Die höhere Einsicht des Herzens

Die höhere Einsicht des Herzens

Gabriele Sigg - Die höhere Einsicht des Herzens

Jenseits gesellschaftlicher Prägungen

Autor: Gabriele Sigg
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 56

 

 

Gefühle sind immer auch gesellschaftlich über- oder vorgeformt. Dieser Aufsatz zeigt, wie die gesellschaftlichen Konzepte auf uns wirken, sowie auch die Möglichkeiten des individuellen Handlungsfreiraumes. Die höhere Einsicht des Herzens ist dabei ein gefühltes Wissen, das nicht aus dem Verstand oder der Empirie resultiert. Jenseits gesellschaftlicher Prägungen und Bedingtheiten gibt es einen Raum, den das Herz als Teil der seelischen Ebene bildet.

 

Die gesellschaftliche Prägung unser Gedanken- und Gefühlswelt

Als ich mit 20 Jahren anfing Soziologie zu studieren, fühlte ich, es sei an der Zeit einige Dinge in meinem Leben zu klären. Mit dem Umzug in eine neue Stadt begann ein neuer Lebensabschnitt für mich. Ich versuchte zu entschlüsseln, was meine Eltern bzw. Familie und die Gesellschaft in mich eingepflanzt hatten, um dabei herauszufinden, was davon mir entspricht. Am Anfang meines Studiums stand ich mit vielen Fragen da, die ich noch nicht genau in Worte fassen konnte. Es war eher ein diffuses Gefühl, den Dingen ein Stück weiter auf den Grund gehen zu wollen und hinter die Kulissen der scheinbaren Realität blicken zu können. Es war eine tiefe Sehnsucht, ein Gefühl in mir, das mich antrieb und leitete.

Im erstem Semester fand ich mich in meiner ersten Soziologie-Vorlesung wieder: »Das Sinnparadigma«. Es ging darum, dass wir als Menschen unseren Handlungen immer Sinn geben. Es ging auch um die Frage, warum wir wie handeln oder was uns zu welchen Handlungen führt. »Warum ist das so?«, fragte mein Professor und stellte damit eine grundlegende Frage soziologischen Denkens, die aber so einfach nicht zu beantworten war. Dieser Mensch sollte mein wichtigster Lehrer werden. »Ja, genau«, dachte ich, »das frage ich mich auch schon sehr lange.« Gespannt lauschte ich diesem Menschen, der so einiges zu sagen hatte. Im Laufe unseres Studiums lernten wir, wie wir auf die unterschiedlichsten Weisen durch die Gesellschaft geprägt werden.

 
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Der Soziologe Pierre Bourdieu hat in seinem Werk »Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft« aufgezeigt, wie wir durch die gesellschaftliche Schicht, in die wir hineingeboren werden, sozialisiert werden und einen sogenannten Habitus ausbilden. Der Habitus erzeugt unsere kultur- und schichttypischen Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata, die auch das Gefühlsleben mit einschließen und uns zur Orientierung in der Welt dienen. Im Habitus drückt sich unsere sozialisierte Persönlichkeit aus. Unser Habitus spielt auch bei der Verwirklichung unserer Ziele eine Rolle. Was wir als gut empfinden, welchem Geschmack wir nachtrachten, welche Vorlieben wir entwickelt haben und vieles, wofür wir uns interessieren, all dies lernen wir in der Sozialisation in unserer Herkunftsfamilie und durch das weitere Umfeld, in dem wir aufwachsen. Der Habitus beeinflusst selbst unser Beziehungsverhalten und unsere Partnerwahl.

Pierre Bourdieu ist in einem kleinen Dorf in einem ländlichen Bereich in Frankreich aufgewachsen. Wer die französische Bildungslandschaft kennt, weiß, dass sie sehr elitär strukturiert ist. Um gesellschaftlichen Erfolg zu haben, ist es ein »Muss«, bestimmte Bildungsinstitutionen zu besuchen, ganz oben steht die École normale Superiéure. Bourdieu hat nun an seinem eigenen Werdegang erfahren, wie schwierig es ist, ohne einen bestimmten Habitus in die höheren Schichten und elitären Schulen einzudringen. Er musste doppelte Arbeit leisten, um in die elitären Kreise Frankreichs vorzudringen, nämlich nicht nur seinen ihm selbstverständlichen alten Habitus ablegen, sondern auch sich einen neuen zulegen. Zusätzlich musste er sich das fachliche Wissen aneignen. Der Habitus, so zeigt er in seinem Werk auf, ist weitaus wichtiger als das vermittelte Sachwissen. Der Habitus entscheidet letztlich, ob wir Zugang zu einem bestimmten gesellschaftlichen Kreis, z.B. unserem »Traumberuf« bekommen oder nicht. Ich möchte mit diesem Beispiel nicht sagen, dass Glück von dem Zugang zu elitären Kreisen abhinge, sondern dass die Verwirklichung unserer individuellen Wünsche an gesellschaftliche Bedingtheiten gekoppelt ist. Pierre Bourdieu etwa war ein intellektuell begabtes Kind, und vielleicht kann man sagen, es war sein »Seelenwunsch« zu studieren, aber dazu war er nicht in der »richtigen« Schicht aufgewachsen. Andersherum wäre es genauso schwer für jemanden aus der oberen Schicht, Zugang zur »Arbeiterklasse« zu finden, denn diese würde dessen Habitus wohl auch nicht akzeptieren. Es ist allgemein in unserer Gesellschaft etwas verpönt von Schicht zu reden, denn wir möchten ja, dass alle gleich sind. Gleich-Wertigkeit und Chancen-Gleichheit sind sicher wichtige Ziele. »Die verborgenen Mechanismen der Macht« (Bourdieu), nach denen die Soziologie sucht, müssen aber zuerst erkannt und benannt werden. Erst dann haben wir auch die Möglichkeit sie zu lösen. Diskriminierung aufgrund von Schicht, Alter, Geschlecht oder Nationalität sind Realitäten, denen es gilt in die Augen zu blicken. Gerade deshalb sind neben psychologischen Aspekten auch soziologische Faktoren bei der Lösung der Problematiken des menschlichen Daseins von Nöten.

 

Das Barometer für stimmig oder nicht stimmig war immer mein Gefühl auf der Seelenebene.

 

Norbert Elias wollte sich selbst nicht in eine Kategorie von Soziologie oder Psychologie einordnen, er wollte das Mensch-Sein verstehen und hat sich selbst als »Menschenwissenschaftler« bezeichnet. Er zeigt die gegenseitige Wechselwirkung von soziokulturellen und individuellen Faktoren auf. In seinem zweibändigen Werk »Über den Prozess der Zivilisation« legt er dar, wie sich im Laufe des Zivilisierungsprozesses und der Herausbildung von staatlichen Institutionen durch die gesellschaftlich-strukturellen Veränderungen auch die individuell-psychologischen Dispositionen wandeln. Er hat dies in die Formel übersetzt: Soziogenese und Psychogenese bedingen sich. Elias beschreibt etwa am Beispiel der Esskultur, wie sich im Laufe der Zivilisierung, die er als etwas Dynamisches ansieht, das Essverhalten von der Benutzung einfacher »Werkzeuge« wie den Händen zu einem differenzierten Essbesteck, wie wir es heute kennen, wandelt. Auch die Scham- und Peinlichkeitsschwellen steigern sich in diesem Zivilisierungsprozess zum Beispiel im Bezug auf Sexualität oder Ausscheidungsvorgänge. Wir haben uns etwa nicht immer so wie heute geschämt und die Toilette als privaten Ort betrachtet. Dieser Prozess ist aber nicht einseitig, deshalb schreibt Elias auch, dass sich die Psychogenese und die Soziogenese gegenseitig bedingen. Die Seele – griechisch psyché – ist an diesem wechselseitigen Prozess beteiligt. Die gesellschaftlichen Konstrukte wirken somit nicht nur auf uns, sondern wir auch auf sie. Betrachtet man heute etwa die Freizügigkeit im Umgang mit Sexualität im Gegensatz zu noch etwa vor 50 Jahren, entwickeln sich hier neue Formen von Scham- und Peinlichkeitsschwellen.

Dies gilt auch für unser emotionales Erleben. Die Soziologie hat sich später als die Psychologie mit dem Thema Emotionen befasst. In den 1980er Jahren war Jürgen Gerhards einer der ersten, der eine Systematik der Emotionen im sozialen Kontext schuf. Emotionen sind hier positive oder negative Erlebnisarten eines Individuums. Gerhards unterscheidet zwischen vier Systemen, durch die Emotionen entstehen und erlebt werden: die Persönlichkeit, die Kultur, der Organismus und die Sozialstruktur. Das Persönlichkeitssystem spielt hier eine bedeutende Rolle, es ist das individuelle Moment im Gesamtkomplex der Entstehung von Emotionen. Allerdings ist dieses gleichzeitig schon immer verbunden mit der Kultur, in der wir aufgewachsen sind. Die Sozialstruktur unserer Gesellschaft bestimmt die Rollenerwartungen und Machtverhältnisse. Untere Schichten fühlen sich hier oft den oberen Schichten unterlegen, was zu Minderwertigkeits- und Schamgefühlen führen kann. Gerade Scham- und Minderwertigkeitsgefühle scheinen oft einem psychologischen Problem zu Grunde zu liegen, so dass es umso wichtiger erscheint, bei der Analyse auch den gesellschaftlichen Rahmen mit zu berücksichtigen. Emotionen entstehen aus einem wechselseitigen Zusammenspiel von äußeren Bedingtheiten und inneren Anlagen, die wir dann als uns persönlich und eigen erfahren.

 
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Während meines Studiums setzte ich mich mit all diesen erlernten gesellschaftlichen Konstruktionen und Mechanismen auseinander. Ich prüfte für mich meine soziale Herkunft: Was hat diese mit mir gemacht? Was war von dem, was ich von meinen Eltern und durch die Lehrer in der Schule gelernt hatte, für mich stimmig, was nicht? Was war meine Berufung? Das Barometer für stimmig oder nicht stimmig, war immer mein Gefühl auf der Seelenebene. Durch die Dekonstruktion gesellschaftlicher Konstrukte in mir bin ich zwischendurch auch in ein zeitloses Nichts gefallen und wusste manchmal gar nicht mehr, wer ich war. Wer bin ich? Bin ich überhaupt?, fragte ich mich manchmal, und diese Zeiten waren von tiefer Verunsicherung geprägt. Nach meinem fünfjährigen Studium, in dem ich mich durch diverse Schichten gesellschaftlicher Konstrukte geschabt habe, konnte ich nach und nach all jene Teile meiner Sozialisation annehmen und integrieren, die mir selbst entsprechen. Ich konnte auch erkennen, dass durch diesen Prozess nicht alles einfach Nichts war. Es ging vielmehr darum, das zu integrieren, was mir, sprich meiner Seele, entsprach.
Die Dekonstruktion gesellschaftlicher Konstrukte wie etwa unseres Habitus’ kann sehr mühsam sein, denn wenn wir auf die Welt kommen, sind es ja genau diese Attribute, die wir als unsere Wirklichkeit und unsere primäre Existenz erfahren! Soll das alles also Nichts sein?

In der Soziologie und den Kulturwissenschaften ist heute das Dekonstruktionsprinzip als gängiges Verfahren zur Untersuchung von Phänomenen weit verbreitet. Dabei zerlegen sie die – meist durch Jahrhunderte gewachsenen – gesellschaftlichen Konstruktionen in ihre Einzelteile. Da scheint erst einmal Nichts übrig zu bleiben. Diese Wissenschaften fragen in ihrer modernen Ausformung nicht nach dem Sinn des Lebens. Die Soziologie, einst aus der Philosophie entstanden, hat sich zur Legitimation ihrer »Wissenschaftlichkeit« von diesen Fragen abgewandt und sich vor allem der Untersuchung der Empirie gewidmet. Die Philosophie stellt die sogenannten »letzten Fragen«: Gibt es einen Sinn des Lebens? Warum sind wir auf dieser Erde? Gibt es einen Gott? Gibt es eine unsterbliche Seele? – um nur einige zu nennen. Die Philosophie aber, im Gegenteil zu den Sozial- oder Kulturwissenschaften, schlägt keine Brücke zur Lebensrealität und vernachlässigt die gesellschaftlichen Mechanismen. So stehen die Disziplinen nebeneinander und der Einzelne wird mit dieser scheinbaren Unvereinbarkeit allein gelassen.

In einem wechselseitigen Prozess schaffen wir die Gesellschaft und diese Konstruktionen wirken auf uns zurück. Gesellschaftliche Konzeptionen sind somit nicht immer nur etwas Äußeres, sondern haben auch mit uns zu tun. Es geht also nicht darum, die gesellschaftlichen Konstruktionen zu negieren, sondern vielmehr darum, das zu integrieren, was mir, sprich meiner Seele, entspricht. […]

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 07: Ronald Engert – Bergsons Kritik des Intellekt

TV 35: Christiane Geiser – Dem Denken auf der Spur

TV 50: Sabine Wandjo – Ich fühle mich, also bin ich

TV 51: Alexandra Schwarz-Schilling – Frauen im Matriarchat

TV 53: Prof. Dr. Dr. Robert Hettlage – Die Soziologie in der Wissensgesellschaft

 

Bildnachweis: © Elise Lebeau