wer nun Eckhart neu herausgeben wollte, ohne diesen scholastischen Schutt…vorher gründlich zu entfernen, der hätte ein unnützes Werk getan, denn Eckhart wäre geblieben, was er zuvor schon war: mittelhochdeutsch, ungenießbar und unverständlich.« So etwas hört die Wissenschaft natürlich nicht gerne. Aber für alle die, die Meister Eckhart genussvoll lesen wollen, sind die Texte eine Wohltat.

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