Transhumanismus

Transhumanismus

David Rotter - Transhumanismus

Die Abschaffung des Menschen

Autor: David Rotter
Kategorie: Anthropologie
Ausgabe Nr: 56

 

 

 

Der Transhumanismus glaubt, die nächste Evolutionsstufe der Menschheit ist die Verschmelzung des Menschen mit Technologie. Eine neue Rasse von Cyborgs soll den Homo sapiens ablösen und das Leben im Universum auf eine neue Stufe heben. Was klingt wie Science-Fiction, könnte schon bald das Leben jedes einzelnen Menschen beeinflussen.

Transhumanismus – Die Zukunft gehört den Maschinen

Das Versprechen des Transhumanismus hat religiöse Ausmaße: In wenigen Jahren – vielleicht schon zwei Generationen – soll der Mensch mit den Maschinen verschmelzen und seine gebrechliche biologische Hülle abstreifen. Dieser Schritt zum Hybridwesen vollzieht den Übergang zur bewussten Selbst-Evolution in eine neue Spezies und bringt die lang ersehnte Befreiung von den Qualen, Mängeln und Begrenzungen eines biologischen Körpers: Tod, Krankheit, Makel – all das wird bald Vergangenheit sein. Wir werden sein wie Götter. Allmächtig, vollendet, unsterblich und unbegrenzt. Nun ja, zumindest eine kleine Elite von uns: Eine selbstgeschaffene Rasse, welche künftig die Vorherrschaft über diesen Planeten übernehmen wird, während der Homo sapiens ebenso aus der Geschichte des Universums getilgt wird, wie seine Vorgänger aus der Steinzeit.
Es klingt nicht bloß wie eine Religion, in vielerlei Hinsicht ist es eine. Es ist die kompromisslose Religion von Materialismus und Fortschrittsglaube, der ultimative Triumph des Menschen über die Natur. Die Erlösung des Menschen ist für den Transhumanismus nicht mehr eine spirituelle Frage, sondern eine technologische. Fest steht für die Transhumanisten: Nicht dem Menschen gehört die Zukunft, sondern den Gott-Maschinen. 
Ganz im Sinne Nietzsches ist der Mensch nur eine Brücke, gespannt zwischen dem Tier und dem Übermenschen, ein mangelhaftes Zwischenstadium der Evolution, welches durch genetische Manipulationen, technologische Implantate und künstliche Intelligenz endlich überwunden wird. Das Bewusstsein des Menschen emanzipiert sich von seiner stofflichen Hülle und geht in die grenzenlose Freiheit des kybernetischen Cyberspace ein.

 

David Rotter - Transhumanismus

 



Die technologische Singularität

Über das ganze Ausmaß des Einflusses der Transhumanisten und den aktuellen Stand dieser Entwicklung sind die wenigsten Menschen im Bilde. Tatsächlich diktiert die transhumanistische Agenda derzeit weltweit den wissenschaftlichen Betrieb. Milliarden von Dollar werden in entsprechende Forschungsprojekte investiert, teils dank aktivem Lobbyismus der Transhumanisten, teils durch eine kollektive Kulturstimmung des Fortschrittsglaubens, die sich vor allem in der Medizin sehr deutlich zeigt.
Schon bald, so hoffen Teile der Transhumanisten erreicht diese Entwicklung die »technologische Singularität« – den Zeitpunkt, an welchem Maschinen so intelligent wie Menschen geworden sind und beide zu einer neuen Spezies verschmelzen. Das gesamte Wissen der Menschheit, insbesondere Gentechnik, Nanotechnologie, Neurologie und Kybernetik wird sich im Punkt der Singularität zur Geburt der neuen Über-Spezies vereinen, erklärt Ray Kurzweil, einer der Vordenker der Transhumanisten:

 

Die Singularität ist eine Zukunft, in der das Tempo des technologischen Wandels so schnell und weitreichend voranschreitet, dass die menschliche Existenz auf diesem Planeten irreversibel verändert wird. Wir werden die Macht unserer Gehirne, all die Kenntnisse, Fähigkeiten und persönlichen Macken, die uns zu Menschen machen, mit unserer Computer-Macht kombinieren, um auf eine Art zu denken, zu kommunizieren und zu erschaffen, wie wir uns heute noch nicht vorstellen können.
Diese Verschmelzung von Mensch und Maschine, mit der plötzlichen Explosion der Maschinen-Intelligenz wird, im Verbund mit rasend schneller Innovation in den Bereichen der Gen-Forschung sowie der Nanotechnologie, zu einer Welt führen, wo es keine Unterscheidung mehr zwischen dem biologischen und dem mechanischen Leben oder zwischen physischer und virtueller Realität gibt. Diese technologischen Revolutionen werden es uns ermöglichen, unsere gebrechlichen Körper mit all ihren Einschränkungen zu überwinden. Krankheit, wie wir sie kennen, wird ausgerottet. Die menschliche Existenz wird einen Quantensprung in der Evolution durchlaufen. Wir werden in der Lage sein, zu leben solange wir wollen.

 


Nicht mehr aufzuhalten

Was man zunächst kaum ernst nehmen kann, halten fachkundige Wissenschaftler entweder für die größte Chance oder aber für eine der größten Gefahren unserer Zeit. Denn es sind nicht bloß ein paar Science-Fiction-Spinner, die diese neue Religion vorantreiben, es sind vor allem Angehörige der internationalen Eliten. Unter den informierten Intellektuellen der Welt herrscht längst größte Sorge über den unaufhaltsam scheinenden Siegeszug der Transhumanisten. In Konferenzen, Uni-Seminaren und Feuilletons rund um den Globus werden die Gefahren der Bewegung diskutiert. Die breite Öffentlichkeit nimmt dies kaum wahr – zu phantastisch, zu abgehoben klingen die Ziele. Dabei hat es längst begonnen. Und selbst die erbittertsten Gegner halten die Bewegung mittlerweile für »nicht mehr aufzuhalten«.

 

Die Frage, welche Spezies diesen Planeten dominiert, wird die globale Politik in diesem Jahrhundert diktieren. Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich jene Technologien entwickeln, welche die Entstehung von ›Artilects‹ – künstlichen Intelligenzen – möglich machen, ist es wahrscheinlich, dass die Menschheit in der Lage sein wird, Artilects zu konstruieren, die geistige Fähigkeiten besitzen, welche buchstäblich Billionen über Billionen mal über dem menschlichen Niveau liegen. Die Menschheit wird sich dann entscheiden müssen, ob sie die Nr. 2 Spezies auf dem Planeten werden möchte oder nicht

schreibt Hugo de Garis im Forbes Magazine – einem angesehenen amerikanischen Wirtschaftsblatt.

Die Singularity University – so etwas wie das ideologische Hauptquartier der heterogenen Bewegung – liegt im Silicon Valley direkt zwischen Google und der Nasa. Das spiegelt in etwa wieder, wo die Bewegung gesellschaftlich steht. Die Transhumanisten reiten auf der Welle des unerschütterten Glaubens an Fortschritt und Technologie, ihre Ideen begeistern Entscheidungsträger in Universitäten und Konzernen, längst forscht man weltweit im Sinne der Transhumanisten. Und jedes Jahr rückt die Bewegung ihren Zielen näher. Jetzt sind wir schon so nah, wie die meisten Menschen kaum ahnen würden.

 

David Rotter - Transhumanismus

 

Transhumanismus, die logische Fortführung der Evolution?

Im Weltbild der Transhumanisten ist der Schritt vom Menschen zur künstlichen Intelligenz nichts weiter als die logische Fortführung der Evolution. Eine Seele gibt es für die Transhumanisten nicht, nur Nervensignale und Gene. Einen Gott auch nicht – »zumindest noch nicht!« wie Ray Kurzweil gern zu sagen pflegt.
Evolution ist für die Transhumanisten nicht die Evolution von Leben oder Bewusstsein, sondern von Information und ihrer Verarbeitung. Die Information hat sich von Atomen über DNA zu Memen in Computern weiterentwickelt. Der Mensch sei nur eine organische Maschine, ein Vehikel für Information. Und nun sei der Zeitpunkt gekommen, an dem die Information ein besseres Vehikel findet: den Cyborg. Nachdem die Materie in Form des Menschen intelligent geworden ist, soll nun eine neue Form von Intelligenz und Bewusstsein entstehen, die künstliche Intelligenz, hervorgebracht durch den Menschen, der mit dieser neuen Form zu einem neuen Wesen verschmelzen wird. Technologie wird lernen, die Mechanismen der Natur zu verwenden, aber unendlich effizienter, schneller und ohne die schwächliche Zerbrechlichkeit organischer Lebewesen.

Der Mensch, so glaubt der Transhumanismus, ist die erste Spezies, welche die Evolution der eigenen Spezies selbst in die Hand nimmt und steuert – und damit millionenfach beschleunigt.

 

Kurzweil - die sechs Epochen der Evolution


Die sechs Epochen der Evolution

Evolution wirkt indirekt: Sie erschafft eine Fähigkeit und verwendet dann diese Fähigkeit, um zur nächsten Evolutionsstufe voranzuschreiten.

Epoche 1: Physik und Chemie – Information über atomare Strukturen.

Epoche 2: Biologie – Information über die DNA.

Epoche 3: Gehirn – Information über die neuronalen Strukturen.

Epoche 4: Technologie – Information über Hardware und Softwareprogramme.

Epoche 5: Verschmelzung von Technologie und menschlicher Intelligenz – die Methoden der Biologie (einschließlich der menschlichen Intelligenz) werden in die (exponentiell wachsenden) menschlichen Technologien integriert.

Epoche 6: Das Universum erwacht – die materiellen und energetischen Strukturen im Universum werden mit Wissen und intelligenten Prozessen gesättigt. Die DNA entwickelt sich. Das Gehirn entwickelt sich. Die Technologie entwickelt sich. Die Technologie meistert die biologischen Methoden (einschließlich der menschlichen Intelligenz). Die extrem erweiterte (vorwiegend nicht-biologische) menschliche Intelligenz verbreitet sich im Universum.

 

Der Siegeszug der Technik

Derzeit verdoppelt sich die Rechenleistung von Computern alle 18 Monate. In etwa 6 Jahren werden Computer dem menschlichen Gehirn an Rechenpower weit überlegen sein. Im Jahre 2050 wird man ein Gerät, das die Rechenpower aller menschlichen Gehirne übertrifft, für den Preis einer Waschmaschine erwerben können, macht Kurzweil die Entwicklung plastisch. Rechenpower ist freilich noch lange keine Intelligenz, aber allein die Möglichkeit alarmiert weltweit die Wissenschaft: Roboter und Computer übernehmen immer größere Bereiche unseres Lebens. Ob in der Fertigung, im Operationssaal oder beim Militär, Roboter sind allgegenwärtig. Wie viel Macht dürfen Computer haben? Wie weit darf man noch gehen bei militärischen Drohnen und intelligenten Waffensystemen, die immer mehr »Entscheidungen« übernehmen sollen. Wie soll man auch in diesem Kontext mit dem möglichen Aufkommen von künstlicher Intelligenz umgehen? Welche Rechte haben intelligente Computer? Weltweit gibt es hochkarätige Konferenzen zu diesen Themen – denn all diese Fragen werden vielleicht schon in wenigen Jahren aktuell.

Die Frage, ob eine Maschine überhaupt im menschlichen Sinne »intelligent« sein kann, ist dabei an sich eine, die tiefe philosophische Fragen aufwirft. Gotthard Günther wies dies schon 1963 mit dem Argument zurück, dass die Sprache der Maschinen von Menschen geschaffen ist und damit um eine logische Dimension unter der Sprache des Menschen liegt. Das Maschinenbewusstsein könne niemals seinen eigenen Schöpfungsprozess hintersteigen, meint Günther. Es spiegele sich in diesem Verhältnis zwischen Mensch und Maschine das Verhältnis von Mensch zu Gott: Auch der Mensch sei mit der ihm eigenen Logik nicht in der Lage, seinen eigenen Schöpfungsprozess zu verstehen.
Allerdings hat Günther seine Rechnung dabei vielleicht ohne die neurologischen Schaltkreise gemacht, mit welchen das Gehirn des Menschen nachgebaut werden soll – oder den Bio-Computern, die etwa die Gehirne von Ratten als Hardware verwenden. Ob solche Rechner in Zukunft noch mit Algorithmen funktionieren oder ganz anders, das weiß heute niemand. […]

 

Lesen Sie den kompletten Artikel in der TATTVA VIVEKA 56

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 01: Marcus Schmieke – Bewusstsein und Herr Müller. Gehirn und Bewusstsein

TV 04: Mitya Perus – Analogie zwischen Quantenphysik und neuronalen Prozessen

TV 13: Dr. Fred Alan Wolf – Quantensprung ins Bewusstsein

TV 14-17: Prof. Dipl. Chem. Waltraud Wagner – Energie, Information und Form

TV 17: Ronald Engert – Das Bewusstsein der Maschinen

TV 20: Dr. Peter Gariaev – Der wellengenetische Code.
Die Morphologie des Lebens

TV 22: Dr. Ulrich Warnke – Was ist Leben?
Diesseits und Jenseits der Raum-Zeit-Netze

TV 39: Dr. Hans Höhl – Bewusste Materie. Wie entsteht Leben?

TV 50: Prof. Dr. Claudia von Werlhof – Mutter Erde oder Tod

TV 55: Dr. Andreas Freund – Transzendenzoffene Wissenschaft

 

Bildnachweis: © Studioline, kootation.com, digitalgalery

 

1Kommentar
  • Jens Heiderbusch
    Veröffentlicht um 14:55h, 06 Oktober Antworten

    Ihr Beitrag suggeriert, dass es im SInne eines Substanzdualismus etwas wie ein Selbst (bzw. Bewusstsein) gäbe. „Das Bewusstsein des Menschen emanzipiert sich von seiner stofflichen Hülle und geht in die grenzenlose Freiheit des kybernetischen Cyberspace ein.“ – mit diesem Satz führen Sie die Tradition einer philosophischen Katastrophe fort – die der sogenannten kartesianischen, der Trennung von Körper und Geist und der Annahme, dass es eine geistige Substanz gäbe, die unabhängig vom Körper existiere.
    Selbst in der Informationsverarbeitung wird der Begriff der Information gern als losgelöst vom Informationsträger behandelt – dies ist meines Erachtens eine Fehldeutung, die ebenso wie die Trennung von Genus und Sexus auf die obsolete Abhandlung Descartes zurückführt, die immer noch einen massiven Einfluss auf unser Selbstverständniss hat.
    Viel spannender als einfache und nicht falsifizierbare Antworten, scheinen mir die naturwissenschaftlichen. Sie ermöglichen dem Menschen ein tieferes Verständnis seiner Funktionen, fordern Emanzipation und Verantwortungsbewusstsein und sind flashig ohne Ende!
    Ein Regenbogen bleibt eine beeindruckende Erscheinung, selbst wenn ich sie mir physikalisch erklären kann.

    mind = matter
    matter = energy

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