04 März Die transformative Kraft der Berge
Wie man losgeht und sich von der Natur öffnen lässt
Autor: Christian Holzknecht
Kategorie: Spiritualität
Ausgabe Nr: 106
Christian Holzknecht begleitet Menschen in die Berge, spricht mit ihnen, schweigt mit ihnen und bringt sie in eine neue Verbindung mit Mutter Natur. Durch körperliche Anstrengung und einen weiten Blick wird ein meditativer Zustand erlangt, der neue Klarheit über den eigenen Weg bringt und Menschen für das Wesentliche ihres Lebens öffnet. Wir sprachen mit ihm über die Liebe zu den Bergen, die Metapher des Gipfels, die Wirkung der Bewegung und die Notwendigkeit der Disziplin.
Tattva Viveka: Deine Mission ist es, Menschen in ihre Kraft, in ihre Klarheit und in ihre innere Stille zu führen. Dazu gehst du mit ihnen in die Berge, sprichst auch von einem Pfad in ein bewusstes Leben. Wie wichtig ist dabei das tatsächliche Gehen eines Weges?
Christian Holzknecht: Das Gehen ist mir sehr wichtig, und das hat mehrere Gründe. Ich bin in den Bergen West-Österreichs aufgewachsen und mein Vater, der mein ganz persönlicher Bergführer und Skilehrer war, hat mich schon ganz früh auf sehr hohe Berge mitgenommen. Im Alter von acht oder neun Jahren war ich bereits auf den ersten 3000ern, was wahnsinnig anstrengend war, auch bedingt durch die schlechte Ausrüstung, die man damals hatte. Kniebundhosen und lange Strümpfe, Schuhe aus Wildleder … Da war man schnell durchnässt und es war dann eher unangenehm. Aber mir ist schnell bewusst geworden, dass ich durch das Gehen in eine Art meditativen Zustand komme, der mich durch jeden Schmerz und jedes Unbehagen trägt. Die erste Stunde des Weges war kalt und nass, aber dann lag mein Fokus nicht mehr auf den Schwierigkeiten und mir wurde klar: Wenn ich das geschafft habe, schaffe ich auch noch die anderen sieben oder acht Stunden des Aufstiegs. Die inneren Beschwerden wurden leiser, ich konnte klarer denken, alles wurde still. Und das ist mir bis heute geblieben – eine Lehre fürs Leben. Auch in meiner Militärzeit hat sich das immer wieder für mich bewahrheitet. Bis zu einem gewissen Punkt war irgendetwas schlimm, doch dann bin ich darüber hinaus gekommen, und danach ging dann alles.
Der andere Aspekt kommt für mich aus dem Zen und der Meditation, durch die mir klar geworden ist, dass ein Problem irgendwo sitzt, irgendwo sesshaft ist, und wir nicht den Fehler machen dürfen, die ganze Zeit bei ihm zu bleiben und uns in der Konzentration auf eine Lösung zu verkrampfen. Besser ist es, wir bewegen uns innerlich wie äußerlich, denn dann löst sich ein Problem oft ganz von selbst auf. Deshalb gehe ich mit meinen Klienten in die Berge, wo Mutter Natur uns hilft, dass ein großer Teil des ursprünglichen Problems sich verflüchtigt.
TV: Hat die körperliche Bewegung einen Einfluss auf die innere Wahrnehmung?
Holzknecht: Auf jeden Fall. Ich orientiere mich da stark an der Natur. Da können wir sehen, dass alles, was starr ist und sich nicht bewegt, stirbt. Dort gibt es Tiere, die jagen, und Tiere, die gejagt werden. Und wenn die vermeintliche Beute sich nicht schneller bewegt als der Jäger, dann stirbt sie. Und ich bin der Überzeugung, dass auch wir Menschen in ständiger Bewegung sein müssen, um am Leben zu bleiben. Manche meinen vielleicht, dass es ausreicht, die Fernbedienung anzuheben oder vom Sofa in die Küche und wieder zurück zu gehen, aber ich sehe das anders. Wir haben es durch den Fortschritt immer bequemer und fahren überall hin, gehen so gut wie gar nicht mehr, und deshalb gibt es auch immer mehr Menschen, die nahezu vollständig erstarren, sich kaum die Schuhe zubinden können und so weiter.
Wir sind für Bewegung gemacht und sollten uns unser ganzes Leben lang bewegen.
Ich denke, wir sind für Bewegung gemacht und sollten uns unser ganzes Leben lang bewegen, denn es bewegt sich ja nicht nur unser Körper, sondern mit ihm auch unser Geist. Wir nehmen die Bewegung im Körper wahr und auch die bewegte Umgebung, die dadurch an uns vorbei zieht, sich verändert und sich von neuer Seite zeigt. Wenn ich da meine Sinne ganz öffne, dann ist es wie eine Verdoppelung der Wirkung. Ich habe quasi im Innen wie im Außen zugleich ein Erlebnis, das direkt zu Emotionen führt, wenn ich eingebettet in Mutter Natur unterwegs und durch die Stille bei mir bin.
TV: Führt körperliche Bewegung auch dazu, geistig beweglich zu bleiben?
Holzknecht: Absolut, ja. Das ist für mich untrennbar miteinander verbunden. Viele Menschen fahren leider ihre Bewegung massiv zurück, wenn sie Schmerzen haben oder wenn sie spüren, dass sie nicht mehr so sportlich wie früher sind. Aber damit geben sie einem Problem nach, und ich glaube, dass dadurch auch die geistige Flexibilität nachlassen kann. Ich würde jedem raten, einmal auszutesten, womit er oder sie sich wohler fühlt: In einem Sessel zu sitzen und nachzudenken, oder auf einem langen Spaziergang die Gedanken schweifen zu lassen. Wo kommt man zu besseren Ergebnissen? Wo entstehen effektivere Problemlösungen oder kreativere Ideen?
Ich bin überzeugt davon, dass während des Gehens auch beweglichere Gedanken auftauchen. Und diese Überzeugung kommt aus meiner persönlichen Erfahrung. Ich gehe oft ohne Ziel los, lasse mich einfach von der Intuition leiten, die während des Gehens spontan entsteht. Ich sehe eine Weggabelung und entscheide aus dem Bauch heraus, wo ich entlanggehe. Ich gehe mal links, mal rechts, lasse mich treiben, und komme so an ganz neue Orte. Zugleich komme ich so aber auch zu neuen Gedanken, bin offen für das, was da kommen mag. Ich kann so eine neue Perspektive einnehmen, verändere den Blickwinkel und damit ändern sich die Gedanken wie auch die Gefühle. Ebenso verändert sich dabei meine Eigenwahrnehmung, meine Position zu mir selbst. Und das ist wichtig, um Dinge neu anzugehen oder sie neu zu bewerten.
TV: In deiner Beschreibung klingt für mich eine Alltags-Version der klassischen Heldenreise an. Man geht los, verlässt das Bekannte, lässt sich auf das Unbekannte ein, wird auf dem Weg transformiert und kehrt als ein anderer – mit neuen Gedanken – zurück. Das scheint mir ein im besten Sinne sehr menschlicher Weg zu sein …
Holzknecht: Das ist ein schöner Gedanke, denn das hat – trotz aller möglichen Anstrengung – auch etwas Leichtes. Menschen haben ja oft Angst vor der Veränderung, vor neuen Anfängen oder Perspektivwechseln. Aber stell dir vor, du müsstest einfach nur losgehen, und die Natur würde dich verändern, dich zu einem neuen Menschen machen, der sich anders fühlt und anders denkt.
Dies ist nur der Anfang des Artikels. Der vollständige Beitrag ist in der Tattva Viveka 106 erschienen.
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Tattva Viveka Nr. 106
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Schwerpunkt: Bewegung
Erschienen: März 2026
Dirk Grosser – Wandernde Weisheit • Prof. Dr. Johannes Michalak – Spiritualität ist keine reine Kopfsache • Friederike Reumann – Die Bewegung der Organe • Dirk Grosser – Alles fließt aus dem Einen • Christian Busemann – In Bewegung geraten • Christian Holzknecht – Die transformative Kraft der Berge • Simone Käfer – Der japanische Bogenweg • Maren Brand – Vom Tun zum Sein • Dr. Ralph Skuban – Gesund und entspannt atmen • Nana Nauwald – Heilsames Bewusstseins-Abenteuer Trance • Chan Park – Tango Zen • Bruno Martin – Gurdjieffs Heilige Tänze • Buchbesprechungen • u.v.m.
Zum Interviewten
Christian Holzknecht ist von einer lebenslangen Liebe zu den Bergen geprägt, hat als Soldat und Personenschützer viele Einsätze erlebt sowie als Fotograf international Erfolge gefeiert. Seit einigen Jahren teilt er seine Erfahrungen mit seinen Klienten, führt sie in die Stille der Berge, weckt ihre eigene Stärke und zeigt ihnen Wege zum Kern ihres Wesens. Er lebt zusammen mit seiner Frau, die auch seine Business-Partnerin ist, in Wien.
Webseite: mountain-bootcamp.com
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