Stress, Muße, Flow und Zeitlosigkeit

Stress, Muße, Flow und Zeitlosigkeit

Stress, Muße, Flow und Zeitlosigkeit

Das subjektive Erleben der Zeit

Autor: Dr. Marc Wittmann
Kategorie: Psychologie
Ausgabe Nr: 63

 

 

In der Biologie und Psychologie wird die Zeitwahrnehmung des Menschen erforscht. Es zeigt sich, dass Zeit ein subjektives Empfinden ist, das mit Präsenz, Achtsamkeit und Körperwahrnehmung zusammenhängt. Zeit kann schnell oder langsam vergehen, und beides kann sowohl angenehm als auch unangenehm sein. So können Gefühle der Muse oder des Flow erlebt werden, aber auch von Langeweile oder Stress.

 

Tattva Viveka: Wir möchten gerne etwas über das Thema Zeit erfahren. Wie sind Sie zu dem Thema gekommen?

Wittmann: Mein Fokus auf dem Gebiet der Psychologie liegt auf der Entstehung unseres Gefühls für Zeit, das schließt die Verlaufszeit, die Zeitdauer und den Jetztmoment mit ein. Als roter Faden ist das Thema bereits seit meiner Zeit als studentische Hilfskraft, und dann als Doktorand bei Prof. Ernst Pöppel in München, präsent. Ich studierte Psychologie und machte am Institut für Medizinische Psychologie in München meine Doktorarbeit über Hirnverletzung und wie sie sich auf die Zeitwahrnehmung auswirkt. Das Zeitthema ist eigentlich überall relevant, gerade im Alltag macht es sich bemerkbar.

Kinder sind von Natur aus sehr präsenzorientiert, aber auch impulsive Erwachsene sind auf den jetzigen Moment fixiert und können sich nicht vorstellen, was in ein paar Stunden sein wird. Das Wesen der Impulsivität ist, dass man jetzt gleich reagieren oder die Belohnung haben will. Der Zeitbegriff beginnt mit der Erziehung. Dem Kind wird gesagt: Warte, mache die Hausaufgaben und dann darfst du Fernsehen schauen. Das Warten ist in der Erziehung schon enthalten, ebenso der Belohnungsaufschub. So wird das Gefühl von Zeit entwickelt.

Ein Kollege von mir ging einmal in ein Retreat und brach dann ab, weil es für ihn so langweilig war. Am Anfang ist das bei Meditation oft der Fall. Man ist plötzlich in der Zeit gefangen und nimmt alles in sich direkt wahr, die Körperlichkeit, das Selbst, und viele Leute halten das schwer aus. Man lenkt sich dann lieber ab und hängt Gedanken nach. In normaler Wartezeit beschäftigt man sich mit dem Smartphone.

 

Zeit, Muße und Flow

 

Die Frage ist also, wie kommen wir zu einem Gefühl von Zeit? Wir sind unsere eigene Zeit.
Die Insula (Cortex insularis) ist primär für die Körperwahrnehmung zuständig. Alle Informationen aus den Eingeweiden und den Muskeln werden dort integriert und bilden das derzeitige Körpergefühl.

Ich habe in Kalifornien fMRT (funktionelle Magnetresonanztomographie)-Forschung gemacht. Ich untersuchte Leute mit einem Scanner und ließ sie die Zeitdauern einschätzen. Diese lagen im Bereich von 9 und 18 Sekunden, waren also richtig lang. Die Menschen haben Töne gehört und sollten auf einen Knopf drücken, wenn sie glaubten, dass beim Hören der folgenden Töne die gleiche Zeit verstrichen war. Es hat sich gezeigt, dass es eine Zunahme der Aktivität der Insula gab, die mit dem Ende des Reizes abbrach. Meine Hypothese ist, dass die Insula die Körpersignale aufnimmt und über die Zeit integriert und dass die Integration der Signale unser Gefühl von Zeit ausmacht. Je mehr Körpersignale ich integriere, desto länger ist Zeitdauer. Das lässt sich auch variieren, wenn wir aufgeregt oder körperlich sehr aktiviert sind. Dann dehnt sich häufig die Zeit, was sich mit dem Konzept von Körperlichkeit, Emotionalität und Zeit gut erklären lässt. Unser Körper ist im Prinzip die innere Uhr, die innere Referenz, denn ich sehe und höre die Zeit ja nicht. Trotzdem nehme ich die Zeit irgendwie direkt wahr. Ich habe ein Gefühl für Zeit. Als ich auf Sie gewartet habe, war ich mit mir selbst beschäftigt, da passierte nicht so viel, da spürte ich die Zeit. Das nenne ich die Körperzeit. Anfänger bei der Meditation lernen die Konzentration auf das Atmen, lernen den Bodyscan, in dem Moment ist man ganz körperlich und ganz Zeit. Fortgeschrittene verlieren dann wieder das Gefühl für die Zeit. In vielen Alltagsbereichen erleben wir die Zeit, und die Zeit dehnt sich durch körperliche Übererregung oder durch starke Konzentration auf die Körperlichkeit. Das sind Bausteine, wenn es darum geht, die Zeitwahrnehmung zu verstehen.

TV: Wenn sich die Zeit dehnt, wie hängt das mit dem Gefühl von Langeweile zusammen?

W: Es wird einem nicht zwangsläufig langweilig. Erstmal wird man sich der Zeit bewusst. Bei einem spannenden Film wird einem die Zeit überhaupt nicht bewusst, anderthalb Stunden vergehen wie im Flug und dann gibt es eine Bildstörung, mitten beim 11 Meter-Schießen im Endspiel der Weltmeisterschaft, plötzlich ist alles weg, und du spürst die Zeit, du bist in deiner Körperlichkeit und wirst nicht mehr abgelenkt. Das ist der individuelle Umgang damit. Es ist eine Frage der Persönlichkeitspsychologie, denn das Zeitempfinden spiegelt den Menschen wieder. Wie böse werden z.B. Autofahrer, wenn sie nur kurz blockiert werden, vielleicht für 5 Sekunden. Deswegen sage ich, man sollte mit einem potentiellen Partner in einen Stau fahren und schauen, wie er oder sie reagiert, das zeigt viel über die Persönlichkeit.

Die Hetze bedeutet, dass die Zeit ganz schnell vergeht, weil ich mich selbst nicht spüre.

TV: Das ist vielleicht auch die Verbindung zur Meditation, wenn man übt und lernt, diese Zeit auszuhalten und mit sich zu sein. Die Ausdehnung der Zeit geschieht, wenn nichts stattfindet und man mit sich konfrontiert wird?

W: Dann werde ich mir meiner bewusst.

TV: Das ist ein weit verbreiteter Mangel, dass die Menschen damit nichts anfangen können und nicht mit sich in Verbindung sind.

W: Und sich nicht aushalten können. Langeweile heißt, dass ich mit mir selbst nicht zurechtkomme. Jeder kennt natürlich das Gefühl. Das ist ein Moment, wo ich mit mir selbst nichts anfangen kann.

TV: Dann gibt es noch das Gegenstück, man hat gar keine Zeit und ist ständig gehetzt. Hat das auch etwas damit zu tun?

W: Das sind zwei Pole. Der eine davon ist, dass man ganz bei sich selbst ist, was ja auch in Momenten der Muße positiv sein kann, oder man ist bei Termindruck und Zeitstress ganz weg von sich. Dann bin ich zukunftsorientiert und nicht präsenzorientiert, ich arbeite meine Aufgaben ab, ich schreibe eine Email, telefoniere, ein Kollege kommt rein, ich tippe an einer Excel-Tabelle. Ich bin zukunftsorientiert und erlebe mich selber nicht. Die Hetze bedeutet, dass die Zeit ganz schnell geht, weil ich mich selbst nicht spüre. Wenn man gehetzt ist und glaubt keine Zeit zu haben, geht man am besten drei Minuten raus an die frische Luft, läuft um den Block, spürt sich selber, versucht die Gedanken zu unterbrechen und zu spüren, wie die Zeit ganz langsam geht. Dann spürt man wieder Zeit und merkt, wie lang eine Minute ist. Eine Minute Schweigen vergeht ganz langsam. Wenn man sich aus der Situation rausnimmt, können sich die Gedanken auch wieder formieren und alles, was einen belastet, ist besser strukturiert und man kommt leichter zu Lösungen. Aber das sind die zwei Pole, das totale Ich-bin-mit-mir-selbst, in dem die Zeit ganz langsam vergeht; oder: ich bin zukunftsorientiert, nicht bei mir selbst, die Zeit vergeht ganz schnell. Beides kann negativ oder positiv erlebt werden. Bei einem unterhaltsamen Film vergeht die Zeit ganz schnell und man genießt es.

 

Dr. Marc Wittmann im Gespräch über Zeiterfahrung

 

TV: Gibt es eine Möglichkeit innerhalb der Aktivität in einer wohltuenden Zeitwahrnehmung zu bleiben? Welche Voraussetzungen sind dafür notwendig? Da muss man ja auch bei sich sein, oder ist es komplexer?

W: Zeitwahrnehmung ist meistens eine Art Fehlersignal, denn meistens nehmen wir Zeit nicht wahr. Aber wenn wir Zeit wahrnehmen, merken wir, irgendetwas stimmt nicht, etwas kommt entweder zu früh oder zu spät.

Ein Beispiel aus persönlicher Erfahrung: In den USA gehst du in ein Restaurant zu einem teuren Candlelight Dinner, kaum hast du angefangen zu reden, kommt schon der erste Gang, also viel zu früh. In Frankreich dagegen sitzt man im Restaurant, das Baguette ist aufgegessen und man denkt, die haben uns vergessen, niemand kommt, man sitzt eine 3/4 Stunde herum und alles geht zu langsam. Das Gefühl kam natürlich auch, weil ich angepasst war an die amerikanische Weise. Ich merke also die Zeit in der Regel dann, wenn etwas zu früh oder zu spät ist.

Normalerweise sagt man, die Zeit verfliegt, wenn man Spaß hat, z.B. wenn man einen tollen Film anschaut. Nehmen wir einen James Bond Film, bei dem man nicht so viel emotionalen Kontakt hat, der aber toll gefilmt ist, da vergeht die Zeit schnell. Aber es gibt auch Filme, bei denen man plötzlich emotional sehr stark involviert ist, bei einem Beziehungsdrama, bei dem man sich selbst mit seinen eigenen Erinnerungen und Gefühlen spürt. Da merke ich, dass ich in diesem Film bin und die Zeit dehnt sich, der Film kommt mir unglaublich lang vor, es vermischt sich, weil ich so involviert bin und die Zeit dehnt sich in einer angenehmen Weise.

Man sollte mit einem potentiellen Partner in einen Stau fahren und schauen, wie er oder sie reagiert, das zeigt viel über die Persönlichkeit.

Und es gibt Momente der Muße, wo man mit sich selbst auf eine gute Weise beschäftigt ist und auch gar nicht an die Zeit oder die Zukunft denkt, sondern sehr präsenzorientiert ist. Dann achte ich plötzlich auf die Zeit und denke, dass alles auf eine angenehme Weise so langsam geht. Das geschieht, wenn ich in eine Sache oder Tätigkeit emotional involviert bin.

TV: Das ist dann eine Tätigkeit, mit der man sich wohl fühlt. Dann genießt man die Zeit. ›Genießen der Zeit‹ ist ein stehender Begriff.

W: Davon zu unterscheiden ist das Flow-Erlebnis. Das eine ist die Muße, das andere ist der Flow. Muße ist eher etwas Langsames. Viele Leute sagen, Flow ist so toll, und ich erwidere: Du fühlst dich nicht und die Zeit ist weg. Jeder hat Tätigkeiten, die er besonders gut kann, die ihn fordern, die er aber auch bewältigen kann: ein Musiker vielleicht, der in einer Band spielt, oder ein Textschreiber. Man schreibt an einem Buch und der ganze Samstag ist weg. Ich bin zufrieden, habe viel geschafft, es ist ein typisches Flow-Erlebnis, ich fühle mich gut. Aber ich bin so absorbiert in der Tätigkeit, dass ich kein Ich-Erleben und Zeit-Erleben habe, und dann habe ich auch keine Erinnerung an das, was passiert ist.

TV: Und trotzdem fühlt es sich gut an. Warum ist das so?

W: Es ist ein Fließen der eigenen inneren Kräfte, man spürt, man bewerkstelligt etwas. Bei einem Künstler ist es noch besser, weil sie vor sich sehen, was sie gemacht haben, und in der Musik ist es die Emotionalität, die transportiert wird. Bei einem Text siehst du, dass du acht Seiten geschrieben hast, du weißt, was du geschrieben hast, aber diese 5-6 Stunden sind nicht so gefüllt, wie sie gefüllt sein könnten. Natürlich hat man das Gefühl, in einem guten Zustand zu sein.

 

Dr. Marc Wittmann - Zeit und Fluss

 

TV: Fühlt es sich vielleicht gerade so gut an, weil man nicht bei sich selbst ist, weil man Urlaub vom Selbst hat? Auf jeden Fall ist es ein Gefühl, was heute sehr angestrebt und als positiv bewertet wird.

W: Erfahrene Meditierende sagen ja auch etwas Ähnliches. Sie haben zwei Stunden meditiert und es kam ihnen wie fünf Minuten vor, also wie gar nichts. Aber sie fühlen sich dann sehr erholt und entspannt und haben besondere Erlebnisse gehabt, die sie auch als positiv bewerten.

TV: Mich würde der ganz konkrete Unterschied zwischen Flow und Muße interessieren.

W: Flow habe ich wie beschrieben selber schon oft erlebt, Muße nur in seltenen, besonderen Augenblicken. Das kann auch in Gemeinschaft sein, z.B. Samstagnachmittag mit der Freundin, man hört Musik, liest etwas, unterhält sich und man befindet sich in einem ganz angenehmen Zustand. Das wichtigste dabei ist, dass man keine Zukunftsorientierung hat, also nicht: Heute Abend gehen wir ins Theater, nachher kommen die Freunde vorbei und wir müssen jetzt anfangen zu kochen. Wir haben eigentlich immer einen Zukunftshorizont mit Dingen, die wir noch machen wollen, darunter sind auch schöne Dinge. Wir sind jedenfalls auf etwas ausgerichtet. Bei der Muße aber fällt das völlig weg, da bin ich ganz in der Situation, in der ich gerne bin. Das, was ich mache, tue ich gerne, ich gehe darin auf und bin erfüllt. Mein Präsenzerleben mit all meinen Sinnen ist dann gesteigert.

TV: Wie ist es mit der Muße des Künstlers. Der sagt ja oft, er braucht die Muße, also das Nichtstun, um überhaupt kreativ zu sein.

W: Das ist sicher ähnlich. Man malt etwas, komponiert, schreibt ein paar Noten aber eigentlich passiert nicht viel. Man macht sich vielleicht auch keine großen Gedanken darüber, dass man heute so und so viel schaffen muss. Dann gibt es eine Art Selbsterleben in der Sache. Dann ist das Selbsterleben gesteigert. Flow ist eher das Ausführen. Muße eher das, wo man nichts tut.

 

Das subjektive Erleben der Zeit


TV:
Ich höre es auch von Unternehmern, die sagen, ohne Muße können sie keine strategischen Ideen für ihr Business entwickeln. Das wäre auch eine Art von produktivem Umgang mit der Zeit? In der Zeit zu bleiben und sich nicht so abzuspalten und in Stress zu geraten?

W: Man muss aus der Geschäftigkeit herausgehen. Das berichten ja auch häufig Wissenschaftler, auch Nobelpreisträger: Wenn sie den Durchbruch der Gedanken gehabt haben, was sie später vielleicht auch mythologisieren, war das eher in einem Moment, in dem sie nicht an der Sache gearbeitet haben. Sie waren gerade am Strand oder haben einen Spaziergang gemacht, und plötzlich kommt der Gedanke hoch. Das trifft vielleicht auch auf den Unternehmer zu. Er braucht die Auszeit. Wenn er nicht in der Geschäftigkeit der Tätigkeit ist, kommen die Ideen.

TV: In einem entspannten Zustand ist man produktiver.

W: Man braucht beide Phasen. Man braucht auch die Phase, wo man angestrengt nachdenkt , viel liest, probiert, rechnet; und dann braucht man die Phase dieser Muße, wo sich die Dinge sortieren können und dann zu einem Ergebnis kommen.

TV: Und kann man dabei an der Zeitwahrnehmung etwas verändern?

W: Einerseits können wir eine metakognitive Ebene einnehmen, was sich in alle Bereiche übertragen lässt. Wenn ich auf die metakognitive Ebene gehe, versuche ich etwas durch mein Wissen zu lenken. Ich merke, ich bin gestresst, und weiß, dass ich rausgehen und mich auf mich besinnen soll, und tue das. […]

 

Lesen Sie den kompletten Artikel in der TATTVA VIVEKA 63 >>

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 01: Marcus Schmieke – Bewusstsein und Herr Müller. Gehirn und Bewusstsein

TV 17: Günter Haffelder – Geist und Gehirn.
Geistheilung, Trance und Bewusstsein im Lichte der Gehirnforschung

TV 21: Dr. Rupert Sheldrake – Erweitern Sie Ihr Bewusstsein!
Außersinnliche Fähigkeiten von Menschen und Tieren

TV 47-48: Dr. Ulrich Ott – Meditation für Skeptiker.
Ein Gehirnforscher auf der Suche nach dem Selbst

TV 53: Schwerpunkt: Die spirituelle Dimension der Wissenschaft

TV 56-57: Dr. med. Eben Alexander – Blick in die Ewigkeit.
Die Nahtoderfahrung eines Neurowissenschaftler

TV 61: Prof. Dr. Roland Böckle – Ist das Bewusstsein eine Funktion des Gehirns?

 

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