Yawanawa – die Botschaft vom Amazonas

Yawanawa – die Botschaft vom Amazonas

Das spirituelle Oberhaupt des Stammes der Yawanawa bringt uns Menschen im Westen die Botschaft der Wälder und der indigenen Kulturen. Sie lernen von den Heilpflanzen und verbinden sich mit dem Geist der Pflanzen, um intuitiv Heilwissen zu erlangen. Wir fragten Biracir, wie sie leben, was er unter Spiritualität und Gott versteht, und wie er unsere moderne Kultur wahrnimmt. Eine authentische Stimme aus einer ganz anderen Kultur.

Yawanawa Stammesmitglieder

TV: Wir haben heute das große Vergnügen, das Stammesoberhaupt Biracir Nixiwaka Yawanawa zu interviewen. Er kam direkt aus den Wäldern Amazoniens nach Berlin. Es ist eine große Freude und eine große Ehre, dass uns diese kulturelle Verbindung mit einem spirituellen Anführer eines indigenen Stamms hier in Deutschland ermöglicht wurde.
Ich würde gern die erste Frage über den Ort und den Raum, in dem du lebst, stellen. Welche Verbindung fühlst du zu jenem Raum und welche Bedeutung haben dein Zuhause, dein Dorf und deine Wälder für deine Spiritualität?

Biracir: Mein Freund Mauro, unser Übersetzer, hat gestern über einen sehr weisen Mann gesprochen, als er erzählte, dass der Wald unser Zuhause sei. Der Wald ist unser Zuhause. Es gibt einen Ort, an dem wir uns aufhalten, wenn wir mit unseren Familien zusammen sind. Diesen Ort können wir unser Dorf oder unsere traditionellen Häuser nennen. Denn unser Krankenhaus ist die Natur und der gesamte Wald. Unsere Schule ist der gesamte Wald und all die, die in ihm leben. Das ist unsere Schule. Unser Supermarkt ist auch unser Wald, die Flüsse, die Seen. Unsere gesamte Umwelt. Deswegen frage ich mich selbst, was bedeute ich diesem Ort und nicht, was dieser mir bedeutet. Ich stelle mir die gegenteilige Frage. Ich bin sehr glücklich über das Privileg, in der Natur zu leben. Als Dank möchte ich der Natur dienen und dies ist, was ich selbst und all meine Leute tun. Der Ort, an dem ich lebe, ist ein sehr heiliger Ort. Es ist der Garten des Schöpfers und ich behüte diesen Ort. Das ist die Bedeutung dieses Ortes für mich.

TV: Du bist Teil eines indigenen Stammes und lebst an einem Ort im Wald, mit dem du stark verbunden bist. Wenn ein westlicher Mensch etwas über eine Pflanze oder ein Tier erfahren möchte, würde er zu dem jeweiligen Ort gehen und Exemplare sammeln, die er später chemisch analysieren würde, um herauszufinden, welche medizinischen Vorzüge ein bestimmtes Kraut aufweist. Ich glaube, du hast einen anderen Zugang. Wie lernst du die Pflanzen kennen?

Biracir: Ich glaube, du hast mir drei unterschiedliche Fragen in einer gestellt. Ich fange folgendermaßen an: Als ich jung war, musste ich, nicht aus freiem Willen, sondern aus der Notwendigkeit zu überleben, sehr früh mein Dorf verlassen, um für unsere Rechte einzustehen. Ich ging in eine große Stadt, um das Gesetz und die Rechte Brasiliens zu verstehen und durch die Gesetze des Landes lernte ich, unsere Rechte zu verstehen. Ich entdeckte während dieser Recherche, dass in der Verfassung Brasiliens das Recht der Nutzung des Landes durch indigene Stämme verankert ist sowie das Recht, unsere Kultur, unsere Spiritualität und unsere Sprache zu pflegen und zu bewahren, was uns durch die ersten Kolonialherren, die zu unseren Dörfern kamen, verwehrt worden ist. Ich musste mein Dorf verlassen, um die Außenwelt zu verstehen und mit ihr zu kommunizieren.
Ein anderer Teil deiner Frage: Wir hatten bis vor etwas weniger als 150 Jahren noch keinen Kontakt zu der westlichen Zivilisation. Wir kommen aus einer autonomen und unabhängigen Zivilisation. All unser Wissen stammt von den Menschen aus den Wäldern. Unsere Lehren sind das Erbe der Vergangenheit. Es sind die Lehren unserer Großeltern und unserer Eltern. Es sind mündliche Lehren, nicht schriftliche. Diese Schule ist eine ewige Schule, weil sie das Herz erzieht. Wir lesen nicht, um das Gelesene auswendig zu lernen. Die Erinnerung geschieht in der Stille, in der Meditation, während unserer heiligen Fastentage. Dieses Wissen kann uns nicht weggerissen werden und es wird niemals vergessen werden. Wir lernen von unseren Eltern und Großeltern über die medizinischen Pflanzen. Es gibt viele unterschiedliche Pflanzen für unterschiedliche Arten von Krankheiten. Auch von den Tieren lernen wir. Wenn wir uns zurückziehen, wenn wir meditieren oder fasten, träumen wir mit den Pflanzen, mit dem Geist der Pflanze. Wenn wir aufwachen, gehen wir in den Wald, um nach dieser Pflanze zu suchen, und wir finden sie. Daraufhin führen wir unsere Tests durch, um herauszufinden, ob die Pflanze, die wir gefunden haben, auch die aus unserem Traum ist. Das ist magisches Wissen. Die Weise, wie wir lernen, ist wahrhaftig fantastisch. Es ist spirituell. Das sind unsere Lehren. Heute denke ich nur an unseren Stamm, die Yawanawa. Nein, ich denke an die ganze Welt. Ich denke an die ganze Menschheit. Wir haben einen der größten Gärten medizinischer Pflanzen des brasilianischen Amazonas. Wir haben in unserer Region über 2.600 verschiedene Pflanzen, die katalogisiert wurden. Wir haben Pflanzen, um viele unterschiedliche Arten von Krankheiten zu heilen. Wir haben auch aphrodisierende Pflanzen sowie Pflanzen, von denen ihr euch überhaupt nicht vorstellen könnt, dass wir sie noch in diesem Jahrhundert besitzen. Die westlichen Wissenschaftler sind noch nicht bei uns angekommen. Aber unser Stamm hat das Wissen. Doch seitdem wir sozial ausgegrenzt werden, seit dem Beginn des Kontakts mit der westlichen Gesellschaft, haben wir niemandem unser Wissen enthüllt. Wir wären lieber mit unserem Wissen ausgestorben. Aber heute – durch die Allianzen, die wir begründen – öffnet sich mein Herz und auch das vieler indigener spiritueller Anführer unserer Welt. Wir teilen mit Würde einen Teil unseres Wissens, das bis heute ein Geheimnis war.

Biracir Nixiwaka (lk.), sein Schüler und seine Frau

TV: Ja, es ist eine sehr aufschlussreiche Antwort. Besonders wichtig erscheint mir der Teil über das Träumen über die Pflanzen. Denn das ist ein unterschiedlicher Zugang zu Wissen. Das ist unmittelbares Wissen.

Biracir: Es ist ein ganzheitlicher Prozess, der nicht einfach ist. Wenn wir unsere spirituellen Diäten durchführen, um diese Kraft zu erhalten, essen wir kein Fleisch, haben keinen Sex. Wir nehmen auch keinen Zucker zu uns und trinken kein Wasser. Es gibt sehr viele Protokolle, die wir befolgen müssen, um diese spirituelle Kraft zu erreichen. Das Einhalten dieser Regeln erlaubt uns, uns mit den Geistern der Pflanzen zu verbinden. Es ist sehr einfach, und gleichzeitig ist es eine sehr filigrane spirituelle Arbeit. Das sind unsere Untersuchungen.

TV: Wie verstehst du Spiritualität für dich?

Biracir: Spiritualität ist, nach meinem Verständnis, die gesamte Natur. Die Pflanzen sind für mich spirituell sowie die Tiere. Die Vögel, die Fische, die Sterne, der Mond, die Sonne, der Wind, der Tag, die Nacht. Alles! Die gesamte Schöpfung des göttlichen Wesens, des Schöpfers. Das alles ist spirituell. In der Spiritualität gibt es nicht nur einen Pfad. Da gibt es keinen Anfang, keine Mitte und kein Ende. Spiritualität kennt keine Worte. Ich bin nicht in der Lage, zu übersetzen, was Spiritualität ist. Ich bin zu klein, um in Worte zu fassen, was die spirituelle Welt ist. Ich versuche, Kommentare zu äußern zu dem, was sie ist. Es ist das Universum und gleichzeitig ist es der Pfad von uns allen. Spiritualität ist unser visionärer Blick, unsere Speise, unser Gehen, unser Tag für Tag. Es ist ein Anhalten und Betrachten der Welt, in der wir leben. Das ist das Wenige, was ich von Spiritualität verstehe.

TV: Es ist die gesamte Natur und das Universum. Du hast auch den Schöpfer oder das göttliche Wesen erwähnt. Wie verstehst du den Schöpfer oder Gott?

Biracir: Wir nennen ihn Lukascheni. Lukascheni ist älter als die Menschheit, älter als die Pflanzen. Lukascheni kann nicht erklärt werden, denn er hat, nach unserem Verständnis, die Welt und die gesamte Natur erschaffen. In unseren spirituellen Worten sagen wir: »Lukascheni aca schowima« – »Der Schöpfer, der uns geschaffen hat.« Er ist immer dabei, seine Schöpfung, seine Erfindung zu schaffen. Wir sind eine der Schöpfungen dieses göttlichen schöpfenden Wesens. Ich verwende das Wort »göttlich«, aber ich würde gern ein Wort finden, das am geeignetsten ist, um sich auf das Göttliche, dieses schaffende Wesen, zu beziehen. Aber es gibt kein Wort, das der Mensch finden könnte, um den Schöpfer, das göttliche Wesen, zu benennen. Also nehmen wir das, was für uns erreichbar ist. Deshalb nenne ich ihn göttliches Wesen oder schöpfendes Wesen. Denn wenn wir uns alles, was im Universum ist, vorstellen, stellt es eine außerordentliche Weisheit dar. Jedes Wesen der Schöpfung hat eine Gabe und Weisheit. Nehmen wir zum Beispiel eine Spezies, den Menschen. Was haben wir bisher auf dem Planeten Erde getan? Sehr viele Dinge. So wie wir tun es auch viele andere Wesen. Das ist ein Wesen unter Milliarden und Billionen von Wesen, die geschaffen wurden. Deshalb ist die Weisheit des schöpfenden Wesens überdimensional. Wir, die Indigenen, insbesondere die Yawanawa, haben immer versucht, auf dem Pfad unseres göttlichen Wesens zu gehen. Ich würde gern zu unserem Schöpfer sagen, dass die Schöpfung Ähnlichkeit mit dem Schöpfer aufweist und das sind wir. Das ist ein kleiner Teil unseres Verständnisses von dem göttlichen Schöpfer.

Yawanawa

TV: Die Medizin öffnet uns Türen, die zuvor verschlossen waren, und zeigt uns eine andere Dimension der Realität. Sie schenkt uns beispielsweise Einheitserfahrungen. Die Frage ist, können wir diesen Zustand der Einheit aufrechterhalten? Ist das überhaupt möglich?

Biracir: Ja, wir leben das. Bei uns beginnt das in unseren Häusern. In unserer Zivilisation lebten wir von Anfang an in Häusern, die wir »oca« nennen, und in diesem Haus leben alle zusammen. Da leben der spirituelle Anführer, der pajer, der Schamane, sowie das jeweilige Stammesoberhaupt, die älteren Menschen und alle Familien. Dort hört jeder mit, wenn eine Frau ein Baby gebärt. In diesem Haus isst niemand allein. In diesem Haus ist niemand allein krank. Es ist eine kollektive Verantwortung der Nation, nicht nur der Familie.

In dieser Umgebung kann keiner seine Frau oder Kinder schlagen oder Gewalt anwenden. An diesem Ort gibt es keine älteren Menschen, die verlassen werden. An diesem Ort leidet keiner an Hunger. An diesem Ort hören alle die Reden des großen Schamanen. Sie hören auch den großen Anführer des Stamms sprechen, seitdem sie geboren wurden. Es ist eine komplett verschiedene Gesellschaft als die westliche. Es gibt keine Wände. Es gibt keine einzige Trennung. Wenn du reinblickst, siehst du das gesamte Land. Es ist, als ob du in das Haus des Präsidenten blicken würdest und auch in das Haus eines einfachen Arbeiters. Keiner stiehlt dem anderen etwas. Es gibt keine Verstecke. Wir kommen aus solch einer Zivilisation und Kultur. Wenn es sowas wie Sozialismus gibt, dann leben wir wahrhaftig in einer solchen Welt. Das ist nicht nur ein Wort einer politischen Partei oder einer Religion. Es ist nichts davon. Es ist viel größer als all das. Es ist ein Leben in Harmonie mit unserem Stamm im Allgemeinen, mit unseren Familien, mit der Natur. Mit unserer gesamten Umwelt. Das ist unsere Geschichte. Zurück zu deiner Frage, ob es möglich ist, in Harmonie zu leben. Ich verstehe, was du sagst, und ich gebe dir völlig recht. Aber in unserer Welt existiert das alles nicht. Es ist etwas, was wir nicht verstehen können. Es ist ein anderes Konzept, es ist eine andere Gesellschaft.

TV: Wie nimmst du die westliche Kultur wahr? Welche sind die Besonderheiten, sowohl die positiven als auch die negativen?

Biracir: Es gibt viele menschliche Innovationen, die sehr wichtig für das menschliche Fortbestehen sind. Aber es gibt auch eine negative Seite. Der Mensch hat das Wissen, das der Schöpfer ihm gegeben hat, für sein eigenes Ego genutzt, um sich selbst zu profilieren, für die Interessen von Familien, Gruppen oder Ländern. Das brachte die Schräglage der Zivilisation mit sich. Der Wettbewerb, die Produktion, die Kommerzialisierung, der internationale Markt haben das menschliche Wissen arm gemacht und so riskieren wir die Zukunft der Menschheit. Durch den Wettbewerb in der Landwirtschaft hat die Zerstörung der Wälder begonnen und die Ausrottung von Wissen. Dabei wurden viele Universitäten der Schöpfung verbrannt. Viele Schulen des Schöpfers. Unsere Heilkräuter wurden ausgelöscht. Das war sehr schlecht. Sie haben nicht gesehen, was dort war. Für mich ist das die größte Sünde der westlichen Kultur. Es ist eine Sünde, die wir für die neue und die kommenden Generationen überdenken müssen. Mögen sie vor dem Schöpfer um Verzeihung bitten für ihre Handlungen und ihr Verhalten. Doch dafür muss sich das Leitbild des Menschen ändern. Nur so kann die Existenz des Menschen gesichert werden. Es ist nicht der Schöpfer, der zerstört, sondern wir selbst sind es.

Mein Freund Ronald, es war mir ein Vergnügen, mit dir über die Geschichte meines Stammes, über unsere Welt, die Yawanawa-Welt, und über unsere Vision vom Universum sprechen zu können. Die Zeit ist gekommen, um zu einer anderen Mission zu gehen. Wir müssen jetzt aufhören. Aber ich möchte euch zu uns in die Wälder einladen, um in einer Hamaca (Hängematte) in unserem heiligen Dorf zu liegen, wo ich dir Geschichten unserer Vorfahren erzählen kann, mit der musikalischen Begleitung von der Natur, von den Tieren. Das ist meine Einladung. Es ist sehr schön, dich getroffen zu haben. Wir sehen uns in den Wäldern.

TV: Vielen Dank!

Das Interview führten Ronald Engert und Jeannette Lewe.

 

Zum Autor:

Biracir ist spiritueller Führer und Schamane des Volkes der Yawanawa im brasilianischen Amazonas-Gebiet. Er hat sein Leben der Rettung der indigenen Kultur gewidmet. Nach der Zurückgewinnung von 200 Hektar unberührten Amazonas-Urwalds öffnet er nun seine Kultur, um sie der westlichen Welt nahezubringen. Ein wichtiges Element dafür ist das Yawa Festival, das seit 2001 jährlich im Oktober im Dort Nova Esperanca stattfindet.

 

 

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1 Kommentar
  • Shantam Eduard Fuchs
    Veröffentlicht um 21:21h, 29 April Antworten

    Biracir bringt es auf den Punkt: Die westliche Zivilisation lebt vom Eigennutz, d.h. wir missbrauchen das Wissen das uns von der Schöpfung gegeben wurde für egoistische Zwecke. Und damit zerstören wir uns selbst wie auch die Natur.
    Ich verneige mich in Demut vor dem Volk der Yawanawa, das uns wahre Spiritualität vorlebt. Und ich danke Biracir, dass er es auf sich genommen hat, sich mit unserer Un-Kultur vertraut zu machen, um uns zu lehren, wie wir Menschen in Frieden und im Einklang mit der Natur leben können.

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