Die Esoterik der Pythagoreer

Der pythagoreische Orden der Antike

Autor: Alfried Lehner
Kategorie: / Griechische und Ägyptische Antike
Ausgabe Nr.: 44

Die Esoterik bei Pythagoras war jener Aspekt der Lehre, der nur dem inneren Kreis vorbehalten war. Nach vielen Charakterprüfungen und einem fünfjährigen Schweigen wurde es den Anwärtern gestattet, in den inneren Kreis vorzurücken. Neben Harmonik und heiliger Geometrie streben die Pythagoreer danach, das Göttliche in Kultus und Meditation erlebbar und erfahrbar zu machen.

 

Pythagoras, Bronzebüste, ca. 4. Jh. v. Chr., aus der Villa dei Papiri in Herculaneum; heute in Neapel, Nationalmuseum

 

Zum Begriff der Esoterik

Allem Anschein nach stammt der Begriff Esoterik aus den Anfängen der Pythagoreerbewegung. Hierüber finden wir einen ausführlichen Hinweis bei Iamblichos (um 240–320 n. Chr.), dem neuplatonischen Philosophen aus Chalkis in Syrien. Er war ein Schuler des Porphyrios und gründete in Apameia eine Schule des Neuplatonismus. Man geht heute allgemein davon aus, dass er mit seiner Schrift ΠΕΡΙ ΤΟΥ ΠΥΘΑΓΟΡΕΙΟΥ ΒΙΟΥ _ (UBER DAS PYTHAGOREISCHE LEBEN)1 – gemeint ist die pythagoreische Lebensweise – zum Ausdruck bringen wollte, Pythagoras und seine Schüler hatten bereits einen  Weg der philosophischen (Selbst-) Bildung beschritten, den auch Iamblichos und seine Schule als den ihren ansahen. Diese Schrift ist also letztlich neuplatonische Lehre und kann nicht ohne weiteres auf Pythagoras und seine Schuler übertragen werden. Dennoch hat Iamblichos natürlich auf die ihm zur Verfugung stehenden Informationen über das Pythaoreertum zurückgegriffen. So berichtet er Interessantes über den Werdegang derjenigen, die in die ordensähnliche Gemeinschaft der Pythagoreer aufgenommen wurden: ≫Hatte man die Adepten auf Grund ihrer Lebensführung und ihrer sonstigen guten  Wesensart nach des Meisters Urteil für würdig befunden, die Lehren zu empfangen, so wurden sie nach dem für Jahre langen Schweigen für den Rest ihres Lebens zu ≫Esoterikern≪, hörten innerhalb des Vorhangs den Pythagoras und durften ihn dabei auch sehen; vorher hatten sie nur außerhalb desselben durch bloßes Hören an den Vortragen teilgenommen, ohne Pythagoras jemals zu Gesicht zu bekommen, und dabei lange Zeit eine Charakterprobe abgelegt.≪2  Was hier mit Esoteriker übersetzt ist, heißt im griechischen εσωτερικοι (ésôterikoí).3 Der Ursprung dieses Wortes ist εσω(ésô) = drinnen, innerhalb. Der Komparativ, also ≫weiter drinnen≪, heißt εσωτεροω (ésôteros). Esôterikós, im Plural die ésôterikoí und die substantivierte Form von ésôteros, bezeichnet also denjenigen, der sich weiter drinnen befindet als die anderen und somit zum ≫inneren Kreis≪ gehört – mit der ganzen ≫Bedeutungsschwere ≪ dieses Begriffs.

 

Salvator Rosa (1662): Pythagoras entsteigt der Unterwelt; Kimbell Art Museum, Fort Worth, Texas

 

Die Esoterik des Pythagoras

Wenden wir uns der Esoterik des Pythagoras zu, also derjenigen Lehre, die nur für den inneren Kreis bestimmt war, stellt sich zunächst die Frage: Welcher Religion gehörten die Pythagoreer an? Etwa einer eigenen geheimen – ≫esoterischen≪ – Religion? Wir können davon ausgehen, dass die Pythagoreer keine eigene Religion und ihre Gemeinschaft nicht den Charakter einer Sekte im heutigen Sinne4 hatte; denn solche religiöse Abspaltungen gab es in jener Zeit noch nicht. Pythagoreer gehörten also mit Sicherheit der Religion der jeweiligen Polis an, also des Stadtstaates, in welchem sie wohnten.5 Und was heißt in jener Zeit schon Religion? Noch gab es keine ≫Buchreligion≪, in der die Glaubenssatze niedergeschrieben waren und damit alle davon abweichenden Religionen als ≫heidnisch≪ (pagani = ≫die vom Land, die aus der Heide≪) und ihre Angehörigen als ungläubig abgetan wurden. Die antiken Religionen waren Ausdrucksformen einer Kultfrömmigkeit. Es galt, bestimmte Riten und Zeremonien sorgfaltig und gewissenhaft auszuführen. Nur wenn die Götter die gebührende Verehrung genießen und die althergebrachten Opfer erhalten wurden, konnte das Gemeinwesen blühen. Die Existenz der Götter wurde in Freude und Leid als Realität erfahren. Ihre Namen wechselten je nach dem Natur- und Schicksalsbereich, dem man sich zuwendete; sie wechselten auch von einem Volk zum anderen, manchmal auch zwischen der einen und anderen Polis, und natürlich von Generation zu Generation. Da gab es keinen Anlass für Abspaltungen im heutigen Sinne einer Sekte. Sicherlich haben die Pythagoreer bei ihrer Kultausübung da und dort eigene Formen entwickelt. So war ihnen unter anderem vorgeschrieben, barfuss zu opfern und barfuss Heiligtümer zu betreten.6 Natürlich haben sich die Pythagoreer auch in Mysterien einweihen lassen, die den Mysten im echten Wortsinn zum Esoteriker machten. Von Pythagoras selbst werden solche Einweihungen – auch in die ägyptische Priesterweisheit – in der antiken Literatur vielfach erwahnt.7 Wo aber ist die Esoterik des Pythagoras zu suchen?

 

Tetrakys

 

Symbole

Kommen wir noch einmal auf die Tatsache zurück, dass die neuen Mitglieder des Ordens den Pythagoras für Jahre lang nur außerhalb eines Vorhangs hören durften und somit noch nicht zu den Esoterikern gehörten. Sicherlich ging es Pythagoras nicht darum, sich als Person vor seinen Hörern zu verbergen. Eher durfte der Sinn des Vorhangs darin zu suchen sein, dass Pythagoras bei seinen Lehrvortragen gewisse Symbole enthüllte – vielleicht die Tetraktys, das Lambdoma oder das Pentagramma –, in welche die Fortgeschrittenen eingeweiht waren und die folglich den Horern noch nicht gezeigt werden sollten. Die Tetraktys (= Vierzahl) ist eines der bedeutendsten pythagoreischen Symbole. Sie besteht aus zehn Punkten, die in der Form eines Dreiecks, entsprechend dem griechischen Buchstaben delta – Δ –, angeordnet sind. Dieses Delta kann auch für DEKA (= zehn, griech.: ΔΕΚΑ) stehen. Die Tetraktys wird vielfältig ausgelegt. Wir wollen hier nur gewissermaßen das Grundmuster skizzieren: Alles fliest aus der Eins, aus dem All-Einen heraus; ist aus ihm entstanden. Als das EINE ≫den Gedanken hatte≪, eine Welt zu schaffen, war mit diesem Gedanken bereits die Polarität, die Zweiheit entstanden; denn der Schöpfungsgedanke hatte ja ein Anderes, außerhalb des EINEN im Sinne. Die Mythen sprechen hier von einem Urpaar, einer Göttin und einem Gott – Uranos und Gaia = Himmel und Erde. Das war die erste Polarität: das Oben und das Unten. Aus der Vereinigung des ersten Götterpaares, aus der polaren Spannung, setzt sich der Schöpfungsprozess fort, wird neues Leben gezeugt. So wurde die Dreiheit zum Symbol des Werdens, des ständigen Schöpfungsprozesses, der Bewegung und Dynamik in der Schöpfung. Im symbolischen Bild wird das Götterpaar mit dem Gotteskind zur Familie. In der Vierheit schließlich verkörpert sich das Sein der sichtbaren Welt, die Erde als Quadrat mit ihren vier Weltecken, vier Himmelsrichtungen und vier Elementen. Ein Kubus, der fest auf dem Quadrat steht, ist der platonische Körper für die Erde. Er repräsentiert in der rituellen Symbolik die Große Mutter. So sind diese zehn Punkte ein Symbol für das Weltganze in seinem Werden und Sein. Mit diesem in Harmonie zu leben, gehört zu den obersten Zielen der pythagoreischen Tradition. Iamblichos lasst uns wissen, die Pythagoreer hatten sich gescheut, Pythagoras bei seinem Namen zu nennen, wie sie ja auch im Umgang mit Götternamen – sicherlich noch aus einem magischen Bewusstsein heraus – sehr vorsichtig blieben: Sie bezeichneten den Meister durch die Erfindung der Tetraktys: ≫…bei ihm, der die ≫Heilige Vier≪ unsrer Weisheit erfunden, Quell der Wurzelkräfte des immer strömenden Werdens. ≪8

 

 Nach dem fünf Jahre langen Schweigen wurde sie zu »Esoterikern«, hörten und sahen innerhalb des Vorhangs den Pythagoras.

 

Es wird auch erzählt, die Neophyten hatten bei ihrer Einweihung einen heiligen Eid leisten müssen: Man lies sie zählen. Hatten sie die Zahl Vier ausgesprochen, unterbrach man sie und sagte: ≫Nun hast du unseren Eid ausgesprochen. Wer weis, was die Eins, Zwei, Drei, Vier enthalt, kann die Pforte zum Geheimnis offnen.≪9 Nun hat diese geheimnisvolle Vierheit einen bemerkenswerten Zusammenhang mit der Welt der Tone.10 Ohnehin geht die Lehre von der Harmonik in der Musik auf Pythagoras zurück. Bläst man in einem Raum, in dem ein Klavier steht, z. B. mit einer Flöte oder einer Klarinette einen bestimmten Ton, so klingen auf dem Klavier diejenigen Saiten mit, welche die Obertone dieses Tones wiedergeben. Die Frequenzen dieser Obertonreihe aber bauen sich exakt in der Ganzzahlenreihe 1, 2, 3, 4 usf. theoretisch ins Grenzenlose auf. Diese Tone haben also die doppelte, dreifache, vierfache usw. Schwingungszahl des Grundtons und werden reziprok von der halben, drittel, viertel usw. Lange der Saite oder der Luftsäule wiedergegeben. In der Tetraktys sind alle Zahlen bis ins Grenzenlose enthalten; denn schon im griechischen Dezimalsystem bildeten die Zehner-Zahlen jeweils die Grundzahl, von der aus jeweils wieder von Eins bis Neun gezahlt wurde. In der Zehnheit der Tetraktys liegt somit auch der Anfang des Neubeginns, des Weiterzählens, des permanenten Schöpfungsprozesses. Die Zahl Zehn wurde von den Pythagoreern als ≫allumfassende, allbegrenzende Mutter≪11 bezeichnet. Mit ihr findet die Vielheit auf einer höheren Ebene wieder zur Einheit im gleichseitigen Dreieck.

 

1 vgl. dagegen die Pythagoras-Vita des Porphyrios: ΠΕΡΙ ΤΟΥ ΠΥΘΑΓΟΡΕΙΟΥ ΒΙΟΥ (Über das Leben des Pythagoras)

2 Iamblichos: Über das pythagoreische Leben, [XVII] 72 in: Jamblich: Pythagoras. Legende – Lehre – Lebensgestaltung, Darmstadt 2002

3 Das ô steht hier für ein gedehntes o, griech.: omega.

4 Eine aufschlussreiche Definition des Begriffs Sekte findet sich bei Riedweg, Christoph: Pythagoras. Leben – Lehre – Nachwirkung, München 2002, S. 129 ff. Danach weicht der antike Begriff secta weit vom heutigen Gebrauch ab und wurde u. a. auch für philosophische Schulrichtungen gebraucht; z. B. die secta der Stoiker. In diesem Sinne trifft er natürlich auch für die Pythagoreer zu.

5 vgl. Zhmud, Leonid: Pythagrean communities: from the individual to the collective portrait. In: Pythagoras Foundation Newsletter, No. 6, June 2006, S. 11; zu finden über Website http://www.stichting-pythagoras.nl.

6 vgl. Riedweg a. a. O., S. 90

7 vgl. u. a. Burkert, Walter :Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, Register: Ägypten und Pythagoras; – Riedweg 2002, Register: Ägypten und Mysterien; – Jamblich 2002, Register: Ägypten und Mysterien

8 Iamblichos a. a. O., [XXVIII] 150

9 Weinreb, Friedrich: Der göttliche Bauplan. Zürich 1973, S. 36

10 vgl. zu den folgenden Feststellungen Haase, Rudolf: Der messbare Einklang. Grundzuge einer empirischen Weltharmonik, Stuttgart 1976; und gesamtes Werk

11 vgl. Endres, Franz Carl und Schimmel, Annemarie: Das Mysterium der Zahl. Zahlensymbolik im Kulturvergleich,
2. Aufl. Köln 1985, S. 197

 

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Tattva Viveka 44

Diesen Artikel zum Download:

Alfried Lehner TV44 (PDF)

Kompletter Artikel im PDF-Format (8 Seiten)
 
Preis: 2,00 EUR
(inkl. 19,00% MwSt.)
 
 

Keine Kommentare

Einen Kommentar schreiben

*