Homo donans

Homo donans

Über das Ent-Decken einer lebensfreundlichen Zivilisation der Gabe

Autor: Dr.in MMag.a Simone Wörer
Kategorie: Wirtschaft
Ausgabe Nr: 88

Matriarchale Gesellschaften weisen auch in der Ökonomie und Lebensführung einen lebensfreundlichen Weg auf, in dem nicht der Tausch, sondern die Gabe das zentrale Element ist. Das Grundprinzip der Gabe betrachtet den Menschen als das, was er ist: ein gebendes und empfangendes Wesen, eingebunden in vielfältige Beziehungen, das in der Lage ist, die Gaben des Lebens anzunehmen und diese selbst auch wieder zu geben.

Nicht zufällig scheint in Zeiten der Krise die Auseinandersetzung mit der Gabe als soziales und kulturelles sowie insbesondere auch als ökonomisches Phänomen von großem Interesse zu sein. Tatsächlich konnte in den vergangenen 15 Jahren und angesichts des sich zuspitzenden multiplen Krisengeschehens, das die von Claudia von Werlhof begründete Kritische Patriarchatstheorie als planetare Zivilisationskrise ausmacht, eine Renaissance der Gabe-Theorien innerhalb der wissenschaftlichen Diskussion beobachtet werden. Diese hat in einer regelrechten Flut an neuen Publikationen zum Thema sowie dem Entstehen zahlreicher Projekte zur Tausch- und Schenkpraxis ihren Ausdruck gefunden.

Während sich in den 1960er-Jahren und insbesondere mit dem Vorliegen des bahnbrechenden Werks von Marcel Mauss ein reges und breites Interesse an diesem komplexen Themenbereich im Zusammenhang mit anthropologischen Studien und mit dem Erforschen des »Fremden« entwickelte, scheint es nach einigen philosophischen Exkursen in diesen Themenkreis nun so, dass die Gabe, ihre Logik, ihre Wirkungsweise und Bedeutung nun auch disziplinenübergreifend im »Eigenen« entdeckt werden sollen. So sind vielerorts auch Schenkkreise entstanden, »Umsonstläden« und sonstige Initiativen wurden gegründet oder es sind etwa auch Diskussionen rund um das Ehrenamt oder »Care« als tragende Säulen der kapitalistischen Gesellschaft entbrannt.

Lesen Sie im vollständigen Artikel, wie das Prinzip der Gabe und des Schenkens ein anderes Menschen- und Weltbild voraussetzen und wo wir als kapitalistisch-patriarchale Gesellschaft anknüpfen können.

Gabe und Tausch – zwei gegensätzliche Logiken

Die wenigsten Autor*innen, die sich eingehend mit der Gabe befassen, unterscheiden zwischen den durchaus fundamental unterschiedlichen Logiken und Funktionsweisen des Tauschs und der Gabe als soziale Interaktionsformen; sie beschränken sich im Wesentlichen auf die Beschreibung von ökonomischen Zirkulationsbewegungen von materiellen und/oder immateriellen Gütern und Leistungen. Damit werden die in diesem Zusammenhang teilweise als Synonyme verwendeten Begrifflichkeiten nicht nur verwässert oder gar entfremdet, sondern es wird insbesondere auch die gemeinschaftsbegründende Funktion der Gabe verkannt, die als anthropologische Konstante, ja als Urlogik des menschlichen (und vermutlich auch nichtmenschlichen) Lebenszusammenhangs fungiert. Ausnahmen bilden hier einige Publikationen aus dem Umfeld der modernen Matriarchatsforschung sowie rund um ein von Genevieve Vaughan initiiertes feministisches Forschungsnetzwerk zur Gabe (International Feminists for a Gift Economy). Tatsächlich war es auch Genevieve Vaughan, die ein bahnbrechendes Werk zur Gabe vorlegte.

Sie ortet das Urmodell einer Ökonomie der Gabe in der Mutter-Kind-Beziehung, die in der nährenden, mütterlichen Zuwendung an die konkreten Bedürfnisse des anderen ihren Ausdruck findet.

Sie ist es auch, die das Menschenbild des Homo donans entwickelt und damit dem Homo oeconomicus ein kraftvolles Bild entgegengesetzt hat, das unser Denken und Begreifen von Zivilisation und Kultur wesentlich zu berühren vermag. Die Erkenntnisse der modernen Matriarchatsforschung zeigen schließlich auf, dass sich matriarchale Gesellschaften als lebensfreundliche Zivilisationen im Wesentlichen am zentralen Element der Gabe orientieren.

Wenn wir das Grundprinzip der Gabe annähernd begreifen möchten, so kommen wir meines Erachtens nicht umhin, dieses der Logik des Tauschs gegenüberzustellen.

Homo donans

Das Konzept des ›Homo donans‹ wurde von Genevieve Vaughan geprägt, die sich in ihrer langjährigen theoretischen und praktischen Arbeit mit der Gabe und der Frage nach den Möglichkeiten einer Schenkökonomie auseinandergesetzt hat. Sie begründet ein Modell des Menschen als gebendes und empfangendes Wesen, und es gelingt ihr damit zunächst, eine neue Perspektive zu eröffnen, die sich an den menschlichen Primärerfahrungen orientiert und die hingabevolle Zuwendung an das andere thematisiert. Damit trägt sie dem Umstand Rechnung, dass wir von Beginn unseres Lebens an die Erfahrung machen, dass wir Gaben empfangen dürfen, ja sogar müssen, wenn wir überleben wollen, ebenso müssen wir uns um andere kümmern, damit diese leben und wachsen können.

Vaughan setzt in erster Linie an der Mutter-Kind-Beziehung an, die sie als Urmodell einer Ökonomie der Gabe fasst, das sich an den konkreten Bedürfnissen des Kindes orientiert.

Tatsächlich sind wir als Kleinkinder sehr lange auf Fürsorge angewiesen und gar nicht in der Lage, die zur Stillung unserer Bedürfnisse empfangenen materiellen und immateriellen Gaben zu retournieren und damit in eine Art von Beziehung der Reziprozität einzutreten. Im Laufe unseres Lebens und angesichts der komplexen Beziehungsgeflechte, die wir aufbauen und auf unterschiedliche Weise pflegen, werden wir immer wieder die Erfahrung machen, dass es diese Reziprozität gar nicht gibt beziehungsweise auch nicht geben kann.

Wir werden schließlich in eine Welt der Gabe hineingeboren, in der wir Tag für Tag materielle und immaterielle Gaben empfangen und (weiter-)geben dürfen.

Ja, ich gehe noch einen Schritt weiter, oder besser »zurück«: Wir sind aus einer Welt der Gabe herausgeboren, aus dem Mutterleib als ersten Lebenszusammenhang und Erfahrungsort nämlich, in dem wir die Verbundenheit alles Seienden und, in unserer Angewiesenheit, die unbedingte Stillung unserer Bedürfnisse erleben durften.

Welche Folgen hat es für die Gesellschaft und für uns selbst, wenn wir uns selbst als empfangende und gebende Wesen erfahren würden? Lesen Sie dies und vieles mehr im vollständigen Artikel. Unten können Sie das Pdf bestellen.

Der ursprünglichen Bedeutung von »mater arché« folgend übersetzt die Kritische Patriarchatstheorie das Matriarchat mit »Am Anfang die Mutter«, wodurch auf die konkrete Erfahrung und Beobachtung verwiesen wird, dass das Leben aus Müttern, das heißt ihrem schöpferischen Leib, und eben nicht aus Vätern (»pater arché«) kommt. Matriarchate zeichnen sich nicht nur durch ihre ausgesprochene Lebensfreundlichkeit aus, sondern vor allem auch durch ihre Gabe-Freundlichkeit. Auf der ökonomischen Ebene sind Matriarchate zumeist subsistent-autarke Ackerbaugesellschaften, in denen Privatbesitz und Territorialbeanspruchung unbekannt scheinen, jedoch das Nutzungsrecht entscheidend ist. Die Zirkulation der Güter entspricht am ehesten einer Ökonomie der Gabe, deren Ziel nicht die Akkumulation von materiellen und immateriellen Gütern ist, sondern die ausgleichende Verteilung zur Schaffung von sozialem und wirtschaftlichem Ausgleich im Sinne des Wohles für alle, der Gemeinschaft sowie einer nachhaltigen, respektvollen und freundlichen Beziehung zur Natur und ihren Erscheinungen als schöpferischem Lebenszusammenhang.

Dies zeigen heute noch indigene Kulturen und Weltbilder, die zwar im Zuge der Kolonisierung zunehmend patriarchalisiert wurden, sich im Kern jedoch an das Matriarchat als Zivilisationsmodell anzulehnen scheinen. Insbesondere wird dies anhand eines kooperativen Naturverhältnisses sichtbar, das sich als freundlich und nahezu verwandtschaftlich darstellt. Die als mütterlich vorgestellte Natur, die nicht umsonst als »Mutter Erde« oder, wie etwa in Südamerika »Pachamama« bezeichnet wird, wird als lebendiges Wesen geachtet, zu dem auf verschiedenste Weise eine Beziehung im Lichte der Gabe gepflegt werden kann. Als autonomes und eigenmächtiges Subjekt wird die Natur als Gebende und Empfangende charakterisiert und in verschiedenen rituellen und alltäglichen Praktiken eine Gabe-Beziehung zu ihr gepflegt. Mutter Erde wird als die Große Geberin schlechthin anerkannt.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Erfahren Sie mehr über das Prinzip der Gabe und wie dieses zur Erweiterung unseres Menschenbilds dienen kann.

Lesen Sie die vollständige Fassung in Tattva Viveka 88 oder downloaden Sie diesen Artikel einzeln als ePaper für 2,00 € (Pdf, 7 Seiten).

Homo donans

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Dr. Mag. Simone Wörer
Homo donansÜber das Ent-Decken einer lebensfreundlichen Zivilisation der Gabe

Matriarchale Gesellschaften weisen auch in der Ökonomie und Lebensführung einen lebensfreundlichen Weg auf, in dem nicht der Tausch, sondern die Gabe das zentrale Element ist. Das Grundprinzip der Gabe betrachtet den Menschen als das, was er ist: ein gebendes und empfangendes Wesen, eingebunden in vielfältige Beziehungen, das in der Lage ist, die Gaben des Lebens anzunehmen und diese selbst auch wieder zu geben.
 


 

Artikelnummer: TV088e_06 Kategorie: Schlagwort:

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Über die Autorin

Unsere Autorin Dr.in MMag.a Simone Wörner

Dr.in MMag.a Simone Wörer, geboren 1981 in Bruneck/Südtirol, lebt und arbeitet in Innsbruck. Studium der Politikwissenschaft (Schwerpunkte: Frauen- und Geschlechterforschung, politische Theorie und Ideengeschichte) und Erziehungswissenschaft (Schwerpunkte: Anthropologie, psychoanalytische Erziehungswissenschaft) an der Universität Innsbruck, Promotion im Dissertationsfach Politikwissenschaft bei Univ.-Prof. Dr. Claudia von Werlhof. Neben der Berufstätigkeit im Veranstaltungssektor als freie Forscherin und Vortragende tätig; Mitarbeiterin des „Forschungsinstituts für Patriarchatskritik und alternative Zivilisationen FIPAZ e. V.“ und der „Planetaren Bewegung für Mutter Erde – PBME“. Autorin von Publikationen in deutscher, englischer und italienischer Sprache. Forschungsschwerpunkte: Kritische Patriarchatstheorie, Theorien und Praktiken der Gabe, Alternativen der/zur Ökonomie und Politik, Wissenschaftskritik, soziale Bewegungen, Ökofeminismus.

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