Tattva Viveka Magazin
 

Gemeinsam auf dem Weg

Gemeinsam auf dem Weg

Gemeinschaft als Lebensexperiment

Autor: Claus Reimers
Kategorie: Gemeinschaften/Projekte
Ausgabe Nr: 91

Claus Reimers verbringt bereits sein halbes Leben in Gemeinschaften, von WGs über das Leben in einer Kommune zum Gemeinschaftsdorf »Schloss Tempelhof«, das er mitgegründet und realisiert hat. Im folgenden Gespräch beleuchten wir die Schönheit sowie die Herausforderungen des Gemeinschaftslebens, und Claus erlaubt uns einen lebendigen Einblick in die Lebenswirklichkeit des Schlosses Tempelhof.

Tattva Viveka: Ich begrüße Claus Reimers, der seit der Gründung im Jahr 2010 in der Gemeinschaft »Schloss Tempelhof« in Kreßberg im nördlichen Baden-Württemberg lebt. Wie entwickelte sich dein gemeinschaftlicher Werdegang? Ist Schloss Tempelhof die erste Gemeinschaft, in der du lebst?

Claus Reimers: Der Tempelhof ist nicht meine erste Gemeinschaftserfahrung. Bereits als Jugendlicher hat mich das gemeinschaftliche Leben angezogen. Als ich 16 war, wurde in der norddeutschen Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, die erste Wohngemeinschaft gegründet, in der Freunde von mir lebten. Während meines Studiums lebte ich dann selbst in einer WG und später lange Zeit in einer Kommune. Am Tempelhof bin ich von Anfang an dabei. Es gab in München einen Kreis, in dem verschiedene, schon bestehende Lebensmodelle vorgestellt wurden und über die dortigen Erfahrungen berichtet wurde. Diese Gruppe suchte bereits seit einer Weile nach einem geeigneten Objekt für ein Gemeinschaftsprojekt. 2008 haben wir uns der Gruppe angeschlossen, aber die Suche zog sich zwei weitere Jahre hin, denn die Umgebung rund um München ist teuer, und wir wollten ursprünglich nicht weiter als 40 Kilometer von München weg, da viele dort berufstätig waren. Nach zwei Jahren googelte schließlich einer »Dorf zu kaufen gesucht«, und so tauchte der Tempelhof auf. So wurde unser Gemeinschaftsdorf nach vielen Jahren Vorbereitung schließlich geboren. Die meisten Gebäude gab es bereits, jedoch standen sie lange Zeit leer und waren renovierungsbedürftig.

Gemeinsam auf dem Weg

Schloss Tempelhof mit Regenbogen - Foto: © Basti Rost

Mein Leben hing immer mit Gemeinschaft zusammen, so lange ich denken kann. Ich lebte zwar zeitweise mit Partnerin und Kindern als Familie, aber wir haben trotzdem immer nach gemeinschaftlichen Lebensmodellen Ausschau gehalten.

Mit der Poesie ist es ähnlich. Sie zog mich von Anfang an in ihren Bann.

Gemeinschaft und Poesie begleiten mich mein Leben lang.

TV: Du hobst hervor, dass du einige Jahre lang in einer Familie lebtest. Welche Unterschiede nahmst du zwischen dem Leben in einer Familie, so wie es die Menschen in Deutschland überwiegend kennen und leben, und dem Leben in einer Gemeinschaft, in der man zu seinen Mitmenschen in den meisten Fällen keine familiäre Bindung hat, wahr?

Claus: Eine Familie ist kleiner und überschaubarer. Die Größe spielt eine wesentliche Rolle. Ich habe in WGs mit fünf bis sechs Menschen zusammengelebt und ebenso lange wie in einem familiären Lebensmodell (ca. 16 Jahre) auch in großen Gemeinschaften – wie hier am Tempelhof, wo wir momentan über 100 Erwachsene und 50 Kinder sind.

Wir sind ein Dorf, in dem uns über die Beteiligung an Stiftung und Genossenschaft alles selbst gehört:

Wir haben eigene Betriebe wie Hofladen, Schule, Seminarbetrieb, Handwerksbetriebe oder Großküche, betreiben eine biologische Landwirtschaft und haben die »Schatzkammer«, einen Gib-und-Nimm-Laden, der allen zur freien Verfügung steht. Parallel dazu laufen viele soziale Prozesse, die weit über das hinausgehen, was ich im Familienleben kennengelernt habe. Als Paar und Familie zu leben, kann wunderschön sein, aber es hat auch die Tendenz zur Enge, bringt etwas Ausschließendes mit sich.

Schloss Tempelhof von oben

Schloss Tempelhof von oben - Foto: © Basti Rost

Dabei spreche ich hier sowohl als Mitglied vom Tempelhof, denn ich lebe hier und schätze es sehr, als auch als Individuum, also von mir selbst und meinen Erfahrungen, die ich sowohl in und mit Gemeinschaft als auch im Familienleben gemacht habe, und diese gehen über das, was nur den Tempelhof betrifft, hinaus.

Mittlerweile sehe ich mich weder als Single noch als Paarbeziehungs-, Wohngemeinschafts- oder Kommunemensch. Ich übe mich darin, aus mir heraus mit dem, was aktuell geschieht, spontan und stimmig umzugehen, und möchte nicht in eine Schablone gedrückt werden oder mich selbst dort hineinmanövrieren.

Gemeinschaft ist ein Konzept, ein Konstrukt, das viel Schönheit in sich birgt, aber auch viel Prozessarbeit einfordert.

Wenn man Vielfalt will und es keinen Guru gibt, der einem sagt, wo es langgeht, und dem alle folgen, kann sich das als anstrengend entpuppen.

Man muss sich mit den vielfältigen Meinungen auseinandersetzen, um zu Entscheidungen zu gelangen, die wir wirklich gemeinsam treffen.

Diese Prozesse kosten Zeit und Energie, das muss man wollen. Wenn ich das nicht möchte, ist Gemeinschaft womöglich nicht das Richtige für mich. Das habe ich in einer Familie in dem Ausmaß nicht.

Das war nur der Anfang des Artikels.

Was Claus Reimers bewogen hat nach Schloss Tempelhof zu ziehen und wie das Zusammenleben sich dort gestaltet, erfährst du in der vollständigen Fassung in Tattva Viveka 91. Auch einzeln zum Downloaden als ePaper für 2,00 € (Pdf, 9 Seiten).

Ein Leben für die Gemeinschaftsbewegung (PDF)

 2,00

Claus Reimers
Ein Leben für die Gemeinschaftsbewegung

Claus Reimers lebt in der Gemeinschaft Schloss Tempelhof, in der um die 100 Menschen miteinander leben, arbeiten und aneinanderwachsen.
 


 

Artikelnummer: TV091e_04 Kategorie: Schlagwort:

Kompletter Artikel im PDF-Format (9 Seiten)

 
 

Über den Interviewten

Unser Interviewpartner Claus Reimers

Claus Reimers, habe bereits 69 Jahre erlebt. Aufgewachsen zwischen Nord- und Ostsee, studiert, in WGs gelebt, dann in einer Kommune, schließlich als Familie, Kinder gezeugt, nun wieder in einem Gemeinschaftsdorf (Schloss Tempelhof), jetzt freier, offener und mit mehr Wunsch nach Rückzug als früher.

Leben ist weiterhin ein abenteuerliches Experiment, in dem es um Balance zwischen Anpassen und Aufrechtbleiben, Mut und Zurückhaltung, Hören, Sprechen, Schweigen und dem Finden und Zulassen von Poesie im Alltag geht.

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