Spirituelles Unterscheidungsvermögen

Warum Polarität und Dualität nicht dasselbe sind

Autor: Armin Risi
Kategorie: Spiritualität
Ausgabe Nr. 48

Sind Gut und Böse letztlich eins? Oder ist beides eine Illusion? Oder eine notwendige Erfahrung? Das Kennen des Unterschieds von Polarität und Dualität ist die Grundlage, die es uns ermöglicht, Missverständnisse und Halbwahrheiten zu vermeiden und eine klare Ausrichtung des Bewusstseins zu finden – als Schlüssel zur Schöpfung einer neuen Realität in Resonanz mit der neuen Zeit.


Armin Risi

 

Einheit, Polarität, Karma – diese einfachen und doch komplexen Themen können auf unterschiedliche Weise erklärt werden. Grundlegend sind hier zwei Sichtweisen zu unterscheiden, die der atheistischen oder monistischen Esoterik und die der theistischen (ganzheitlichen) Spiritualität. Werden die genannten Themen nicht ganzheitlich verstanden, führt dies zu Ansichten wie: Gut und Böse seien voneinander abhängig, alles sei eine not- wendige Erfahrung, wer das Gute tue, fördere indirekt das Böse, und das Böse fördere indirekt das Gute, denn »alles ist eins«, »alles ist gut«. Intuitiv verstehen wir natürlich, was mit »alles ist eins« gemeint ist, doch in der heutigen Zeit, wo die Intuition vielfach verdrängt oder mental übertönt wird, kann es schnell geschehen, dass die Klarheit des Wissens und Gewissens verwischt wird, nicht zuletzt auch in machtpolitischen Kreisen. Der Bewusstseinswandel, der heute auf allen Ebenen notwendig geworden ist, bringt auch ein neues, spirituelles Unterscheidungsvermögen (sanskr. tattva-viveka) mit sich.

Theistische und atheistische Esoterik

Die atheistischen Formen von Esoterik sprechen ebenfalls von »Gott«, und das mag verwirrend sein. Wenn ein Weltbild Gott beinhaltet, wie kann es dann atheistisch sein? Die entscheidende Frage lautet hier natürlich: Was versteht man unter »Gott«? Die atheistische Esoterik sagt, Gott sei die »Einheit« und nur die Einheit sei Realität, was bedeutet, dass alles, was nicht »Einheit« ist, Illusion ist. Man glaubt, alles Relative sei Illusion, alles Individuelle sei Illusion, vor allem sei die Unterscheidung von Gut und Böse Illusion! Demgegenüber betont das theistische Verständnis, dass Gott nicht nur »Einheit«, sondern Ganzheit ist. Ganzheit umfasst sowohl die Einheit als auch die Vielheit. Wir sollten also unterscheiden zwischen einer ganzheitlichen Spiritualität und den verschiedenen Formen von Einheitslehren (Lehren, die die Einheit verabsolutieren).Wenn man nicht die Ganzheit, sondern nur die Einheit als Realität sieht, führt dies zu einem einseitigen, unvollständigen Verständnis von Dualität, Polarität und Einssein.

Die Verabsolutierung der Einheit

Die folgenden Zitate veranschaulichen, wie in der Weltsicht der esoterischen Einheitslehren Dualität und Polarität gleichgesetzt werden.Wer Dualität und Polarität gleichsetzt, meint, Gut und Böse seien eine polare Einheit und seien nicht zu trennen, weil »alles eins« sei.

»Weigere ich mich auszuatmen, so kann ich auch nicht mehr einatmen. Nehme ich den negativen Pol des elektrischen Stroms weg, so verschwindet auch der positive Pol. Genauso bedingt der Friede den Krieg, das Gute erzwingt das Böse, und das Böse ist der Dünger des Guten. […] Alle Dinge sind an sich völlig wertfrei und neutral. Die Einstellung des Menschen macht aus ihnen erst Gegensätze der Freude und des Leids.«

Dieses Zitat stammt aus dem Esoterik- Klassiker Schicksal als Chance von Thorwald Dethlefsen (1979, S. 73f.). Stimmt das, was hier gesagt wird? Bedingt Friede den Krieg? Erzwingt das Gute das Böse? Diese Aussagen sind exemplarisch für eine undifferenzierte Einheitslehre:

»Allein unsere Überlegungen zum Polaritätsgesetz führen zu der Konsequenz, dass Gut und Böse zwei Aspekte ein und derselben Einheit und daher in ihrer Existenz voneinander abhängig sind. Das Gute lebt vom Bösen und das Böse lebt vom Guten – wer absichtlich das Gute nährt, nährt unbewusst das Böse mit.«

T. Dethlefsen: Ausgewählte Texte, München 1989, S. 62

Natürlich betonen alle, die solche Einheitslehren vertreten, dass damit keinesfalls ein willkürliches Verhalten des Menschen legitimiert werde. Gleichzeitig sagen sie jedoch, dass alles »an sich völlig wertfrei und neutral« sei, also auch Lüge, Betrug, Krieg, Mord usw. Dies wiederum bedeutet, dass es letztlich kein Unrecht und auch nichts Böses gibt.

»Unrecht ist im Grunde genommen nur ein subjektives Erlebnis. Objektiv gibt es das nicht. […] weil es das Gute und das Böse, die sich als zwei Prinzipien gegenĂĽberstehen, gar nicht gibt. […] Es gibt keine Schuld oder SĂĽnde. […] Das heisst, SĂĽnde hat mit objektiven Handlungen nichts zu tun, nur mit subjektiven. Es geht um das Bewusstsein. «

J. van Helsing: Geheimgesellschaften 3 – Ein Hochgradfreimaurer packt aus, S. 88, 92, 159, 161

Intuitiv spüren die meisten Menschen, dass bei solchen Ansichten etwas nicht stimmen kann.Wer das Gute tue, fördere dadurch das Böse? Wer Böses tue, diene indirekt demGuten? Wenn wir Gutes tun, fehle uns das Böse zur Ganzheit?

»Alles ist eins« – auch Gut und Böse?

Wenn in den Geheimlehren der atheistischen Esoterik von »Gott« gesprochen wird, ist damit eine absolute Einheit gemeint: ein abstraktes, neutrales Total von Energie, das weder Bewusstsein noch Willen hat. Dieser »Gott« ist bewusst- los und willen-los. »DeinWille geschehe « ist kein Faktor in diesem Weltbild, zumindest nicht in bezug auf Gott, so wie Jesus es meinte (Mt 6,10).

 

Armin Risi

 

Die Ansicht, Gut und Böse seien als »Polarität« untrennbar miteinander verbunden, führt zu einer Rechtfertigung des Bösen (»das Böse fördert das Gute; ohne das Böse gäbe es nichts Gutes«) und entspringt einem einseitigen, d.h. halbwahren Verständnis von Karma, welches besagt: »Es gibt keinen Zufall, es gibt keine unschuldigen Opfer, es gibt kein Unrecht. Alles, was geschieht, haben die Opfer selber in ihr Leben gerufen.Wäre es nicht ihr Karma gewesen, wäre es ihnen nicht zugestoßen. Die Tatsache aber, dass es ihnen zustößt, zeigt, dass es ihr Karma war, d.h. von ihnen selbst verursacht wurde. Denn alle schaffen ihre eigene Realität.« Bei Argumentationen dieser Art wird meistens verschwiegen, dass die Annahme, es gebe keine unschuldigen Opfer, auch bedeutet, dass es keine schuldigen Täter gibt – was jedoch nur für die »Erleuchteten« gilt. Für den Rest der Menschheit gilt: »Es gibt kein Unrecht, es gibt keine berechtigte Anklage, sondern nur Selbstanklage. Wenn du in einen Krieg oder in Konzentrationslager gerätst, bist du selber schuld, und du kannst niemand anderem die Schuld geben, denn du hast dir diese Realität selber kreiert!« Solche Aussagen sind nicht unwahr, sie sind halbwahr, und das macht die Verwirrung nur noch schlimmer. Es wäre besser, nichts von Karma und Reinkarnation zu wissen, als mit solchem Halbwissen zu argumentieren. Hier sei die Frage erlaubt: Wie kann sich jemand für das Gute, für Gerechtigkeit und für den Frieden einsetzen, wenn er glaubt, Gut und Böse seien untrennbar verbunden, das Gute nähre das Böse, und es gebe kein Unrecht?

[…]

 

Bildnachweis: © Hartwig Kopp-Delaney
 

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Tattva Viveka 48

Armin Risi TV48 (PDF)
Kompletter Artikel im PDF-Format (8 Seiten)
Preis: 2,00 EUR
(inkl. 19,00% MwSt.)


1 Kommentar zu „Spirituelles Unterscheidungsvermögen“

  • Wiejetzt:

    entspringt einem einseitigen, d.h. halbwahren Verständnis von Karma,

    Was mich da interessieren wĂĽrde:

    Wie wäre dann die ganze Wahrheit/ Verständnis?

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