Über die Sprache des Menschen und Sprache überhaupt

Über die Sprache des Menschen und Sprache überhaupt

Das Wesen der Sprache

Autor: Walter Benjamin
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 94

Ein in der Philosophie bekannter Ausspruch besagt: »Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache.« Die Sprache ist für Walter Benjamin ein Medium, in dem sich das geistige Wesen ausdrückt. Zu dieser Art Sprache gehören nicht nur Worte, sondern auch unsere Form, Farbe, Bewegung etc. Auch die Dinge sind so sprechend und treten mit uns in Kommunikation. Sprache ist nicht nur Mittel zum Zweck, sondern Manifestation.

»Was teilt die Sprache mit? Sie teilt das ihr entsprechende geistige Wesen mit. Es ist fundamental zu wissen, daß dieses geistige Wesen sich in der Sprache mitteilt und nicht durch die Sprache. Es gibt also keinen Sprecher der Sprachen, wenn man damit den meint, der durch diese Sprachen sich mitteilt. Das geistige Wesen teilt sich in einer Sprache und nicht durch eine Sprache mit – das heißt: es ist nicht von außen gleich dem sprachlichen Wesen: Das geistige Wesen ist mit dem sprachlichen identisch, nur sofern es mitteilbar ist. Was an einem geistigen Wesen mitteilbar ist, das ist sein sprachliches Wesen. Die Sprache teilt also das jeweilige sprachliche Wesen der Dinge mit, ihr geistiges aber nur, sofern es unmittelbar im sprachlichen beschlossen liegt, sofern es mitteilbar ist.

Die Sprache teilt das sprachliche Wesen der Dinge mit. Dessen klarste Erscheinung ist aber die Sprache selbst. Die Antwort auf die Frage: was teilt die Sprache mit? lautet also: Jede Sprache teilt sich selbst mit. Die Sprache dieser Lampe z. B. teilt nicht die Lampe mit (denn das geistige Wesen der Lampe, sofern es mitteilbar ist, ist durchaus nicht die Lampe selbst), sondern: die Sprach-Lampe, die Lampe in der Mitteilung, die Lampe im Ausdruck. Denn in der Sprache verhält es sich so: Das sprachliche Wesen der Dinge ist ihre Sprache. Das Verständnis der Sprachtheorie hängt davon ab, diesen Satz zu einer Klarheit zu bringen, die auch jeden Schein einer Tautologie in ihm vernichtet. Dieser Satz ist untautologisch, denn er bedeutet: das, was an einem geistigen Wesen mitteilbar ist, ist seine Sprache. Auf diesem »ist« (gleich »ist unmittelbar«) beruht alles. – Nicht, was an einem geistigen Wesen mitteilbar ist, erscheint am klarsten in seiner Sprache, wie noch eben im Übergange gesagt wurde, sondern dieses Mitteilbare ist unmittelbar die Sprache selbst. Oder: die Sprache eines geistigen Wesens ist unmittelbar dasjenige, was an ihm mitteilbar ist. Was an einem geistigen Wesen mitteilbar ist, in dem teilt es sich mit; das heißt: jede Sprache teilt sich selbst mit. Oder genauer: jede Sprache teilt sich in selbst mit, sie ist im reinsten Sinne das »Medium« der Mitteilung. Das Mediale, das ist die Unmittelbarkeit aller geistigen Mitteilung, ist das Grundproblem der Sprachtheorie, und wenn man diese Unmittelbarkeit magisch nennen will, so ist das Urproblem der Sprache ihre Magie. Zugleich deutet das Wort von der Magie der Sprache auf ein anderes: auf ihre Unendlichkeit. Sie ist durch die Unmittelbarkeit bedingt. Denn gerade, weil durch die Sprache sich nichts mitteilt, kann, was in der Sprache sich mitteilt, nicht von außen beschränkt oder gemessen werden, und darum wohnt jeder Sprache ihre inkommensurable einziggeartete Unendlichkeit inne. Ihr sprachliches Wesen, nicht ihre verbalen Inhalte bezeichnen ihre Grenze.

Das sprachliche Wesen der Dinge ist ihre Sprache; dieser Satz auf den Menschen angewandt besagt: Das sprachliche Wesen des Menschen ist seine Sprache. Das heißt: Der Mensch teilt sein eignes geistiges Wesen in seiner Sprache mit. Die Sprache des Menschen spricht aber in Worten. Der Mensch teilt also sein eignes geistiges Wesen (sofern es mitteilbar ist) mit, indem er alle anderen Dinge benennt. Kennen wir aber noch andere Sprachen, welche die Dinge benennen? Man wende nicht ein, wir kennten keine Sprache außer der des Menschen, das ist unwahr. Nur keine benennende Sprache kennen wir außer der menschlichen; mit einer Identifizierung von benennender Sprache mit Sprache überhaupt beraubt sich die Sprachtheorie der tiefsten Einsichten. – Das sprachliche Wesen des Menschen ist also, daß er die Dinge benennt.

Wozu benennt? Wem teilt der Mensch sich mit? – Aber ist diese Frage beim Menschen eine andere als bei anderen Mitteilungen (Sprachen)? Wem teilt die Lampe sich mit? Das Gebirge? Der Fuchs? – Hier aber lautet die Antwort: dem Menschen. Das ist kein Anthropomorphismus. Die Wahrheit dieser Antwort erweist sich in der Erkenntnis und vielleicht auch in der Kunst. Zudem: wenn Lampe und Gebirge und der Fuchs sich dem Menschen nicht mitteilen würden, wie sollte er sie dann benennen? Aber er benennt sie; er teilt sich mit, indem er sie benennt. Wem teilt er sich mit?

Ehe diese Frage zu beantworten ist, gilt es noch einmal zu prüfen: Wie teilt der Mensch sich mit? Es ist ein tiefer Unterschied zu machen, eine Alternative zu stellen, vor der mit Sicherheit die wesentlich falsche Meinung von der Sprache sich verrät. Teilt der Mensch sein geistiges Wesen durch die Namen mit, die er den Dingen gibt? Oder in ihnen? In der Paradoxie dieser Fragestellung liegt ihre Beantwortung. Wer da glaubt, der Mensch teile sein geistiges Wesen durch die Namen mit, der kann wiederum nicht annehmen, daß es sein geistiges Wesen sei, das er mitteile, – denn das geschieht nicht durch Namen von Dingen, also durch Worte, durch die er ein Ding bezeichnet. Und er kann wiederum nur annehmen, er teile eine Sache anderen Menschen mit, denn das geschieht durch das Wort, durch das ich ein Ding bezeichne. Diese Ansicht ist die bürgerliche Auffassung der Sprache, deren Unhaltbarkeit und Leere sich mit steigender Deutlichkeit im folgenden ergeben soll. Sie besagt Das Mittel der Mitteilung ist das Wort, ihr Gegenstand die Sache, ihr Adressat ein Mensch. Dagegen kennt die andere kein Mittel, keinen Gegenstand und keinen Adressaten der Mitteilung. Sie besagt: im Namen teilt das geistige Wesen des Menschen sich Gott mit.

 

Dies ist ein Ausschnitt aus dem Sprachaufsatz von Walter Benjamin: Über die Sprache des Menschen und Sprache überhaupt, Gesammelte Werke, Band II, S. 139-156

Walter Benjamin
Walter Benjamin (1892–1940)

Ronald Engert

»Es werde Licht, und es ward Licht.«

Erläuterungen zum Text

Walter Benjamin beschreibt in diesem Abschnitt das Wesen der Sprache. Wenn er gleich zu Anfang betont, dass das geistige Wesen sich in der Sprache mitteilt und nicht durch die Sprache, so tritt er damit Ansichten entgegen, die davon ausgehen, dass die Sprache ein Mittel sei, eine Art Instrument oder Werkzeug, das jemand benutzt, um damit etwas zu erreichen. Dies ist eine ganz falsche Vorstellung von Sprache im Sinne Benjamins. Diesen falschen Ansatz könnte man kurz das ›instrumentelle Sprachverständnis‹ nennen. Ein Mensch mit diesem Verständnis lebt einfach nur sein Ego und den Wunsch, mit seinen Worten einen Zweck zu erfüllen. Der heimliche Grund liegt oft darin, andere zu kontrollieren oder etwa die Wirklichkeit durch eine Definition zu bestimmen. Alles das ist Herrschaftsdenken.

Für einen spirituellen Menschen kann dieser Ansatz nicht funktionieren, denn er möchte die wahre Wirklichkeit, die spirituelle oder göttliche Realität erkennen, in der er nicht mehr vom Ego getrieben, sondern erleuchtet ist.

Das wahre Verständnis der Sprache ist also laut Benjamin, dass das geistige Wesen sich in der Sprache ausdrückt. Was bedeutet das? In der weiteren Ausführung wird deutlich, dass Dinge sich sprachlich durch ihre Form ausdrücken, also nicht durch eine verbale Sprache wie die Menschen, und dass die Menschen von Gott ein besonderes Sprachvermögen bekommen haben, um die Dinge zu benennen. Der wahre und echte Selbstausdruck des Menschen liegt demnach in seinem Vermögen der Benennung. Der Mensch gibt den Dingen ihren Namen. Wenn dieser Name wirklich mit dem Ding in Einklang steht, wenn er wirklich der Name des Dings ist, dann ist die Sprache in ihrer Kraft und hat Wirkung. Das wäre eine Art heilige Sprache, schöpferische Sprache oder auch eine Sprache der Kraft. Und wenn der Name wirklich mit dem Ding in Einklang steht, dann ist auch das Ding in seiner Würde und Existenz gewährleistet.

Heutzutage hat die Sprache ihre Kraft verloren. Dies geht zurück bis in die babylonische Sprachverwirrung, eine Metapher für diesen Sachverhalt: Die Menschen wurden hochmütig und wollten einen Turm bauen, der bis in den Himmel reicht, um damit Gott zu übertreffen. Aber der Turm stürzte ein, und die Menschen, die vorher alle eine Sprache sprachen und sich alle untereinander verstanden, wurden in viele Sprachen zersplittert, sodass keiner den anderen mehr verstehen konnte.

Eine Aufgabe eines spirituell erwachten Bewusstseins wäre es also, diese Sprache der Kraft wiederzufinden, die Benjamin die Namensprache nennt.

Wenn Benjamin sagt, dass jede Sprache sich selbst mitteilt, so meint er damit, dass die Sprache nicht nur etwas bedeutet oder auf etwas hindeutet, sondern dass die Sprache in sich die Möglichkeit zeigt, dass Sprache existiert und möglich ist. Tatsächlich teilt sich das geistige Wesen in der Sprache mit – eben in der Form oder im Wort – und wird dadurch erkennbar. Wir können den anderen eigentlich nur über Sprache erkennen und ihm begegnen. Hier liegt ein erweiterter Sprachbegriff zugrunde. Es ist nicht Sprache im Sinne von Deutsch oder Englisch gemeint, sondern Sprache im Sinne der Mitteilbarkeit überhaupt. Sprache kann auch eine Geste sein, eine Berührung, Mimik, ein bestimmter Tonfall, eine Handlung oder Unterlassung.

Von besonderer Wichtigkeit sind in dieser Passage zwei Worte: unmittelbar und Magie. Insbesondere die Unmittelbarkeit ist ein wichtiges Prinzip dieser echten und reinen Sprache. Es ist eben die Sprache, die ohne Mittel auskommt. Benjamin sagt nun in einem der wichtigsten Sätze in seinem Aufsatz:

»Das Mediale, das ist die Unmittelbarkeit aller geistigen Mitteilung, ist das Grundproblem der Sprachtheorie, und wenn man diese Unmittelbarkeit magisch nennen will, so ist das Urproblem der Sprache ihre Magie.«

Die Sprache ist ein Medium – durchaus im Sinne eines geistigen Mediums verstanden, das hellseherische Fähigkeiten hat. Das, was ich in der echten Sprache ausdrücke, manifestiert sich unmittelbar und direkt, blitzhaft, ohne logische Schlussfolgerungen. Es ist keine Frage des Willens oder der Absicht. Es ist nicht die Frage, was ich ausdrücken möchte.

Es geht hier um die reine Wahrheit, die man sagen kann. Es geht um das, was ist.

Das ist in der Regel in wenigen Worten gesagt. Wenn ich die Dinge oder die Ideen wirklich erkenne, dann nenne ich sie beim Namen. Es geht um das, was sich magisch-magnetisch selbst manifestiert. Es ist ein Wahrnehmen und Vernehmen. Es ist keine absichtliche Sprachhandlung, sondern eine seherische Gabe.

Die nächste Frage, die Benjamin behandelt, ist die Frage danach, wem sich ein Ding oder ein Mensch mitteilt. Die Lampe, das Gebirge und der Fuchs teilen sich dem Menschen mit, und der Mensch teilt sich Gott mit. Wir haben hier eine dreistufige Ontologie: die Dinge, der Mensch und Gott.

In der Schöpfungsgeschichte in der biblischen Genesis, an die sich Benjamin mit seinem Sprachaufsatz anlehnt, heißt es, Gott sprach und es ward Licht usw., das heißt durch das Wort Gottes wurden die Dinge, zum Beispiel das Licht, das Land, die Pflanzen und die Tiere existent. Nur beim Menschen verläuft die Geschichte anders. Den Menschen formt Gott aus Staub vom Erdboden und haucht ihm dann den Lebensatem (nishmat chayyim, 1. Gen 2,7) ein. Danach gibt er ihm die Sprache, damit der Mensch die Dinge benenne. Der Mensch hat also eine andere Stellung in der Schöpfung als alle anderen Dinge. Der Sinn der Dinge (wozu hier philosophisch gesehen auch die Tiere und Pflanzen gehören) ist es, sich den Menschen mitzuteilen, damit er sie benennen kann. Deshalb haben sie eine Form. In diesem Namen wiederum teilt der Mensch sich Gott mit. Eigentlich teilt er seine Wahrheit mit und geht in Verbindung mit Gott, um die Schöpfung zu vervollständigen. Die Sprache Gottes ist eine schöpfende Sprache, die Sprache des Menschen ist eine benennende Sprache und die Sprache der Dinge ist eine Sprache des Seins. Alle Dinge existieren in der Sprache, indem sie sich mit Form und Farbe und Bewegung zeigen. Ohne Sprache würden sie nicht existieren und nicht vom Menschen erkannt werden. Sie haben aber die Sprache, weil sie von Gottes Sprache erschaffen wurden. Der Mensch nimmt sie wahr und benennt sie, im Namen erkennt er sie. Er erlangt Wissen über die innere und äußere Welt. Damit erfüllt er die Aufgabe, die er von Gott bekommen hat. Indem der Mensch die Dinge in ihrer Wahrheit erkennt und sie beim Namen nennt, vervollständigt er ihre Existenz und verbindet sie über den Namen wieder mit Gott. Die Bestimmung des Menschen, die ihm von Gott gegeben wurde, ist diese Benennung oder Erkenntnis. Diese Namen sind heilig. Gemäß der Kabbala sind alle Worte Namen Gottes, und alle Schöpfung ist göttlich. Jedes Wort ist ein Lied zur Verherrlichung Gottes. Dadurch verbinden wir Menschen uns wieder mit Gott. Das führt zur Gnade und zum ewigen Leben.

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Dieser Beitrag ist in Tattva Viveka 94 erschienen.

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Schwerpunkt: Göttinnen
Erschienen: März 2023

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