Die Schweibenalp – eine spirituelle Familie

Die Schweibenalp – eine spirituelle Familie

Das »Zentrum der Einheit Schweibenalp«

Interview mit dem Gründer des »Zentrums der Einheit Schweibenalp«

Autor: Sundar Robert Dreyfus
Kategorie: Gemeinschaften
Ausgabe Nr: 62

 

 

Spirituelle Gemeinschaften verstehen sich als alternativer Lebensentwurf mit dem Anspruch, ein besseres Leben zu praktizieren. Das Zentrum der Einheit existiert schon über 30 Jahre und hat viele Wandlungen erlebt. Die Evolution des Menschen, Spiritualität, zwischenmenschliche Beziehungen, Ökologie und Ökonomie sind die fünf großen Themen dieser Gemeinschaft. Die Redaktion sprach mit dem Gründer über Menschliches, Göttliches und die Verbindung von allem.

 

Tattva Viveka: Wir sind hier an einem wunderschönen Ort hoch in den Bergen über dem Brienzer See in der Schweiz. Wie ist es zu diesem Begegnungsort gekommen?

Sundar: Das »Zentrum der Einheit Schweibenalp« ist seit über 30 Jahren ein Begegnungsort der geistigen Strömungen – der geistigen Strömungen der Vergangenheit, der Gegenwart, der Zukunft und der geistigen Wahrheiten der Ewigkeit, des Sanatana Dharma. Das Zentrum der Einheit ist kein theoretischer Ort. Alles was wir hier bearbeiten, wird sowohl geistig als auch im Zwischenmenschlichen und in der materiellen Umsetzung in der Praxis studiert und experimentiert. Das ist, was uns ausmacht: dass wir uns zur Aufgabe setzten, etwas umzusetzen. Das hat sehr viel mit dem Initiator dieses Projekts zu tun, Haidakhan Baba – auch Sri Mahavatar Babaji genannt –, der mir vor 33 Jahren den Auftrag gegeben hat, hier in der Schweiz einen Ashram und ein Zentrum zu gründen, das auch zeitweise als eine spirituelle Akademie des Westens bezeichnet wurde. Eine spirituelle Akademie ist immer eine Akademie, in der das gelebt werden muss, was theoretische und konzeptionelle Grundlagen sind.

 

Das »Zentrum der Einheit Schweibenalp«

 

TV: Wie ist der Impuls entstanden? Was stand spirituell dahinter? Wie ist deine Begegnung mit Haidakhan Babaji verlaufen?

Sundar: Ich bin als Arzt und Psychiater ausgebildet und habe hebräische Wurzeln in mir. Ich habe mich in jungen Jahren intensiv mit Buddhismus und mit Christus befasst, insbesondere habe ich viele Jahre Vipassana meditiert und den Theravada-Buddhismus studiert. Ich bin zudem ein Mensch, der politisch denkt und aktiv ist und habe in den 68er-Jahren und danach die psychedelische Revolution mitgemacht. Ich habe bewusstseinserweiternde Substanzen nicht konsumiert, sondern damit experimentiert und dabei auch in Welten des Innern geschaut. Schon sehr früh, Ende 60er und Anfang der 70er habe ich mich dem Studium des Yoga, der Kabbala und verschiedenen anderen Schulen zugewandt.
In einer großen Lebenskrise 1979 habe ich mich zu Haidakhan Baba nach Indien gerufen gefühlt. Ich wusste eigentlich nicht genau, was ein Avatar ist. Ob es ein Shiva-Avatar ist, war mir in dem Moment egal. Ich war in einer schweren Krise, obwohl ich als Arzt arbeitete und mein Institut hatte. Das war nach außen nicht so sichtbar.
In der Begegnung mit Haidakhan Babaji erfuhr ich zum ersten Mal den spirituellen Aspekt des Bhakti, der Hingabe, als ein Yoga. Ich machte die Gotteserfahrung, die mein Leben komplett verändert hat.
Ich kann nur sagen, dass diese Begegnung die wichtigste Begebenheit in meinem Leben ist und dass ich in den letzten 30 Jahren eigentlich immer mehr diese Erfahrung und dieses Wesen in mir aufnehme. Ich fühle mich Babaji heute näher als je zuvor, ohne dass er außen als eine Figur oder als eine Form noch irgendeine Wichtigkeit hätte. Nicht, dass ich nicht deshalb weiterhin Pujas, Feuerzeremonien oder Mantra-Meditation auf der Gebetskette mache, aber es ist eher, um auch mit der Form zu arbeiten, weil ich glaube, dass diese Formen hilfreich und für Menschen auf dem Weg sehr wichtig sind. Spirituelle Praxis ist ein ganz wichtiger Weg zu sich selbst und ich denke, jeder Mensch, der sich auf diesem Weg befindet, braucht lange Phasen, in denen die Praxis ihn begleitet und hilft, vorwärtszukommen.

Die Einzigartigkeit ist das Wunder.

Nachdem ich zuerst im Auftrage Babajis geholfen hatte, in Italien einen Ashram aufzubauen, sagte er mir nach zwei Jahren, ich solle nun in der Schweiz ein Zentrum und einen Ashram gründen, wo sowohl das Weltliche wie das Spirituelle erfahrbar ist. Mehr hat er mir eigentlich nie gesagt. Bei weiteren Fragen vermied er die Antworten. Er wollte eindeutig, dass ich in mir spüre, wie es sein muss. Dies hat sich nachher als richtig erwiesen, weil er 1984 ja schon seinen Körper verlassen hat. Ich habe dann diesen Ort hier im Berner Oberland gefunden und eine Stiftung gegründet, die diesen gekauft hat. Es war ein alter, relativ heruntergekommener Ort, doch immerhin ein Anwesen mit 10 ha Wald, 10 ha Land und vier Häusern, am Nordhang auf 1.100 Metern gelegen, wunderschön an einem Bach nahe des Brienzer Sees. Ich zog dann einfach mit einer kleinen Puja-Ausrüstung, mit meiner Motorsäge und meiner Schubkarre hier ein und fing an zu arbeiten und zu praktizieren. Dann kamen sehr viele Menschen und ich denke, dass damals mein Enthusiasmus, meine Hingabe und mein Pioniergeist sehr stark waren. Ich war 35 Jahre alt und die Begegnung mit Babaji hatte alle meine Zellen aktiviert. Der Ort ist zu einem richtigen Pionierort geworden. Viele Menschen kamen, es hat damals noch nicht viele solcher Zentren in Europa gegeben. Wir sind ja auch das »Zentrum der Einheit«, d. h., von Anfang an haben wir Juden, Christen, Moslems, Buddhisten, Hindus und Menschen aus den eingeborenen Traditionen, aus China und Afrika willkommen geheißen, sowie überhaupt alle Menschen, die suchen, und eigentlich alle Menschen, die sich der spirituellen Familie der Erde zugehörig fühlen.
Das ist, denke ich, eine der ganz wichtigen Aufgaben der Schweibenalp, eine Heimstätte für die globale spirituelle Familie zu sein. Da gibt es so viele Varianten, so wie eine Küche viele verschiedene Varianten hat, von Schokoladenpudding über die Himbeercreme über die scharfen Spagetti-Saucen, ja so viele wunderbare Dinge, die man gar nicht wirklich vergleichen kann, und so wie der Wald viele Tiere und Vögel hat und die Musik viele verschiedene Ausdrucksformen kennt, so hat auch die geistige Welt verschiedene Ausdrucksformen und so gibt es auch verschiedene spirituelle Wege, die zum Glück so vielfältig sind, dass die Menschen, welche verschiedene Charaktere, verschiedene Talente und verschiedene Vorzüge mitbringen, alle eine Möglichkeit haben, irgendwo einen Geschmack zu finden, der sie anzieht, der sie zum Göttlichen verführt.
Insofern war die Aufgabe vom »Zentrum der Einheit« ein Traum von MIR. Ich muss sagen, das ist schon mein eigener Traum gewesen, den mir das Göttliche nochmals eingepflanzt hat und mir den Mut gegeben hat, ihn umzusetzen. Schon viele Male habe ich mich gefragt, wie ich mir das habe aufhalsen können, weil so etwas wie »Zentrum der Einheit« so wunderbar klingt, aber allein schon durch den Namen ein Zentrum der Vielfalt wird, weil die Einheit bedeutet, dass alle kommen können. Und dann wird manifest, wie vielfältig und verschieden wir sind. Und so sind wir eigentlich immer ein Haufen unglaublich verschiedener Menschen, die hierherkommen, und wir veranstalten eben auch eine Menge von Seminaren und Festivals von verschiedenem Charakter, sodass der Ort wirklich diesen großen Blumenstrauß darstellt, der auf der Welt existiert. Das ist natürlich in der Praxis eine große Herausforderung.

 

Das »Zentrum der Einheit Schweibenalp«

 

TV: Angewandte Dialektik von Einheit und Verschiedenheit.

Sundar: Oder Einzigartigkeit und Vielfalt – ich würde sagen: Die Einzigartigkeit ist das Wunder. Gleichzeitig die Einheit und die Einzigartigkeit eines jeden zu zelebrieren, da kommen das Individuelle und das Kollektive zum Zug und das ist schon eine wichtige Arbeit, sowohl das Einzigartige eines jeden als auch die Vielfalt des Kollektivs und der ganzen Menschheit zu fördern. Wir sind auch wirklich ganz bewusst damit beschäftigt, dass jeder an sich arbeiten kann, dass wir hier an der Gemeinschaft des Ortes mitwirken, so wie wir gleichzeitig auch ganz klar Teil eines weltweiten Netzwerks sind. Wir sehen uns in keiner Weise als etwas Alleinstehendes, sondern definieren uns als ein Sammelpunkt in einem weltweiten Netzwerk von entstehenden Gemeinschaften, die ein neues Bewusstsein, eine neue Lebenskultur auf der Erde manifestieren möchten.
Die Schweibenalp, das Zentrum der Einheit, war die ersten 25 Jahre der Entwicklung des Einzelnen, der Entfaltung des Netzwerks, aber auch ganz stark der interreligiösen und interkulturellen Friedensarbeit geweiht. Es war unser erster Auftrag, interreligiöse Friedensarbeit und interkulturelle Arbeit zu machen und dafür ein morphogenetisches Feld aufzubauen. Dazu haben wir Menschen aus allen Traditionen eingeladen und haben zusammen gefeiert, zusammen gebetet, zusammen gesprochen, getanzt und gesungen. Das war eine schöne Zeit und dieser Geist hat sich dann auch in großen Teilen der Erde manifestiert. Heute gibt es kaum eine Stadt, in der nicht Einheitsgottesdienste stattfinden, wo Moslems und Christen, Juden und Hindus zusammenkommen und diese höhere Einheit manifestieren.

Für mich ist die Gemeinschaft die ganze Schöpfung.

Vor etwa 10 Jahren hat sich der Fokus der Schweibenalp verändert, und etwas von dieser interreligiösen Friedensarbeit wegbewegt, bzw. haben wir uns eigentlich vom traditionell Religiösen und Spirituellen ein bisschen abgelöst. Der Auftrag war erfüllt, soweit gerade möglich. Wir sollten uns in der kommenden Zeit für alle gesellschaftlichen Gruppen öffnen. Früher war unser ganzes Anwesen ein Ashram bzw. ein Tempel. Jetzt hat sich der Ashram bewusst in einen kleineren Bereich zurückgezogen, wo Tempel und Feuerstelle sind, und der Rest des Ortes ist nicht mehr sakral, sondern sehr weltlich. Eigentlich sind wir heute darauf ausgerichtet, bei der Erschaffung neuer Modelle des Zusammenlebens mitzuwirken. Wir glauben, dass sich das Zivilisationssystem, wie es auf der Erde existiert, im Moment selbst zerstört, so wie sich unseres Erachtens schon mehrere Zivilisationen vorher zerstört haben. Dennoch möchten wir darauf hinwirken, dass der Mensch lernt, auf andere Art und Weise zusammen mit anderen zu leben. Deswegen fokussieren wir uns jetzt auf vier Aspekte. Erstens auf die Ökologie, das bedeutet für uns zu lernen, wirklich nachhaltig mit den Ressourcen der Natur umzugehen und mit der Natur in Frieden und in Harmonie zu leben. Als Zweites fokussieren wir uns auf Ökonomie. Wie können wir miteinander teilen? Wie können wir Systeme finden, in denen der Fluss der Energie offen, transparent und gerecht untereinander ist, mit uns in der Gemeinschaft? Das äußert sich heute zum Beispiel darin, dass wir keine Löhne mehr haben, sondern jeder sagt, was er braucht, und wir teilen das, was wir erwirtschaften. Natürlich geht ein Teil als Spenden nach außen und in Programme, die finanziell nichts bringen oder sogar von uns finanziert werden müssen, wie die Arbeit mit den jungen Menschen, die noch kein großes Einkommen haben. Das Gleiche geschieht in unseren Arbeitsabläufen, in denen wir anfangen, mit einer ganz flachen Hierarchie zu arbeiten. Das sind alles Experimente, die wir eben als Gemeinschaft machen können, und die in der Welt sonst sehr schwierig zu machen sind, wenn man einzeln oder ganz stark im Geflecht ist. Insofern sehen wir Gemeinschaften im Moment als nützliches Werkzeug, um Modelle auszuprobieren.

 

Das »Zentrum der Einheit Schweibenalp«

 

Im Aspekt des Sozialen, geht es darum, das Zusammenleben, die Beziehungen zwischen Mann und Frau, zwischen Kind, Mann und Frau, die Beziehungen untereinander, die Entscheidungsprozesse aller Beteiligten sowie die persönlichen Fragen, die wir haben, tolerant, offen und transparent anzuschauen.
Der vierte Aspekt ist die Spiritualität. Wie kann heute eine Spiritualität entstehen, die sich nicht unbedingt auf alte Traditionen und Kulturen stützt, sondern eine universelle moderne Sprache hat? Ist das möglich oder ist es nicht möglich?
Insofern sind wir mit den vier Aspekten am Experimentieren. Das machen wir auch im Außen mit einer Plattform, die wir »Green Phönix« nennen. Wir veranstalten Konferenzen, bei denen viele Einzelne und Gemeinschaften zusammenkommen, um zu schauen, wie wir Kohärenz zwischen den ökologischen, ökonomischen, sozialen und spirituellen Aspekten bekommen können. Denn wir glauben, dass es nicht funktionieren wird, wenn nicht alles zusammenhängt. Insofern sind wir auch in sehr naher Zusammenarbeit mit dem GEN, dem Global Ecovillage Network. Natürlich haben die traditionellen spirituellen Systeme, wenn sie ganz rein gelebt werden, das alles in sich. Ein traditionell nach dem Talmud und der Thora lebender Jude oder ein traditioneller Vaishnava, der nach den Schriften lebt, weiß ganz genau, wie er ökonomisch, ökologisch, sozial und spirituell zu leben hat. Aber wir haben heute eine neue Zeitqualität, und so versuchen wir eine Sprache zu finden, die diese verschiedenen Traditionen transzendiert.

TV: Ich habe eine praktische Frage: Wie viele Leute leben jetzt hier und wie lange leben sie hier schon? Wie viele arbeiten hier?

Sundar: Auf der Schweibenalp leben etwa 30 Menschen und wir haben etwa 10–20 Volontäre. Im Winter werden das etwas weniger, weil die Permakultur bei einem Meter Schnee auf 1.100 Metern schläft und weil der Seminarbetrieb kleiner ist. So sind wir etwa 20–30 feste Bewohner und zwischen 5–20 Volontäre. Es ist aber geplant, dass diese Gemeinschaft in den nächsten 5–10 Jahren auf 40–50 Menschen wachsen kann. Wir haben jetzt die Bewilligung, hier Gebäude zu erstellen, und es ist unser Ziel, als Gemeinschaft ein bisschen größer zu werden.

 

Das »Zentrum der Einheit Schweibenalp«

 

TV: Leben die Menschen schon länger hier? Was ist die durchschnittliche Präsenzdauer?

Sundar: Das ist eine Frage, die wir uns auch immer wieder stellen. Dadurch, dass wir uns so entwickelt und verändert haben, haben auch die Bewohner gewechselt. Während der ersten 20–25 Jahre, wo der Ashram-Charakter im Zentrum vorherrschend war, waren die Leute zwischen einem und 15 Jahre hier, sind dann aber meist weitergezogen. Der Ort hatte seine Funktion, transformierend zu wirken, das war zentral und die Gemeinschaft war eher auf Zeit. In den letzten zehn Jahren entstand der Fokus, es wäre schön, wenn wir eine feste Gemeinschaft hätten. Das scheint aber nicht so einfach zu sein. An diesem Ort gibt es einige Anforderungen sowohl vom Energetischen her, weil z. B. eine ganz starke Kraft am Ort existiert, die einen ständig spiegelt, wie auch in Form des nicht ganz leichten Jahresklimas oder des sehr einfachen Wohnens. Diese Faktoren verursachen, dass wir noch nicht viele Menschen haben, die sehr lange hier sind. […]

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 23: Ronald Engert – Gemeinsam leben. Spirituelles Ökodorf-Festival (2004)

TV 32: François Wiesmann – Synergie. Kollektive Intelligenz

TV 35: Stefanie Blau – In der Begegnung zum Selbst. Das Gemeinschaftsprojekt Schloss Glarisegg

TV 36: Stefanie Blau – Die Findhorn-Gemeinschaft. Ein Besuch durch die Hintertür

TV 38: Stefanie Blau – Auf der Suche nach dem richtigen Leben. Tamera, Plum Village, Taizé

TV 48: Andreas Bummel – Soziale Evolution, Weltparlament und Bewusstsein

 

Bildnachweis: © Ronald Engert

 


 

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