Die Verfolgung der Sufis

Die Verfolgung der Sufis

Zur geistigen und politischen Lage des Iran

Autor: Helmut Gabel
Kategorie: Geistes- und Sozialwissenschaften / Politik
Ausgabe Nr.: 44

Das Interview behandelt die Lage der Sufis im Iran angesichts der herrschenden politischen und religiösen Verhältnisse. Viele Sufis wurden verhaftet und gefoltert, um sie zu falschen Geständnissen zu zwingen. Es gab auch einige Verleumdungsversuche seitens der Regierung, um den guten Ruf der Sufis in der Bevölkerung zu untergraben.Was bedeutet der dortige Umgang mit den Sufis für Europa? Welche Möglichkeiten gibt es, den Iran auf dem Weg in ein freiheitliches Land zu unterstützen?

 

Die Verfolgung der Sufis

 

Tattva Viveka: In letzter Zeit haben Sie einige Tagungen zum Thema »Mehr Demokratie wagen im Iran« veranstaltet. Geben Sie doch am besten unseren Lesern einen Einblick, wie Sie auf diese Idee gekommen sind.

Helmut Gabel: Ich hab mich seit meiner Schulzeit wenig mit Politik beschäftigt und habe vor mehreren Jahren einen Sufimeister kennen gelernt. Dieser Meister hat mir einiges beigebracht, was Musik anbelangt. Er hat mir auch schon vor sechs, sieben Jahren erzählt, was im Iran passiert, wie die politische Lage dort ist. Vor vier Jahren, nachdem Präsident Ahmadinedschad an die Macht gekommen ist, sind durch gewisse radikale Kräfte regelrechte Kampagnen gestartet worden, um die Sufis entweder zur Bedeutungslosigkeit herabzustufen oder sie auszulöschen. Diese radikalen Kräfte haben verschiedene Bücher publiziert, die sich einerseits ideologisch gegen diese Sufis gewendet haben, und haben andererseits tatsächlich Versammlungsräume und Gebetshäuser der Sufis angegriffen und zerstört. Viele Derwische und Sufis sind verhaftet worden, um sie zu falschen Geständnissen zu zwingen. Man hat sie gefoltert und dergleichen mehr. Weil sich dort die Gewalt gesteigert hat, bin ich auf den Gedanken gekommen, es müsste Sinn machen, dass wir aus Europa diese Freiheitsbewegung unterstützen. Somit habe ich mich entschlossen, Konferenzen zu veranstalten, um Menschen in Europa auf ein Problem aufmerksam zu machen, das unter Umständen auch auf uns zukommen könnte, denn im Iran sind radikale Kräfte dabei, sich ganz gemütlich in den Machstrukturen einzurichten. Sie verfolgen eine messianische Ideologie, die nicht nur für den Iran gilt, sondern für die ganze Welt. Deshalb sind diese Veranstaltungen nicht nur für die Menschen im Iran wichtig, sondern auch für uns in Europa.

 

Man will mit Hilfe eines Dialogs beim Iran etwas erreichen. Mir ist nicht ganz klar, ob den Politikern dabei bewusst ist, mit wem sie sich dabei einlassen.

 

TV: Diese Kongresse versuchen, verschiedene gesellschaftliche Kräfte zusammen zu bringen. Es wurde dort ja nicht nur auf die religiöse Sphäre eingegangen, wenn diese natürlich für den Iran von großer Bedeutung ist. Sie versuchen zudem, Soziologen, Politologen und Aktivisten an den Tisch zu bringen.

Gabel: Genau. Mein Interesse hat natürlich mit der Bedrohung, Verfolgung und Drangsalierung von Menschen begonnen, die mir nahe stehen, die mir als Sufis vor allem auch geistig nahe sind. Aber es hat an diesem Punkt nicht aufgehört und mein Ansatz gilt für alle Menschen im Iran, die sich zur Freiheit und auch zur Selbstentwicklung bekennen. Ich verfolge die Absicht, den Menschen die Möglichkeit zu geben, die Wege zu gehen, die man selbst gehen möchte und nicht diejenigen, die vorgeschrieben werden. Der Staat im Iran versucht ja alles zu kontrollieren. Man argumentiert zwar mit scheinbar religiösen Motiven, die aber laut den Religionswissenschaftlern, die sich auf den Kongressen äußern, absolut gar nichts mit dem Islam zu tun haben. Es sind sehr einseitige Interpretationen und wortwörtliche Auslegungen, die dort ins Spiel gekommen sind und der Staat versucht, seine Bürger in diese Richtung zu zwingen. Das sind keine günstigen und glücklichen Umstände. Insofern ist es wichtig, verschiedene Gruppierungen an einen Tisch zu bringen und zu diskutieren: Wie können wir diese Menschen im Iran unterstützen, selber das Problem zu lösen? Nicht, dass man wieder im Westen auf die Idee kommt, Menschenrechte als Argument zu nehmen, aber im Hinterkopf wirtschaftliche Interessen im Kopf hat.

 

Die Verfolgung der Sufis

Das zerstörte Versammlungshaus der Sufis in Isfahan

 

TV: Die Unruhen haben auch gezeigt, dass die religiösen Gründe nicht ausreichen, die Menschen zu überzeugen und von der Straße fernzuhalten. Das zeigt auch, dass ein hoher politischer und militärischer Druck hinter dieser religiösen Ordnung im Iran steht.

Gabel: Da stimme ich zu. Es gibt die Revolutionsgarden, die die eigentlichen Wächter der Revolution von 1979 sind. Die sind sich auch nicht alle einig. Es gibt nicht nur eine Linie. Im Iran ist die politische Landschaft eine sehr komplexe. Innerhalb dieser Revolutionsgarden gibt es radikale Gruppierungen, die mehr und mehr die Machtstrukturen innerhalb dieser Garden übernehmen, sozusagen ein kalter coup d’etat, durch Leute wie Hassan Abasi, der ein Ideologe für den so genannten Messianismus ist. Diese Leute haben jetzt die Hand an den Waffen, die zur Verfügung stehen, sie greifen auf die Hilfe der Bassidschi zurück, die sie indoktrinieren, es kommen noch die Revolutionsgarden und solche Gesellschaften hinzu, die illustre Namen wie Hodschiateh tragen, was so viel heißt wie »Mesbah Yazdi-Anhänger«. Mesbah Yazdi ist ein Ayatollah, der sehr radikale Ansichten hat und der zum Beispiel gesagt hat, dass die Menschen auf der Straße nicht zählen, ihre Stimme nicht zählt. Im Grunde sind das Untertanen, die gar nicht würdig sind, zu entscheiden, wie ein Staat gelenkt werden muss.

TV: Dann stellt sich natürlich die Frage, warum dieser Schein der Demokratie bis zu den Unruhen letztes Jahr bewahrt wurde. Die regierenden Mächte müssen ja damit rechnen, dass sie im Westen ein schlechtes Bild abgeben. Andererseits bemühen sie sich um Kooperation mit EU-Behörden oder sonstigen internationalen Gremien.

Gabel: Das Regime im Iran ist seit 1979 ein ideologisches Regime, seitdem Ayatollah Chomeini in die Politik gekommen ist. Er wollte ja ursprünglich nie ein Amt übernehmen. Viele seiner Gegner sind ausgeschaltet worden, die eigentlich eine konstitutionelle Demokratie umsetzen wollten, die 1906 bereits an den Start gegangen ist, dann aber von der Monarchie verdrängt wurde. […]

 

Lesen Sie weiter in der Tattva Viveka 44

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 07: Dr. Karl-Peter Jabir Dostal – Annäherung an den Sufismus

TV 11: Dr. Karl-Peter Jabir Dostal – Moderner Sufismus und moderne Physik

TV 21: Khola Hübsch/Zarqa Uhlmann – Der Schleier der Muslima. Frauen im Islam

TV 22: Dominik Irtenkauf –Weisheit der Liebe. Der Sufi-Mystiker Shahab ad-Din Sohrawardi

TV 24-25: Hadayatullah Hübsch – Islam, der Weg der Hingabe

TV 27: Hadayatullah Hübsch – Liebe, Ehe und Sexualität im Islam

TV 33: Nihal – Ich habe keine Freiheit. Eine Muslimin spricht über ihr Leben

TV 37-38: Sheikh Esref Efendi – Der wahre Mensch. Nasquibandi-Sufismus