30 Nov. Praxis der Sufi-Meditation
Ein Weg zur mystischen Einheitserfahrung
Autor: Susanna Boldi-Labusga
Kategorie: Islam/Sufismus
Ausgabe Nr: 105
Einleitung
Die interreligiöse Sufibewegung »Universeller Sufismus« begreift Meditation als Weg, um die Göttlichkeit im Menschen zu erwecken. Um dies zu erlangen, kennt die sufische Meditationspraxis verschiedene Methoden von der ehrlichen Selbsterforschung, Muhasaba, Konzentrations- und Atemübungen bis hin zur Rezitation von Mantren. Diese Praktiken, auch Dikhr genannt, sollen dazu beitragen, dass der Übende an die Einheit des Seins erinnert wird und auch demgemäß lebt.
Wozu meditieren? Für den Sufi-Meister Hazrat Inayat Khan ging es darum, eines zu erreichen: das Erwachen zur Göttlichkeit im Menschen, in jedem Menschen, in sich selber. Seine Original-Worte dazu: »The message is: The Awakening of Humanity to the divinity of men.« (Dt. Übersetzung: Das Erwachen der Menschheit zur Göttlichkeit des Menschen.)
Dafür wurde er von seinem Lehrer in Indien Anfang des 20. Jahrhunderts in den Westen geschickt. Der in Indien hochgeschätzte Musiker Hazrat Inayat Khan ging zuerst in die USA und später nach Europa, wo er eine westliche Sufibewegung gründete und einen interreligiösen »Universellen Sufismus« lehrte, der im Gegensatz zu anderen Sufiorden nicht an den Islam als einzige Religion gebunden ist. In seiner Nachfolge entstanden weitere Schulen, deren Gemeinsamkeit die Botschaft der Göttlichkeit der menschlichen Seele ist, die Einheit aller Religionen und Wege sowie der Auftrag, die mystische Erfahrung der Einheit allen Seins im Alltagsleben umzusetzen
Eine Anrufung verbindet uns
Meditation ist ein Weg, um in der Tiefe des eigenen Wesens zur mystischen Einheitserfahrung zu finden. Neben der reinen Meditationspraxis sind auch Rituale, Gebete, Gottesdienste, Selbsterforschung, Besinnung auf menschliche Werte, die Pflege guter zwischenmenschlicher Beziehungen und sehr wesentlich Musik weitere Formen der Praxis auf dem Weg des Universellen Sufismus.
Bei allen Nachfolgern von Hazrat Inayat Khan beginnt die bewusste Praxis, also auch jede Meditation, mit der von ihm verfassten Anrufung:
»Dem Einen entgegen, der Vollkommenheit von Liebe, Harmonie und Schönheit, dem einzigen Sein, vereint mit all den erleuchteten Seelen, die die Botschaft verkörpern, den Geist der Führung.«
Mit dieser Anrufung wird die Verbundenheit mit der göttlichen Vollkommenheit ebenso wie die Verbundenheit mit allen Meisterinnen und Meistern in der Geschichte der Menschheit ausgedrückt und gestärkt, und auch der Geist der Führung, der uns alle durchdringt, bewusst gemacht.
Atem als Vehikel
So wie in den meisten Traditionen beginnt Meditation im Universellen Sufismus mit der Atemwahrnehmung und mit Atemübungen. In der Art, wie wir atmen, und darin, wie wir uns unseres Atmens bewusst sind, liegt alle Kraft, die wir in unserem Leben zur Entfaltung bringen können. Denn – und das ist nicht nur für die Atemtherapie klar – unser Atem hat eine große Wirkung auf unseren physiologischen Zustand, unseren psychischen Zustand und unseren geistigen Magnetismus.
»Normalerweise stellen wir uns den Atem vor als das bisschen Luft, das wir durch die Nasenlöcher kommen und gehen spüren; aber wir haben von ihm nicht die Vorstellung jener ungeheuren Strömung, die durch alles hindurchzieht, jener Strömung, die aus dem göttlichen Bewusstsein kommt und bis in das äußerliche Sein, die physische Welt hineingeht.«
Mit diesen Worten erläuterte der Begründer des Universellen Sufismus Hazrat Inayat Khan die Kraft des Atems gegenüber seinen Schülern. Die Herrschaft über den Atem bedeutet Meisterschaft im Leben und Sanftheit des Atems bedeutet Sanftheit im Leben. Der Atem, verbunden mit Bewusstheit, ist zudem das Vehikel für die innere Erfahrung. Bei den Sufis heißt es: Jeder Atemzug, den du ohne Gedenken an das Eine tust, ist ein vergeudeter Atemzug.
Die Botschaft ist: Das Erwachen der Menschheit zur Göttlichkeit des Menschen
Die Atemübungen umfassen sowohl wahrnehmende Übungen, bei denen der Atem nicht manipuliert wird, sondern zum Fokus der Konzentration wird, als auch kontrollierende Übungen, bei denen die Beherrschung des Atems im Vordergrund steht. Beide Übungsarten stärken die Verankerung in der Gegenwart und die Konzentrationskraft. Die Atemübungen werden des Weiteren als Reinigungsübung eingesetzt. Denn durch den Atem können wir uns von blockierenden Eindrücken befreien. Der Atem ist nicht nur physiologisch eine Körperfunktion der Entgiftung, sondern auch emotional und mental. Die Übung Reinigung durch den »Elemente-Atem« empfahl Hazrat Inayat Khan ausdrücklich jedem Menschen.
Lichtübungen
Auf den verschiedenen spirituellen Wegen wird Erleuchtung gesucht. Wir sprechen vom Licht der Wahrheit. Für die Religion Zarathustras war der Sieg des Lichtes über die Dunkelheit das Ziel. »Es werde Licht«, heißt es in der biblischen Genesis. Engel, Heilige, Meister und Meisterinnen erscheinen uns als Lichtgestalten. In unseren »lichten Momenten« erleben wir uns, als wären wir von Licht durchflutet. Unser Weg ist ein Weg des Lichtes.
»Wie wunderbar wäre es, wenn wir leuchtend und strahlend wären!«, stellte Pir Vilayat Inayat Khan, ein Sohn und Nachfolger von Hazrat Inayat Khan fest. Er ermunterte und unterrichtete seine Schüler und Schülerinnen, sich dessen bewusst zu sein, dass wir wie alle Materie aus Licht entstanden sind: »Während Sie also ein Gespräch mit jemanden führen, könnten Sie sich einfach dessen bewusst sein, dass Sie ein Wesen von Licht sind. Ich finde, der Schlüssel besteht wirklich nur darin, sich zu erinnern, dass man ein Lichtwesen ist. Das bewirkt sofort etwas in einem. Denken Sie außerdem daran, dass die Person, mit der sie sprechen, auch ein Wesen von Licht ist; das ist es, was die Kommunikation begründet. Das bedeutet, dass sie die Stärke haben müssen, den Lichtaspekt jener Person zu sehen, obwohl er vielleicht nicht durchkommt.«
Das Bewusstsein für das Licht aufrechtzuerhalten, ist eine Übung im Alltag. Über das Licht der Seele zu meditieren, stärkt uns dafür.
Der Atem, der Herzschlag und das Pulsieren des Universums stehen miteinander in Beziehung.
Zum Aspekt unseres Lichtwesens gehört das Studium der Licht- beziehungsweise Energiezentren in uns. Auch diese können mithilfe des Atems und der Imagination gereinigt und aktiviert werden. Diese subtilen Zentren heißen in der Sufi-Sprache Lata’if. Sie sind ähnlich, aber doch anders als die Chakren. Wie die Chakren entsprechen sie verschiedenen Ebenen des Seins und verschiedenen Einstimmungen. Sie sind jedoch nicht nur senkrecht übereinander lokalisiert, sondern bilden ein Kreuz, dessen Mittelachse beim Herz liegt.
Dies ist nur der Anfang des Artikels. Der vollständige Beitrag ist in der Tattva Viveka 105 erschienen.
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Tattva Viveka Nr. 105
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Schwerpunkt: Meditation
Erschienen: Dezember 2025
Dirk Grosser – Den Augenblick so lassen, wie er ist • Dr. Thilo Hinterberger – Befreiung des Geistes durch Meditation • Dr. Ulrich Ott – Achtsamkeit ist keine Pille, sondern Übungssache • Dr. Holger C. Bringmann – Rückverbindung zur unsterblichen Seele • Sebastian F. Seeber – Platon und Meditation • Dr. Cynthia Bourgeault – Thomas Keating • Bischof Anba Damien – Das Vertrauen in die Stille • Jason Siff – Beobachten wie der Geist von selbst wächst • Kevin Johann – Räuchern: Die Zeit der inneren Einkehr • Buchbesprechungen • u.v.m.
Zur Autorin
Susanna Azima Boldi-Labusga ist Schülerin, Meditations-Lehrerin und Guide in der Tradition des Universellen Sufismus von Hazrat Inayat Khan.
Webseiten:
Zu den Aktivitäten der Inayatiyya Deutschland: inayatiyya.de
Zu den internationalen Aktivitäten der Inayatiyya: inayatiyya.org
Zu den Tänzen des Universellen Friedens: friedenstaenze.de
Bücher über den Universellen Sufismus: verlag-heilbronn.de
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