Das aperspektivische Zeitalter

Jean Gebser und die Vision des integralen Bewusstseins
Dr. Tom Steininger im Gespräch mit Prof. Peter Gottwald

Autoren: Dr. Tom Steininger, Prof. Peter Gottwald
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr.: 49

Wie verstand der Philosoph Jean Gebser (1905-1973) das menschliche Bewusstsein und den Weg zu einer neuen Bewusstseinsstruktur? In seinem Hauptwerk »Ursprung und Gegenwart« spricht er vom Anbruch eines »aperspektivischen Zeitalters«. Was bedeutet das? Lesen Sie ein Gespräch über wesentliche Inhalte von Gebsers Denken und die heutige Relevanz.

 

Der Philosoph Jean Gebser

Der Philosoph Jean Gebser

 

Tom Steininger: Jean Gebser ist einer der Pioniere des integralen Denkens, das momentan in Deutschland an Popularität stark gewinnt. Gebser hat einen eigenen Zugang zum Integralen, der sich in manchem von dem unterscheidet, was heute vor allem von Ken Wilber beeinflusst als integral verstanden wird. Was ist Ihrer Ansicht nach der zentrale Gedanke von Jean Gebser?

Peter Gottwald: Gebser hatte eine sehr schwierige Kindheit, er hatte keine akademische Ausbildung, sondern absolvierte eine Buchhändlerlehre und eine Banklehre, war aber nirgends ganz zufrieden. Mit 29 Jahren geriet er in eine tiefe Krise und muss eine Erfahrung gemacht haben, die man wohl tatsächlich als eine Erleuchtungserfahrung bezeichnen kann. Diese Erfahrung hat ihn, wie er sagt, mit einem »Gedanken« zurückgelassen: »Freiheit von Raum und Zeit«. Das war das entscheidende Erlebnis, von da an hat er Vergleichbares in der abendländischen Kunst und Wissenschaft gesucht. Denn für ihn war es eine Gewissheit: Es gibt etwas Neues im Abendland, das er das »aperspektivische Bewusstsein«, also das von Raum und Zeit freie Bewusstsein nannte.

TS: Womit wir schon bei drei sehr grundlegenden Begriffen von Jean Gebser sind: das Unperspektivische, das Perspektivische und das Aperspektivische.

PG: Ja, Gebser zeigt auf, dass wir in einer Übergangszeit zum aperspektivischen Bewusstsein leben. Aber wir sind noch sehr stark vom perspektivischen Denken geprägt, das seit der Renaissance unser Denken bestimmt. Die Weltsicht davor bezeichnet er als unperspektivisch.

TS: Er hat diese Drei-Gliederung, die wir jetzt ganz kurz benannt haben, in seinem Hauptwerk Ursprung und Gegenwart dann zu einer Fünf-Gliederung erweitert.

PG: Ja, das ist richtig. Er blickte noch einmal genauer in die Vergangenheit, und sagte: Wenn gegenwärtig noch das rational-mentale Bewusstsein vorherrschend ist, was war eigentlich davor? Und dann kann er sagen: Davor lebten Menschen in einem mythischen Bewusstsein und davor wiederum in einem magischen Bewusstsein.

TS: Ich bin in den 80er Jahren zum ersten Mal indirekt über Jean Gebser gestolpert: im Werk von Ken Wilber, in seinem Buch Halbzeit der Evolution, wo ich zum ersten Mal die Begrifflichkeiten archaisch, magisch, mythisch, mental und integral vorgefunden habe.

Ich bitte Sie, zum Verständnis von Jean Gebsers Denken kurz zu skizzieren was er mit dem magischen und mythischen Bewusstsein meint? Und was ist der Übergang zum mental-rationalen Bewusstsein? Das kann uns als Ausgangspunkt dienen, um zu verstehen, was der Sprung zu einer neuen Vision eines integralen Bewusstseins sein kann.

PG: Ich denke, man kann ziemlich genau aus völkerkundlichen Berichten rekonstruieren, was magisches Bewusstsein ist: »Eines kann für alles stehen«. Ein Stein, der in die Astgabel gelegt wird, kann für die Sonne stehen, die dann so lange am Himmel bleibt, bis der Jäger wieder zurückkehrt. Es gab Jagdrituale, bei denen zuerst eine Antilope gemalt wurde und dann ein Pfeil in ihren Hals. Der Jäger ging auf die Jagd, kehrte zurück und wischte dieses Antilopenbild aus. Das sind magische Praktiken und Bezüge. Der Mensch ist eingewoben in die Welt, sie ist ein Netz aus magischen Gegebenheiten. Jeder Baum, jedes Tier und jeder Stein sind beseelt und man setzt sich mit diesen verschiedenen Seelen in Beziehung.

 

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Dr. T. Steininger und Prof. Dr. Dr. Peter Gottwald

 

Interessant ist, dass Gebser immer davon gesprochen hat, dass jede Bewusstseinsstufe eine effiziente, also eine positive, wirksame Phase, und eine defiziente Phase hat. Wir wissen nicht viel vom defizienten magischen Bewusstsein, aber an einem bestimmten Punkt entstand das mythische Bewusstsein. Das setzt für mich voraus, dass bestimmte hervorragende Menschen von ihrer Gemeinschaft freigestellt wurden, um zum Beispiel nachts den Himmel zu beobachten. Indem sie im Inneren die Göttergestalten entdeckten und am äußeren Firmament die Sternbilder und beide miteinander in Beziehung setzten, entwickelten sie eine neue mythische Sicht der Welt. Und was sie dort fanden, erzählten sie ihrer Gemeinschaft als Beziehungsgeschichten.

Gebser versteht diesen Übergang zum mythischen Bewusstsein als einen Dimensionsgewinn, der Mensch tritt aus der natürlichen Verflochtenheit heraus. Und in dem Heraustritt gewinnt er diese neue Wahrnehmungsmöglichkeit, die sich nach innen in die Seele und nach außen auf den Himmel richtet. Das ist das Unerklärbare dieses Mutationsgeschehens, weil dadurch eine neue Wahrnehmungsmöglichkeit entsteht.

TS: Dieses Herausnehmen ist also auch so zu verstehen, dass zum ersten Mal ein Gegensatz zwischen dem Natürlichen und dem Subjektiven gesetzt wird?

PG: Ganz genau. Man tritt zum ersten Mal der äußeren und der inneren Welt auf eine andere Weise gegenüber. Aber dieser Mythos wird ebenfalls langsam defizient. Er wuchert, es gibt Halbgötter, es gibt alle möglichen Verbindungen zwischen Göttern und Menschen, Ungeheuer entstehen usw. Gleichzeitig gibt es eine große Unsicherheit unter den Menschen. In dieser Situation gibt es nach Ansicht von Gebser einzelne, herausragende Menschen, die erneut einen Sprung in ihrem Bewusstsein erfahren. Und das ist der Sprung zum »Ich«. Für ihn ist es Odysseus, der als erster in der damaligen Zeit sagt: »Ich bin.« »Ich bin Odysseus«. Er ist der Prototyp dieses neuen Bewusstseins.

Wenn man das zur Philosophie in Beziehung setzt, dann kann man sagen, dass die Vorsokratiker und insbesondere Sokrates auch dieses neue »Ich bin« erfahren haben müssen. Und dadurch wurden sie zu Kündern oder Mahnern dafür, dass es jetzt eine neue Struktur gibt, eine neue Bewusstseinsmöglichkeit. Das ist dann die des Mentalen, wie Gebser sagt, die nach der Wahrheit sucht und sich nicht mehr mit den Mythen zufriedengibt.

TS: Diese Strukturen haben sich dann in der Aufklärung durchgesetzt und waren ein großer Schritt nach vorn, aber Gebser sieht auch schon Anzeichen dafür, dass sich diese Strukturen in einer Krise befinden.

PG: Ja, es sind die Strukturen unserer Aufklärung in der das Ich im Vordergrund steht, wie es in der Ich-Philosophie von Fichte oder Kant zur Blüte kam und sich dann bis zum modernen industriellen Komplex entwickelte. Das Ich wird immer machtbewusster, immer gieriger, bis es heute mit seinen Aktivitäten die Welt bedroht.

Wir stecken heute in einer Krise und wir können nur hoffen, dass wir sie überwinden können, sonst wird die Krise uns überwinden. Und das würde bedeuten, dass wir zurückfallen, dass wir unsere Kultur verlieren. Und in dieser Krisensituation entsteht nun wiederum eine neue Bewusstseinsstruktur, die Gebser als integral bezeichnet. Das ist sozusagen seine Wahrnehmung. Er sagt ja ausdrücklich: Es ist keine Hoffnung, es ist keine Utopie, sondern er kann in unserer Gegenwart Keime dieses neuen integralen Bewusstseins wahrnehmen und hat sie in seinem Werk beschrieben.

 

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