Suche die Essenz!

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Ein Leben in der göttlichen Liebe

Autor: Radhanath Swami
Kategorie: Veden/Yoga
Ausgabe Nr: 58

Ein Praktiker der vedischen Kultur spricht in diesem Interview über seine persönliche Suche und Reise nach Gott. Ein tiefes inneres Gefühl leitete ihn durch dürre Täler, und Hilfen auf dem Weg stärkten sein Vertrauen. Es war weniger er selbst, der leitete, sondern vielmehr wurde er geleitet. Er beschreibt die reine Liebe, die aus der mit Gott verbundenen Liebe entspringt, als die höchste Ekstase.

 

Tattva Viveka: Du hast eine sehr spannende Autobiografie über deine erste Reise nach Indien geschrieben. Du bist in der Zeit der 68er-Revolte von England aus allein über Land fast ohne Geld nach Indien gereist. Du warst sehr jung zu dieser Zeit – jünger als 18 Jahre – und doch erschien es mir beim Lesen sehr zielgerichtet und fokussiert, wie du deinen Weg nach Indien gegangen bist. Was war dein Gefühl und dein Denken auf dieser Reise? Was hast du gesucht und was war die treibende Kraft hinter deiner Entschlossenheit?

Radhanath Swami: Es hat sich für mich nie so angefühlt, als ob ich es wäre, der das tut. Es war mehr wie die höhere Macht, die mich ruft. Ich habe den Zweck meiner Reise nie in Frage gestellt. Ich hatte noch nicht einmal einen Lehrer, aber ich bin einfach immer weiter vorangegangen. Ich hatte auch keinen klaren Weg vor Augen. Und ich versuchte nicht, irgendetwas für mich zu erreichen. Ich wollte mich mit dieser göttlichen Essenz verbinden, von der ich glaubte, dass sie in uns allen vorhanden ist. Ich fühlte einen Ruf. Obwohl ich wusste, dass ich meinen Eltern, die ich sehr liebte, das Herz brach; obwohl ich wusste, dass ich mein Leben mehr als einmal ganz real riskiert habe; obwohl ich mich fortwährend in dieser Unsicherheit darüber befand, wo ich übernachten würde, während ich gleichzeitig bei meinen Eltern ein wunderbares und komfortables Zuhause hatte – ich schlief unter Bäumen, an Flussufern oder in Waldhöhlen –, zweifelte ich niemals daran, dass es genau das ist, was ich tun muss.
Am besten erkläre ich es vielleicht so, dass ein gewisses unschuldiges Vertrauen in diesen Ruf der höheren Macht in mir vorhanden war. Es war ein intuitives Vertrauen, denn ich hatte keinen rationalen oder philosophischen Erklärungsansatz parat.

 

Am 4.-5.12.2013 fand in Bangalore, Indien, eine Konferenz statt mit dem Ziel, die UNESCO von der Einführung eines Weltyogatages am 21. Juni zu überzeugen. Organisiert von der Art of Living Foundation brachte die Konferenz viele weltweit führende Stimmen des Yoga zusammen, u.a. B.K.S. Iyengar, Sri Sri Ravi Shankar und Baba Ramdev. Im Bild die feierliche Eröffnung der Veranstaltung mit Radhanath Swami (links in orange), Baba Ramdev (in rot) und Sri Sri Ravi Shankar (in weiß).

 

Tattva Viveka: War das vielleicht auch eine Neigung aus einem vorangegangenen Leben, die sich hier ausgedrückt hat?

Radhanath Swami: Damals habe ich an so etwas nicht gedacht, aber mit dem Pfad, den ich jetzt gehe, wo es dieses Verständnis von der Wiedergeburt und der Seelenwanderung gibt, kann ich das auch philosophisch erklären. Es müssen durchaus Eindrücke und karmische Neigungen aus meinem vorangegangenen Leben gewesen sein, die mich in diese Richtung gezogen haben. Aber damals hatte ich keinerlei Konzept oder Vorstellung dieser Art.

Tattva Viveka: Dann war es also ein vorwiegend emotionaler Zugang?

Radhanath Swami: Es war immer auch ein intensiver Anteil an Kontemplation und philosophischer Überlegung vorhanden, um die Dinge zu verstehen. Jede Situation habe ich auch philosophisch durchdacht und der Frage gemäß geprüft, was ich aus dieser Situation lernen soll. Es gab Situationen, wo Leute versuchten mich umzubringen. Aber ich dachte niemals daran umzukehren oder nach Hause zu fahren, sondern überlegte immer, was ich daraus lernen sollte. Was kann mich dies lehren um auf meinem Weg weiter zu kommen? Ich hatte keine Vorstellung davon, was Indien ist oder wo es ist. Ich bin einfach immer weiter gegangen.

Tattva Viveka: Deine Reise war sehr beschwerlich und entbehrungsreich, da du auch kein Geld hattest. War es schwer für dich, diese Entbehrungen wie Fasten, Kälte oder Einsamkeit auf dich zu nehmen?

Radhanath Swami: Nun, da ich noch jung war, war meine Gesundheit noch recht stabil und ich konnte vieles gut aushalten. Aber davon abgesehen waren die Schmerzen, die Ängste und die Unbequemlichkeiten wertvoll für mich, weil ich spürte, dass sie mich auf etwas Größeres vorbereiteten. Sie bereiteten mich darauf vor, meine Demut vor Gott zu vergrößern. Ich spürte ganz deutlich, dass dieses Demütig-Werden vor Gott mich meinem tiefsten Wunsch näher bringen würde, Gott zu finden. Dann würde Gott mir offenbaren, wie er mich einsetzen möchte. Ich habe daran intuitiv so stark geglaubt, dass ich diese Entbehrungen tatsächlich genossen habe. Ich wusste, dass das alles einen Sinn hat. Wenn wir spüren, dass alles einen Sinn hat, und versuchen, das Beste zu geben und den Menschen zu helfen, wenn wir wirklich versuchen, unser Ego zu erkennen und zur Seite zu stellen, auch wenn wir nicht so genau wissen, wie wir das anstellen sollen, kann uns das durch so viele Hindernisse und Verwirrungen hindurchführen und uns ein unvorstellbares Ausmaß an Erfüllung und Freude geben.

 

 

Eine Mutter zum Beispiel geht für ihr Kind durch so viele Schwierigkeiten, aber es bereitet ihr Freude, weil sie einen Sinn darin sieht. Wenn wir das, was wir tun, lieben, werden wir auch die Schwierigkeiten gerne in Kauf nehmen. Ich liebte das, was ich tat, und war voll davon überzeugt. Wobei es eigentlich sehr seltsam war, denn ich war ganz alleine damit. Ich war zu Beginn der Reise mit meinem besten Freund unterwegs und wir teilten vieles miteinander, aber dazu hatte er keinen Bezug und schließlich trennten sich unsere Wege. Ich war dann ganz alleine. Und das hat auch seinen Sinn, denn manchmal muss man sich trennen und alleine weitergehen. Nur so konnte ich wirklich meine Bestimmung finden. Wenn unser Ziel uns in unserem Herzen von anderen trennt, dann kann das etwas sehr Verletzendes sein. Nehmen wir zum Beispiel meine Eltern. Durch meinen Lebensstil war ich von ihnen sehr getrennt. Ich habe ihnen das Herz gebrochen, aber ich wusste, ich liebe sie. Und ich wollte nur das Beste für sie. Wir müssen vielleicht bestimmte Entscheidungen treffen, um unserem Ruf zu folgen. Aber das sollte nicht mit Feindseligkeit geschehen. Es sollte schon mit Liebe und Mitgefühl für alle sein, auch wenn es vielleicht nicht das ist, was sie von uns wollen. Ich glaube, das war der Grund, warum ich so großes Vertrauen und Glauben in das hatte, was ich tat, denn ich tat es völlig ohne Negativität gegenüber irgendjemandem.

 

Wir haben die Möglichkeit, die Religion als eine Waffe zur Unterstützung unseres Egos zu verwenden.

 

Tattva Viveka: Das war für mich in dem Buch auch sehr eindrucksvoll, weil du nie jemand anderes beurteilt oder kritisiert hast. Du warst immer tolerant oder wertschätzend gegenüber anderen Glaubensrichtungen. Ich glaube, das ist auch eine sehr wichtige Haltung und Herangehensweise im spirituellen Leben. Wir haben meist diese religiöse Herangehensweise, die immer etwas wertend ist.

Radhanath Swami: Ja, das kenne ich gut. Es ist aber nicht die Religion, es ist die menschliche Natur. Der Mensch macht sich eine Religion zu Nutze und manchmal nehmen wir die Philosophie einer Religion, um unser eigenes begrenztes Denken zu rechtfertigen. Eigentlich sollte uns Religion oder Spiritualität dabei helfen, über das Ego hinauszugelangen. Wir haben die Möglichkeit, die Religion als eine Waffe zur Unterstützung unseres Egos zu verwenden, was dem Sinn von Religion eigentlich völlig widerspricht. Es sind eigentlich diese ewigen Werte, die wir in der Religion suchen und die uns transformieren können. In meinem eigenen Leben wurde ich sehr oft durch diese Werturteile von anderen verletzt. Ich gehöre zu einer religiösen Minderheit, den Juden, und ich schloss mich der Gegenkultur an. Ich hatte lange Haare, was zu der Zeit ein klares politisches Statement war, das meine Unzufriedenheit mit dem Lebensstil der Menschen ausdrückte. Das war in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts und ich ging in ein College im Süden der USA. Dort gab es sehr große Ablehnung Menschen gegenüber, je nachdem, wie lange ihre Haare waren. Sie hassten dich dafür. Sie bedrohten dich und schlugen dich sogar unter Umständen, weil du etwas repräsentiertest, was sie bedrohte. Jesus sagte: »Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.« So oft wurde ich von anderen etikettiert oder bewertet, weil sie nicht verstanden, wonach ich suchte. Und das hat mich verletzt. Von meinem Wesen her wollte ich niemals jemand anderen verletzen. Wenn ich mich nach einem spirituellen Weg umsehe, dann nicht um darin eine Entschuldigung dafür zu finden, andere Lebewesen zu verletzen. Ich möchte mich über diese Neigungen erheben.

 

 

Tattva Viveka: Du würdest also sagen, das Ego ist die Ursache für diese fundamentalistische oder ideologische Form der Religion, aber tatsächlich ist doch die Religion dafür gedacht, das Ego zu überwinden. Das scheint mir ein Widerspruch zu sein. Aber vielleicht kommt der Schatten ja da am stärksten zum Vorschein, wo das stärkste Licht ist?

Radhanath Swami: Wenn wir die heiligen Schriften und die Aussagen der Heiligen anschauen, dann sehen wir: Es geht um die Ausbildung des Charakters. Ich gebe ein Beispiel aus dem Christentum: die Bergpredigt. Sie ist eines der wichtigsten schriftlichen Überlieferung des Christentums. Jesus spricht so viel von Vergebung, Mitgefühl und Freundlichkeit. Aber wie viele Christen sind voller Urteil oder geradezu hasserfüllt gegenüber Menschen, die nicht ihrem Glauben folgen? Folgen sie wirklich Jesus? Folgen sie wirklich dem Charakter, den Jesus gepredigt hat? Eigentlich bedeutet doch ein Christ zu sein, den Lehren von Jesus zu folgen. Und die meisten der Lehren handeln von der Charakterbildung. Dasselbe gilt für die Bhagavad-gita. Darin steckt eine Menge Philosophie, die den spirituellen Charakter beschreibt, zum Beispiel jedes Lebewesen mit gleichen Augen zu sehen. Wir haben diese Unterscheidungen, was Unwissenheit und was Wissen ist, was moralisch und was unmoralisch ist, was Egoismus und was Demut ist. Wir müssen diese Unterscheidungen treffen. Aber zur gleichen Zeit gilt: Hasse die Sünde, aber nicht den Sünder. Das haben uns all die großen Religionsstifter gelehrt: Hasse den Sünder nicht, sondern liebe ihn. Das ist eine sehr persönliche Sache, denn jeder Mensch hat einen freien Willen. In dem Maße, in dem wir wirklich den spirituellen Geist eines spirituellen Weges verinnerlichen, in dem Maß kann eine innere Transformation stattfinden. […]

 

Lesen Sie den kompletten Artikel in der TATTVA VIVEKA 58

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 23: Florian Heinzmann – Gibt es einen Gott in Indien?
Der letzte Grund der Erkenntnis

TV 25: Satprem – Der Veda und die Bestimmung des Menschen

TV 25: Ronald Engert – Vedische Erkenntnistheorie.
Das ewige Wissen von der Transzendenz

TV 34: Balendu Swami – Mein Gott ist die Liebe. Erfahrungen eines Eingeweihten

TV 53: A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada –
Die kleine Welt der modernen Wissenschaft.
Ein Blick aus der transzendentalen Perspektive

TV 57: Ronald Engert – Ekstasen der Gottesliebe. Liebe zu Göttin-Gott.
Das höchste Ziel des Lebens