30 Nov. Das Vertrauen in die Stille
Eine Waschanlage für die Seele und der Glaube eines Kindes
Autor: Bischof Anba Damian
Kategorie: Christentum
Ausgabe Nr: 105
Die koptische Kirche ehrt ihr Erbe der Wüstenväter und pflegt eine monastische Tradition, die ein Grundstein europäischer Spiritualität ist und in unserer Zeit wieder neu erblüht. Wir sprachen mit Bischof Anba Damian, der in Deutschland die koptische Gemeinde betreut, über die Fähigkeit zu schweigen, über biblische Psychotherapie, die Gefahr spirituellen Hochmuts und ebenso über die Situation der Kopten im heutigen Ägypten.
Tattva Viveka: Lieber Bischof Damian, ich möchte unser Gespräch mit einem Gebet der koptischen Kirche beginnen: »Schenke mir die Gnade der Frömmigkeit, der Stille und Ruhe, und echte Demut in allem, damit ich mit allen Menschen in Sanftmut und Freundlichkeit lebe und wir gegenseitig vor unseren Augen Gnade finden.« Stille und Ruhe scheinen hier zentrale Themen zu sein – welchen Stellenwert haben diese Qualitäten im koptischen Glauben?
Bischof Damian: Die Stille ist eine sehr wichtige Praxis, mit der wir täglich in Berührung kommen sollten. Der koptische Papst Schenuda III. sagte einmal, dass, wenn wir den Mund schließen, unser Herz spräche. Und wenn auch das Herz Ruhe gäbe, Gott das Wort ergreifen würde. Es sollte im Leben ab und an Zeiten der Stille geben, damit wir die Stimme Gottes erfahren können.
Diese Wertschätzung der Stille ist auch der Grund, warum in der koptischen Malerei Maria, die Mutter Gottes, mit einem sehr kleinen Mund dargestellt wird. Das hat nichts damit zu tun, dass Frauen weniger sprechen sollen, sondern mit der Gnade, die Maria erfüllte. Sie hat nicht viel gesprochen, sie hat kaum Predigten oder Schriften hinterlassen. In ihrer inneren Stille hatte die Gnade Raum, sich zu entfalten. Sie hat viel gesehen, viel in ihr Herz aufgenommen, aber wenig gesprochen. Das wird auch koptischen Kindern immer wieder erzählt, und man weist sie darauf hin, dass sie zwei Ohren, aber nur einen Mund haben – dass das Zuhören also wichtiger sei als das Sprechen.
Es sollte im Leben ab und an Zeiten der Stille geben, damit wir die Stimme Gottes erfahren können.
So ist die Stille für alle Kopten eine wichtige Praxis, die uns auch die Zeit schenkt, gut zu überlegen, was wir wirklich sagen wollen, welche Konsequenzen unsere Worte hätten und welche Auswirkung auf unsere Zuhörer. Ist das, was wir sagen möchten, konstruktiv? Ist es gut und heilsam? Achtet es den Gesprächspartner?
TV: Ist Stille im koptischen Glauben eine Voraussetzung für Metanoia, also für die Umkehr zu einem anderen Leben?
Bischof Damian: Ich würde sagen, die Stille ist Teil eines gesamten Tugendpakets. Sie gehört zu unserem Weg dazu. Neben den stillen Zeiten in unserer Liturgie ist es auch üblich, dass wir in den Klöstern – meistens in der Abendstunde – einen meditativen Spaziergang machen. Dann spüren wir der Stille im Herzen nach, genießen die Natur, die Gott geschaffen hat. Dieser Spaziergang findet immer alleine statt, also nicht zusammen mit einem Mitbruder oder einer Mitschwester.
Ich nenne diese Zeit meine Seelenwaschanlage. Ich gehe gern in den Wald – und nach einer Zeit der Stille beginne ich, die Psalmen zu beten, was dann irgendwann in ein Gespräch mit Gott mündet. Manchmal rede ich auf Deutsch mit ihm, manchmal auf Arabisch, mal laut und mal leise. In diesen Momenten spüre ich seine Gegenwart, und wenn ich ins Kloster zurückkomme, fühle ich mich erleichtert und wie gereinigt. Die Sorgen des Tages werden verarbeitet, und ich komme mit neuer Energie und Tatkraft wieder zurück. Manchmal ist dafür auch gar kein persönliches Wort nötig, und ich erlebe den gleichen Effekt, wenn ich einzig und allein die Psalmen bete.
TV: In manchen christlichen Gemeinschaften meditiert man ein Gebetswort – ähnlich wie bei einem Mantra. Die Menschen werden dabei von diesem einen Wort nach und nach in die Stille geführt. Ist das für Sie mit den Psalmen vergleichbar?
Bischof Damian: Wir Kopten sagen, dass die Psalmen für den Mönch wie Waffen sind. Sie schützen uns, verteidigen uns, führen zur Reinigung des Geistes. Sie zu lesen führt zur Reinigung der Augen, sie zu sprechen führt zur Reinigung des Mundes, sie zu hören zur Reinigung des Gehörs, und insgesamt klären sie unseren Geist, halten die weltlichen Angelegenheiten von uns fern. Für mich sind sie wie ein Schild, hinter dem ich die Stille erlebe und zu mir selbst finde.
Ein mönchisches Leben ohne Psalmen gibt es nicht. Jeder Mönch muss die Psalmen nach Möglichkeit auswendig lernen und sie sehr oft beten. Es gibt für jeden Mönch ein individuelles Lernschema, das mit dem Beichtvater besprochen wird. In unseren Gottesdiensten singen wir Hymnen, in denen die Psalmen eine entscheidende Rolle spielen. Manche der Hymnen bestehen nur aus Psalmen.
TV: Gibt es wie in Benediktinerklöstern eine bestimmte Abfolge der Psalmen, die über das Jahr hinweg gebetet werden?
Bischof Damian: Bei uns ist es so, dass wir jeden Tag alle Psalmen rezitieren. Wir beten sieben Mal am Tag und rezitieren bei jedem Gebet mindestens zwölf Psalmen, meist aber mehr. So lernen die Mönche im Laufe der Zeit die Psalmen auswendig, sodass sie diese später, wenn sie alt oder auch blind werden, dennoch beten können, ohne sie nachlesen zu müssen.
TV: Sie haben gerade von ihren Gesprächen mit Gott im Wald gesprochen und auch von ihrer Seelenwaschanlage. Der Evangelist Markus, den die koptische Kirche als ihren Gründervater ansieht, sagt, dass Gott jedes unserer Gebete hört. Aber hört Gott auch die Gebete, die wir nicht in Worte fassen können?
Bischof Damian: Ja, ich denke, dass Gott genau weiß, wie es uns geht. Er ist der Schöpfer, er ist der Vater. Und er ist auch unsere Reparaturwerkstatt. Er ist derjenige, der die Wartung vornehmen kann.
Er weiß, wie es uns geht, ganz gleich, ob wir das aussprechen oder nicht. Er hört auf unsere ausgesprochenen Gebete und ebenso auf die, die wir nur im Herzen tragen. Und zum Glück macht er das aus unseren Gebeten, was gut für uns ist. Wir möchten vielleicht dieses oder jenes, aber Gott gibt uns das, was uns wachsen lässt und was gut für unsere Seele ist. Wenn Gott alle unsere Wünsche realisieren würde, weiß ich nicht, wie schlimm es um die Erde in 20 oder 30 Jahren bestellt wäre. Daher können wir beten, wir können träumen und uns Dinge wünschen, aber wir sollten immer eine wichtige Zeile im Auge behalten: »Dein Wille geschehe!« Ich zumindest danke Gott von Herzen, dass er nicht alles umsetzt, was ich mir so wünsche.
Eine Kirche ohne Kinder, eine Kirche ohne Jugend ist eine Kirche ohne Zukunft.
TV: Ist es nicht auch genau das, was Maria tut und was sie auszeichnet? Diese Hingabe, Ja zu Gottes Willen zu sagen und geschehen zu lassen, was geschehen soll?
Bischof Damian: Ja, es ist wichtig, darauf zu vertrauen, dass Gott uns versteht, dass er gegenwärtig ist, dass er empfindsam ist, dass er nicht fern, sondern uns nah ist. Ich brauche ihn nicht zu suchen, denn er sucht mich. Ich muss mich nicht mühevoll auf seinen Weg begeben, denn er ist der Weg, und er sucht mich. Mit dieser Überzeugung zu leben, bedeutet eine große Entlastung. Ich spüre einfach, dass der Vater sich um mich kümmert.
TV: Ich würde gerne mit Ihnen über die ägyptischen Wüstenväter sprechen, die der Grundstein des Mönchstums sind, was die koptische Kirche wiederum zu einem zentralen religiösen Baustein Europas macht. Es gibt eine Linie, die von Abbas Antonius über Johannes Cassian zu Benedikt von Nursia reicht, während die Mönchsregel von Pachomius als Basis aller europäischen Mönchsregeln betrachtet werden kann. Wie stark ist das Erbe der Wüstenväter heute noch in der koptischen Tradition verankert?
Bischof Damian: Ich denke, das monastische Leben ist die Lunge der koptischen Kirche. Das ist unsere Spiritualität, das ist die Quelle unserer Kraft. Jeder Mönch ist in seinem Kloster wie ein Fisch im Wasser. Außerhalb kann er nicht lange überleben, er ist angewiesen auf das Wasser. Aber wenn er in seinem Kloster ist, ist er in seinem Element, was die Gläubigen auch spüren und woraus sie ebenfalls Kraft beziehen. Man könnte sagen, dass das monastische Leben die Kernzelle des koptischen Glaubens ist. Wir sind die mit Abstand älteste Kirche der Welt, da Christus als kleines Kind auf seiner Flucht nach Ägypten auf einem Stein in der Wüste geschlafen hat, der dadurch zum ersten christlichen Altar der Welt wurde. In Jesaja 19, 19 wurde dieser Altar in der Mitte Ägyptens vorhergesagt, und darum herum ist im Laufe der Zeit eine Kirche und ein Kloster entstanden. Das ägyptische Christentum war von Anfang an monastisch geprägt, war von den Wüstenvätern geprägt. Das hat sich bis heute erhalten.
Im monastischen Leben ist die Kraft des Gebetes spürbar, die Konzentration des Lebens auf das Gebet und die Nähe Gottes. Das ist das Wichtigste, was eine Kirche vermitteln kann. Denn die Kirche ist ein Ort des Gebets und der Reinheit, ein Ort des Segens. Das Gebet führt zur Reinheit, und die Reinheit führt zum Segen. Das ist das, was die Gläubigen bei uns suchen. Daher bildet das Monastische immer noch den Kern des koptischen Glaubens.
Dies ist nur der Anfang des Artikels. Der vollständige Beitrag ist in der Tattva Viveka 105 erschienen.
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Tattva Viveka Nr. 105
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Schwerpunkt: Meditation
Erschienen: Dezember 2025
Dirk Grosser – Den Augenblick so lassen, wie er ist • Dr. Thilo Hinterberger – Befreiung des Geistes durch Meditation • Dr. Ulrich Ott – Achtsamkeit ist keine Pille, sondern Übungssache • Dr. Holger C. Bringmann – Rückverbindung zur unsterblichen Seele • Sebastian F. Seeber – Platon und Meditation • Dr. Cynthia Bourgeault – Thomas Keating • Bischof Anba Damien – Das Vertrauen in die Stille • Jason Siff – Beobachten wie der Geist von selbst wächst • Kevin Johann – Räuchern: Die Zeit der inneren Einkehr • Buchbesprechungen • u.v.m.
Zum Interviewten:
Bischof Anba Damian ist in Kairo geboren und aufgewachsen, hat dort Medizin studiert und entschied sich 1991 für ein Leben als Mönch der Koptischen Kirche. Seit 1992 lebt er als Seelsorger in Deutschland, wo er ein Jahr später das Kloster Brenkhausen übernahm und 1995 zum Bischof geweiht wurde. Er ist Ansprechpartner für etwa 6.000 Kopten in Deutschland.
Webseite: koptisches-kloster-brenkhausen.de
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