Der Mut zu träumen

Der Mut zu träumen

Commons, Blockchain, Peer-to-Peer-Beziehungen und die Vision einer neuen Netzwerkkultur

Autor: Dr. Thomas Steininger
Kategorie: Gemeinschaften/Projekte
Ausgabe Nr: 91

Visionäre haben immer auch von einer neuen menschlichen Gesellschaft geträumt. So ist auch die Technik entstanden. Wie können wir heute in Zeiten digitaler Vereinnahmung die Welt neu träumen? Und dazu vielleicht sogar die Technologie als Verbündete erkennen?

Schon vor den großen Internetmonopolen gab es das Internet der Peer-to-Peer-Bewegung, jener Menschen und Netzwerke, die in der digitalen Welt eine historische Chance sehen, um die Vision der Open Source, des freien Zugangs zu Informationen, und die Idee der Commons, der Gemeingüter, wiederzubeleben. Hier versuchen Menschen, weltweite dialogische Räume aufzubauen, in denen wir jenseits der Marktlogik miteinander zusammenarbeiten können. Darüber hinaus gibt es eine Welle neuer sozialer Experimente.

Menschen erproben Formen einer vernetzten Zusammenarbeit, die mit horizontalen statt vertikalen Führungsstrukturen arbeitet.

Es werden beispielsweise Co-Living-Orte gegründet, in denen Menschen auch angesichts der Klimakatastrophe versuchen, auf eine neue, sich an regenerativen Ansätzen orientierende Weise miteinander zu leben und sich mit anderen weltweit zu verbinden. DAOs (Dezentrale Autonome Organisationen) erlauben Initiativen wie diesen vielleicht eine neue Form der Selbstorganisation. Was hier neben den großen Monopolen entstehen könnte, ist ein globales Netzwerk autonomer Felder, die sich auf eine intelligente Art miteinander vernetzen. Mit intelligenten Token, ähnlich denen, wie wir sie heute bei Bitcoin kennen, kann Austausch und ein Beziehungsnetz programmiert werden, die in der Lage sind, hochkomplexe kulturelle Vereinbarungen wie den Schutz der Gemeingüter oder die Beseitigung der Armut zu gewährleisten.

In der neuen, digitalen Welt könnten DAOs eine Stütze für eine neue Genossenschaftsbewegung sein, in der es verschiedene Ebenen gibt – lebendige dialogische Innenwelten, in der die Kultur der DAOs, der Genossenschaft immer wieder neu erarbeitet und gelebt wird. Auf einer Ebene können wir uns entscheiden, an bestimmten Netzwerken teilzunehmen und ihre »Bürgerinnen und Bürger« zu sein. Dadurch könnten wir die darin gelebten Werte gemeinsam entwickeln. Und auf einer anderen können wir Token als Währung erhalten, die uns für unsere Beiträge zu verschiedenen DAO-Kollektiven bezahlt. »Smart Contracts«, intelligente Verträge, in denen Token programmiert sind, erlauben dezentralisierte Entscheidungsprozesse, die gleichzeitig Ausdruck eines dialogischen Feldes sind und zudem die Möglichkeit schaffen, sich mit anderen DAO-Regionen zu verknüpfen.

Natürlich haben solche Technologien auch schwierige Seiten. Es gibt Krankheiten, wie die grassierenden Verschwörungsmilieus der Fake-Blasen. Der Medientheoretiker Bernhard Pörksen sieht sie auch als Geburtswehen und Kinderkrankheiten einer neuen Bewusstseins- und Informationsökologie, die ihr Gleichgewicht noch nicht gefunden hat.

Wir leben in einem großen sozialen Experiment, und Technologie allein ist nie die Lösung.

Die Technologie könnte aber eine Stütze für eine globale Bürgergesellschaft sein, die sich unabhängig von herkömmlichen Machtstrukturen mit neuen Organisationsformen gestaltet. Die Architektur und die Machtdynamik des Internets könnten sich ändern. Anstatt dass Tech-Giganten und Algorithmen bestimmen, was für uns Wert hat, könnte es Räume geben, in denen man auf dieselben Ziele hinarbeiten kann, und Möglichkeiten, mit den eigenen Beiträgen ein Einkommen zu verdienen.

Alles nur Träume? Vielleicht, aber es hat den Anschein, dass sich konkrete Wege für ein neues Miteinander in unserer digitalen Welt zeigen. Und natürlich kann Technologie nie allein die Lösung sein, vor allem nicht für eine neue, nachhaltige Bewusstseinskultur.

Technologie kann Bewusstsein nicht ersetzen, aber sie kann Bewusstsein unterstützen.

Vielleicht ist die Frage auch falsch gestellt. Es geht ja nicht darum, ob die Blockchain kommt. Es geht darum, wie sie kommt. Mit Bitcoin wird sie zu einem neuen Eldorado der Wallstreet-Kultur. Können wir sie auch anders gestalten? Der Vordenker Jordan Hall spricht von dieser Zeit als einem DAO-Moment, in dem es die Chance gibt, unser Verhältnis zur Technik umzukehren, sodass sie zur Grundlage einer neuen globalen Genossenschaftsbewegung wird.

In dialogischen Räumen entstehen unsere gemeinsamen Träume und Visionen.

Wenn es gelingt, ihnen auch in der neuen digitalen Welt einen wirkungsvollen Platz zu geben, dann haben sie die Chance, zu einer neuen Keimzelle einer demokratischen Gesellschaft zu werden.

Die digitale Welt und ihre technologischen Landschaften sind veränderbar. Wir können gemeinsame Räume und Bioregionen schaffen, in denen wir uns als Menschen begegnen, statt zu Datenträgern und Konsumentinnen in der Welt von Google, Facebook oder Amazon zu verkümmern. Wir müssen auch Technik neu träumen.

Neue Landschaften entstehen dort, wo Menschen den Mut haben, sie zu sehen.

Dieser Artikel ist kostenlos im Volltext online.

Dieser Beitrag ist eine gekürzte Version des Leitartikels von Thomas Steininger aus der Ausgabe 34 von evolve – Magazin für Bewusstsein und Kultur zum Schwerpunktthema »Bewusste Netzwerke – Ein menschliches Internet jenseits von Google und Facebook«. https://www.evolve-magazin.de/magazin/

Der Artikel erschien in der Tattva Viveka 91 und steht zudem  einzeln als ePaper für 1,00 € zum Download zur Verfügung (Pdf, 2 Seiten).

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Dr. Thomas Steininger
Der Mut zu träumen

Wie können wir heute in Zeiten digitaler Vereinnahmung die Welt neu träumen? Und dazu vielleicht sogar die Technologie als Verbündete erkennen?
 


 

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Über den Autor

Unser Autor Dr. Thomas Steininger

Dr. Thomas Steininger ist Philosoph, Journalist und Herausgeber von evolve.

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