Secrets

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Ein Blick in die verborgene Welt der Geheimgesellschaften und Zombiefizierungsritualen

Das Museum SOUL OF AFRICA lässt seine BesucherInnen an gut gehütete Geheimnisse und Praktiken von afrikanischen und diaspora-afrikanischen Geheimgesellschaften in der bunten und facettenreichen Sonderausstellung »Secrets« teilhaben. Die Betrachterin erhält dabei nicht nur einen Einblick in noch nie zuvor öffentlich gezeigten Artefakten, sondern auch in die lebendige Spiritualität Afrikas, die Zeuge einer magischen Betrachtung der Welt ist.

Mitten in Essen bietet sich völlig unerwartet die Möglichkeit, in die verborgene Welt der afrikanischen und diaspora-afrikanischen Geheimgesellschaften einzutauchen, die fernab der Öffentlichkeit agieren und Geheimnisse hüten, die den Kreis der Eingeweihten niemals verlassen dürfen. Doch wo genau findet sich diese Pforte in eine Anderswelt? Das im Jahr 2000 gegründete Museum SOUL OF AFRICA beherbergt eine einmalige Privatsammlung, die sich in verschiedenen Ausstellungen unterschiedlichen Themen aus dem Kultur- und Traditionskreis Afrikas mit den Themenschwerpunkten Magie, Heilung und Vodou aus Westafrika widmet.

Hier findet derzeit die Sonderausstellung namens »Secrets« statt, die den Besuchern einen seltenen und gleichzeitig authentischen Einblick in eine Welt gewährt, die für Außenstehende in den meisten Fällen verschlossen bleibt.

Die ausgestellten Ritualgegenstände, Masken, rituellen Gewänder und Fotografien wurden von dem Kurator des Museums, dem Fotografen und Ethnologen Henning Christoph, gesammelt und nach Essen gebracht. Sie geben Zeugnis von seinen weiten Reisen und umfangreichen Entdeckungen der vergangenen zehn Jahre, die ihn sowohl nach Afrika, überwiegend Kamerun und Benin, führten als auch in die afrikanische Diaspora auf Haiti, Kuba und in Brasilien. Dabei erhielt er eine einzigartige Einsicht in die Struktur, die Rituale und die Glaubensvorstellungen von afrikanischen Geheimgesellschaften, die teilweise andere Funktionen als Geheimgesellschaften in Europa erfüllen. Nach meinem Verständnis von Christophs Ausführungen ist nicht unbedingt geheim, wer Mitglied einer Geheimgesellschaft sei. Vielmehr treten sie als Hüter von den Geheimnissen der jeweiligen Gruppierung auf. Als Nicht-Eingeweihter weiß man nicht, welche Riten durchgeführt werden, wie kraftvoll diese sind oder wer welche Funktion innerhalb der Geheimgesellschaft innehat.

Secrets – Ein Blick in die verborgene Welt der Geheimgesellschaften und Zombiefizierungsritualen

Im Laufe seiner Expeditionen gelangen ihm einmalige Aufnahmen wie beispielsweise die, welche die Zeremonien der Ngui-Gesellschaft zeigen, von der allgemein angenommen wird, sie sei ausgestorben. Henning Christoph gelang es, als einziger Außenstehender bei ihren Ritualen anwesend zu sein und diese mit seiner Kamera festzuhalten. Die Ngui-Gesellschaft wird auch als Gorillabund bezeichnet, da die Mitglieder im Verlauf ihrer Zeremonien Gorillamasken tragen, wobei der Gorilla für sie als heiliges Tier und Gott des Feuers gilt.

Die Funktion dieses Geheimbundes besteht nun darin, den Frieden und die Stammesordnung zu bewahren und Magie und Schadenzauber von den Dörfern, die unter dessen Schutz stehen, abzuwenden, was durch Rituale, die sowohl innerhalb der Geheimgesellschaft als auch in der Öffentlichkeit durchgeführt werden, gestärkt wird. Bei diesen öffentlichen Ritualen ist mitunter selten bekannt, wer welche Rolle übernimmt.

Das Museum stellt auch weitere Geheimgesellschaften vor, wie die der Ngang, die mit Medizinpflanzen arbeiten und deren Ziel die Förderung von Gesundheit und Wohlstand ist. Dabei stammt der Name »Ngang« aus der Bantusprache und bedeutet so viel wie »Medizinmann, Wahrsager«.

Die ausgestellten Kultgegenstände bringen immer auch ihre eigene Geschichte mit, so z. B. die Talismane, die im Dreiländereck Kamerun-Nigeria-Tschad angefertigt wurden und traditionell gegen Geisteskrankheiten eingesetzt werden. Diese Talismane sowie die dahinterliegende Tradition wird stark von der islamistischen Terrorgruppierung Boko Haram bedroht. Viele traditionelle Heiler wurden sogar ermordet, doch Henning Christoph gelang es, viele dieser Unikate vor der Zerstörung zu bewahren. Andernfalls nämlich würde dieses traditionelle Gut in Vergessenheit geraten. Eine weitere Besonderheit ist, dass die ausgestellten Artefakte keine Raubgüter, sondern Schenkungen und/oder Leihgaben von den zahlreichen Reisen von Herr Christoph sind, und es sind darüber hinaus keine Gegenstände, die extra für ein Museum geschaffen oder als Kunstgegenstände produziert wurden, sondern es sind tatsächlich magische Paraphernalien, die während Ritualen eingesetzt wurden und infolgedessen eine spirituelle Energie in sich tragen. Die Artefakte und Symbole können eine intensive Ausstrahlung auf die BesucherInnen haben, wurde uns berichtet. Beispielsweise fiel ein Tag vor unserem Besuch eine junge Frau spontan in Trance. Es lag wohl etwas in der Luft.

Zahlreiche Kultgegenstände, Masken aus organischen Substanzen und Trommeln umringen die Besucher.

Gleichzeitig wurde uns gegenüber betont, dass es ein Museum mit ethnologischer Ausrichtung und kein Tempel sei, wo den vertretenen Gottheiten ausschließlich Verehrung dargeboten wird. Daher treffen an diesem Ort unterschiedliche Intentionen wie Kulturaustausch, Darstellung der Spiritualität Afrikas und ethnologische Forschung zusammen. So wird ein weiter Raum für die verschiedensten Menschen und Interessen geschaffen, wobei die Grenze zwischen einem nüchternen Ausstellungsbesuch und spiritueller Versenkung verwischt wird.

Während des Rundgangs durch die Ausstellung lernt der Besucher gleichzeitig wichtige Aspekte der afrikanischen Religionen kennen, die den verschiedenen Kulten und Stämmen gemeinsam sind. So gibt es z. B. die Vorstellung einer Schöpfergottheit im Vodou, die aber zu fern ist, als dass Menschen mit ihm/ihr Kontakt aufnehmen könnten. Zu diesem Zweck wiederum gibt es Gottheiten und Geister, die auf niedrigeren Stufen stehen und den Menschen und ihren Belangen näher sind. Als eine solche begegnen wir unter anderem der Göttin Mami Wata, die häufig als Nixe oder Meerjungfrau abgebildet wird und eine Wassergöttin darstellt. Sie gilt als eine gütige Göttin insbesondere gegenüber Frauen. Sie beschenkt ihre Verehrerinnen mit Glück, Liebe, Erfolg und Reichtum. Im Museum haben Besucherinnen daher die Möglichkeit, ihr eine Opfergabe auf dem für sie errichteten Altar zu weihen. Auch existieren Geheimgesellschaften, in denen die Vorbereitungen und Anwendungen ausschließlich von Frauen durchgeführt werden.

Zahlreiche Kultgegenstände, Masken aus organischen Substanzen und Trommeln umringen die Besucher. So gelingt es der Ausstellung, ein möglichst plastisches und dabei breites Bild von den Geheimgesellschaften West- und Zentralafrikas und ihrer Vielfalt zu vermitteln. Sie verdeutlicht besonders, dass afrikanische Spiritualität auf die Praxis, die tatsächliche Anwendung im Alltag ausgerichtet ist.

Das jahrhundertealte Wissen um die Elementarkräfte und Rituale wird in den Geheimgesellschaften mündlich weitergegeben, und die Heiler geben ihr Wissen nur an ihre Kinder weiter. Einen wesentlichen Teil der Tradition bildet außerdem die Ahnenverehrung. Doch nicht jeder Verstorbene kann Ahne werden, sondern nur die, die sich zu Lebzeiten als besonders tugendhaft und ehrwürdig erwiesen haben.

Die Beziehung zu den Ahnen und ihre Verehrung ist elementar, da sie den Lebenden helfen können und stellvertretend für sie in Kontakt mit den Göttern treten, um die Wünsche und Bitten ihrer Familien vorzutragen. Die Ahnen werden in sogenannten Asen-Ahnenaltären verehrt. Das Asen ist eine Statue, die als Sitz der Seele des Ahnen dient. Daneben wird auch angenommen, dass sich Ahnen an weiteren Orten niederlassen können wie beispielsweise in einem besonderen Baum oder einer Pflanze.

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Das Zombiefizierungsritual

Am Tag unseres Besuches stand aber ein anderes, von der afrikanischen Diaspora geprägtes Land im Fokus: Haiti. Der junge haitianische Künstler Charles Art Jerry hatte einen geheimnisvollen Sarg dabei, der in der Vergangenheit für Zombiefizierungsrituale verwendet wurde. Halt, hat hier jemand Zombies gesagt? Ja, Zombies. Aber fangen wir vorne an. Auf Haiti existieren zahlreiche Geheimgesellschaften, die infolge des Sklavenhandels von den zentralafrikanischen Religionen und vom Vodou geprägt sind. Eine von ihnen ist die Bizango-Gesellschaft, die von entlaufenen Sklaven gegründet wurde, um die Ordnung und Stabilität in ihren neu gegründeten Gemeinschaften zu sichern. Dafür wurde diese Geheimgesellschaft mit zahlreichen Befugnissen ausgestattet, unter anderem mit dem Recht, die Todesstrafe auszusprechen. Doch was ist schlimmer in einer durch Sklaverei und Sklavenhandel geformten Gesellschaft als der Tod? Noch schlimmer ist es, in einen willenlosen Sklaven verwandelt zu werden, und dies ist das Ziel der Zombiefizierung auf Haiti und die kulturell bedingt grausamste Strafe. Der Ausdruck Zombie bezeichnete ursprünglich eine Person, die durch ein besonderes, magisches Ritual zur lebenslangen und absoluten Willenlosigkeit verdammt worden ist. Auf Haiti, so betonte Christoph immer wieder, habe deshalb niemand Angst vor Zombies. Vielmehr fürchte jeder, selbst zu einem Zombie gemacht zu werden: die Zombiefizierung.

So gibt es z. B. die Vorstellung einer Schöpfergottheit im Vodou, die aber zu fern ist, als dass Menschen mit ihm/ihr Kontakt aufnehmen könnten.

Der junge Künstler nun erzählte uns, dass diese Strafe zwar mittlerweile eher selten ausgesprochen werde, hin und wieder komme sie aber immer noch vor. Er selbst sei zwar der Sohn einer Bizango-Königin, aber nicht Teil der Gesellschaft und so auch nicht eingeweiht in die Riten und Mysterien. Dennoch sollte er an diesem Abend angeleitet von seiner Mutter, die auf Haiti geblieben war, den besonderen Sarg, welcher das wesentliche magische Paraphernalium im Zobiefizierungsritual darstellt, in einer kleinen Zeremonie vor den Augen der wenigen Besucher öffnen. Von Bedeutung in dieser Zeremonie war ein geheimes Symbol (Veve), welches mit Maismehl coram publicum auf ein etwa 2 x 1 m großes Tuch aufgerieselt und mit Kerzen umgeben wurde. Das Symbol wurde aufgrund seiner geheimen Bedeutung nicht weiter erklärt, stellte es doch bereits eine große Ausnahme dar, dieses Symbol überhaupt vor uneingeweihten Augen zu präsentieren.

Das Erlebnis der Zeremonie war vor allem deshalb interessant, da die Besucher sich irgendwo zwischen Unwissenheit, Ahnungen, Vorurteilen, Wahrnehmungen und Verwirrung in einer Art Schwebezustand befanden, in welchem es wenigstens für mich äußerst spannend war, die eigenen Reflexionen, Gedanken und Gefühle zu beobachten. Niemand von uns wusste so recht, was ihn erwartete, oder worauf das Ganze eigentlich hinauslaufen sollte. Der Sohn der Bizango-Königin setzte sich nach eigenen Angaben durch die sukzessive Erstellung des Symbols sowie durch reichlich Schnaps mit einem Geist in Verbindung und öffnete letztendlich einen Sarg. Darin war ein halbversunkenes Plastik-Baby, mit einer Kerze in der Hand und batteriebetriebenen, rot leuchtenden Augen. War etwas passiert bei dieser Zeremonie oder handelte es sich eher um eine mehr oder weniger skurrile Show? Die Fremdheit der Kultur und der Symbolik machte es für mich letztendlich unmöglich dieses Ereignis und seine Authentizität einzuordnen, und gerade in dieser Ungewissheit und der Wahrnehmung der eigenen inneren Vorgänge in diesem Zustand bestand durchaus ein Reiz und eine spannende Erfahrung. In diesem Sinne also erlebten wir auf jeden Fall ein Ritual, denn durch die äußeren Vorgänge, welche wir beobachten durften, wurden in unserem Geiste eine Vielzahl ungewohnter Bilder, Vorstellungen, Gedanken und Gefühle hervorgerufen. In diesem inneren Raum lösten sich die Erwartungen und Urteile auf, und man wurde vielmehr in einen Zustand des inneren und äußeren Gewahrseins versetzt.

Sonderausstellung Secrets im SOUL OF AFRICA Museum
Entdeckungen und Geheimnisse aus Kamerun und der afrikanischen Diaspora
28.09.2019 – 15.06.2020

Weitere Informationen unter: http://www.soul-of-africa.com/de/

Zu den Autor*innen

Die Autorin Deubzer

Alice Deubzer, geb. 1993, lebt in Berlin und studiert an der Humboldt-Universität zu Berlin Linguistik und Theologie. Neben ihrem Studium arbeitet sie in der Redaktion der Tattva Viveka mit. Sie ist auf der Suche nach der Essenz des Lebens.

Sebastian F. Seeber wurde 1989 in Berlin geboren. Er absolvierte ein Studium der Gräzistik und Philosophie an der HU Berlin und studiert derzeit klassische Philologie.  Daneben arbeitet er u. a. als freiberuflicher Lehrbeauftragter.

Der Autor Sebastian Seeber

Dieser Artikel ist in der Tattva Viveka 82 erschienen und ist auch als für 1,00 € als ePaper zum Download erhältlich (Pdf, 5 Seiten).

Alice Deubzer Recalde / Sebastian Seeber TV82 (PDF)

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