Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit

Entwurf einer säkularen Spiritualität

Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit

Entwurf einer säkularen Spiritualität

Autor: Prof. Dr. Thomas Metzinger
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 69

Der Philosoph Metzinger zeigt, dass Spiritualität und Wissenschaft auf der gleichen Grundidee beruhen – der redlichen Bemühung um Wahrheit. Dabei begreift er Spiritualität als Gegenteil der Religion, denn Spiritualität ist kein Glaube sondern hat ein Erkenntnisinteresse. Intellektuelle Redlichkeit ist die Voraussetzung für Erkenntnis. Redlichkeit ist eine Tugend, die auch die Grundlage der spirituellen Selbsterkenntnis ist. Säkulare Spiritualität ist für ihn eine nicht-intellektuelle Form des Wissens, die ohne religiöse Glaubenssätze auskommt.

Wir durchleben derzeit die Anfänge einer historischen Umbruchsituation, die uns in mehrfacher Hinsicht vor enorme Herausforderungen stellt – eine sich beschleunigende Entwicklung, die auch unser Menschenbild tiefgreifend verändert, und zwar auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Eine zentrale Position nimmt dabei die Frage ein, ob so etwas wie eine »säkularisierte Spiritualität« denkbar ist. Könnte es ein modernes spirituelles Selbstverständnis geben, das den veränderten Bedingungen Rechnung trägt und mit dem (nicht nur für Philosophen wichtigen) Wunsch nach intellektueller Redlichkeit in Einklang zu bringen ist?

Kann es so etwas wie eine vollständig säkularisierte Spiritualität geben? Oder ist diese Idee vielleicht überhaupt kein kohärenter Gedanke – etwas, das man bei näherem Hinsehen überhaupt nicht widerspruchsfrei beschreiben kann? Dieses philosophische Problem – die Frage nach der inneren Struktur, nach den Bedingungen der Möglichkeit einer säkularisierten Spiritualität – ist so interessant und für viele heute so wichtig geworden, dass wir ihm uns ganz vorsichtig und in kleinen Schritten nähern sollten. Deshalb möchte ich in den folgenden drei Abschnitten nacheinander drei sehr einfache Fragen stellen: Was könnte das überhaupt sein, »Spiritualität«? Was genau ist mit der Idee der »intellektuellen Redlichkeit« gemeint? Und: Gibt es eine innere Verbindung zwischen diesen beiden Einstellungen zur Welt und zum eigenen Geist?

Obwohl dies kein technischer philosophischer Text ist, möchte ich versuchen, gleichzeitig drei Thesen zu vertreten. Diese drei Thesen lauten:

[1] Das Gegenteil von Religion ist nicht Wissenschaft, sondern Spiritualität.

[2] Das ethische Prinzip der intellektuellen Redlichkeit kann man als einen Sonderfall der spirituellen Einstellung beschreiben.

[3] Die wissenschaftliche und die spirituelle Einstellung entstehen in ihren Reinformen aus derselben normativen Grundidee.

Was ist Spiritualität?

Gibt es so etwas wie einen logischen Kern, eine Essenz der spirituellen Perspektive?

(…)

Welches Verständnis von Spiritualität ist möglicherweise den vielen Menschen gemeinsam, die sich heute in der westlichen Welt als spirituell bezeichnen? Die interessante Tatsache ist nämlich, dass sich in den westlichen Ländern nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Art spirituelle Gegenkultur etabliert hat, die von Menschen getragen wird, die weit abseits der Kirchen und der organisierten Religion einer spirituellen Praxis nachgehen. Die heute vielleicht am weitesten verbreitete Form ist die Achtsamkeits- oder Einsichtsmeditation im Sinne der klassischen buddhistischen Vipassanā-Tradition, die als solche bereits weitgehend weltanschaulich neutral ist, von der aber auch vollständig säkularisierte Varianten existieren wie zum Beispiel das so genannte MBSR (mindfulness-based stress reduction).

Spirituelle Personen wollen nicht glauben, sondern wissen.

(…)

In den aktuellen, lebendigen Erscheinungsformen von Spiritualität geht es primär um Praxis und nicht so sehr um Theorie, um eine bestimmte Form des inneren Handelns und nicht um Frömmigkeit oder darum, dogmatisch an etwas Bestimmtes zu glauben.

»Spiritualität« scheint also eine Eigenschaft zu sein, eine bestimmte Qualität des inneren Handelns. Aber was ist der Träger dieser Eigenschaft? Man könnte zum Beispiel sagen, Spiritualität ist eine Eigenschaft einer Klasse von Bewusstseinszuständen, etwa von bestimmten meditativen Bewusstseinszuständen. Es geht bei der spirituellen Erfahrung allerdings nicht nur um die Bewusstheit als solche, sondern auch um ihre leibliche Verankerung, um die subjektive Innenseite dessen, was in der modernen Philosophie der Kognitionswissenschaft embodiment oder grounding genannt wird. Das Ziel ist immer der Mensch als Ganzer.

(…)

Spiritualität ist im Kern eine epistemische Einstellung. Spirituelle Personen wollen nicht glauben, sondern wissen. Es geht um eine erfahrungsbasierte Form von Erkenntnis, die mit innerer Aufmerksamkeit, Körpererfahrung und der systematischen Kultivierung bestimmter veränderter Bewusstseinszustände zu tun hat, das ist ganz klar – und danach wird es sofort wieder sehr schwierig.

Lesen Sie im vollständigen Artikel weiter, welche erkenntnistheoretischen Probleme die veränderten Bewusstseinszustände jenseits der Subjekt-Objekt-Struktur – die Erleuchtung – mit sich bringen.

Radikale Form der Befreiung

Es geht nicht um Wahrheit im Sinne der richtigen Theorie, sondern um eine bestimmte Praxis, eben eine spirituelle Praxis. Im Falle der klassischen Meditationspraxis ist dies eine systematische Form des inneren Handelns, das sich dann bei genauerem Hinsehen als eine bestimmte Form des aufmerksamen Nicht-Handelns entpuppt. Die gesuchte Form von Erkenntnis ist nicht propositional, es geht nicht um wahre Sätze. Es geht auch nicht um gedankliche Einsichten, und die gesuchte Form von Erkenntnis ist deshalb sprachlich nicht kommunizierbar, sie kann höchstens angedeutet oder gezeigt werden.

Das Kriterium ist ethische Integrität, das im Verhalten beobachtbare ernsthafte Streben nach einer prosozialen, ethisch stimmigen Lebensweise.

Andererseits ist es aber immer ganz klar, dass es bei Spiritualität nicht um Therapie allein oder um eine verfeinerte Form von Wellness geht, sondern in einem sehr starken Sinn um ethische Integrität durch Selbstwissen, um eine radikale, existentielle Form von Befreiung durch Selbsterkenntnis; und in vielen Traditionen ist es auch sehr deutlich, dass es dabei immer so etwas wie eine geistige Schulung, einen Übungsweg, eine innere Form von Tugend oder Selbstvervollkommnung gibt. Man findet also ganz am Anfang einen Wissensaspekt und einen normativen Aspekt, und das bedeutet: Es geht bei der spirituellen Einstellung zur Welt in einem sehr besonderen Sinn gleichzeitig um Erkenntnis und um Ethik. Die spirituelle Einstellung ist eine Ethik des inneren Handelns um der Selbsterkenntnis willen.

Lesen Sie im vollständigen Artikel weiter, welche erkenntnistheoretischen Probleme die veränderten Bewusstseinszustände jenseits der Subjekt-Objekt-Struktur – die Erleuchtung – mit sich bringen.

Intellektuelle Redlichkeit

Intellektuelle Redlichkeit bedeutet, dass man einfach nicht bereit ist, sich selbst etwas in die Tasche zu lügen. Sie hat auch etwas mit sehr altmodischen Werten wie Anständigkeit, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit zu tun, mit einer bestimmten Form von »innerem Anstand«. Man kann vielleicht sagen: Sie ist eine sehr konservative Weise, wirklich subversiv zu sein. Intellektuelle Redlichkeit ist möglicherweise aber auch gleichzeitig genau das, was Vertreter der organisierten Religionen und Theologen aller couleur einfach nicht haben können, auch wenn sie es gerne für sich in Anspruch nehmen würden. Intellektuelle Redlichkeit bedeutet ja gerade, dass man nicht vorgibt, etwas zu wissen oder auch nur wissen zu können, was man nicht wissen kann, dass man aber trotzdem einen bedingungslosen Willen zur Wahrheit und zur Erkenntnis besitzt, und zwar selbst dann, wenn es um Selbsterkenntnis geht, und auch dann, wenn Selbsterkenntnis einmal nicht mit schönen Gefühlen einhergeht oder der akzeptierten Lehrmeinung entspricht.

Manche Philosophen bezeichnen intellektuelle Redlichkeit auch als eine Tugend, eben eine »intellektuelle Tugend«, die das eigene Denken und innere Handeln betrifft; eine ethische Einstellung zu dem, was man denkt und meint.

(…)

Religion ist von der Grundstruktur her dogmatisch und damit intellektuell unredlich.

Beim Denken geht es nicht um schöne Gefühle. Es geht um die bestmögliche Übereinstimmung zwischen Wissen und Meinung; es geht darum, nur evidenzbasierte Überzeugungen zu haben und darum, dass Kognition nicht emotionalen Bedürfnissen dient. Sehen Sie übrigens an den letzten beiden Punkten, dass es hier auch um Entsagung geht? Um eine spezielle Form von geistiger Askese? Man sieht hier bereits erste Berührungspunkte zur spirituellen Einstellung. Die zentrale Einsicht ist aber die folgende: Das aufrichtige Streben nach intellektueller Integrität ist in Wirklichkeit ein wichtiger Sonderfall des Strebens nach moralischer Integrität. Davon bald mehr.

In Tattva Viveka 42 ist ein weiterer Beitrag von Prof. Dr. Thomas Metzinger erschienen: Der Ego-Tunnel. Wahrnehmung und Wirklichkeit

 

Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit

(…)

Ich möchte zum Schluss fragen: Was bleibt denn, wenn alles so ist, wie ich es skizziert habe? Könnte es tatsächlich ein zeitgemäßes spirituelles Selbstverständnis geben, das den veränderten Bedingungen Rechnung trägt und mit dem Wunsch nach intellektueller Redlichkeit in Einklang zu bringen ist?

Das gemeinsame Ziel ist das Projekt der Aufklärung, die systematische Erhöhung der eigenen geistigen Autonomie. Es gibt die zwei Grundformen des epistemischen Handelns: subsymbolisch und kognitiv, in der Stille und im Denken – nämlich mit der Aufmerksamkeit (vielleicht beispielhaft verkörpert in der klassischen Tradition der Achtsamkeitsmeditation) und auf der Ebene des kritischen, vernünftigen Denkens, der wissenschaftlichen Rationalität. Aber muss man sich überhaupt entscheiden zwischen den zwei Weisen des Wissens? Ich denke, das Gegenteil ist richtig: Sie können überhaupt nur gemeinsam realisiert werden. Es gibt eine Ethik des inneren Handelns, eine normative Grundidee, die sowohl einer säkularisierten spirituellen Praxis als auch dem wissenschaftlichen Ideal der intellektuellen Redlichkeit zugrunde liegt. Wir haben bereits gesehen, dass Meditation die inneren Voraussetzungen des kritischen, rationalen Denkens kultiviert. Besonders interessant ist auch, dass es in beiden Fällen im Grunde letztlich um die Erhöhung eines zivilisatorischen Standards geht, um eine durch die richtige Form des inneren Handelns verfeinerte soziale Praxis. Diesen inneren Zusammenhang könnte man heute zum Beispiel mit den Mitteln der modernen Neuro- und Kognitionswissenschaften wesentlich genauer erforschen und auf diese Weise auch das philosophische Ideal der Selbsterkenntnis in einer neuen Form realisieren, auf einer ganz neuen Ebene von Genauigkeit und begrifflicher Feinkörnigkeit. Man kann ihn aber auch in traditioneller Terminologie ausdrücken. Denn auch hier existiert wieder ein altmodisches philosophisches Wort für die Fähigkeit und die innere Haltung, die einem erlauben, das, was man als das Gute erkannt hat, nicht nur erfolgreich, sondern vielleicht sogar mit innerer Neigung und Freude zu tun. Dieser altmodische Begriff heißt »Tugend«. Man kann deshalb auch sagen: Redlichkeit im fraglichen Sinne ist eine intellektuelle Tugend, die über die Zeit hinweg kultiviert werden kann, genau wie zum Beispiel die inneren Tugenden einer präzisen, sanften Achtsamkeit oder des Mitgefühls geistige Fähigkeiten sind, die aktiv erworben und schrittweise entwickelt werden können. Es geht also vielleicht gar nicht um eine neue Synthese von Spiritualität und intellektueller Redlichkeit. Es geht vielmehr darum, das zu sehen, was bereits da ist: Die innere Einheit der geistigen Tugenden.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Erfahren Sie mehr über die Bedeutung intellektueller Redlichkeit, die nicht-mentale spirituelle Erkenntnis und wie auf diese Weise Wissenschaft und Spiritualität nicht mehr Gegensätze sind, sondern auf der gleichen Grundidee aufbauen.

Lesen Sie die vollständige Fassung in Tattva Viveka 69  oder downloaden Sie diesen Artikel einzeln als ePaper für 2,00 € (Pdf, 12 Seiten).

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Dieser Text ist die stark gekürzte Version des Essays »Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit. Ein Versuch«, dem Nachwort zu Metzingers Buch »Der Egotunnel. Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik«, München 2014 [2009]. Zum freien Download hier: bit.ly/tattva-metzinger.
Die zu Grunde liegenden Gedanken wurden erstmals im November 2010 auf dem Kongress »Meditation und Wissenschaft« in Berlin vorgetragen. Gekürzte Version mit freundlicher Genehmigung von Thomas Metzinger. Siehe außerdem: Kongress-Bericht von Ronald Engert »Die Pforte zu sich selbst. ›Meditation und Wissenschaft‹ – Neue Perspektiven für unser Wissen von uns selbst. Interdisziplinärer Kongress zur Meditations- und Bewusstseinsforschung«, in: Tattva Viveka 46, Berlin 2011, S. 32-38).

Zum Autor

Prof. Dr. Thomas Metzinger

Prof. Dr. Thomas Metzinger

arbeitet als Philosoph seit vielen Jahren an der Schnittstelle zwischen Philosophie des Geistes und kognitiver Neurowissenschaft; er beschäftigt sich außerdem mit den ethischen, anthropologischen und soziokulturellen Konsequenzen des Fortschritts in den Neurowissenschaften. Metzinger ist Leiter des Arbeitsbereichs Theoretische Philosophie Universität Mainz und Direktor der Forschungsstelle Neuroethik am Philosophischen Seminar. In seiner Rolle als Adjunct Fellow ist er unter anderem auch Leiter der MIND-Group am Frankfurt Institute for Advanced Study (http://fias.uni-frankfurt.de/mindgroup/).

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