Rezension: Holm Hümmler: Relativer Quantenquark

Rezension: Holm Hümmler: Relativer Quantenquark

Kann die moderne Physik die Esoterik belegen?

Erschienen 2019 im Springer-Verlag, 273 Seiten, 19,90 €.

Kategorie: Physik
Rezensent: Dr. Stephan Krall

Ein Buch in der Tattva Viveka zu besprechen, das eine Attacke gegen diese Zeitung und auch mich persönlich reitet, kann das gutgehen? Ich will es versuchen.

Es handelt sich um die zweite erweiterte und aktualisierte Auflage. Das Anliegen des Autors ist die Tatsache, dass seiner Meinung nach vor allem mit der Relativitätstheorie und der Quantenphysik in Esoterikkreisen Schindluder getrieben wird und diese beiden Physiken für alles herhalten müssen.

Das Buch ist gut aufgebaut und flüssig, auch witzig geschrieben. Allerdings mit spitzem Stift und scharfer Zunge. Das ist aber in meinen Augen statthaft, wenngleich in Deutschland nicht so verbreitet und beliebt, wie in anderen Ländern.

Holm Hümmler teilt das Buch in zwei Teile. Die erste Hälfte beschreibt sehr ausführlich und kompetent – er ist Kernphysiker – die moderne Physik und ihre Geschichte. Am Ende jedes Abschnitts gibt es ein Kästchen »Zum Mitnehmen«, in dem die zentrale Nachricht noch einmal zusammengefasst wird. Und eingestreut sind weitere Kästchen, die mit »Quarkstückchen« betitelt sind, und in denen bereits in Kürze jeweils Bezug auf die esoterische Deutung dieser Physik genommen wird.

Nach diesen Kapiteln 1-5 kommt dann der »Frontalangriff«. Im Kapitel 6 werden bekannte Personen, deren Theorien sich im Bereich der Grenzwissenschaften bewegen, die aber von ihrem Hintergrund und Werdegang ernstzunehmende und auch in den Augen von Hümmler gute Wissenschaftler sind oder zu Beginn ihrer Karrieren waren, ausführlich abgearbeitet : Burkhard Heim, Hans-Peter Dürr, Markolf Niemz, Walter von Lucadou, Hartmann Römer und auch Thomas und Brigitte Görnitz.

Burkhard Heim wird als im Standardmodell der Physik gefangen, äußerst schwer verständlich und von seinen Theorien als nicht korrekt dargestellt. Hans-Peter Dürr wird vorgeworfen, sich von seiner Kernkompetenz in der Physik zu weit in das Gebiet der Politik und auch Esoterik begeben zu haben, wo er vor allem wegen seines Namens gehört wurde und nicht unbedingt wegen seiner Kompetenz. Walter von Lucadou, Hartmann Römer und Mitarbeiter werden wegen einer von ihnen entwickelten »Verallgemeinerten Quantenphysik« kritisiert, die nach Hümmler nichts mit Quanten zu tun hat. Mit Thomas und Brigitte Görnitz wird etwas pfleglicher umgegangen und ihre Theorie als legitim, wenn auch nicht weiterführend und altmodisch bezeichnet. Ihnen wird vorgeworfen, in der der Hare-Krishna-Bewegung nahestehenden Zeitschrift Tattva Viveka veröffentlicht und damit der Esoterikbewegung die Tür geöffnet zu haben, diese Theorie zu vereinnahmen.

Im Kapitel 7 werden all die behandelt, die Hümmler mit ihren Theorien, Therapien und Geräten für absurd und damit völligen Quantenquark hält. Das sind meist ebenfalls bekannten Namen wie Konstantin Meyl, Ulrich Warnke, Marcus Schmieke, Deepak Chopra, Rupert Sheldrake und eine ganze Reihe andere. Überraschend ist, dass unter diese Kategorie auch Fritz-Albert Popp fällt, mit dem hart ins Gericht gegangen wird, weil er sich auf Gebiete begeben hat, in denen seine Theorie nach Hümmler keine Belege mehr lieferte, z. B. die Krebsforschung. Popps Annahme der Bedeutung von Photonen in den Regulationsprozessen lehnt Hümmler rundweg ab.

Im letzten Kapitel 8 versucht Hümmler noch einmal deutlich zu machen, wie Quantenquark entsteht und wie man ihn erkennen und auch selber welchen anrühren kann.

Was ist mein Fazit? Wer Theorien, Therapien und Geräte produziert, die sich auf Albert Einstein, Max Planck und Werner Heisenberg berufen, der muss sich auch Kritik von einem Wissenschaftler gefallen lassen, der selber Physiker ist und sich sehr gut auszukennen scheint. Vieles an der Kritik von Hümmler ist nachvollziehbar, weil die Esoterikszene tatsächlich viel Unfug mit Quantenphysik und Relativitätstheorie begründet, von Quantenheilung bis Quantendiät. Da aber Hümmler selber schreibt, dass Wissenschaft sich stets weiterentwickelt, und manches, was heute als wahr erscheint, in Zukunft falsch sein kann, sollte auch die umgekehrte Annahme gelten. Es gibt vielleicht Dinge, die heute als falsch gelten, aber morgen durchaus das Körnchen Wahrheit zu einer Fortentwicklung der Wissenschaft beitragen können.

Ich glaube z. B., dass Hümmler die Rolle, die Photonen in Regulationsprozessen bis hin zum Bewusstsein spielen, völlig unterschätzt. Und damit im Zusammenhang sieht Hümmler nicht die Bedeutung, die Quantenprozesse in Lebewesen pielen, obwohl sich neue Erkenntnisse dazu häufen. Er selber geht einerseits ausführlich auf das 2015 auf Deutsch erschienene Buch »Der Quantenbeat des Lebens« der beiden Wissenschaftler Jim Al-Khalili und Johnjoe McFadden ein und schreibt: »Möglicherweise kann man es als grundsätzliches Merkmal von Prozessen in lebenden Zellen betrachten, dass sie in der Lage sind, bestimmte Quanteneffekte innerhalb von Molekülen von der Außenwelt abzuschirmen.« An anderer Stelle schreibt er, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass Quanteneffekte in biologischen Systemen überhaupt möglich sind, und dass kein Molekül von der Umwelt isoliert auftritt, also immer Dekohärenz eintritt. Das widerspricht sich.

Das Buch einfach als Quark zu verdammen und sich weiter nur in den Kreisen zu bewegen, in denen man die Bestätigung bekommt, die man sich wünscht, wäre falsch, von beiden Seiten. Ein Problem könnte sein, dass es manchen auf Seiten der sog. Esoterik nicht (nur) um die Suche nach Wahrheit geht, sondern kommerzielle Interessen im Spiel sind, bestimmte Therapien oder Geräte zu verkaufen. Es könnte durchaus sein, dass man dafür schon mal Neune grade sein lässt.

Mich hat das Buch durchaus bereichert. Und auch wenn ich mich damit nach Hümmler in die Nähe der Esoterik begebe, denn auch ich werde wegen eines Artikels in der Tattva Viveka zitiert, werde ich weiterhin in dieser Zeitschrift schreiben, wenn man mich darum bittet. Deswegen muss ich noch lange kein Esoteriker sein. Gerade diese Offenheit ist wichtig. Frühere Forscher waren nicht nur Physiker, Chemiker und Biologen, sondern auch Philosophen, Theologen und Naturwissenschaftler in einer Person, wie z. B. der große Isaac Newton, dem sogar die Alchemie genauso wichtig wie die Physik war.

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