01 Sep. Aufbruch in die Metamoderne
Transformationsprozesse verstehen und gestalten
Autor: Prof. Dr. Maik Hosang
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 104
In welche Richtung werden sich das Individuum, die Arbeitswelt und die gesamte Gesellschaft entwickeln, wenn in nicht allzu ferner Zukunft vermehrt Aufgaben von Maschinen und der Künstlichen Intelligenz übernommen werden und die Notwendigkeit für den Lebensunterhalt in den Hintergrund tritt? In Anbetracht dieses Paradigmenwechsels benötigen wir eine neue Sprache, welche die positiven Aspekte hervorhebt und Gestaltungsmöglichkeiten offenlegt. Wie den der Metamoderne, der nicht nur eine neue Kulturform, sondern vielmehr ein Lebensgefühl zum Ausdruck bringt, das von Kreativität, Verbundenheit und Selbstentfaltung geprägt ist.
Tattva Viveka: Lieber Prof. Dr. Maik Hosang, seit mittlerweile 30 Jahren widmen Sie sich der Erforschung gesellschaftlicher Transformationsprozesse, insbesondere an den Schnittstellen von Philosophie, Sozialökologie, Bewusstsein, Liebe und Kreativität. Um die gegenwärtigen tiefgreifenden Veränderungen wirklich zu verstehen, ist es notwendig, unter die Oberfläche zu blicken und die komplexen Verflechtungen zwischen Individuum, Gesellschaft und unserer gesamten Kultur zu betrachten. Die Sozialökologie ist eine Wissenschaftsrichtung, die sich dem Studium der wechselseitigen Beziehungen widmet und daraus zukunftsweisende Ansätze ableitet. Könnten Sie uns den Begriff der Sozialökologie näher erläutern und erklären, wie er mit dem Konzept der Tiefenkultur zusammenhängt?
Prof. Dr. Maik Hosang: Man muss den Begriff »Sozialökologie« als eine Art Krückenbegriff betrachten. 1990, nach dem Mauerfall, gründeten Rudolf Bahro, weitere Kollegen und ich das Institut für Sozialökologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Man hätte es auch Institut für Zukunftsforschung nennen können, doch das erschien uns als zu allgemein. Die Sozialökologie zielt darauf ab, eine Verbindung zwischen der Natur im Außen – dem, was man aktuell als Ökologie bezeichnet –, dem Menschen und der Gesellschaft zu knüpfen. Dabei werden die wechselseitigen Beziehungen und Zusammenhänge zwischen diesen drei fundamentalen Bereichen tiefgreifender und systemischer erforscht, als man es unter der Linse des traditionellen Umweltschutzes zum Beispiel tut.
Es ist unübersehbar, dass wir im Übergang zu einer noch völlig neuen Form von Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft stehen.
Betrachtet man gegenwärtig das Verhältnis Natur-Mensch-Gesellschaft, stellt man fest, dass unsere Gesellschaft momentan ökologische Gleichgewichte zerstört und daraufhin versucht, mit viel Technik, das Schiefgeratene wieder ins Lot zu bringen, was offensichtlich nur beschränkt gelingt. Die Sozialökologie untersucht nicht nur diesen Missstand, sondern fragt, welche Interessen, Triebkräfte und Konstellationen bewirken, dass Menschen sich so verhalten, und wie man dies ändern könnte. Sie betrachtet die tiefenkulturelle Ebene des Problems, welche durch das Eisbergmodell veranschaulicht wird. Oberhalb der Wasserfläche sehen wir Theatervorstellungen, Museen, Kleidungsstile, doch unterhalb der Wasseroberfläche, analog zum Bild des Eisbergs, befindet sich der deutlich größere Teil der Kultur, der weitgehend aus unbewussten Werten, Normen, Erwartungen, Bedürfnissen, Interessen und Gefühlen besteht, über die selten geredet wird. Wir bewegen uns darin wie der Fisch im Wasser und nehmen meistens das, was wir täglich denken, fühlen und tun, nicht bewusst wahr. Im Forschungsfeld der Tiefenkultur bemüht man sich darum, die unbewussten, kollektiven Felder, Konstellationen, Gedanken, Normen, Werte und Gefühle zu ergründen und zu verstehen.
TV: Momentan erleben wir eine Zeit des tiefgreifenden Wandels, in der sich traditionelle und scheinbar starre Strukturen zunehmend auflösen oder weiterentwickeln. Der Wandel ist besonders prägnant in der Arbeitswelt zu beobachten, wo sich neue Arbeitsformen etablieren. Es findet eine Transformation weg vom klassischen 9-to-5-Büro- oder Fabrikjob mit hierarchischen Ordnungen hin zu flexiblen, digitalen Arbeitsstrukturen statt, die neue Qualitäten wie Selbstführung und Selbstorganisation erfordern. Wie lassen sich diese Veränderungen tiefenkulturell deuten?
Hosang: Es ist unübersehbar, dass wir im Übergang zu einer noch völlig neuen Form von Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft stehen. Diese Entwicklung steht im engen Zusammenhang mit den neuen Technologien, dem Internet und der künstlichen Intelligenz, da in nahender Zukunft zahlreiche Tätigkeiten, die bisher Menschen ausgeübt haben oder ausüben mussten – wie körperlich fordernde Tätigkeiten, Routinearbeiten und Verwaltungsaufgaben –, technologisch ausgelagert werden und von der KI übernommen werden können. Dies wird dazu führen, dass bis zu zwei Drittel der heutigen Tätigkeiten überflüssig werden. Wann dies eintritt, ist derzeit ungewiss, es könnte jedoch sehr schnell geschehen. Die gegenwärtigen Arbeitsstrukturen sind von der protestantischen Arbeitsethik, wie von Max Weber beschrieben, geprägt und zeichnen sich durch ein tiefes Pflichtgefühl, Fleiß und Effizienz aus. Diese Eigenschaften waren über Jahrhunderte hinweg essenziell, um in den kalten nordischen Klimazonen zu überleben.
Eine Schlüsselkompetenz der Metamoderne wird es sein, das Ich-Sein und die Ich-Freiheit miteinander zu verbinden.
Angesichts der bevorstehenden Veränderungen werden genau diese traditionellen Arbeitsstrukturen und Werte aufgebrochen, da es schlichtweg nicht mehr notwendig sein wird, dass Menschen den Großteil ihrer Zeit für Arbeit aufbringen. Aktuelle Tendenzen weisen darauf hin, dass den Menschen viel mehr Zeit und Muße zur Verfügung stehen wird.
Die anschließende spannende Frage ist: Was machen wir mit den neuen Freiheiten? Die Perspektive, aus der heraus sich der von Frithjof Bergmann geprägte Begriff »New Work« entwickelte, besagt, dass wir unsere Arbeitsweise und ihren Zeitaufwand neu definieren und organisieren werden. Die Zeit könnte zwischen klassischer Erwerbsarbeit, Care-Arbeit und Naturarbeit ausgewogen verteilt werden: ein Drittel der Zeit für die klassische Erwerbsarbeit, ein Drittel der Zeit für Care-Arbeit, in der man sich um andere Menschen kümmert, und ein Drittel der Zeit für ökologische Naturarbeit, in der man sich selbst versorgt oder einer anderen Tätigkeit in und mit der Natur nachgeht. In diesem Kontext stellt sich jedoch die Frage, ob es überhaupt noch sinnvoll ist, von Work, also Arbeit zu sprechen, oder ob es passendere Bezeichnungen gibt, wie Tätigkeitsgesellschaft oder Entwicklungsgesellschaft.
TV: Lange Zeit war die vorherrschende Meinung, dass uns die Maschinen von der Arbeit befreien werden. Doch nun, da dies tatsächlich in greifbarer Zukunft geschehen könnte, scheinen die Menschen sehr verängstigt von dieser Tatsache zu sein. Denn der Großteil der Menschen stellt sich aktuell weniger die Frage, was er mit all seiner freien Zeit anstellen soll, sondern vielmehr, wie er ein Einkommen ohne Arbeit generieren soll. Bisher gibt es darauf noch keine konkrete Antwort, wobei bereits Ansätze wie das bedingungslose Grundeinkommen existieren.
Hosang: Es steht uns eine umfassendere Transformation bevor, die man komplexer denken muss. Wirtschaft, Arbeit, Gesellschaft, Verteilung von Reichtum und Bildung werden sich neu organisieren müssen. Doch leider wurden bisher wenige zukunftsweisende Konzepte entwickelt. Aktuell benötigen wir eine vielseitig aufgestellte Zukunftsforschung, die Studien und Experimente durchführt, um herauszufinden, welche Strategien und Werkzeuge uns bei dieser Transformation hilfreich sein werden. Bedauerlicherweise wird dies bisher nur fragmentarisch umgesetzt.
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Tattva Viveka Nr. 104
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Schwerpunkt: Neue Arbeit
Erschienen: September 2025
Dirk Grosser – Arbeit als sichtbar gemachte Liebe • Werner Heussinger & Heike Görner – Digitalisierung und Künstliche Intelligenz • Prof. Dr. Maik Hosang – Aufbruch in die Metamoderne • Stephen Reid – »Es geht um eine Werteverschiebung in der Gesellschaft« • Dr. Johannes Hartl – Mit Fokus seine Berufung finden • Nicole Schröter – Human Design: Erwecke dein wahres Potenzial • Bernadette Siebers – Führung von innen • Dr. Dr. Walter von Lucadou – Parapsychologie: Ein Beitrag zur Bewusstseinsforschung (2) • Waltraud Hönes – Weltenwandern • Buchbesprechungen • u.v.m.
Zum Interviewten
Maik Hosang ist Prof. für Kulturwissenschaften, Kultur- und Sozialökologe und leitet den Studiengang »Kultur und Management« an der Hochschule. Er erforscht menschliche Transformationspotenziale und gesellschaftliche Transformationsprozesse, gestaltet philosophische Erlebniswelten und schreibt Bücher wie »Die Kunst des Liebens im Tun«, »Der integrale Mensch« und »Die Metamoderne«.
Webseite: www.cocre.eu
Prof. Dr. Maik Hosang & Prof. Dr. Gerald Hüther (Hg.)
Die Metamoderne: Neue Wege zur Entpolarisierung und Befriedung der Gesellschaft
V&R, 2024, 312 S., 35€
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