Spiritualität von unten – Die Wunde als Quelle der Gotteserfahrung

Spiritualität von unten – Die Wunde als Quelle der Gotteserfahrung

Autor: Giannina Wedde
Kategorie: Christentum
Ausgabe Nr: 83

Die Autorin legt auf eindrucksvolle Weise den Finger in die Wunde der heutigen Gesellschaft, von der sich auch spirituell orientierte Menschen nicht immer befreien können, die Fixierung auf das persönliche Lebensglück und gleichzeitig die Verdrängung bis zur Verachtung der menschlichen Unvollkommenheit. Diese verfolgt uns dennoch konsequent in der Innen- und Außenwelt. Doch gerade in unserer Verletzbarkeit, unserem Leid und unserem Mensch-Sein liegt das Mysterium unserer Lebendigkeit und das Potenzial der Begegnung, nicht nur mit uns selbst in unserer Ganzheit, sondern auch mit Gott.

Wir leben in einer Zeit, die den Erfolg liebt, die Leistung schätzt und die ihr Augenmerk auf den jungen, gesunden, vitalen Menschen legt. In einer Zeit, die das persönliche Glück ins Lebenszentrum rückt wie eine religiöse Idee, wie ein glattes, kantenloses Modell gelingenden Lebens, wie ein machbares Paradies hier auf Erden. Die Buchläden sind reich gefüllt mit den Glücksratgebern und Anleitungen zur Entfaltung der eigenen Vorstellungen von Selbstverwirklichung. Das Seminargeschäft verheißt uns denkbares, machbares und kontrollierbares Gelingen. Das persönliche Glück des Individuums wird dabei nicht nur an Gesundheit, Wohlstand, Anerkennung und Erfolg geknüpft, sondern auch an eine darin mal latent, mal offen nahegelegte Form der Abgrenzung. Sich nicht mit sogenannten toxischen Menschen, mit negativen Nachrichten oder kritischen Auseinandersetzungen zu befassen, ist bedenklich en vogue. Um viele Menschen machen wir da auch gleich einen Bogen: Gerade jene, die uns mit ihren Problemen, ihrer Not, ihrer Angst oder ihren Ambivalenzen anstecken könnten, sind uns suspekt.

Die Wunde als Quelle der Gotteserfahrung

Wer sein Glück erreichen und bewahren will, kann dies innerhalb einer Idee des Hyperindividualismus nur mithilfe erheblicher generalisierter Verdrängungsleistungen tun. Wer beispielsweise angesichts der Massentierhaltung und ihrer Verbrechen noch Supermarktfleisch isst, blendet eine bekannte, schwer zu ertragende Wirklichkeit aus. Wer Billigflüge antritt, um sich kurzfristig die Zeit in fernen Ländern zu versüßen und günstig die Welt zu bereisen, vergisst bewusst die daran geknüpften sozialen und ökologischen Bedingungen. Wir sind vertraut mit der Gewohnheit, uns Vorteile zu verschaffen und nicht immer so genau hinzusehen.

Niemand hört gern, dass der eigene Luxus der Armut anderer zu verdanken ist, oder dass die eigene Freiheit und Mobilität an zahllosen Unfreiheiten anderer hängt.

Spirituelle Glücksangebote

Auch die spirituelle Welt ist durchdrungen von diesen Prinzipien. Längst lächeln uns die ewig jungen vitalen Mittzwanzigerinnen von jedem Meditationsgruppenflyer, von Hochglanzyogamagazinen und aus spirituellen Angeboten an. Wie vom Neobiedermeier geküsst, wähnt sich der hiesige Mensch im Jahre 2020 am sichersten, wenn er der persönlichen Glückssuche unerbittlich nachgeht und sich dabei einen Kokon aus Gewohnheiten, Errungenschaften und erworbenen Statusinsignien anlegt. Spiritualität soll entspannen, beruhigen, beleben, gelassener machen, Kräfte stärken, sie soll gesund erhalten und das Glück mehren. Sie soll das Leiden beenden, und wenn nicht dies, dann doch wenigstens das Leiden am Leiden.

Schmerz, Traurigkeit, Angst oder Zweifel gelten in erstaunlich vielen spirituellen Kontexten als Ausdruck unausgereifter spiritueller Persönlichkeit,

als Symptom mangelnder Bewusstheit oder Verhaftung in weltlichen Niederungen. Auch hier erweist sich der krisenbehaftete Mensch vielfach als Objekt abwertender Urteile.

Wohin also trägt der Mensch seine Wunde? Wohin seinen Schmerz? Die ungeweinten Tränen? Die einsam reflektierten Befürchtungen? Wohin Leiden an dem, was ist, und dem, was schmerzlich fehlt?

Wenn Sie mehr über die Verdrängungen des Menschen, und was diese über unser Innenleben verraten, erfahren möchten, können Sie den vollständigen Artikel als Pdf unten bestellen und herunterladen.

Der Schmerz jeder Biografie wird gewürdigt

Zum anderen finden wir in den biblischen Texten Ausdruck eines tiefen Vertrauens, dass die als leidvoll erlebten Lebensstationen ihren Platz in einem heiligen Geschehen zwischen Gott und Mensch haben. Selbstverständlich gibt es auch die vielen Gebete, in denen der Mensch nicht viel mehr tut, als Gott zu bitten, den erlebten Schmerz zu beenden. Aber es gibt eben auch das ausgesprochene Vertrauen, auch die schmerzlichen Lebenswirklichkeiten könnten in Gott aufgehoben sein, könnten ihren Sinn und ihre Bedeutung haben. Wenn der Psalmist betet »Gott, sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie«, ist der erlittene Kummer mehr als eine Last, die Gott hinfortnehmen möge, denn er wird zu einem kostbaren Aspekt einer einzigartigen Biografie, die von Gott selbst gewürdigt wird.

So wie Gott in der jüdischen Denkungsart jedes Haar auf dem Haupt eines Menschen kennt, so kennt er auch jede vergossene Träne und sammelt sie in einem Gefäß, wie ein großes Gedächtnis, in dem kein Kampf, keine Traurigkeit, keine innere Entwicklung jemals verloren geht.

Weil das so wichtig auch für unser Verständnis von Verwundung ist, möchte ich es noch mal hervorheben: Wir begegnen in den heiligen Texten der Juden und Christen einem spirituellen Subjekt, das gar nicht auf die Idee käme, seine Verwundung und Verwundbarkeit vor Gott verbergen oder auflösen zu wollen, und wir begegnen einem Menschen, der die Verletzungen in der eigenen Biografie für so kostbar hält, dass er sie Gott als Bewahrer und Hüter anvertraut.

Am Ende des Beitrags gibt es den vollständigen Artikel zu bestellen, auch als Download erhältlich.

Ich sprach anfangs von biblischen Spuren. Hier begegnet Gott selbst uns als verletzbarer Mensch in höchst verletzlichen Zusammenhängen. Gott selbst zeigt sich in der Inkarnation als endlich, als verwundbar, als ein Mensch mit inneren Kämpfen, Reifungsprozessen und Widersprüchen, als ein Mensch, der Trennung und Verlassenheit erleidet und der sich von seiner göttlichen Natur über verschiedene Grenzen ziehen lassen muss, um dem sich an ihm vollziehenden Heilsgeschehen zu entsprechen.

Nimmt man Jesus als Blaupause eines Menschen, der sich inneren Prozessen stellt und der sich immer wieder entgrenzen und verwandeln lässt, dann bekommen die vielen, oft fremdartigen Bilder in biblischen Geschichten eine ganz persönliche und aktuelle Bedeutung. Die Versuchung in der Wüste, die Verklärung auf dem Berg Tabor, die Stillung des Sturms auf dem See, überall begegnet uns der Christus-Archetyp als Wegweiser zu ureigenen Selbstwerdungsprozessen.

Darauf stoßen uns nicht nur die biblischen Bilder – auch und gerade Bilder, die sich in der Kunst, der Tradition und Volksfrömmigkeit entwickelt haben, tragen oftmals eine tiefe mystische Dimension in sich, die uns heute noch viel zu erzählen hat. Daher möchte ich gern mit einem Bild schließen, das aus der Westkirche weitgehend verschwunden ist: der Abstieg Christi in die Unterwelt, oder auch volkstümlich die Höllenfahrt Christi.

Jaume Serra, Aufstieg Christi aus der Unterwelt

Jaume Serra, Aufstieg Christi aus der Unterwelt. Altarretabel im Konvent vom Heiligen Grab, Zaragoza (Spanien), 1361/62

Die Darstellung Jesu, der zwischen Grablegung und Auferstehung das Totenreich bereist, war ganz sicher auch eine fromme Verlegenheitsgeste: Man versuchte schlicht und ergreifend zu erklären, was Jesus denn zwischen seinem Tod und der Auferstehung getan habe, und damit wollte man gleichzeitig die Frage beantworten, wie denn nun all jene, die vor Jesu Geburt gelebt hatten, in den Genuss der Erlösung kämen.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

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Die Autorin Giannina Wedde

Über die Autorin

Als Buchautorin, Liedermacherin, Wegbegleiterin und Seminarleiterin unterstützt Giannina Wedde Sinnsucher*innen auf ihrem spirituellen Weg. Verwurzelt in der christlichen Mystik und im Dialog mit den großen spirituellen Traditionen zeigt sie Wege zu einer modernen Alltagsmystik auf.

2 Kommentare
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    Walter Herter
    Posted at 10:10h, 26 Juli Antworten

    Herzlichen Dank für den Satz: „Wir hören nicht gerne, dass der eigene Luxus der Armut anderer zu verdanken ist,….“

    Und wir verdrängen diesen Teil. Eine Konsequenz der Verdrängung: die implizite tägliche Selbstbeschämung, das tiefe „Wissen“ in uns um den Selbstbetrug.
    Luc Ciompi hat aus dieser und allen anderen verdrängten Beschämungen und Kränkungen das Konzept der Scham – Wut – Spirale beschrieben.
    Die nicht verarbeitet oft permanente Mikrobeschämung sammelt sich in der gesamten Person, körperlich, psychisch, geistig (wir sammeln Rabattmarken). Und irgendwann entsteht daraus ebenso unreflektierte Zerstörungs- und Rachewut – die wiederum zur Selbstbeschämung führt. In der Transaktionsanalyse wird das als Racket-Skript-System konzeptionalisiert. Meine Intuition sagt: das geschieht ebenso in der gesamtgesellschaftlichen Dynamik. Und verhindert damit/erschwert eine tatsächliche Änderung unseres Rest-errichten Lebensstils….

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    Jürgen Döhrmann
    Posted at 23:02h, 03 August Antworten

    Volltreffer, dem ist nichts hinzu zu fügen, denn ich bin der ich bin

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