30 Nov. Platon und Meditation
Über das Denken und seine Inhalte
Autor: Sebastian F. Seeber
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 105
Einleitung
Die platonische Philosophie beschreitet einen eigenen Weg, um die Gegenstandswelt und das Seiende zu erfassen, der sich von der meditativen, mystischen Gedankenstille und dem rein naturwissenschaftlichen Denken unterscheidet. Denn Platon zufolge kann durch vernünftiges Denken eine Befreiung von Konzepten und der eingeschränkten subjektiven Perspektive erreicht werden. So gelangt man zur Weisheit – dem höchsten Ziel der Philosophie – und zur begrifflichen Erkenntnis der ewigen Ideen.
Was bedeutet eigentlich Meditation?
Der Ausdruck ›Meditation‹ wird heute üblicherweise mit Techniken aus dem Yoga in Verbindung gebracht. Er erscheint in vielen Büchern als Standardübersetzung für den aus dem Sanskrit stammenden Ausdruck dhyāna, welcher wiederum die siebte der acht Stufen des Yoga nach dem yogasūtra darstellt. Das folgende Zitat beschreibt in aller Kürze die sechste, siebte und achte Stufe des klassischen Yoga, wobei ebenfalls der Ausdruck ›Meditation‹ als Übersetzung für dhyāna gewählt wurde:
»Dhāranā ist Konzentration auf einen Punkt oder völlige Aufmerksamkeit auf das jeweilige Tun, wobei das »Denken« unbewegt und unerschüttert bleibt. Es […] löst alle Verspanntheit. Wird es über lange Zeit fortgesetzt betrieben, so wird es zur Meditation (dhyāna), einem unbeschreiblichen Zustand, den nur der versteht, der ihn erlebt. […] Wird der Zustand des Dhyāna lange ohne Unterbrechung beibehalten, so geht er in Samādhi über, und der Sādhaka [der Übende] verliert seine individuelle Identität in den Gegenstand der Meditation.«
Der Ausdruck ›Meditation‹ benennt demnach einen unbeschreiblichen Zustand, bei welchem das Denken längere Zeit unbewegt bleibt und dessen Ziel die Auflösung der individuellen Identität ist. Ein Blick auf die Etymologie des Wortes führt hingegen in die entgegengesetzte Richtung. Der Meditation liegt das lateinische Verb meditārī zugrunde. Das Verb bezeichnet im klassischen Latein einen Vorgang des Nachdenkens, Bedenkens oder Vorbereitens und wird üblicherweise im Zusammenhang mit alltäglichen, juristischen oder politischen Sachverhalten gebraucht. Die ursprüngliche Bedeutung von meditārī ist also ein Nachdenken, ein In-Sich-Gehen und Überlegen. Das Verb beschreibt demnach gerade keinen Stillstand, sondern eine Bewegung des Denkens und hat keinen besonderen Bezug zu mystischen Erfahrungen oder spirituellen Inhalten.
Gibt es Meditation bei Platon?
Meditation ist kein griechisches Wort. Es gibt bei Platon auch keinen entsprechenden Begriff, der sich aus moderner Sicht treffend mit ›Meditation‹ übersetzen ließe, was der Blick in die einschlägigen Fachlexika und Handbücher deutlich macht. Die etymologische Entsprechung zum lateinischen meditārī wiederum, das griechische Verb médesthai (bedacht sein, vorbereiten), taucht im ganzen platonischen Œuvre nur ein einziges Mal auf, und auch da nur als Teil eines Homer-Zitats. Zudem spielen Techniken, die wie im Yoga das Denken unbewegt machen und so zur Auflösung der Individualität führen sollen, in den Dialogen Platons keine Rolle. Meditation in unserem Sinne gibt es also bei Platon nicht – weder dem Namen noch der Sache nach. Und doch nimmt die Platonische Philosophie eine interessante Mittelstellung zwischen Meditation als dhyāna und Meditation als Nachdenken ein.
Die Verbindung zu dhyāna zeigt sich, wenn man auf Ziel und Zweck der Yogapraxis blickt. Bei Iyengar heißt es dazu, der Yoga gebe die Anweisungen, »mit deren Hilfe der Jīvātmā [der individuelle menschliche Geist] mit dem Paramātmā [dem höchsten universellen Geist] verbunden oder vereinigt wird und somit die Befreiung (moksha) erlangt.« Ziel der Meditation ist also die Verbindung mit dem Göttlichen und die Befreiung des Menschen. Löst sich der Blick von der Frage nach dem Wie und konzentriert sich darauf, was durch die Meditation erreicht werden soll, rücken Yoga und Platon enger zusammen:
»Gottähnlichkeit, verstanden als das Wissen vom wahren Sein und das von diesem Wissen gelenkte Handeln, kann […] als das Ideal und Endziel (telos) des Platonischen Philosophierens gelten«. In der Politeia heißt es beispielsweise: »Indem also der Philosoph regelmäßig mit dem Göttlichen und Geordneten verkehrt, wird er geordnet und göttlich, soweit es dem Menschen möglich ist« (Rep. 500c-d). Diese »Angleichung an Gott (ὁμοίωσις θεῷ) gemäß dem Möglichen« (Theaet. 176b) bedeutet »gerecht und fromm mit Vernunft zu werden« (Theaet. 176b). Die philosophische Bildung erzieht dabei zur individuellen Freiheit, »durch die ein Mensch befähigt wird, mit einem freien Blick, d.h. durch Betätigung des höchsten Seelenvermögens in ihm, der Ratio und des Intellekts, […] das, was für ihn das wirklich Angenehme und Gute ist, zu erkennen und auch zu erstreben«. Dies meint primär die Befreiung von Verzerrungen und Einschränkungen der eigenen Perspektive.
Und doch nimmt die Platonische Philosophie eine interessante Mittelstellung zwischen Meditation als dhyāna und Meditation als Nachdenken ein.
Auch die Platonische Philosophie zielt also einerseits auf eine Verbindung mit dem Göttlichen, die im Verkehr mit dem Göttlichen und einer Angleichung an Gott besteht, und andererseits auf eine damit verbundene Befreiung des Menschen. Diese Befreiung aber besteht gerade in der Betätigung eines denkenden Seelenvermögens, und die Angleichung an Gott ist explizit mit der Vernunft, mit Rationalität und Intellekt, verbunden. Platons Philosophie ist demnach weder Meditation in dem einen noch in dem anderen Sinne, aber sie verfolgt scheinbar das Ziel von dhyāna (Yoga-Meditation) über den Weg des Nachdenkens (meditārī).
Befreiung von der individuellen Identität (Yoga) vs. individuelle Freiheit (Philosophie)
Iyengar sprach vom Verlust der individuellen Identität in Samadhi. Dem scheint die individuelle Freiheit der philosophischen Bildung zunächst entgegenzustehen. Doch auch bei dieser war die Rede von einer Befreiung von Verzerrungen und Einschränkungen der eigenen Perspektive. Der Verlust oder die Aufgabe der Individualität sind jedenfalls in den platonischen Dialogen kein explizites Thema. Aber auch der reinen Wahlfreiheit kommt kein besonderer Wert zu. Vielmehr ist die Freiheit aus philosophischer Sicht an Erkenntnis und Unterscheidungsfähigkeit gebunden.
Interessant ist allerdings, dass das vernünftige Denken, welchem die begrifflichen Unterscheidungen zukommen, völlig unabhängig von kulturellen, zeitlichen, örtlichen, oder persönlichen perspektivischen Verzerrungen agiert. Die Vernunft ist immer und überall für jeden ein- und dieselbe, und auch die Begriffe oder Ideen, welche sie unterscheidet, sind ewig und unwandelbar. Auch wenn der Philosoph seine Individualität also nicht verliert, betätigt er doch, solange er philosophiert, ein bestimmtes Seelenvermögen, welches jeder Individualität übergeordnet ist – er verkehrt mit dem Göttlichen – und man könnte geradezu wörtlich mit Iyengar sagen, dass beim Philosophieren »der Jīvātmā [der individuelle menschliche Geist] mit dem Paramātmā [dem höchsten universellen Geist] verbunden« wird; nur dass damit keine unerklärliche Wirklichkeit gemeint ist, sondern schlicht die Auseinandersetzung mit unabänderlichen Sachgehalten: Wer zum Beispiel darüber nachdenkt, welche Positionen zwei Geraden, die auf einer gemeinsamen Ebene liegen, zueinander einnehmen können, der wird zu jeder Zeit und an jedem Ort zu demselben Ergebnis kommen.
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Tattva Viveka Nr. 105
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Schwerpunkt: Meditation
Erschienen: Dezember 2025
Dirk Grosser – Den Augenblick so lassen, wie er ist • Dr. Thilo Hinterberger – Befreiung des Geistes durch Meditation • Dr. Ulrich Ott – Achtsamkeit ist keine Pille, sondern Übungssache • Dr. Holger C. Bringmann – Rückverbindung zur unsterblichen Seele • Sebastian F. Seeber – Platon und Meditation • Dr. Cynthia Bourgeault – Thomas Keating • Bischof Anba Damien – Das Vertrauen in die Stille • Jason Siff – Beobachten wie der Geist von selbst wächst • Kevin Johann – Räuchern: Die Zeit der inneren Einkehr • Buchbesprechungen • u.v.m.
Zum Autor
Sebastian F. Seeber studierte Alt-Griechisch, Philosophie und klassische Philologie. Er promoviert derzeit zu Platons Dialog Kratylos, unterrichtet Alt-Griechisch an der HU Berlin sowie der Universität Würzburg und ist Gründer des Carpe Kairon Instituts für antike Sprachen, Texte und Inhalte.
Webseite: carpe-kairon.de
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