Das gute Leben

Das gute Leben

Wie wir wirklich Wohlstand für alle schaffen können

Autor: Samirah Kenawi
Kategorie: Wirtschaft
Ausgabe Nr: 89

Wohlstand ist nicht nur positiv zu sehen, sondern wird problematisch, wenn er auf dem Elend anderer Lebewesen gründet. Der Artikel stellt die Frage, was ein gutes Leben wirklich ist und wie wir dahin kommen können. Kenawis Vorschlag geht von der politischen Ebene aus und wirft einen systemkritischen Blick auf den Kapitalismus. Nicht immer ist es mit spirituellen Vorstellungen getan. Wir müssen uns auch den materiellen Bedingungen stellen und im gesellschaftlichen Alltag konkret handeln.

Wohlstand, das mag für viele nach Behaglichkeit, Sattheit und Sicherheit klingen. Für mich klingt es nach Überfluss, sinnloser Fülle und Stillstand. Das Wort assoziiert für mich keineswegs ein gutes Leben, sondern den Versuch, mitten im Fluss des Lebens einen festen Stand zu finden, eben WohlStand.

Ein gutes Leben, das klingt für mich nach ständiger Veränderung, nach dem Kommen und Gehen von guten Freunden, von gutem Essen, von guter Arbeit und guter Erholung. Ein gutes Leben, das ist für mich ein gutes DaSein.

Mit WohlStand verbinde ich hingegen das Bedürfnis nach Festhalten, nach Haben-Wollen. Zu Sein versus Haben ist nicht nur von Erich Fromm schon viel gesagt worden. Deshalb lohnt es hier nicht, noch viele Worte zu machen.

Alles in der Welt ist ewigem Wandel unterzogen. Augenblicke dieses Wandels genießen zu können, das ist Glück . Den Wandel im Allgemeinen akzeptieren zu können, das ist das Geheimnis des guten Lebens. Wohlstand mag ein Fundament bieten, um den Wandel des Lebens genießen zu können, und zweifelsfrei weint es sich besser in einem Mercedes als unter einer Brücke.

Doch solange der Wohlstand der einen auf dem Elend anderer gründet, aus ihrer Armut erwächst, kann ich darin kein Fundament für ein gutes Leben sehen. Inbegriff dieser Verkehrung ist für mich der Wunsch, von der Rendite des eigenen Wohlstandes (des eigenen, meist ererbten Vermögens) leben zu können und infolgedessen nicht mehr arbeiten gehen zu müssen.

Woher kommt dieser Wohlstand? Wurde er durch eigene Arbeit erworben? War diese Arbeit so frustrierend, dass es keinen größeren Wunsch gibt, als ihr zu entfliehen? Wer arbeitet für den Konsum der Wohlhabenden, wenn sie es selbst nicht mehr tun (müssen)? Ich kann in all diesen Fragen nirgendwo ein gutes Leben entdecken. Und doch bleibt die Frage, wie viel Wohlstand – wie viel Besitzstand – für ein gutes Leben nötig ist? Eine komplexe Antwort auf diese Frage würde uns in ökonomische Tiefen führen. Wenden wir uns hier nur dem guten Leben zu.

Was ist eigentlich ein gutes Leben? Erfahre mehr über Kenawis Gedanken in der Vollversion – den Link dazu findest du ganz unten!

Die digitale Revolution

Tatsächlich haben wir jetzt – im digitalen Zeitalter – die Mittel in der Hand, ein gerechtes Tauschsystem zu schaffen und dadurch den Geldkreislauf zu schließen. Wir könnten mittels Internet ein digitales Geldsystem unabhängig von vorhandenen Währungen und Banken errichten. Mittels Handys oder anonym mittels Guthabenkarten könnten wir dieses selbst geschaffene virtuelle Geld nutzen, um uns schon jetzt mehr und mehr vom System staatlicher Währungssysteme zu lösen. Um ein solches Geldsystem zu schaffen, braucht es keine Massenbewegung, sondern einen Kreis versierter Programmierer*innen. Um einem Geldsystem Akzeptanz zu verschaffen, braucht es jedoch weit mehr. Ein solches System muss beworben, seine Vorteile müssen kommuniziert werden.

Denkbar ist es, im Vorfeld des Programmierens einer neuen digitalen Währung unterschiedliche Geldsysteme als Internetspiele zu testen. Theoretische Diskussionen der Vor- und Nachteile der konkurrierenden Modelle würden dadurch überprüfbar. Die Funktionstüchtigkeit unterschiedlicher Modelle könnte verglichen werden. Die Scheinrealität einer Spielewelt würde Modellversuche mit unvoreingenommenen Teilnehmer*innen ermöglichen. Natürlich erfordert das viel Diskussion und eine enge Zusammenarbeit zwischen Geldmodellentwickler*innen und Spieleprogrammierer*innen. Dieser Prozess könnte jedoch auch für die gesellschaftliche Debatte sehr bereichernd sein. Die Internetspiele können dabei zugleich Aufklärungs-, Lern- und Werbeplattform sowie Testfelder sein.

Wie wir wirklich Wohlstand für alle schaffen können, kannst du in der Vollversion lesen. Bestelle den Artikel über den Link am Ende der Seite.

Der Sieg der Reichen

Die Herausforderung ist umso größer, als die Karten schlecht gemischt sind. Warren Buffet ist sich sicher, dass die Reichen den Krieg zwischen Arm und Reich gewinnen werden, denn sie halten alle Trümpfe – alle gesellschaftlichen Ressourcen – in ihren Händen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass er recht behält. Doch den Reichen fehlt etwas, das ihrem Reichtum vielleicht die Stirn bieten kann: eine positive Vision. Sie wollen nichts anderes als den Status quo erhalten. Genau das ist ihre Schwäche, denn die bestehenden Verhältnisse sind auf Selbstzerstörung programmiert.

Der Krieg zwischen Arm und Reich wird deshalb zwangsweise in einer Selbstzerstörung des kapitalistischen Systems enden.

Diese Selbstzerstörung ist keine historische Mission einer Klasse, sondern eine historische Gewissheit jenseits von Klassen und Schichten.

Ein Sieg der Reichen bedeutet, dass sie auch nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus in den entstehenden neofeudalen Strukturen reich sein werden, zumindest wenn wir das Eigentumsrecht nicht umfassend reformieren. Denn auch wenn gigantische Geldvermögen vernichtet werden, sichert ein Fortbestand heutiger Eigentumsrechte doch den Fortbestand von Arm und Reich. Nur eine umfassende Eigentumsreform, in der Rechte an Pflichten gekoppelt werden, sowie die Entwicklung und Durchsetzung eines tauschgerechten Verteilungssystems können aus der Krise eine Chance für ein besseres Leben machen.

Tauschgerecht bedeutet, dass es nur Arbeitseinkommen und umverteilte Sozialleistungen, aber keine Kapitaleinkommen mehr gibt.

Um das zu ermöglichen, muss eben auch Kapitaleigentum, nicht aber Besitzeigentum umverteilt werden. Wenn Einkommen einen Bezug zur realen Wertschöpfung haben, also zu den für die Gesellschaft erbrachten Leistungen, werden Kapitaleinkommen sinken und Lohneinkommen steigen. Dann kann Massenarbeitslosigkeit verschwinden, weil dann ausreichend Lohngelder vorhanden sind, um die soziale und technische Infrastruktur zu erhalten und zu verbessern. Damit bestünde eine historische Chance, aus dem System der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen auszusteigen.

Für den notwendigen Wandel wird weniger Geld als vielmehr Ideen gebraucht. Woher diese Ideen kommen, kannst du im vollständigen Artikel nachlesen.

Wir bleiben blind, wenn es uns nicht gelingt, eine Diskussionskultur zu etablieren, die nach Ge-meinsamkeiten statt nach Unterschieden sucht.

Wir müssen unsere Energien nutzen, um über Ursachen und Lösungen zu reden statt immer nur über Probleme. Natürlich ist letzteres einfacher. Alle können aus dem Stand etwas dazu beitragen. Über Ursachen und Lösungen nachzudenken, erfordert tieferes Eindringen in ein Thema.

Und doch – allem besseren Wissen zum Trotz –: Noch haben wir die Chance, uns neu zu orientieren, zu organisieren, zu protestieren, zu planen und zu gestalten. Noch können wir die Geburt einer neuen Gesellschaft im Schoß der alten vorbereiten. Schon Marx wusste: Erwächst der Aufstand gegen das bestehende System aus Verelendung, nimmt er zwangsläufig die Gestalt von Grobheit, Gewalt, ja Barbarei an. Je eher es zu einer revolutionären Umgestaltung kommt, gewissermaßen noch mit Sicherheitsabstand zum besinnungslos tobenden Zorn, desto besser für alle. Es ist nicht klar, wie viel Sicherheitsabstand uns bleibt.

Sicher ist nur, es ist höchste Zeit zu handeln. Dazu brauchen wir unabhängige, kreative Köpfe. Wir brauchen IT-Fachleute, um demokratische, digitale Verrechnungssysteme zu schaffen und dadurch neue Regelwerke zu implementieren. Gesucht sind Leute, die solche Regelwerke diskutieren wollen und programmieren können. Es sind auch Menschen gesucht, die die neuen Regelwerke testen. Wir müssen den Mut haben, einen neuen Gesellschaftsvertrag zieloffen und doch lösungsorientiert zu diskutieren. Dazu braucht es Menschen, die Engagement mit notwendigem Wissen verbinden, um Geld als Tauschmittel neu zu denken und im doppelten Wortsinn neu zu programmieren. Gregor Gysi schreibt: »Wir leben in einem Krisenkapitalismus. Auswege müssen dringend gesucht werden. Auswege, die wieder Wege sind, nicht mehr nur Notausgänge und letzte Ausfahrten in die nächste Krise.« Ich stimme ihm voll und ganz zu.

Dieser Artikel basiert in weiten Teilen auf zwei Kapiteln meines Buches »Manifest für das 22. Jahrhundert«. Dieses Buch ist allen Menschen gewidmet, die an Freitagen für ihre Zukunft kämpfen. Ich hoffe, dass für sie eines Tages wieder an allen Wochentagen Zukunft existiert.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Lies die vollständige Fassung in Tattva Viveka 89 oder downloade diesen Artikel einzeln als ePaper für 2,00 € (Pdf, 8 Seiten).

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Samirah Kenawi
Das gute Leben

Wohlstand ist nicht nur positiv zu sehen, sondern wird problematisch, wenn er auf dem Elend anderer Lebewesen gründet. Der Artikel stellt die Frage, was ein gutes Leben wirklich ist und wie wir dahin kommen können.
 


 

Artikelnummer: TV089e_04 Kategorie: Schlagwort:

Kompletter Artikel im PDF-Format (8 Seiten)

 
 

Über die Autorin

Unsere Autorin Samirah Kenawi

Samirah Kenawi, 1962 in Ost-Berlin geboren, studierte Forstwissenschaft und ist aktuell u. a. als Kolumnistin, Autorin und Referentin tätig. Seit Jahrzehnten liest sie sich durch die ökonomische Literatur – auf der Suche nach einer ökonomischen Grundlage für gesellschaftliche Utopien.

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