Gott ist Beziehung

Gott ist Beziehung

Ein Gespräch über Liebe, Freiheit und den göttlichen Tanz

Autor: William Paul Young
Kategorie: Christentum
Ausgabe Nr: 76

Ist Gott ein strafender Gott? Ist Gott Liebe? Ist Gott ein personales Wesen oder einfach nur das große Eine? Der Chefredakteur Ronald Engert spricht mit Paul William Young, Autor des Bestsellers »Die Hütte. Ein Wochenende mit Gott«, der ebenso verfilmt wurde. Im Gespräch widmen sich die beiden den essenziellen Fragen des Daseins über Liebe, Freiheit und den Beziehungsaspekt Gottes.

Tattva Viveka: Mein heutiger Interviewpartner ist Paul William Young. Er ist ein christlicher Autor, der in seinen Werken seine Sicht auf den Glauben und Gott beleuchtet. Ich habe einige philosophische bzw. theologische Fragen an Dich. In dem Buch »Lügen, die wir uns über Gott erzählen« machst Du klar, was Religion ist und dass Jesus kein »religiöses Wesen« gewesen ist. Unterscheidest Du auch zwischen Religion und Spiritualität? Was ist der Unterschied zwischen Religion und wahrem Glauben? Kannst Du uns dazu etwas sagen?

William Paul Young: Ja, sicher. Im europäischen Kontext erfährt Religion manchmal nicht die Unterscheidung, die wir aus kanadischer Sicht tendieren zu machen. In Kanada sprechen wir vielmehr über Religion als das System, das die Menschheit in verschiedene Glaubensrichtungen spaltet. Sogar das Christentum hat um die 40.000 verschiedene Bekenntnisse. Einige stehen auch in Konflikt miteinander, wohingegen Spiritualität sich im Gegensatz zu einem religiösen System mit der Natur Gottes, dem Bild Gottes, der Person Jesus als eine Beziehung auseinandersetzt. Ich versuche, einige dieser Unterscheidungen vorzunehmen. Dabei ist es aus meiner Sicht als Kanadier ein wenig einfacher. Wenn wir über Religion als ein System sprechen, ist es nicht gänzlich negativ gemeint. Dieses System war auch in der Lage, wundervolle Dinge zu errichten, wie das Verbreiten der Botschaft der Güte Gottes oder die Errungenschaften der Medizin oder der Wissenschaft oder der Erziehung. Religiöse Systeme haben daran mitgewirkt, dieses unterschiedliche Wissen zu verbreiten. Aber sie haben auch den Planeten verwüstet. Sie schufen Fundamentalismus, schadeten Andersdenkenden und vertraten ein hierarchisches Wertesystem. Außerdem missbrauchten sie Magie, Kontrolle und Macht. Ich glaube aber nicht, dass es bei Gott um Religion auf solch eine Weise geht. Es geht eher um die Beziehung, von Angesicht zu Angesicht, und nicht um ein System.

Spiritualität setzt sich im Gegensatz zu einem religiösen System mit der Natur Gottes, dem Bild Gottes, der Person Jesus als eine Beziehung auseinander.

Institutionelle Systeme können aus sehr guten Gründen entstanden sein, aber sie sind immer ein wenig mit der Dunkelheit gemischt, die sich im menschlichen Herz findet. Dann enden wir in Hierarchien und Machtspielen. Jetzt beginnt das System, Menschen auszunutzen und zu missbrauchen, um die Struktur des Systems zu erhalten. Systeme werden nur durch Menschen am Leben erhalten. Sie sind für Menschen geschaffen. Menschen wurden nicht für Systeme erschaffen. Wenn du ein System hast, dann eigentlich, um etwas Gutes und Richtiges in die Welt zu bringen, wie etwa Gerechtigkeit und Güte. Jedenfalls versuche ich, dahin zu gelangen.

Gott ist Beziehung

Gott als Beziehungswesen

Tattva Viveka: Könntest Du zuerst erläutern, wie sich die Beziehungseigenschaft Gottes äußert?

Young: Ich wuchs bei Evangelikalen auf. Das ist christlicher Fundamentalismus. Ich bin ein Missionarskind, ein Kind eines Predigers. Wenn ich darauf blicke, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, kann ich es im Gespräch nicht von Beziehung trennen. Es ist der Kern unseres Wesens. Wir wurden durch Beziehungen geschaffen. Auch wenn die Motive vielleicht falsch waren, sind wir in einer Beziehung geboren. Es hat eine Auswirkung auf uns, dass wir von unserer Mutter ausgetragen wurden. Wir werden in Beziehungen hineingeboren, wie dysfunktional sie auch sein mögen, denn unsere Gebrochenheit wurde auch sehr häufig von Beziehungen ausgelöst. Das ist problematisch, aber auch Heilung entsteht durch Beziehungen. Und zu glauben, dass all dies durch ein unpersönliches beziehungsloses Wesen geschaffen sein soll, macht für mich keinerlei Sinn. Ich betrachte also, was wir sind und das Schönste, was wir sind, basiert auf Beziehungen. Auf dieser Grundlage können wir einen Dialog führen.

Die Trinität sagt mir, dass Beziehung und Liebe schon immer existierten, dass wir im Inneren dessen geschaffen wurden, um genau das zu erfahren: die Wahrheit, die Schönheit und das Wunder dessen. Aber wir brachten Dunkelheit hinein und Gott war Licht.

Ein Gespräch über Liebe, Freiheit und den göttlichen Tanz

Es gibt keine Dunkelheit im Wesen Gottes.

Wir bringen die Dunkelheit. Doch Gott steigt mit uns zusammen in unsere Dunkelheit hinab, um uns in die Beziehung von Angesicht zu Angesicht zurückzubewegen.

Tattva Viveka: Du hast auch erwähnt, dass Gott nie unabhängig handelt, weil er in einer Beziehung ist bzw. weil er ein relationales Wesen ist.

Young: Korrekt! Wir wurden für das Gemeinschaftsleben geschaffen. Das ist der Grund, warum es in manchen religiösen Trainings, die ich durchlaufen hatte, beinahe drei Gottheiten gab. Es sind unterschiedliche Charaktere. Den Heiligen Geist habe ich zu der Zeit gar nicht verstanden. In meiner Tradition hörte das Wirken des Heiligen Geistes bereits vor langer Zeit auf. Ich wusste nicht, was es zu bedeuten hat. Jesus war gütig und gut und stark und er war auf meiner Seite, aber Gott, der Vater, war distanziert, er forderte Strafen ein. Er war voller Zorn und Verurteilungen. Gleichzeitig soll Jesus jedoch die Inkarnation Gottes sein. Doch dieser eine Gott fordert etwas ein, was der andere nicht einfordert. Der eine Gott kann auf Sünde herabblicken, und der andere Gott kann für uns zur Sünde werden – gemäß Paulus. Es gibt einen Konflikt im Kern. Wer ist Gott? Wenn du aber beginnst, auf die Trinität zu blicken, auf die Schönheit dessen, dann verstehst du die frühe Kirche. »Perichóresis[1]«: Der Große Tanz, wechselseitiges Durchdringen ohne Verlust der Persönlichkeit. Der Vater wird niemals der Sohn und der Sohn niemals der Geist. Es ist von Angesicht zu Angesicht. Es ist voller Gemeinsamkeit und Andersartigkeit. Es ist nicht selbst-zentriert, sondern sich selbst schenkend. Wenn du das erkennst, dann verstehst du, dass du dir ein Bild der Heiligkeit Gottes gemacht hast, die niemals allein gewesen ist. Ich wurde für ein Leben in Gemeinschaft geschaffen.

 

[1] Perichorese (altgriechisch περιχώρησις perichóresis, lateinisch circumincessio) ist die vollständige gegenseitige Durchdringung, die zu einer Einheit ohne Verschmelzung führt. Der Begriff ist abgeleitet von dem Verb perichorein, was wörtlich herumgehen, durchwandern, durchdringen sowie auf jemanden übergehen bedeutet. Er findet hauptsächlich Verwendung in der christlichen Dogmatik. Er erklärt in der Trinitätstheologie die Einheit der drei göttlichen Personen Vater, Sohn und Heiliger Geist durch die Metapher der gegenseitigen Durchdringung. Es soll die Identität der Personen ausgesagt werden, ohne deren Unterschiede aufzugeben. Das trinitarische Modell von Perichorese verdeutlicht, dass Gottes Wesen beziehungsreich ist. Die Relationalität von Vater, Sohn und Geist ist umfassend und radikal. In der Christologie bezeichnet er die Einung der menschlichen und göttlichen Natur in Jesus Christus. Quelle: Wikipedia

In dieser Fassung sind Auszüge aus dem Artikel wiedergegeben. Den vollständigen Artikel gibt es im Pdf (8 Seiten), das unten bestellt werden kann.

Der große Tanz

Tattva Viveka: Du sprichst auch über das Tanzen und Singen im Reich Gottes.

Young: Das Wort »Perichóresis« ist das Bild, das hierfür gegeben wurde. Es hat um die 300 Jahre gedauert, bis dieses Wort aufkam. Man hat lange versucht herauszufinden, wie man das Verhältnis von Vater, Sohn und Heiligem Geist beschreiben sollte, und das Bild war »der Große Tanz«, die Bewegung, der Tanz innerhalb eines Kreises. Das war das Bild: »der Große Tanz«.

Gott ist Beziehung

Ein Freund von mir, der Theologe Baxter Kruger, schrieb ein Buch mit dem Titel »Der Große Tanz« und Richard Rohr, ein katholischer Franziskaner, schrieb ein Buch namens »Der Göttliche Tanz«. Beide sprechen über die Beziehung, in der die Allschöpfung geschaffen wurde, als »Großen Tanz«. Als wir wie Newton dachten und in einer materialistischen Weise auf die Dinge blickten, meinten wir, die Naturwissenschaft wäre schon am Ziel. Das Einzige, das noch begriffen werden müsste, wäre die Materie. Daraufhin entdeckten wir aber die Relativitätstheorie und die Quantenphysik und plötzlich ist alles ein Tanz. Das sind sehr unterschiedliche Betrachtungsweisen.

Alles existiert zur gleichen Zeit hier wie dort. Es ist ein Tanz.

Tattva Viveka: Ich schließe mich Deiner Meinung an, dass das Thema, dass Gott eine Person ist, sehr wichtig ist. Denn dies kann zudem auch das, was hier in unserer weltlichen Sphäre geschieht, beschreiben …

Lesen Sie im vollständigen Artikel mehr über das Bild des »Großen Tanzes« und wie es das Wesen Gottes beschreiben kann.

Tattva Viveka: Ich glaube, dass die spirituelle Schau genau den Zustand beschreibt, wo es ein Sehen ohne Urteil gibt.

Young: Genau. Ich stimme Dir zu. Das ist das Schöne daran, sich davon zu entfernen, eine Person zu sein, die urteilt. Das ist das, was meinem Freund geschehen ist, der im Gefängnis ist. Ich habe ihn zuvor erwähnt. Der Teil meines Buches »Die Hütte«, die ihn am härtesten getroffen hat, war die Höhlen-Szene, wo McKinsey dazu eingeladen wurde, auf dem Richterstuhl zu sitzen, um der Richter zu sein. Aber er fragte: ›Über wen soll ich richten?‹ Im Prinzip würde man dann über Gott und die ganze Welt richten. Man ist bereits gut darin.

Ein Gespräch über Liebe, Freiheit und den göttlichen Tanz

Der Grund, wieso er sich nicht das, was er getan hatte, eingestanden und sich damit befasst hatte und er sich letztlich davon abgespalten hatte, war, dass er über manche der Pädophilen, die in den Todeszellen saßen, geurteilt hatte. Zumindest war er besser als sie, so meinte er. Dieses Urteil über die anderen hatte ihn davon abgehalten, sich seine eigene Tat einzugestehen, weil er seine Tat immer noch als die bessere vor sich rechtfertigte. Er sagte, als er sich diesen Abschnitt im Buch durchgelesen hatte, sei es so kraftvoll für ihn gewesen, dass er zusammengekauert auf dem Boden seiner Zelle gelegen habe und nur noch seinen Körper habe verlassen wollen. Aber genau dies erlaubte ihm, sich einzugestehen, was er getan hatte, und zu erkennen, dass er selbst auf dem Richterstuhl gesessen hatte, dabei war er in der Todeszelle. Wie viele von uns sitzen all die Zeit über auf dem Richterstuhl und tun es nicht aus einer Position von Liebe und Güte? Wir tun es, um kontrollieren zu können und um Macht auszuüben. Ja, deswegen stimme ich Dir zu.

Tattva Viveka: Das Urteilen über andere schadet auch mir selbst. Es schadet zwar auch den anderen, aber insbesondere mir selber.

Young: Es schadet dir ungeheuerlich. Dasselbe ohne Vergebung. Vergebung bedeutet loszulassen. Anderenfalls trägst du es mit dir rum und vergiftest alle um dich herum.

Das Interview für Tattva Viveka führte Ronald Engert.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

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Unser Autor William Paul Young

Über den Autor

William Paul Young arbeitete viele Jahre als Büroangestellter und Nachtportier in Hotels. Der gebürtige Kanadier wuchs als Sohn von Missionaren in Papua-Neuguinea auf und war selbst viele Jahre lang Mitarbeiter einer christlichen Gemeinde. Mit seiner Frau Kim und seinen sechs Kindern lebt er in Oregon, USA. www.wmpaulyoung.com

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