01 Sep. Sichtbar gemachte Liebe
Von Sinn und Sinnlichkeit der Arbeit
Autor: Dirk Grosser
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 104
Seit es Menschen gibt, begleitet uns Arbeit. Die Bibel spricht von einer Verurteilung, nach der wir im Schweiße unseres Angesichts und unter Mühsal unser Brot essen sollen, Karl Marx sah die Arbeit als »Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur«, der in großen Teilen jedoch entfremdet und pervertiert sei, und die neuesten KI-Entwicklungen versprechen uns ein Ende der bloßen Erwerbstätigkeit und eine immerwährende Freizeit, bei der wir uns nur noch überlegen müssen, wofür wir die viele Muße nutzen könnten. Arbeit kann offensichtlich vieles sein: Freude, lästige Störung, kapitalistische Knechtschaft, sinnstiftende Entfaltung oder auch abstumpfende Routine. Vielleicht ist sie eine Mischung aus all diesen Elementen – und ganz bestimmt kann sie auch viel mehr sein.
In irgendeiner Form arbeiten wir alle. Auch wenn wir in einer Welt der Fülle leben, wachsen uns die Trauben nicht in den Mund, und die Flüsse aus Milch und Honig scheinen auch seit langer Zeit versiegt zu sein. Schon die ersten unserer Vorfahren mussten entweder jagen oder sammeln – bei der Berufswahl stand man vor der entscheidenden Frage, ob man Brombeeren in einen Weidenkorb legen oder mit einem Feuerstein-Speer auf ein fünf Tonnen schweres Mammut losgehen wollte. Zumindest aber widerstand man mangels Kühlschranks und Scheunen der Versuchung, sich selbst einen Vorrat anzulegen, mehr als andere zu haben und dann zum richtigen Zeitpunkt Macht mittels Verteilung auszuüben. Der frühe Mensch sammelte, erlegte ein Tier und aß sich im besten Fall daran satt. Daher vermuten Historiker heute, dass die frühen Menschen im Schnitt vier Stunden am Tag diesen Tätigkeiten nachgingen und den Rest der Zeit mit Ausruhen, Spiel, den ersten Formen von Kunst und wahrscheinlich grenzenlosem Staunen über die Welt, in der sie lebten, verbrachten.
Die neolithische Revolution brachte später neben der Sesshaftigkeit vor allem gezüchtete Getreidesorten und Hülsenfrüchte hervor, wir erfanden den Pflug und die Sichel, folgten nicht mehr den Tierherden, sondern domestizierten sie gleich hinter dem Haus. Jetzt – bleiben wir beim Positiven! – konnten wir Vorräte für schlechte Zeiten anlegen und unsere Überschüsse mit anderen Dörfern tauschen. Arbeitsteilung verschaffte uns den Freiraum, die eigenen Talente zu entdecken, und ein paar kosmische Sekunden später entstanden die ersten Hochkulturen, mit ihnen die Geldwirtschaft und somit auch entsprechende Hierarchien von Habenden und Nicht-Habenden.
Für sie war ihre Arbeit sichtbar gemachte Liebe, mit der sie ihr je einzigartiges Talent in die Welt brachten und großzügig teilten.
Immer mehr Spezialisierungen formten sich aus. Menschen machten nicht mehr alles, sondern fokussierten sich auf das, wozu sie am besten in der Lage waren. Die Anzahl der kompletten Selbstversorger ging kontinuierlich zurück, und zum ersten Mal gab es zudem rein geistige Tätigkeiten, Zünfte und Gilden bildeten sich im europäischen Mittelalter, die Organisation der Arbeit nahm zu, bis dann im 17. Jahrhundert Manufakturen entstanden, die alsbald zu Fabriken wurden. Die Dampfmaschine entpuppte sich als KI des 18. Jahrhunderts und formte etliche Arbeitsbereiche radikal um, so dass Menschen nicht mehr unbedingt ein komplettes Werkstück produzierten, sondern nur noch einzelne Arbeitsschritte auf dem Weg dorthin erledigten. Und so ließ auch das Fließband nicht mehr lange auf sich warten, das Charlie Chaplin einige Zeit später dazu veranlasste, den Menschen als Rädchen im Getriebe einer Sklavenmaschinerie darzustellen. Die Entkopplung von Arbeit und Produkt entfremdete den Arbeiter immer mehr von seiner Tätigkeit, Karl Marx schrieb im Londoner Exil »Das Kapital«, es gab die ersten Gewerkschaften, Arbeitskämpfe, Tarifverträge … und dann kamen auch schon Konrad Zuse, Bill Gates und Steve Jobs um die Ecke und es gab plötzlich Arbeit 2.0, Arbeit 3.0 und angeblich auch Arbeit 4.0, von der niemand weiß, was sie sein soll, da uns schon die vorherigen Zahlen nicht ganz klar wurden.
Was wir nach diesem Sprint durch die Geschichte jedoch sicher wissen, ist, dass Arbeit einen großen und wichtigen Teil unseres Lebens ausmacht. Wenn wir darüber nachdenken, dass wir oft mehr Zeit mit den Kolleginnen und Kollegen verbringen als mit unserer Familie, wird uns dieser Umstand noch einmal deutlicher vor Augen geführt. Etwa 70.000 bis 90.000 Stunden gehen wir in unserem Leben einer Arbeit nach. Wenn das kein Grund ist, sich Gedanken darüber zu machen, was das eigentlich alles soll.
Darf’s ein bisschen mehr sein?
Wenn wir uns die Geschichte der Arbeit anschauen, fällt unser Blick wie bei nahezu jeder Rückschau auf die großen, auffälligen Aspekte – und es mag der Eindruck entstehen, dass es in dieser Geschichte hauptsächlich um das Abringen eines Lebensunterhaltes, die Verzweckung der Umwelt und nicht viel später schon um den Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung gehe. Die großen Entwicklungen und Umwälzungen fallen zuerst ins Auge, wobei die subtileren Strömungen und die Einzelpersonen, die keine »Geschichte geschrieben haben« oft vergessen werden.
Aber natürlich gab es schon immer Menschen, für die ihre Arbeit mehr war als der Erwerb der Ressourcen, die sie für ein menschenwürdiges Leben brauchten. Für viele, viele Menschen war das, was der libanesische Dichter Khalil Gibran in seinem Meisterwerk »Der Prophet« schrieb, eine innere Wahrheit: Für sie war ihre Arbeit sichtbar gemachte Liebe, mit der sie ihr je einzigartiges Talent in die Welt brachten und großzügig teilten. Zum einen, um sich selbst und ihre Fähigkeiten immer weiter zu entfalten, und zum anderen, um schöpferisch an dieser Welt teilzuhaben und auf diese Weise ihren Dank für das Geschenk des Lebens auszudrücken sowie der menschlichen Gemeinschaft etwas zurückzugeben.
Vielen Menschen – mehr als wir meinen – ist dieses größere Ganze ein Anliegen.
Es gab immer schon den Tischler, der ein besonderes Gefühl für das Holz besaß, der Maserung folgend echte Schönheit erschuf und sich daran erfreute, dass eine Familie allabendlich an einem Tisch zusammenkam, der seiner Hände Arbeit entsprungen war. Es gab immer schon den Bäcker, für den sein Brot eine Verbindung von Himmel und Erde bedeutete, von Getreidesamen, Sonne, Regen und geheimnisvollem Wachstum – ein Bäcker, dessen Brot auch die Seele nährte. Es gab immer schon die Gärtnerin mit dem grünen Daumen, unter deren liebevollem Blick die Pflanzen gediehen und ihre Heilkräfte für Mensch und Tier entfalteten; immer schon die Lehrerin, die nicht einfach Fakten zum Auswendiglernen präsentierte, sondern Kindern achtsam den Raum für die Entwicklung ihrer eigenen Weisheit öffnete.
All diese Menschen gibt es auch heute noch. Engagierte, mutige und mitfühlende Zeitgenossen, die ihr Talent in den Dienst einer größeren Sache stellen und die ihre eigene zutiefst empfundene Menschlichkeit in ihre Arbeit einbringen: Rettungskräfte, denen das Wohl anderer so sehr am Herzen liegt, dass auch Beschimpfungen und Gewaltandrohungen sie nicht davon abhalten, zu helfen; Hundetrainerinnen, die Hunde wirklich lieben und daher eher die Menschen als die Tiere erziehen; Köche, die sorgsam ihre Zutaten wählen und kulinarische Sinfonien komponieren, um Freude im Gaumen und in den Herzen zu erzeugen; und ebenso die Kassiererin im Discounter um die Ecke, die für jeden Kunden ein freundliches Wort übrig hat, das auch schlechte Tage zu besseren macht.
Vielen Menschen – mehr als wir meinen – ist dieses größere Ganze ein Anliegen. Es ist eingepflanzt in das eigene Innere, manchmal bewusst und manchmal unbewusst, und jedes Tun ist Teilhabe an ihm, ist Mitgestaltung eines Aspektes dieser Welt, der den eigenen Fähigkeiten sowie Interessen entspricht. Unser kleines Projekt, das uns am Herzen liegt und dem wir vielleicht allzu oft gar nicht so viel zutrauen, ist ein Mosaiksteinchen in einem weit größeren Bild, dessen Buntheit und Vollständigkeit von unserem Beitrag abhängt.
Überall ist die sichtbar gemachte Liebe wirksam und begleitet uns auf einem Weg in eine lebenswerte Zukunft.
Ganz deutlich und greifbar wird das, wenn wir uns Projekte der Menschheitsgeschichte vor Augen führen, die offenkundig auf etwas anderes als den Broterwerb abzielten. Den Arbeitern, die vor mindestens 5.000 Jahren tonnenschwere Steine bis zu 200 Kilometer über Land transportierten, um ein Monument zu errichten, das wir heute Stonehenge nennen, ging es sicherlich nicht um die Erhöhung des Bruttosozialproduktes.
Auch die Steinmetze, die im Jahr 1248 mit dem Neubau des Kölner Doms begannen, dachten nicht nur an das Füllen ihrer eigenen Taschen, sondern waren an etwas Größerem beteiligt, das letztlich erst mehr als 600 Jahre später fertiggestellt werden sollte. Bereit zu sein, an etwas mitzuwirken, dessen Vollendung man sicher nicht mehr erleben wird, entspricht der Zuversicht und dem Grundvertrauen, das sich in dem Martin Luther zugeschriebenen Wort »Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen«1 wiederfindet. Eine Einstellung, die sich gut als Fanal gegen den Zynismus und die Resignation unserer Zeit eignet.
Dies ist nur der Anfang des Artikels. Der vollständige Beitrag ist in der Tattva Viveka 104 erschienen.
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Tattva Viveka Nr. 104
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Schwerpunkt: Neue Arbeit
Erschienen: September 2025
Dirk Grosser – Arbeit als sichtbar gemachte Liebe • Werner Heussinger & Heike Görner – Digitalisierung und Künstliche Intelligenz • Prof. Dr. Maik Hosang – Aufbruch in die Metamoderne • Stephen Reid – »Es geht um eine Werteverschiebung in der Gesellschaft« • Dr. Johannes Hartl – Mit Fokus seine Berufung finden • Nicole Schröter – Human Design: Erwecke dein wahres Potenzial • Bernadette Siebers – Führung von innen • Dr. Dr. Walter von Lucadou – Parapsychologie: Ein Beitrag zur Bewusstseinsforschung (2) • Waltraud Hönes – Weltenwandern • Buchbesprechungen • u.v.m.
Zum Autor
Dirk Grosser, geb. 1971 machte sich 2013 nach langjähriger Tätigkeit als Programmleiter in Verlagen als freier Autor und Seminarleiter selbstständig. Zahlreiche Veröffentlichungen zu seinen Hauptthemen Mystik, Mythologie und Meditation, u. a. »Am Sonntag geht Gott angeln« und »Möge dein Weg gesegnet sein«. Seit Mitte 2025 Chefredakteur der Tattva Viveka, seit Beginn seines Lebens Hundefreund und Waldmensch.
Webseite: www.dirk-grosser.de
Andrea Ehrenberg
Gepostet am 12:11h, 08 SeptemberFür mich als Tierärztin ist meine Arbeit in eigener Praxis auch sichtbar gemachte Liebe. Dabei drückt die Last von immer höheren Erwartungen der Patientenbesitzern, zunehmende Bürokratie, immens hoher Arbeitsbelastung mich manchmal so tief herunter, dass ich kaum noch atmen kann. Mein Lieblingslied in solchen Momenten von Rio Reiser „Halt dich an deiner Liebe fest“ hält mir den Kopf über Wasser.