Hildegard von Bingen

Hildegard von Bingen

Was ich im Gesichte schrieb

Nicht aber höre ich es mit den äußeren Ohren, noch empfange ich es in den Gedanken meines Herzens, noch irgend unter einem Beitrage meiner fünf Sinne, sondern in meiner Seele allein bei offenen äußeren Augen.

O treuer Diener, ich armselige weibliche Gestalt rede zu dir im wahren Gesichte diese Worte. Wenn es Gott gefiele, dass er in diesem Gesichte meinen Leib erhöbe, wie er die Seele erhebt, würde die Furcht aus meinem Geiste und Herzen dennoch nicht weichen, denn ich weiß, dass ich ein Mensch bin, wiewohl von meiner Kindheit an eingeschlossen. Viele Weise sind durch Wunder so verwirrt worden, dass sie manches Geheime enthüllt haben, doch um des eitlen Ruhmes willen haben sie es sich selber zugeschrieben und so sind sie gefallen. Aber die im Aufstiege der Seele von Gott die Weisheit schöpften und sich für nichts erachteten, die sind die Säulen des Himmels geworden …

Und wie sollte dies sein, wenn ich Armselige mich nicht erkennte? Gott wirkt, wo er will, zum Ruhme seines Namens und nicht des irdischen Menschen. Ich aber habe immer eine zitternde Angst, denn ich weiß keine Zuversicht irgendeiner Möglichkeit in mir; sondern meine Hände strecke ich zu Gott, dass ich wie eine Feder, die aller Schwere der Kräfte entbehrt und im Winde fliegt, von ihm getragen werde. Und was ich schaue, vermag ich nicht vollkommen zu wissen, solange ich im körperlichen Amte bin und in der unsichtbaren Seele; denn in diesen beiden ermangelt es dem Menschen.

Hildegard von Bingen

Von meiner Kindheit an aber, da ich an Gebeinen und Nerven und Adern noch nicht erstarkt war, schaue ich dieses Gesicht immer in meiner Seele bis zur gegenwärtigen Zeit, da ich schon mehr als siebzig Jahre bin und meine Seele steigt, wie Gott es will, in diesem Gesichte zur Höhe des Firmamentes und in den Wechsel verschiedener Lüfte und breitet sich zu mannigfachen Völkern hin, die in weiten Ländern und Räumen mir entfernt sind. Und da ich dies in solcher Weise in meiner Seele schaue, nehme ich es auch nach dem Wechsel der Wolkenschicht und anderer geschaffenen Dinge wahr. Nicht aber höre ich es mit den äußeren Ohren, noch empfange ich es in den Gedanken meines Herzens, noch irgend unter einem Beitrage meiner fünf Sinne, sondern in meiner Seele allein bei offenen äußeren Augen, so dass ich niemals in ihnen die Ermüdung der Ekstase erleide, sondern wachend am Tage und in der Nacht schaue ich es. Und beständig werde ich von Krankheiten bedrängt und oftmals in schwere Schmerzen so sehr verwickelt, dass sie mir den Tod zu bringen drohen; aber Gott hat mich bis zu dieser Zeit aufrechtgehalten.

Das Licht aber, das ich schaue, ist nicht örtlich, sondern weit und weit heller als die Wolke, die die Sonne trägt. Und nicht vermag ich Tiefe noch Länge noch Breite darin zu erblicken. Und genannt wird es mir der Schatten des lebendigen Lichtes. Und wie Sonne, Mond und Sterne im Wasser widerscheinen, so erglänzen mir darin die Schriften und die Reden und die Kräfte und etliche Werke der Menschen im Gebilde.

Was ich aber in diesem Gesichte schauen oder erfahren mag, dessen Gedächtnis habe ich durch eine lange Zeit, so dass ich mich entsinne, wann ich es geschaut und vernommen habe. Und zur gleichen Zeit sehe ich und höre ich und weiß ich es, und was ich weiß, besitze ich im Augenblick. Was ich aber nicht schaue, das weiß ich nicht, denn ich bin ohne Gelehrsamkeit, und nur die Buchstaben in Einfalt zu lesen bin ich unterwiesen worden.

Und was ich im Gesichte schreibe, das sehe und höre ich, und ich setze keine anderen Worte, als die ich höre, und in ungefeilter Sprache bringe ich sie vor sowie ich sie im Gesichte höre.

Denn nicht wie die Philosophen schreiben, werde ich in diesem Gesichte zu schreiben gelehrt. Und die Worte in diesem Gesichte sind nicht wie die Worte, die aus dem Munde des Menschen tönen, sondern wie eine schwingende Flamme und wie eine Wolke in reiner Luft bewegt.

Dieses Lichtes Gestalt vermag ich in keiner Weise zu erkennen, wie ich das Kreisrund der Sonne nicht vollkommen anblicken kann. In diesem Lichte aber sehe ich zuweilen und nicht häufig ein anderes Licht, das mir das lebendige Licht genannt wird, und wann und in welcher Weise ich dieses sehe, das weiß ich nicht zu sagen. Und da ich es schaue, wird mir alle Traurigkeit und alle Not entrafft, also dass ich alsdann die Sitten eines einfältigen Mägdleins und nicht einer alten Frau habe.

Aber wegen der beständigen Schwäche, die ich leide, widerstrebt es mir, die Worte und die Gesichte, die mir da gezeigt werden, auszusprechen. Doch bin ich in der Zeit, da meine Seele sie schaut und genießt, in eine so andere Verfassung gebracht, dass ich, wie ich sagte, alles Weh und Leid dem Vergessen übergebe. Und was ich da in diesem Gesichte schaue und vernehme, das schöpft meine Seele wie aus einer Quelle, die jedoch bleibt voll und unerschöpft. Meine Seele aber entbehrt zu keiner Stunde jenes Lichtes, das der Schatten des lebendigen Lichtes geheißen wird. Und ich schaue es, wie ich in einer lichten Wolke das Firmament ohne Sterne betrachte. Und darin schaue ich, was ich oftmals rede und was ich antworte, wenn man mich nach dem Blitze jenes lebendigen Lichtes befragt.

Rationales Denken und Profitorientierung sind zwei Merkmale der gegenwärtig evolutionär erschlossenen Bewusstseinsstruktur. Doch die Evolution steht nicht still. Es zeichnen sich bereits eine zukünftige Ebene und neue Strukturen ab, die es zu erforschen gilt. Dabei ist die Auseinandersetzung mit den bisher im Verlauf der Evolution durchschrittenen Ebenen des Bewusstseins zur Orientierung hilfreich. Wir wollen diese knapp nachvollziehen und markante Phasenübergänge herausarbeiten, um eine Perspektive für das Kommende zu gewinnen. Dabei werden naturwissenschaftliche Befunde mit philosophischen Aussagen in Verbindung gebracht.

Aus: Brief an Gilbert von Gembloux, in: Analecta Sanctae Hildegardis Spicilegio Solesmensi parata ed. J. B. Card. Pitra. Paris 1882
– Buber 1993: S. 115–117

Hildegard von Bingen

Hildegard von Bingen

Hildegard (1100–1178) wird als zehntes Kind des Edelfreien Hildebert von Bermersheim und seiner Frau Mechthild in Bermersheim bei Alzey geboren. Im Alter von acht Jahren wird Hildegard von ihren Eltern der Klausnerin Jutta von Sponheim auf dem Disibodenberg zur geistlichen Erziehung übergeben. Die Klause war am dort beheimateten Mönchskloster angebaut. Im Kloster wird das Kind Hildegard im Singen der Psalmen und der Gesänge Davids unterwiesen. Des Weiteren erhielt die junge Hildegard Unterricht in der »Regula Benedicti«, in der Liturgie und in Teilen der »Artes Liberales« (Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik und Grammatik). Die junge Hildegard kam in den Genuss dieser umfassenden Bildung und Ausbildung, da die Klöster der Benediktiner zu dieser Zeit Hochburgen der Wissenschaften und Zentren der Begegnung für Künste und Bildung waren.
Mit circa 15 Jahren legt Hildegard die heiligen Gelübde ab und wird Benediktinerin.
Nach dem Tode der Klausnerin Jutta von Sponheim wird Hildegard im Alter von 38 Jahren einstimmig zur geistlichen Mutter des sich in der Entwicklung befindenden Frauenklosters gewählt.
Vier Jahre später erhält Hildegard den göttlichen Auftrag, alles zu dokumentieren und zu verkünden, was ihr in dieser ersten und den weiteren Visionen offenbart wird. Dies ist der Beginn eines Schriftwerkes, das in der europäischen Geschichte des Mittelalters beispiellos ist. Denn selbst von den männlichen Zeitgenossen der Hildegard von Bingen ist kein so umfangreiches Textwerk überliefert. Ihr erstes Werk entsteht, »SCIVIAS«, übersetzt lautet der Titel: »Wisse die Wege«. Diese Schau von der Schöpfung und der Erlösung der Welt schreibt Hildegard mit der Unterstützung des Mönches Volmar und der Nonne Richardis von Stade.
Ihre intuitive Begabung zur Vision erklärt die Benediktinerin Hildegard als ein plötzlich über sie kommendes Wissen über den Sinn der Heiligen Schriften. Im Zustand der Vision erschließen sich ihr die tieferen Geheimnisse der göttlichen Schriften. Sie legte auch immer großen Wert auf die Feststellung, dass sie ihre Visionen nicht in einer Ekstase oder anders gearteten Entrückung erhielte, sondern sich dabei immer im klaren Wachzustand befinde.

Im Vorfeld der päpstlichen Synode von Trier in den Jahren 1147/1148 hatte eine vom Papst eingesetzte Kommission die Sehergabe von Hildegard von Bingen geprüft und bestätigt. Als Konsequenz erkennt Papst Eugen der Dritte offiziell die Sehergabe an, indem er aus ihrem Werk SCIVIA vorträgt und sie zur Weiterführung ihres Schaffens ermutigt.

Quelle: Wikipedia

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Im vollständigen Artikel findet sich nicht nur dieser von Gott durchflutete Bericht, sondern auch weitere tiefgreifende spirituelle Erfahrungen von Mystikerinnen und Mystikern aus unterschiedlichen Zeiten und Orten, die von ihren Erlebnissen in und durch Gott berichten. Mit einem Vorwort des Religionsphilosophen Martin Buber über das Wesen der Mystik.

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