Sehen 2.0 – Tattva Viveka Magazin
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Sehen 2.0

Erkenntnis ohne Urteil

Sehen 2.0

Erkenntnis ohne Urteil

Autor: Waltraud Volk, Ronald Engert
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 67

Der Mensch ist auf der Suche nach Wahrheit und Erkenntnis. In den letzten zweitausend Jahren versuchte er sein Glück vor allem mit den logisch-rationalen und begrifflichen Methoden der Vernunft. Dabei ging eine andere Form der Wahrnehmung und Erkenntnis verloren: das SEHEN. Dieses Sehen ist eine Wahrnehmung ohne Ich und ohne Perspektive. Das Sehertum wurde von der Ich-Perspektive abgelöst. Jetzt ist es an der Zeit, das Sehen in einer neuen Form wieder zu beleben, in der das gesunde Ich integriert ist.

Jeder Mensch hat eine Seele, diese kann man immer sehen.

Sehen ist ein Wahrnehmungs- und Erkenntnismodus jenseits des Urteils, des Willens und des Egos. Das Sehen ist die Schau der Wahrheit, die Wahr-Nehmung dessen, was ist. Es ist die Erlösung von der Unwissenheit und der Illusion, die die Menschen im Bann hält. Es übersteigt das Urteil und die Rechtsgewalt zugunsten des lebendigen, nicht festlegbaren Flusses, in dem kein Moment dem anderen gleicht. Damit ist es das wahre Leben. Es ist jedoch in der real existierenden Welt der Egos stark gefährdet und eigentlich nicht praktizierbar. Die alten Seher (1.0) hatten kein Ich und mussten untergehen. Die neuen Seher (2.0) integrieren ihr gesundes Ich und sind in der Lage, in beiden Welten zu leben.

Das Sehen ist eine andere Wahrnehmung außerhalb vom Ich. Es geht nicht um mich, sondern wie es einfach ist. Es ist evident, offensichtlich.

Im Sehen sind alle Menschen schön. Das Sehen ist das reine Ja zu allem.

Es ist eine Ebene der Wahrnehmung, wo alles ist. Nichts wird über-sehen. Das Sehen ist ohne Wertung. Es bedeutet, die Wesen und Dinge in ihrem vollen Potential, in ihrer Schönheit, in ihrer Würde, in ihrer konstruktiven, kreativen Lebendigkeit zu sehen. Alles, was es gibt, geht in seiner Wahrheit und Schönheit in die Wahrnehmung ein. Alles hat irgendwo seinen Sinn im Ganzen.

Sehen ist eine nehmende, empfangende Wahrnehmung, die im weiblichen Modus verläuft. Deshalb geschieht es öfter bei Frauen als bei Männern, ist jedoch nicht auf Frauen beschränkt.

Man sieht, was für alle Beteiligten die Wahrheit ist. Nichts wird über-sehen, man sieht alles und befindet sich nicht in einem Konzept oder einem Kasten, sondern man sieht, wie es ist.

Das Sehen ist ein erweiterter Bewusstseinszustand. Der Wechsel in dieses Bewusstsein erfolgt einerseits stufenlos, andererseits auch sprunghaft. Es kann teilweise und zeitweise geschehen. Wenn du aber wirklich in dem Zustand des Sehens bist, dann gibt es kein Ego und keine Wertung mehr. Es geht um die Lockerung des Ich, die Aufhebung der Ego-Schranke. Die meisten Menschen sind praktisch immer im Ego-Modus.

Das Sehen ist die totale Annahme von dem was ist, ohne etwas zu wollen, das reine passive Nehmen. Von dem, was man will, ist man immer durch die Zeit getrennt. Es kann sich etwas ändern, wir können uns entwickeln, aber die einzige Chance ist, jeden so zu lassen, wie er ist.

Kinder können sehen. Du schaust sie an und siehst, dass sie sehen. Wenn alles einfach geschieht und keiner etwas Besonderes will, wenn das Kind einfach so im Spielen ist, dann ist es etwas ganz Schönes, das zu sehen. Dann spielt nichts anderes eine Rolle als das, was im Moment passiert. Und dann kommt jemand und will etwas, und der Fluss (die Welle) bricht zusammen.

Erkenntnis ohne Urteil

Die neutrale Wahrnehmung

Das Sehen ist die neutrale und objektive Wahrnehmung. Es ist die Sichtweise, die die reine Kraft sieht. Beispiel: Wenn jeder so gut arbeiten würde, wie er kann, dann wäre alles ausgeglichen und würde passen. Wenn alle einen Baumstamm tragen und der eine trägt weniger, dann muss der andere mehr tragen. Das ist eigentlich glasklar.

Wahrnehmung bedeutet: Ich nehme es wahr, d.h. ich nehme es in seiner Wahrheit an. So kann ich wahr-nehmen, d.h. sehen, was ist. Sehen ist Nicht-Kontrolle.

Sehen kann man bei Menschen anwenden, die geisteskrank sind. Bei Begegnungen mit einem »Verrückten« kann das Sehen dazu führen, ihm auf einer gemeinsamen Ebene zu begegnen und ihn zu verstehen. Die anderen Menschen verstehen das nicht. Sie halten dann den Seher oder die Seherin selbst für verrückt. Und es ist auch eine Gratwanderung, denn es besteht die Gefahr, nicht mehr zurückzufinden und dann selbst »verrückt« zu werden.

Beispiel: Ich (Ronald Engert) traf einmal eine Frau, die in einer Einrichtung für psychisch kranke Menschen lebte. Sie hatte eine psychische Störung, die u.a. darin zum Ausdruck kam, dass sie hyperaktiv war, keine Distanz hatte, viel zu nah an andere heran kam und sehr viel redete. Sie streckte oft ihre Zunge heraus und schnitt Grimassen. Im Sehen hatte ich keinen Widerstand gegen diese Frau, keine Ablehnung, die mich von ihr trennte. Ich konnte normal mit ihr kommunizieren und sie für voll nehmen. Auf einmal schaute sie mir direkt in die Augen und sagte: »Du blickst durch.« Sie war total klar. Beim nächsten Treffen konnte ich das nicht halten. Sie nervte mich und ich machte zu. Ich dachte, die ist verrückt, und wollte sie loswerden. Ich konnte nicht im Ja bleiben, sondern grenzte mich ab. Ich war wieder im egologischen Bewusstsein. Es war kein Kontakt möglich und ich konnte sie nicht mehr sehen.

 

Sprache

Sehen ist weder invasiv noch beherrschend. Es dringt nicht ein. Es hält und stellt nicht fest. Es nimmt wahr, d.h. es nimmt den oder das Andere an, es lässt es herein, u.z. so wie es ist. Deshalb kann man das Sehen als weiblichen Modus der Erkenntnis bezeichnen. Die Bewegung geht von außen nach innen und ist ein In-sich-Hineinnehmen. Man lässt den oder das Andere ohne Widerstand und ohne Abgrenzung in sich eingehen. Der Modus ist deshalb auch passiv zu nennen. Dieser weibliche Modus der Hingabe und des passiven Nehmens ist im patriarchalen Paradigma negativ besetzt als Machtmangel, Unterordnung, Opferstellung oder Objektstatus.

Im Modus des Sehens, der die Kraft sieht, ist der passiv nehmende Modus der ekstatischere und erfüllendere. Auch hier spricht alleine die Sprachweisheit die Wahrheit bereits aus: Ich möchte erfüllt werden. Das ist die Bewegung von außen in mich hinein, d.h. etwas soll in mich hineinkommen, mich erfüllen, das füllen, was vorher ein leerer Raum war. Der leere Raum ist das Weibliche, der Schoß, die Vagina, die Gebärmutter. Es ist Raum, es kann aufnehmen, es kann sich füllen und gefüllt werden. Darin kann das Kind empfangen werden. Darin können die geistigen Kinder, die Ideen, empfangen werden. Der männliche Modus ist der gebende, der weibliche Modus ist der empfangende. Deshalb sind wir im weiblichen Modus Empfänger, also Medien.

Sehen und Person

Die einzigartige Person

Man sieht die wahre Identität einer Person jenseits von Schwarz-Weiß-Rastern und mentalen Vereinfachungen. Man sieht jenseits des dualistischen Modus. Es ist sehr vielfältig und bunt, weil es alle möglichen Spielarten gibt. Das Sehen ist personal und individuiert. Man sieht die einzigartige Person. Es gibt keine Verallgemeinerungen und keine Besonderungen, keine dualen Raster oder Schubladen, in die jemand einsortiert oder aussortiert wird, sondern nur Konkretes, Einzigartiges, das fließt und sich im Werden und Vergehen vollzieht. Natürlich versteht sich das nicht im dogmatischen Sinne, was wieder eine Einseitigkeit wäre. Im Allerkonkretesten offenbart sich das wahre Allgemeine, im Einzigartigsten offenbart sich das Universale. Im philosophischen Sinne kommen die Hermetik und die Dialektik diesem Modus am nächsten. Wahrheit ist fraktal und holografisch. Sie findet sich im Kleinsten wie im Größten, sie findet sich in den Entsprechungen und Korrespondenzen, in den Analogien von Makrokosmos, Mesokosmos und Mikrokosmos, in der vierfachen Schriftebene der heiligen Schrift (wörtlich, analogisch, allegorisch, mystisch), in der Entsprechung des Buches der Natur mit dem Buch der heiligen Schrift, also Welt und Wort.

Liebe

Das Sehen ist die Liebe, denn Liebe ist Annahme, ist reines Nehmen. Ich will nichts. Ich will nichts haben, ich will nichts anders haben. Ich kann wünschen und wollen, aber auf der nicht-sehenden Ebene, in meinem Ich. Der entscheidende Unterschied zwischen alten und neuen Sehern, d.h. zwischen Sehen 1.0 und Sehen 2.0, ist, dass die neuen Seher sich selbst sehen können. Ich bin berechtigt zu wollen, denn ich habe als lebendes Wesen Bedürfnisse. Ich bin, ich brauche, ich bin berechtigt. Diese Bedürfnisse kann man sehen. Sie gehören in das Gesamtbild der Kräfte, in dem meine Person absolut gleichberechtigt mit und neben den anderen Personen existiert. Jede Person hat ein Ich. Jede Person ist ein Selbst. Jede Person ist ein Individuum. Also auch ich. Sehen sieht objektiv die energetischen Beziehungen, die Kräfte, die in und zwischen den Personen wirken. Sehen sieht die Wirklichkeit, wie sie ist, ohne ideologischen Schleier, weil das Sehen selbst keine Partei ergreift und keine Perspektive einnimmt.
Sehen sieht die Dinge, die sonst keiner sieht. Sehen sieht alles, auch das, was niemand sehen will. Es sieht die Ausgestoßenen, Missachteten und Vergessenen. Wenn du das siehst, was niemand sonst sieht, dann kannst du sehen.

Das Sehen von Menschen

Das Sehen ist absichtslos. Wenn ich in einer Gruppe von Menschen bin und diese Menschen ohne Absicht sehe, sehe ich etwas anderes, als wenn ich eine Absicht habe. Beispiel: Ich (Ronald Engert) war bei einer Familienaufstellung und die Fügung wollte es, dass ich der einzige Mann mit neun Frauen war. Die Absicht meines Egos bestand nun darin, eine Partnerin zu finden. In diesem Sinne befand ich mich im Kreise dieser Frauen geradezu in einem Eldorado. Der Partnerwunsch bringt mich in die Versuchung, mit dieser Absicht in die Begegnung mit Frauen zu gehen. Dann will ich unbedingt etwas erreichen. Ich betrachte die Frau, inwiefern sie mir gefällt und lege äußerliche Kriterien wie zum Beispiel körperliche Attraktivität an. Ich interpretiere ihre Reaktionen unter dieser Absicht. Auf diese Weise bewege ich mich in einem illusionären Bild und sehe die Person nicht mehr. Ich kapitulierte aber an dem Tag, d.h. ich gab jede Absicht auf und zog es vor, mein Alleinsein anzunehmen und dementsprechend nicht mit einer Absicht in die Begegnung zu gehen. Ich wollte nicht in diesem manipulativen Modus sein, der mir am Ende nicht gut tut, weil die Begegnungen mit den anderen Menschen auf diese Weise unrein werden und zu Verletzungen oder Verlusten führen. Ich begann mich dem hinzugeben, was ist, ohne etwas zu wollen – einfach sein. Die Wirkung war außergewöhnlich. Durch das Feld des Familienstellens war die emotionale und spirituelle Wahrnehmung ohnehin sehr geöffnet. Ich sah dann die Frauen an dem Tag anders als sonst. Ich sah alle mit gleichen Augen als schöne Menschen, egal ob alt oder jung, dick oder dünn, groß oder klein. Ich hatte keinen Willen, etwas zu erreichen. Dadurch war ich offen für das, was geschah und was sich zeigte.

Ausblick

Das Sehen ist heute praktisch ausgestorben. Es ist jedoch eine ewige Form und von daher kann es wieder aktiviert werden. Mit der neuen weltgeschichtlichen Daseinslage der voll entwickelten und integrierten Subjektivität des autonomen Ich, das die kollektiven Gesellschaften der Vorzeit ablöst und durch das Zeitalter der Rationalität entwickelt und verwirklicht wurde, kann nun eine neue Stufe des Sehens hervorgebracht werden: das Sehen des Ich im Sehen des Alles – Sehen 2.0. Dazu bedarf es der umfassenden Heilung des Ich und seine Integration in sich selbst und Gott. Damit sieht die Seherin oder der Seher sich selbst ohne Absicht und ohne Perspektive.
Das Sehen ermöglicht damit die Rechtsprechung ohne Urteil, die beste Lösung für alle Beteiligten zum gegebenen Zeitpunkt und Ort, eine absolut individuelle Lösung, die zugleich von höchster Universalität ist.

Ronald Engert

Über die Autoren

Ronald Engert, geb. 1961. Studium der Germanistik, Romanistik und Philosophie, später Indologie und Religionswissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/M. 1994 Mitgründung der Zeitschrift Tattva Viveka, seit 1996 Herausgeber und Chefredakteur. Seit 2015 Studium der Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Autor von Gut, dass es mich gibt. Tagebuch einer Genesung und Der absolute Ort. Philosophie des Subjekts. Blog: www.ronaldengert.com.

Waltraud Volk, geb. 1962, gelernte Krankenschwester sowie Mutter und Großmutter. Lebt inkognito in einer Kleinstadt, backt Kuchen und liest Krimis.

 

Waltraud Volk

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