01 Sep. »Es geht um eine Werteverschiebung in der Gesellschaft«
Genossenschaften und Teal-Organisationen als vielversprechende Zukunftsunternehmen
Autor: Stephen Reid
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 104
Unsere Arbeitswelt verändert sich: Ehemals starre Unternehmensstrukturen werden zunehmend aufgebrochen, was den Menschen mehr Flexibilität und Individualität gestattet. Doch wie können wir uns angesichts des stetigen Wandels in der modernen Arbeitswelt ein Zugehörigkeitsgefühl bewahren und zugleich einen tieferen Sinn in unserem Tun finden? Wir sprachen mit dem Genossenschaftsexperten und Technologie-Enthusiasten Stephen Reid, der eine metamoderne Perspektive vertritt, über ein neues Verhältnis zur Arbeit.
Tattva Viveka: Bei der Diskussion rund um »New Work« lassen sich zwei bedeutende Trends erkennen: Zum einen möchte eine immer größere Anzahl von Menschen aus den Strukturen ihres 9-to-5-Jobs ausbrechen, weil sie sich Freiheiten wie orts- und zeitunabhängiges Arbeiten wünschen. Zum anderen sehen wir, dass Menschen, die remote und allein für sich arbeiten, zunehmend in die Isolation gleiten. Inwiefern kann die Organisationsform der Genossenschaften (der Co-ops) dazu beitragen, beides miteinander zu verbinden, die Freiheit des Freiberuflers sowie das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, zu einem Unternehmen?
Stephen Reid: Im Idealfall tragen Co-ops dazu bei, Freiheit und Zugehörigkeit miteinander zu vereinen. Eine der Organisationen, mit der ich zusammenarbeite, Symbiota, ist seit 2020 eine Arbeitergenossenschaft, wobei die Arbeit von Frederic Laloux, sein Buch »Reinventing Organizations« und die Idee der Teal-Organisationen uns dazu inspiriert haben. Eines der Prinzipien von Teal-Organisationen ist die Ganzheit. Daher bestärken wir jeden Mitarbeiter darin, sein ganzes Selbst zur Arbeit mitzubringen. Vielleicht lenken ihn gerade Umstände aus seinem Privatleben von seiner Arbeit ab. Vielleicht ist es sogar etwas Positives und es gibt einen Grund zum Feiern. In solchen Situationen ermutigen wir die Menschen dazu, das, was sie bewegt, zu teilen. Unsere Genossenschaft ist auf der Grundlage der gegenseitigen Fürsorge aufgebaut. Wir als Individuen sind füreinander da, deshalb fühlt sich einerseits die Co-op wirklich wie eine Familie an, und andererseits kann von diesem Ort aus großartige Arbeit geleistet werden.

Was die Freiheit betrifft: Bei Symbiota arbeiten derzeit sieben Menschen, die gleiche Rechte und Pflichten in Bezug auf das Geschäft und seinen Erfolg innehaben. Als Genossenschaft sind wir sowohl ein Unternehmen als auch unsere eigenen Chefs. Wir entscheiden selbst, was wir erreichen wollen, und verbringen im Allgemeinen nicht viel Zeit damit, Strategien zu entwickeln oder zu planen. Wir arbeiten intuitiv und lassen uns von dem, was aufregend und lebendig ist, leiten. Verschiedene Teile der Organisation verfügen über große Autonomie. Wir folgen in etwa dem Teal-Advice-Prozess, der besagt, dass die Menschen nur dann verpflichtet sind, andere zu konsultieren, wenn ihre Entscheidung die Arbeit dieser Menschen beeinflussen wird. Wenn man sich sicher ist, dass andere Menschen von der eigenen Entscheidung nicht betroffen sein werden, führt man einfach seine Aufgabe aus.
Ein weiterer wichtiger Teil der Arbeit in einer erfolgreichen Genossenschaft sind die persönlichen Treffen, die wir ein- bis zweimal im Jahr veranstalten, vor allem, weil wir remote arbeiten. Ich lebe zum Beispiel gerade in Stockholm. Die meisten meiner Kollegen in Großbritannien. In dieser Welt von Google-Kalendern, Zooms und Slack ist es besonders wichtig, die Menschen zusammenzubringen. Menschen miteinander zu verbinden und eine gute Zeit miteinander zu verbringen, ist bei diesen Treffen deshalb genauso eine Priorität wie Strategie oder Planung. Der größte Teil der geschäftsbezogenen Arbeit kann remote erledigt werden, und das oftmals effektiver, wenn die Menschen tatsächlich vor ihren Computern sitzen.
In dieser Welt von Google-Kalendern, Zooms und Slack ist es besonders wichtig, die Menschen zusammenzubringen.
TV: Erzähle uns bitte mehr über die Genossenschaften, mit denen du arbeitest oder die du selbst gegründet hast.
Reid: Die Organisation Symbiota, die ich bereits erwähnte, hat ihre Wurzeln in einer Organisation namens The Psychedelic Society, die ich 2014 gründete. Sie setzte sich für die legale Regulierung von Psychedelika in Großbritannien ein. Damals war ich im Aktivismus und Kampagnenbereich tätig und versuchte, meine bereits vorhandenen Fähigkeiten auf einen damals ungewöhnlichen Bereich anzuwenden. Schnell wurde jedoch klar, dass die Menschen, die von dieser Organisation angezogen wurden, weniger an Kampagnen interessiert waren, sondern viel mehr daran, Zeit miteinander zu verbringen. So verschob sich der Schwerpunkt dieser Organisation bereits in den ersten Jahren von der Kampagnenarbeit hin zur Veranstaltung von Kunst- und Kultur-Events, was bis heute der Fall ist. Die Psychedelic Society ist aktuell einer der größten Veranstalter im Bereich des ganzheitlichen Wohlbefindens in Großbritannien. Natürlich sind Psychedelika dort immer noch nicht legal, und wir können bei unseren Veranstaltungen keine psychedelischen Substanzen verwenden, aber es gibt viele Angebote im Bereich der psychedelischen Kultur wie Meditationen, Debatten, Diskussionen, Filmvorführungen und Klangbäder.
Symbiota wurde, nachdem sie bereits 2014 angefangen hatte, als Organisation kooperativ zu arbeiten, im Jahr 2020 formell zu einer Genossenschaft. Parallel dazu durfte ich auch viel von anderen Organisationen, die nie formell als Genossenschaft registriert wurden, im Kontext des Community Organizing lernen.

Bevor ich nach Stockholm zog, lebte ich in Totnes in Devon im Südwesten Englands, wo es eine Gemeinschaft gibt, die wir die »Tottenianer« nennen. Das ist ein Wortspiel mit dem Namen des Otters, der für diese Gruppe von Menschen seit einiger Zeit wichtig ist. Obwohl das keine formell registrierte Organisation ist, herrscht dort ein starkes Gefühl der Solidarität und gegenseitigen Fürsorge. Etwa alle drei Monate werden persönliche Treffen organisiert. Die Wurzeln dieser Organisation sind Menschen, die sich über die Psychedelic Society in London kennenlernten.
Darüber hinaus gibt es in Berlin eine Gruppe, die von dieser Gemeinschaft in Totnes inspiriert wurde, die etwas namens »The Beehive« erschaffen hat. Demnach haben wir die Otter in Totnes, die Bienen in Berlin, und seit Kurzem die Starlings (Stare) in Stockholm, die meine Partnerin und ich erschaffen haben. Alle drei Gemeinschaften waren mir an verschiedenen Zeitpunkten in meinem Leben sehr wichtig. Ein weiterer wesentlicher Aspekt dieser Gemeinschaften sind die europäischen Burning Man Festivals. Es gibt Nowhere in Spanien, Kiez Burn in Deutschland und Borderland in Schweden. Das sind bunte, kreative und freie Orte, um Zeit miteinander zu verbringen, und sie gelten zugleich als Inspirationsquelle für zahlreiche Mitglieder dieser Gemeinschaften.
Metamodernismus ist Post-Postmodernismus.
Das neueste Projekt, an dem ich beteiligt bin, nennt sich Futurecraft. Futurecraft veranstaltet Residencies und Retreats, und wir beschreiben die Organisation als einen »Spielplatz für eine neue Kultur der Ganzheit«. Wenn wir von Spielplatz sprechen, bedeutet das, dass diese Retreats Spaß machen sollen. Bei Kultur denken wir normalerweise an Normen und Verhaltensweisen und daran, wie wir uns verhalten sollen oder wie wir erwarten, dass sich andere zu verhalten haben. Unserer Meinung nach sind viele Normen der Mainstream-Kultur ziemlich dysfunktional. Wir möchten experimentieren, wie wir auf eine alternative Weise miteinander umgehen und wie wir uns authentischer zeigen könnten. Ein weiterer wesentlicher Aspekt, den wir in unseren Veranstaltungen aufgreifen, ist die Ganzheit. Dabei orientieren wir uns an drei Themenkreisen, die jeweils aus drei Stichwörtern bestehen: Wir sprechen von Technologie, Menschheit, Natur – Körper, Geist, Seele – und Selbst, Andere und natürliche Umgebung. Diese drei Dreiergruppen bestimmen die Inhalte der Retreats.
Futurecraft ist noch keine formelle Genossenschaft, wird jedoch auf kooperative Weise geführt und wurde ebenfalls von der Idee der Teal-Organisationen inspiriert, die ursprünglich aus der Integralen Theorie stammt. Eine modernere Version der Integralen Theorie ist der Metamodernismus. Deshalb ließe sich auch sagen, dass es eine Art metamoderne Organisation ist. Die Verbindung zwischen Teal- oder metamodernen Organisationen und Genossenschaften finde ich hoch spannend. Mit Sicherheit können die beiden Strukturen getrennt voneinander existieren. Es gibt also Genossenschaften, die nicht Teal sind, und es gibt Teal-Organisationen, die keine Genossenschaften sind. Aber ich denke, dass eine Organisationsform am besten und stärksten ist, wenn diese beiden Ideen kombiniert werden. Der Genossenschaftsaspekt dreht sich um die formale Eigentümerstruktur, also letztendlich darum, wer die Entscheidungen treffen darf. Wohingegen sich der Teal- oder metamoderne Aspekt damit befasst, wie wir uns in der Organisation verhalten und wie Entscheidungen getroffen werden. Hier steht die »Fluidität« der Organisation im Vordergrund. Einige Genossenschaften sind trotz ihrer dezentralen Eigentümerstruktur auf eine altmodische Weise noch immer relativ starr. Die Genossenschaftsbewegung ist jetzt 150 Jahre alt. Ich meine, Genossenschaften waren ihrer Zeit voraus, da es schwer zu glauben ist, dass sie bereits so lange existieren. Es fühlt sich an, als würde der Rest der Gesellschaft immer noch dabei sein, aufzuholen, wie visionär die Genossenschaftsbewegung damals war.
Dies ist nur der Anfang des Artikels. Der vollständige Beitrag ist in der Tattva Viveka 104 erschienen.
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Schwerpunkt: Neue Arbeit
Erschienen: September 2025
Dirk Grosser – Arbeit als sichtbar gemachte Liebe • Werner Heussinger & Heike Görner – Digitalisierung und Künstliche Intelligenz • Prof. Dr. Maik Hosang – Aufbruch in die Metamoderne • Stephen Reid – »Es geht um eine Werteverschiebung in der Gesellschaft« • Dr. Johannes Hartl – Mit Fokus seine Berufung finden • Nicole Schröter – Human Design: Erwecke dein wahres Potenzial • Bernadette Siebers – Führung von innen • Dr. Dr. Walter von Lucadou – Parapsychologie: Ein Beitrag zur Bewusstseinsforschung (2) • Waltraud Hönes – Weltenwandern • Buchbesprechungen • u.v.m.
Zum Interviewten

Stephen Reid ist ein Vordenker einer technologischen Metamoderne, Facilitator und Coach, der sich in den Bereichen KI/ML, Komplexitätswissenschaft, Physik, transformatives Coaching und Einsichtsmeditation weitergebildet hat. Zu seinen aktuellen Projekten gehören das Schreiben eines Buches über die technologische Metamoderne, das Veranstalten von Kursen und Residencies als Gründer von Futurecraft und die Leitung der Entwicklung von Dandelion als Gründer der gemeinnützigen Arbeitergenossenschaft Symbiota.
Webseite: stephenreid.net
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