Teilhard de Chardins Kosmogenese – 2. Teil

Teilhard de Chardins Kosmogenese – 2. Teil

Die Evolution des kosmischen Menschen

Autor: Jürgen Schröter
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 78

Die wichtigste Idee von Teilhard ist seine Kosmogenese. Darin entwickelt er eine christliche Evolutionstheorie, die eine geistige Evolution des Menschen beschreibt, an deren Ende das Christus-Bewusstsein steht. Alle Entwicklungskräfte strömen auf diesen ›Omega-Punkt‹ zu. Damit entfaltet Teilhard eine positive Vision für die Menschheit. Der Mensch braucht Mutter Erde und Mutter Erde braucht den Menschen. Materie ist lebendig und wächst ins Geistige.

(Anm.: Dieser Teil wurde nachträglich geschrieben und in den ursprünglich zweiteilig konzipierten Artikel eingefügt. Der im ersten Teil angekündigte zweite Teil des Artikels ist nun der dritte Teil und wird in Tattva Viveka 79 erscheinen.)

Die außerordentliche Leistung des Jesuiten-Paters und Naturwissenschaftlers Teilhard de Chardin (1881–1955) wird in der Versöhnung von Christentum und Evolution gesehen.

Seine Lehre in seinen Büchern »Der Mensch im Kosmos« (1947) und »Die Entstehung des Menschen« (1950) wird als »christliche Evolutionstheorie« verstanden. Das ist nicht falsch, aber höchstens die halbe Wahrheit. Und eine halbe Wahrheit kann leicht zur Falschheit werden. Da hat sich nichts versöhnt. Man wird in keinem wissenschaftlichen Buch über die Evolution den Namen Teilhard de Chardin anerkennend finden. Der heute führende Evolutionstheoretiker Richard Dawkins spricht immer noch von »Gotteswahn«, »Schöpfungslüge« und »Darwin hat recht« (wir stammen vom »Affen« ab). Die offizielle Evolutionstheorie nimmt keine Notiz von Teilhard de Chardin. (Zur echten Versöhnung gehören doch sicher zwei Seiten.)

Teilhard de Chardins - Kosmogenese Teil 2 - Die Evolution des kosmischen Menschen

Die Noosphäre

Es ist wichtig, diesen Gedankensprung von Teilhard de Chardin in seiner Tiefe zu verstehen:

Im Geist der gesamten Menschheit entwickelt sich ein neuer, geistiger Organismus.

Da bekommt etwas Konturen, was schon Schiller geahnt hat. Auf die Frage »Was ist der Mensch?« antwortet er: »Die Menschheit.« Hier zeigt sich der Wissenschaftler Teilhard de Chardin, der dies in einer eindrucksvollen Logik entfaltet. Wenn die Evolutionsbiologie über ihre Biosphäre hinaussehen könnte, müsste sie die Noosphäre als Super-Organismus anerkennen. Es ist keine Spekulation, sondern auch wissenschaftlich zwingend logisch, wenn man nicht im Glaubenssystem des Materialismus gefangen ist.

Teilhard de Chardins - Kosmogenese Teil 2 - Die Evolution des kosmischen Menschen

Sogar ein Ken Wilber, der »Prophet des Geistes«, kann diesen Schritt zum geistigen Organismus der Menschheit nicht nachvollziehen. Sein Verständnis von Organismen bleibt biologisch: Weder die Erde sei ein Organismus noch die Menschheit als Ganzes. Doch für die spirituelle Wissenschaft müsste diese Transformation von der Biogenese zur Noogenese doch ein ganz logischer Schritt sein!

Vielleicht fehlt hier zum Verständnis noch ein Faktor, der bei Teilhard de Chardin immer präsent ist: die Seele. Die wachsende Komplexität der Materie ist bei ihm immer auch ein Wachsen des Geistes und ein Wachsen der Seele.

So spricht Teilhard auch von der »Seele der Erde«. Für Teilhard hat die Erde nicht nur ein Herz, sondern auch Geist und Seele, das, was einen lebenden Organismus ausmacht.

Bei Ken Wilber ist dies nicht der Fall. Für ihn ist die Seele nicht das allgegenwärtige und alles durchdringende Lebensprinzip, sondern ein Mysterium, für das es keine Worte gibt und das deswegen aus der Wissenschaft und Philosophie zu exkommunizieren ist. Wer aber keine vitale Seele anerkennt, der erkennt auch keinen Organismus.

Lesen Sie im vollständigen Artikel, welche Bedeutung die Seele und die Noossphäre für die Evolution des Menschen und der Menschheit innehaben – am Ende des Beitrags bestellbar.

Wenn also Wissenschaft und Religion – wenn es ums Ganze geht – beide bei hypothetischen Theorien und Glaubenssystemen bleiben müssen, dann ist sicher dasjenige Glaubenssystem das annehmbare, das auch Liebe und Hoffnung impliziert.

Und in der Hinsicht der Einheit von Glaube, Hoffnung und Liebe ist Teilhard de Chardin in seiner Kosmogenese nicht mehr zu übertreffen. Die Liebe ist der erste Evolutionsfaktor (»Amorisation«) jeglicher Genesis in Mikro- und Makrokosmos. Und wir dürfen zu Recht auf die Unsterblichkeit einer auferstandenen Menschheit in alle Ewigkeit hoffen auch jenseits unseres physikalischen Universums. Das ist das Fundament einer neuen Versöhnung und Einheit von Religion und Wissenschaft. Alles andere können dann nur noch »Fußnoten« zu diesem Opus Magnum einer »Heiligen Wissenschaft« sein.

Teil 3 dieses Beitrages erscheint in Tattva Viveka 79. Lesen Sie darin, wie das Ewig Weibliche für Teilhards Philosophie von Bedeutung ist und wie das Neue Zeitalter aussehen könnte.

Teilhard de Chardins - Kosmogenese Teil 2 - Die Evolution des kosmischen Menschen

Quellen:

  • Pierre Teilhard de Chardin: Sinn und Ziel der Evolution. Ausgewählte Texte, bearbeitet und herausgegeben von Peter Gotthard Bieri. Aachen 2010, (Shaker-Media). Zitiert als »TdCh in Bieri«
  • Pierre Teilhard de Chardin: Der Mensch im Kosmos. München 1959 (Beck’sche Reihe). Zitiert als: »TdCh in Kosmos«

Angesprochene weiterführende Literatur:

  • Pierre Teilhard de Chardin: Das Herz der Materie, Kernstück einer genialen Weltsicht. Olten 1990 (Walter)
  • Rupert Sheldrake: Der Wissenschaftswahn. Warum der Materialismus ausgedient hat. München 2012 (O. W. Barth)
  • Pia Gyger: MARIA. Tochter der Erde, Königin des Alls. Vision einer neuen Schöpfung. München 2002 (Kösel)
  • Bede Giffiths: Die neue Wirklichkeit. Grafing 1990 (Aquamarin)

Unser Autor Jürgen Schröter

Über den Autor

Jürgen Schröter (Jahrgang 1951) ist von Hause aus Pädagoge, war Lehrer in der Erwachsenenbildung und hat sich 1989 selbstständig gemacht. Hier hat er als Texter und Lektor gearbeitet und ist Autor (»Zahlenmystik als spiritueller Weg«). Er war der erste Herausgeber des an Ken Wilber orientierten Online-Magazins »integral informiert«. Seine Vision ist es, Schöpfungsmythologie und Evolutionstheorie in einer Theorie der Selbst-Bildung der Geist-Seele zu integrieren und so einen Beitrag zur »Heiligen Wissenschaft« zu leisten. Er lebt als Deutscher in der Schweiz im Kanton Luzern. https://juergen-schroeter.de

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Jürgen Schröter beschreibt in diesem Artikel die christliche Evolutionstheorie von Teilhard de Chardin, die in der harmonsichen Verbindung von Wissenschaft und Spiritualität, Erde und Geist fußt.

Lesen Sie die vollständige Fassung in der Tattva Viveka 78 oder downloaden Sie diesen Artikel einzeln als ePaper für 2,00 € (Pdf, 10 Seiten).

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